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Beziehung zu mir selbst --- "Innigkeit"

Innigkeit entdecken.
Nicht als Wort,
nicht als lebensfremden Zustand,
sondern als das Leben selbst.
Innen sein.
Innen sein.
(U.Schaffer)

Innigkeit- diesen Begriff kannte ich eigentlich nur im Zusammenhang einer "innigen" Liebesbeziehung, einer tiefen Freundschaft, eben immer im Zusammenhang einer Beziehung mit anderen und stets für ein besonderes Geschenk zwischen zwei Menschen.

Nun steht sie im Gedicht von Ulrich Schaffer als Symbol der Selbstbeziehung, des "In mir selbst seins", und ich frage mich, was mir bislang den Blick dafür verstellte, diese tiefere Bedeutung zuzulassen?

Immer wieder gerate ich im Umgang mit mir selbst an meine inneren Grenzen. Mein Blick ist verstellt, ich finde keinen Zugang zu mir selbst, kann mich selbst nicht verstehen, bin blockiert.

Nun, anscheinend bin ich nicht die einzige, der es so geht, dass die Beziehung zu sich selbst ab und zu in den Hintergrund rückt. Wenn man z. B. im Internet in einer Suchmaschine das Stichwort "Selbstbeziehung" eingibt, erscheinen viele therapeutische und seminaristische Angebote. Man erfährt, wie in unserer Gesellschaft "gestörte Selbstbeziehung" definiert wird und wann man in so einem Fall therapiebedürftig ist und sich am Besten zum angegebenen Seminarangebot anmeldet.

Oder es wird erklärt, wie man es doch am Leichtesten "schafft", beispielsweise in einem Seminar "Ethik im Umgang mit mir selbst", —...ein Gespür dafür zu bekommen, wie sehr es auf das Selbst ankommt, wenn es um die Begegnung mit anderen geht. In keinem Moment aus den Augen zu verlieren, dass es letztlich nicht um eine egoistische Selbstbeziehung, sondern um die Bereitschaft zur Begegnung mit anderen geht...— http://www.stiftung-fritz-allemann.ch/schmid_504.htm am 21.05.04

Diese Angebote klingen vielversprechend und lohnenswert. Trotzdem fehlt mir als Jesus liebhabender Mensch hierbei der Bezug zu Gott. Das Sein in und vor IHM. Beziehung zu mir selbst bedeutet für mich immer auch Beziehung zu Gott und zu anderen. Aber wie kann ich nun als Christin lernen, in mir zu sein, mich nicht zu vernachlässigen? Innigkeit in Form einer gesunden Selbstbeziehung zu (er-)leben? Ist denn Christsein und eine gesunde Selbstbeziehung ein Widerspruch?

Als vor knapp acht Jahren mein lesbisches Coming Out begann, fühlte ich mich mir selbst gegenüber fremder denn je: Ich konnte mir selbst nicht mehr trauen, und Selbstvertrauen war bis dahin sowieso keine große Stärke von mir. Wie konnte ich mich denn noch lieben, wenn sich solche "Abgründe" in mir auftaten, von denen mir bis dato gelehrt wurde, sie seien sündhaft und trennten mich von Jesus?

Damals drückte ich meine Gedanken und Gefühle in selbst komponierten, einfachen Liedern mit Gitarre aus, bspw.:

quot;Jetzt sitz ich wieder hier, bin gefangen in meinen Gedanken. Mein Hilfeschrei kommt zu dir: Jesus, hörst du mich denn nicht? Sag, hörst du mich denn nicht? Fühl mich so allein gelassen, weiß nicht, wie ich's beschreiben soll. Es ist, als erdrückten mich Tonnen von Lasten, als würd ich ganz tief hinunterfallen... Und da hör ich dich sagen: "Hast du denn Grund so zu verzagen" Du weißt doch: Ich, ich hab dich lieb.?

Schlagartig wurde mir klar: Wie kann ich mich selbst verneinen, wenn der, der alles Leben schenkt, 100% zu mir steht? Gott ist nicht primär an meiner Sexualität interessiert, sondern an meiner IDENTITÄT als Karin, als die Frau, die ich bin.

"Leben mit Gott schließt die Arbeit an einer gesunden Selbstbeziehung mit ein." So schreibt Friedhelm Grund in einem Artikel der Klinikzeitschrift "Hohe Mark" (http://www.hohemark.de/seelsorge/_pdf/KHM-Licht-und-Schatten.pdf am 21.05.04). Die Zeilen des Autors kann ich sehr gut unterschreiben: Mein Leben mit Gott bedeutet gleichzeitig auch immer wieder und tagtäglich neu ARBEIT an einer gesunden Selbstbeziehung. Auch wenn mir ein Klinikaufenthalt bisher erspart blieb, als Frau, die eine Frau liebt und mit ihr einen gemeinsamen Lebensweg gehen möchte, gilt das folgende "Wertpapier", das eine Patientin der Klinik Hohe Mark formulierte, genauso:

WERTPAPIER

Hiermit entscheide ich mich ganz bewusst für mein eigenes Leben. Ich möchte mich ehren, mich lieben, für mich sorgen, mich pflegen, zu mir stehen und für mich einstehen in guten wie in schlechten Tagen - mit Gottes Hilfe!

(http://www.hohemark.de/seelsorge/pdf/KHM-Licht-und-Schatten.pdf am 21. 05. 04)

Und wie schreibt Friedhelm Grund treffend weiter:

"Diese Patientin hatte verstanden. Ich muss mich nicht permanent abwerten. Ich darf gut zu mir sein, denn in Gottes Augen bin ich ein wertvoller Mensch. Das kann mir keiner nehmen, auch nicht die Schatten, die sich auf mein Leben legen und mir einreden wollen: Die Sonne hat aufgehört zu scheinen. Auch an schlechten Tagen gilt: "Wer Gott liebt, gleicht der Sonne, die aufgeht, in ihrer Pracht! (Richter 5,31)".

Und dabei spielt es keine Rolle, welche sexuelle Identität ich lebe, oder ob ich als Single oder in einer Partnerschaft lebe: Wichtig ist, in mir selbst Zuhause zu sein, Innigkeit mit Gott, mit anderen und mit mir selbst zu er-leben. Das erfordert - ebenso wie meine Beziehung zu anderen Menschen und meine Innigkeit mit Gott- Arbeit an einer gesunden Beziehung zu mir selbst. Das obige Wertpapier ist ja nichts anderes als ein umformuliertes Eheversprechen mir selbst gegenüber. Warum also nicht mir selbst mal etwas gönnen, um wieder eine Perspektive zu bekommen für manche Dinge, für die mir im Alltag der Blick für mich selbst verstellt wurde...? Warum mir nicht einfach mal einen "Wüstentag" gönnen?

Ideen und Möglichkeiten gibt es viele, es liegt immer an mir selbst, ob ich die Chancen wahrnehme oder mir selbst lieber davon laufe...

© 2004 Karin B

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