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Buchtipp: Vertieftes Coming-outDieses Taschenbuch ist für mich eines der wichtigsten, das ich in den letzten Jahren zum Thema „Homosexualität“ gelesen habe. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich mit diesem Buch und seiner besonderen Sicht. Dr. phil. Kurt Wiesendanger ist Psychotherapeut und arbeitet in einer eigenen humanistisch-tiefenpsychologischen Praxis für Psychotherapie, Beratung und Supervision in Zürich. Seine Ausführungen zum Coming-out sind - obwohl sie einen anderen weltanschaulichen Hintergrund haben - für mich als Christ gerade da, wo es um die Findung einer sinnerfüllten Identität geht, sehr bedeutsam. Ich empfinde sie als Rahmen, der mir Raum schafft, um meine Beziehung zu Gott als den Geber von Sinn und Identität zu gestalten und zu formen. Vieles, was er in diesem Buch schreibt, trifft natürlich nicht bloß auf schwule Männer zu. Insbesondere für lesbische Frauen sowie für bisexuelle Männer und Frauen dürften sich, wie er in seinem Vorwort schreibt, einige der beschriebenen Gegebenheiten auf eine vergleichbare Art zeigen. Wiesendanger zeigt in diesem Buch Wege der Persönlichkeitsentwicklung in ein selbstverantwortliches schwules Erwachsenensein. Damit ist nicht der biologisch- biographische Abschnitt unseres Lebens gemeint, sondern jene Lebensphase, welche bei Heterosexuellen als der „Ernst des Lebens“ nach einer Pubertät des Vergnügens und des Ausprobierens genannt wird. Ausgangspunkt für Wiesendangers Ausführungen sind seine gesellschaftlichen Beobachtungen, aber auch die Erfahrungen aus seiner therapeutischen Tätigkeit mit homosexuellen Menschen. Er sieht in der Schwulenbewegung einen wichtigen und notwendigen historischgesellschaftlichen Befreiungsakt mit dem Ergebnis, dass wir nun eine überwiegend großstädtische Schwulenkultur haben, die ihre Konsumenten mit einem scheinbar grenzenlosen Vergnügungsangebot lockt. Jedoch sieht er die große Gefahr darin, dass die Kollektivemanzipation dazu geführt hat, dass ein Großteil der schwulen Männer noch immer in der, der Rebellion folgenden, scheinbar ewig andauernden Pubertät und Adoleszenz steckt, welche sich in einer Haltung des gedankenlosen Konsumierens, des Sich-selbst-Zelebrierens und -Inszenierens zeigt, anstatt mutige Schritte zur individuellen Reifung und zur verantwortungsbewussten Persönlichkeitsbildung zu tun. Wiesendanger schreibt: „So spüren viele Schwule nach einigen Jahren in der Szene schmerzlich, dass sie zunehmend durch deren Maschen fallen. Sei es, dass sie den Spielregeln des dort herrschenden allgegenwärtigen Jugendlichkeitswahns nicht mehr genügen, sei es, dass sie schlicht genug vom selbstverliebten Getue und der damit einhergehenden Oberflächlichkeit und Beziehungslosigkeit haben, oder sei es eine Kombination aus diesen oder anderen Gründen. Auf schmerzliche Art erleben sie die Kehrseite des kollektiven Hedonismus (Streben nach größtmöglichem Sinneslustgewinn als Lebensprinzip): die Depression.“ Wiesendanger will mit seinem Buch eine Unterstützung für schwule Männer bieten, welche sich - trotz grundsätzlichem Coming-out und häufig unbewusst - in einer solchen Sinnkrise zwischen Hedonismus und Depression befinden. Diese Krise deutet er als Ausdruck für die Sehnsucht der Seele nach einem tieferen Lebenssinn und sieht darin ein Bedürfnis nach der Entdeckung des wahren Selbst (oder für mich als Christen: der bedingungslosen Bestätigung Gottes in meiner Gesamtpersönlichkeit inklusive meiner homosexuellen Orientierung), jenseits von idealisierten Selbstbildern und abgelehnten Persönlichkeitsanteilen. Die Stärke in Wiesendangers Buch liegt im Erklären, im Bewusstmachen von Prozessen des Coming-outs und im Mutmachen, sich auch auf schmerzliche Prozesse einzulassen, Schritte heraus aus den Gesetzen und Idolen der Szene zu wagen, hin zu sich selbst. Der Autor sieht im „vertieften Comingout“ die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst auch in den ungeliebten Anteilen anzunehmen und seine Homosexualität in seine Gesamtpersönlichkeit zu integrieren, sie nicht zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Existenz zu machen. Gelingt ihm dies, so hat er eine Schlüsselkompetenz, die es ihm ermöglicht, ein erfülltes Lebenskonzept umzusetzen und nicht nur ein „Überlebenskonzept“ zu erfüllen. Nur wer zu einer reifen homosexuellen Persönlichkeit wächst, ist nicht mehr abhängig von einer Außenbestätigung in seinem „So-Sein“ im Sinne von: Wir haben dich lieb (...auch wenn du schwul bist). Wiesendanger zeigt in seinem Buch auf, dass für schwule Männer auf ihrem Weg zur Selbstannahme, zum vertieften Coming-out, ein großes Entwicklungspotenzial für deren Gesamtpersönlichkeit liegt. Schwulen liegen dabei ihre eigenen spezifischen Steine im Weg, wenn sie sich auf den Weg zu sich selbst begeben. Diese zu haben oder die Ohnmacht zu sehen, mit diesen umzugehen, legitimiert aber niemanden, Schwulsein als Krankheit zu diffamieren oder gar als pathologische Entwicklungsstörung. Anders ausgedrückt: Schwule sind nicht kranker oder neurotischer als Heterosexuelle, sie sind nur anders neurotisch und anders krank und haben vor allem andere Entwicklungskompetenzen und -potenziale. Wiesendanger beendet sein Buch mit folgenden Worten: „So bleibt mir, den schwulen Leser nur sehr zu ermutigen, sich wirklich anzunehmen, denn hinter der von ihm mit Angst, Scham, Schuld und Minderwertigkeit befrachteten abgelehnten Persönlichkeitsaspekten liegt die eigene Lebendigkeit verschüttet, welche zu entdecken und zu befreien sich überaus lohnt.“ Der Autor hat mir Mut dazu gemacht und mit Gottes Geist haben wir noch den besten Therapeuten auf unserer Seite, der ja auch schon Steine aus dem Weg geräumt hat und Tod in Auferstehung verwandelt hat. Als schwuler Mann auferstehen zum vollen Menschsein in Christus - welche Einladung an uns! InfoKurt Wiesendanger © 2006 Günter Baum
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