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Von blonden Ehefrauen und selbsterrichteten Holzwegen

Pünktlich auf den Tag mit dem WM-Finalspiel werde ich diesen Sommer auf 30 Lenze zurückblicken können. Zeit, um Rückblick zu halten? Oder vielmehr, um nach vorn zu schauen? Es soll ja bekanntlich Menschen geben, die ihr Leben nach geplanten Entwürfen führen. Naja, also bei mir haben sich sämtliche derartigen Versuche als wenig ersprießlich erwiesen. Gott sei Dank, denn sonst würde ich heute bestimmt nicht für Zwischenraum schreiben.

Als kleiner Junge hatte ich den innigen Berufswunsch, Lokomotivführer zu werden. Die einzigen Lokomotiven jedoch, die ich Zeit meines Lebens lenken sollte, waren diejenigen meiner Modelleisenbahn, ohne jegliche Rangiermanöver und immer schön im Kreis herum. Später wollte ich Bauer, Lehrer, Schauspieler und was weiß ich noch alles werden - nur nicht Arzt oder Jurist, denn das machen ja alle anderen schon. Abwarten...

Was ist aus der Idee, Leute musikalisch verzücken zu wollen, geworden? Das erste Konzert gab unsere damalige Band in einer Strafanstalt, wohlwissentlich, dass das durchlauchte Publikum nicht die Flucht ergreifen konnte. Nach ein paar weiteren Auftritten war auch dieser Versuch Geschichte. Heute hört offenbar nur noch mein kleiner Neffe, als vermutlich letzter und treuster Fan, ab und an noch unsere Aufnahmen.

Geistliche Entwürfe? Wie sehr regte ich mich damals über die einzige charismatische Kirchgemeinde unserer Ortschaft auf. Mit harten Bandagen kämpfte ich gegen diese Leute an. Bis mich mein Schöpfer und Urheber allen Glaubens Ende 1999 an der Nase packte und zurückpfiff, worauf kein einzelner Stein in meinem geistlichen Leben auf dem anderen ruhen blieb.

Als ich mir eingestand, schwul zu sein, schmiedete ich sofort einen Plan: Keinen Tag würde ich verstreichen lassen, an welchem ich nicht an einer Umpolung (vielleicht etwas euphemistischer, jedoch grotesker ausgedrückt: meiner Heilung) arbeiten oder Gott zum Daran- Arbeiten verleiten würde. Es folgten lange Jahre geprägt von Seelsorge, Therapie, Living Waters und einem emsigen Heilungsveranstaltungs-Tourismus Land auf, Land ab.

Ein lieber Freund, dessen Art zu glauben ich noch heute bewundere, erhielt für mich eine Prophetie: Ich würde eine hübsche, blonde Ehefrau sowie in der Folge mindestens zwei Kinder kriegen. Wohl glaube ich auch heute noch durchaus an die Gabe der Prophetie, welche mein Leben schon öfters stark bereichert hat, doch hat der Glaube und der damit verbundene Wunsch nach herkömmlichem Familienglück in meinem Leben mittlerweile sämtliche 08/15-Federn lassen müssen.

Dann kam die Prophezeiung meines Lebens! Ich würde helfen, die Schwulen und Lesben Zürichs in die Freiheit zu führen. Exzellent! Das wollte ich hören - und leider lange und qualvolle Jahre hindurch falsch verstehen... Es sollte alles ganz, ganz anders kommen!

Diesen Sommer feiern mein Schatz und ich unser 2-jähriges Jubiläum, anlässlich dessen ich auf erfüllendes Liebesglück Rückschau halten darf. Seit ein paar Monaten teilen wir uns sogar die eigenen vier Wände. Es ist mein großer Wunsch, dass unsere Verbindung noch lange bestehen bleiben mag.

Neben mancherlei gemeinsamen Interessen (u.a. das Zürcher Niederdorf unsicher machen, Spaghetti kochen oder Golden Girls schauen) gibt es Dinge, welche wir anders sehen. Jesus Christus als mein zentraler Lebensinhalt und persönliches Alpha & Omega ist für ihn eine Figur der Geschichte einer möglicherweise durch Zufall entstandenen Welt. Und trotzdem will er bei mir bleiben, wofür ich diesen Blondschopf umso mehr liebe! Und wer ihn kennt, wird mir dies nicht verübeln können...

Seit meine Eltern das Buch von Valeria Hinck (Streitfall Liebe - Biblische Plädoyers wider der Ausgrenzung homosexueller Menschen) gelesen haben, gehören die für beide Seiten anstrengenden und zermürbenden Diskussionen in Bezug auf die Vereinbarkeit der Homosexualität mit dem christlichen Glauben der Vergangenheit an.

Wo Versöhnung erfolgt, entsteht Frieden. Wo Frieden gelebt wird, wächst neues Vertrauen...

Ja, so lebe ich in meistens trauter Harmonie, komme den Verpflichtungen, aber auch vielen Freuden des Alltags nach und freue mich an den Überraschungen, die mir meinen Weg immer wieder würzen. Zum Beispiel arbeite ich seit kurzem am Gericht - ja, aus mir gab's allen Erwartungen zum Trotz doch einen Juristen - und habe in erster Linie mit fürsorglichen Freiheitsentziehungen psychisch erkrankter Menschen zu tun. Per "Zufall" meldet sich neulich ein junger schwuler Christ, welcher unter seiner brutal homophoben, "christlichen" Familie sowie an Schizophrenie leidet bei meinem Freund und mir und wir gehen ihn in der Klink besuchen. Eine Erfahrung und ein weiteres Schicksal mehr, die mich prägen und meinen Wunsch, mich für aufgrund ihrer Homosexualität ausgestoßene Christen und Christinnen einzusetzen und sie zurück zu einem, für sie in neuer Art, liebenden und barmherzigen himmlischen Vater zu begleiten, verstärken.

Nein, heute verschwende ich meine Energie nicht mehr mit detaillierten Plänen und Lebensentwürfen. Ich weiß, dass derjenige, welcher mich erschaffen hat, einen unglaublich genialen Weg mit mir geht, und möchte keine Zeit beim Stolpern auf in mühseliger Kleinarbeit selbsterrichteten Holzwegen mehr verlieren. In diesem Sinne könnte ich mir eine Zukunft im Versöhnungsdienst zwischen der Kirche und uns Homosexuellen vorstellen. Denn das ist es, was mein Herz schneller schlagen lässt. Die Fronten auf beiden Seiten aufzuweichen, damit Ausgrenzung, Isolation, falsche Scham, Hass und Solochristentum schon bald der Vergangenheit angehören werden. Wofür schlägt mein Herz überdies? Dafür, zusammen mit meinem Schatz unsere beiden Kater großzuziehen, in der Hoffnung, dass Mogli früher oder später begreifen möge, dass er auf der Anrichte nichts zu suchen hat, und Max eines Tages die Tastatur meines Laptops gänzlich mir überlassen wird. Beruflich erhoffe ich mir, die Schnittstelle der Juristerei mit der sozialen Arbeit zu finden, um so vielleicht eines Tages mein Brot auf einer Vormundschaftsbehörde, einer Opferhilfsstelle oder bei einer privaten gemeinnützigen Organisation zu verdienen.

Heute blicke ich um mich, sehe Lokomotivführer, Männer mit hübschen, blonden Frauen und vielen, vielen Kindern und - bin überglücklich, dass ich „ich“ bin. Wie heißt es in Psalm 37,5? Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn, so wird er handeln und wird deine Gerechtigkeit aufgehen lassen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

Mehr Information zur Regionalgruppe Zürich

© 2006 Jonas

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