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Alles unter einen HutIch genieße Zwischenräume, besonders die zwischen Aufwachen und Aufstehen — acht lange Weckerminuten lang. Manchmal gönne ich mir mehrere, um dösend, mit Gott redend in den Tag zu starten — allein oder an meinen Partner gekuschelt. Ja, ich liebe Zwischenräume, sie haben für mich diesen Hauch von Freiheit und Abenteuer, und ich bin ein Grenzgänger, jemand, der immer mindestens in zwei Welten zuhause ist. Ich denke, das war schon immer so. Vielleicht liegt es ja an dem bunten Herkunft meiner Vorfahren. Damit ich das Licht der Welt erblicken konnte, mussten in den wilden 20er Jahren des letzten Jahrhunderts meine, gerade frisch von einem Alkoholiker geschiedene, Großmutter von Leipzig in die USA und mein Großvater aus Gelsenkirchen-Schalke nach Kanada auswandern. Sie mussten sich wenig später in der Autostadt Detroit in einander verlieben, heiraten, Heimweh nach Deutschland bekommen und sich dort in einem kleinem Ort ansiedeln, der nur 20 Kilometer von dem Städtchen entfernt liegt, in das der Krieg, die Vertreibung und die Suche nach Arbeit meine anderen Großeltern mit ihrem Sohn einige Jahre später geführt hat. Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, wie viel ich von meinen Großeltern geerbt habe, besonders von den Eltern meiner Mutter. Sie haben mir oft von ihren Welten und von ihren Zwischenräumen erzählt. Der wilde Georg, der auf nur zwei Rädern mit seinem "Modell T" durch die Straßen von Detroit kreuzte und in der Zeit der Prohibition immer wusste, wo es Alkohol gab. Die gar nicht so fromme Helene, die im Krieg eine Zeitlang einer jüdischen Nachbarin Unterschlupf bot und nach dem Krieg per Zug zwischen Flensburg und München hamsterte, was das Zeug hergab. Sie tauschte Kartoffeln gegen Wolle, selbstgestrickte Socken gegen Tabakblätter, die mein Opa klein schnitt und portionierte, Tabak gegen Eier — die beiden und ihre Tochter überlebten so die Nachkriegszeit. Als ich mich vor gut vier Jahren von meiner Frau nach fast 10 Jahren Ehe trennte, mir wegen meiner Homosexualität einen anderen Job suchen musste, mit 38 und fast nichts auf der Straße stand und völlig neu anfing, wurde mir bewusst, dass ich von meinen Großeltern viele Werte, mein Denken über und den Umgang mit Geld, meinen Stehaufmännchencharakter und meine Liebe zu Zwischenräumen geerbt habe. Mein erstes bewusstes Leben in einem Zwischenraum, in dem politisch und auch sonst alles möglich und vereinbar schien, begann 1983 in Köln. Erste Begegnungen an der Universität hatten mich in die linke, von Trotzki faszinierte Fachschaft "Germanistik" geführt, meine Zimmersuche in ein Wohnheim einer katholischen, eher rechts angesiedelten Studentenverbindung — dem Namen nach die erste einer langen Liste im Telefonbuch. Die zwei Gruppen warben um mich und meinen Tatendrang, und da ich die Mehrzahl der dort anzutreffenden Studentinnen und Studenten sympathisch fand, engagierte ich mich gleichzeitig in beiden. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn sie von einander gewusst hätten? Aber es war mir auch egal, Schnittmengen gab es nicht. Etwas komplizierter wurde es, als ich wenige Monate nach Beginn meines Studentenlebens zwischen Weihnachten und Neujahr Christ wurde. Etwas komplizierter, aber nicht unmöglich. Mit Begeisterung besuchte ich nun sowohl katholische Messen, evangelische Gottesdienste als auch einen pietistischen, leicht charismatisch angehauchten Hauskreis. Zugegeben, als sich dann mit Macht — aufgrund der vorhandenen Distanz von zuhause und der Möglichkeiten, die die Gay-Metropole West boten — mein Schwulsein lautstark zu Wort meldete, fand es keine Freiraum zur Entfaltung. Wobei es sicher nur daran lag, dass ich noch keinen homosexuellen Mann persönlich kennen gelernt hatte, den ich anziehend fand. Ich kann es unschwer verleugnen: Menschen begeistern mich mehr als Ideen, Leitsätze und Ideale. Jeder Mensch ist eine Welt und jede Begegnung eine Reise in ein anderes Land. Und was gibt es Schlimmeres für einen Abenteurer und Weltenbummler als unüberwindbare Grenzen, die andere setzen. Nicht auszudenken und schier unmöglich, dass er sich selbst im Umgang mit Menschen Grenzen im Denken und Begegnen gibt. Ausgerechnet im Herbst 1989 — wo andere sich über gefallene Mauern freuten — begann ich, in mir selbst eine zu errichten. Ich trennte mich von meiner ersten großen Liebe, einem jungen Mann, mit dem ich nur wenige Monate glücklich war. Beschloss unter Tränen, zu glauben, dass sich "Christ sein und schwul sein" wirklich nicht miteinander vereinbaren ließen. Dies hatte ich zwar seit meiner Entscheidung für Jesus immer wieder gehört, aber nur halbherzig umgesetzt, sprich nur manchmal gegen meine Gefühle angekämpft. Nun trennte ich mich vom "weltlichen Westen" (Köln), zog in den "frommen Osten" (Gießen), entschied mich dazu, hauptamtlicher Christ zu werden und, um allen meine "Bereitschaft zur Heilung" zu zeigen, ging ich sogar den heiligen Bund der Ehe ein. Mitten in der kirchlichen Trauung fiel die schwere Eisentür ins Schloss — und ich saß für Jahre in einem selbstgebauten Gefängnis. 2002 gelang mir — immer noch Mitarbeiter eines christlichen Missionswerkes — der Ausbruch. Seitdem lebe ich wieder glücklich gleichzeitig in verschiedenen Welten. Ich engagiere mich in der Gemeinde, schreibe weiterhin Erklärungen für Bibellesezeitschriften, besuche christliche Kongresse und genieße meine neue Partnerschaft mit Manfred. Auch wenn viele ungläubig den Kopf schütteln, bei mir passt das alles prima unter einen Hut — ich habe ja nur dies eine Leben. Nur wenige in der einen "frommen Welt" wissen — oder besser gesagt, wollen glauben —, dass ich homosexuell bin. Das ist okay — ich lege keinen Wert darauf, sie zu verunsichern. Wer weiß, was passiert, wenn alle alles wüssten. Egal, denn ich bin und bleibe ein Stehaufmännchen, ein Grenzgänger, ein Abenteurer, der Zwischenräume liebt. "Weiter so. Mit Witz und Mut, © 2006 Frank Fischer
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