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Den Staub von den Schuhen schütteln : Erfahrungen mit Gemeinden

Das klingt so einfach, ist aber schwer umzusetzen. Viel lieber würde ich hier berichten, wie es gelingen kann in der Gemeinde zu bleiben. Aber die evangelikale Realität sieht an vielen Stellen anders aus. Hinzu kommt noch, dass ich hauptamtlich als Gemeindediakonin angestellt war und so noch viel mehr in einer gewissen Öffentlichkeit stand.

Ich wäre gerne in "meiner" Gemeinde geblieben. Zuerst bin ich gegangen, weil ich es meinem Ehemann, von dem ich getrennt lebe, erleichtern wollte, zu bleiben. Die Trennung ging von mir aus und hatte nur am Rande mit meinem persönlichen Coming Out zu tun. Unsere Ehe war schon über Jahre in einer Krise und mein Eingeständnis mir gegenüber, dass ich lesbisch bin, war nur noch ein bestätigendes Element. Die Gemeinde wusste nichts von meiner Homosexualität. Von der Ehekrise wussten sie jedoch schon lange. Trotzdem hat meine Entscheidung mich zu trennen, große Bestürzung ausgelöst und wir wurden beide aller Leitungsämter enthoben, mit der Begründung, dass wir Zeit bräuchten, um unsere Ehe wieder zu ordnen und aus Sorge, dass ich den Kindern keine gute Eheethik mehr vermitteln könne. Wie sollte diese Gemeindeleitung mit dem Thema Homosexualität klar kommen? Also entschied ich mich dazu, mich nicht zu outen. Nur wenigen guten Freunden erzählte ich von meinen Fragen und Erkenntnissen. Ich bin in einen anderen Ort gezogen und habe nur selten die Gemeindeveranstaltungen besucht. Doch da ich noch Mitglied war, wollte ich gerne meinen anstehenden runden Geburtstag in den Gemeinderäumen feiern.

Nachdem ich schon die Zusage bekommen hatte, meinte einer meiner besten Freunde, dass jemand wie ich, ein Homosexueller, nicht ungeoutet in den Räumen feiern dürfe. Er war besorgt, um Gemeindeglieder, die ich überfordern und in Glaubenskrisen stürzen würde, denn ich wolle ja sicher "meine Leute" zu dieser Feier einladen.

Da ich mich weigerte mich zu outen, tat er es und ging zum Pastor. Damit war nicht nur meine Geburtstagsfeier halbwegs geplatzt, da ich nun nicht mehr die Räume nutzen durfte, sondern der Sturm der Belehrungen ging los. Ich bekam Aufforderungen zum Gespräch zugeschickt, in denen mir schon dargelegt wurde, wie unbiblisch mein Weg sei und was der Leitungskreis geistlich darüber denkt. Zu einem Gespräch, wo vorher schon klar ist, wer Recht und wer Unrecht hat, wollte ich allerdings nicht erscheinen. Stattdessen habe ich meinen Austritt erklärt. Ich kannte die Gemeindeältesten so lange, dass ich mir kein Gespräch mehr auf gleicher Augenhöhe vorstellen konnte.

Umgekehrt konnten sie sich wohl nicht vorstellen, dass jemand, der ein Ja zu seiner Homosexualität gefunden hat, auch noch bei Jesus sein könne. So haben sie den Mitgliedern nicht nur meinen Austritt mitgeteilt, sondern gleichzeitig vor mir gewarnt. Ich würde auf einem Irrweg sein und es könne gar nicht lange dauern, dann würde ich auch vom Glauben abfallen. Es wurde geraten bei mir keine Seelsorge mehr zu suchen. Das ist nun ungefähr ein dreiviertel Jahr her und ich habe trotz allem noch Freunde in der Gemeinde, die meinen Rat schätzen und bei denen ich auch Rat und Gebetsunterstützung bekomme. Unter diesen Freunden sind ganz unterschiedliche Meinungen zur Homosexualität, aber sie respektieren mich trotzdem und erleben, dass ich zu Jesus stehe und er zu mir. Aber wenn ich wieder in eine evangelikale Gemeinde möchte, dann ist mir klar, dass ich mich nicht outen darf. Wird es mir reichen mit guten Freunden zu teilen, dass ich in einer Beziehung lebe und mit ihnen Fragen zu diesem Thema und vielleicht auch einmal Beziehungskrisen zu besprechen? Und was ist, wenn wieder einer dieser guten Freunde die geistliche Verpflichtung verspürt, den Pastor zu informieren? Ganz ehrlich, ich möchte nicht noch einmal so aus der Gemeindemitarbeit hinausfliegen.

Mal abgesehen von meinen eigenen Verletzungen dabei, will ich es auch nicht den Kindern und Jugendlichen antun, die mir vertrauen. Wo mein Weg mich nun hinführt, weiß ich noch nicht. Irgendwie habe ich noch keine Kraft, nach einer neuen Gemeinde zu suchen. Abschied nehmen dauert seine Zeit und ich habe noch nicht allen Staub von den Schuhen geschüttelt. Auf der anderen Seite fehlt mir das Gemeindeleben und ich bete einfach darum, dass mein Weg aus Gemeinde zu einem Weg in Gemeinde werden kann. Ist Gott nicht der Herr und Begründer von Gemeinde? Dann muss er doch auch einen Platz für mich dort haben.

© 2005 Ruth

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