Fisch-Logo
    zwischenraum themen persönlich treffpunkt links  
Zum Ausdrucken der Webseiten bitte hier klicken Printversion dieser Seite RSS-Feed

Suchen, Zurückbringen, Verbinden, Stärken und Behüten

Interview mit Esther Eichenberger (Leitungsteam) zum Leitvers von Zwischenraum

Zwischendrin: Hesekiel 34,16 ist Leitvers von Zwischenraum. Welche der fünf im Vers genannten Aspekte ist dir als Mitleiterin von Zwischenraum persönlich am Wichtigsten?

Esther: Bei meinem Engagement für Zwischenraum treffe ich immer wieder auf Menschen, die sich von ihrem Glauben distanzierten und sich so auch von Gott abgewandt haben. Für mich hat somit „das Verlorene wieder suchen“ bis anhin den wichtigsten Aspekt. Dies hat mir eine Aussage einer Frau in unserer Berner Gruppe mal deutlich vor Augen geführt, als sie sagte: „Du hast mir die Worte des Lebens wieder gegeben!“

Zwischendrin: War dir immer schon „das Verlorene wieder suchen“ am wichtigsten oder hat sich daran etwas durch deine Berufung ins Leitungsteam geändert?

Esther: Ja, dieser Aspekt war schon in meiner Arbeit als Regionalgruppenleiterin sehr wichtig. Was mir vermehrt ein Anliegen wird, ist das Bewusstwerden unseres Verwundetseins – auch unabhängig vom schwul-lesbischen Hintergrund. Die meisten Christen sind verwundet und merken es gar nicht.

Zwischendrin: Denkst du, da haben wir als lesbische oder schwule Christen sozusagen einen Vorteil, weil wir aufgrund unserer Erfahrungen in frommen Gemeinden um unsere Verwundungen wissen – sozusagen sensibel geworden sind?

Esther: Nun, so pauschal würde ich es nicht sagen. Aber wir haben wohl doch die Chance, Gottes Liebe und sein Wort aus einer anderen Perspektive zu erleben, als der „normale“ Christ. Gerade, weil wir auch Ausgrenzung erfahren haben und uns dadurch persönlicher mit unserem Glauben auseinander gesetzt haben: ohne Gemeinde, ohne Pfarrer, Prediger oder wer auch immer uns sagen könnte, wie wir zu glauben hätten. Wenn wir die Verwundung, die wir in Gemeinden durch Mitchristen erleben, überwinden, uns in Gottes Gegenwart begeben und dadurch heil werden, stehen wir auch in einem neuen Selbstbewusstsein in unserem Glauben, vor Gott und hoffentlich auch wieder vor unseren Mitchristen.

Zwischendrin: Darf ich das so verstehen, dass du sozusagen die passive Seite des Leitverses aus Hesekiel bereits in deinem Leben erfahren hast: Du bist gesucht, zurückgebracht, verbunden und gestärkt worden? Magst du ein wenig davon erzählen? Welche Menschen haben für dich den Leitvers lebendig werden lassen?

Esther: Ja, diese Seite habe ich tatsächlich erfahren. Als ich in der Auseinandersetzung mit meinem Lesbischsein und Glauben für mich an dem Punkt angekommen bin, entweder meine Gefühle oder mein Glaube, sagte Jesus durch den Mund einer Pfarrerin während eines Gottesdienstes: "Siehe ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre". (Lukas 22,32) Diese Zusage Jesu zu mir ist der Anfang meines persönlichen Heilungsprozesses geworden. Diese Worte standen in so krassem Gegensatz zu dem was Menschen mir zu sagen hatten, dass für mich klar war, wer hier auf dem Holzweg war. Jesus sah das serbelnde Pflänzchen meines Glaubens, das zudem drohte mit vermeintlich guten Ratschlägen zugeschüttet zu werden. Er gab ihm neues Leben, neuen Mut. Die Zweifel kamen auch immer wieder hervor, ganz klar. Doch immer wieder kam auch der Zuspruch von dem, der weiß wie unser Vater im Himmel denkt.

Eine recht erschütternde Erfahrung war auch, dass Mitchristen zu einem Sieb werden können, womit Satan uns schütteln will wie Weizen und uns so von Gott trennen will. Grad so, wie es Jesus bei Lukas im vorangehenden Vers dem Simon prophezeit (Lukas 22,31). Unser Leitvers wurde mir nicht in erster Linie durch Menschen lebendig gemacht. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich diesen Prozess ganz alleine geschafft habe. Nein, mir standen, und stehen nach wie vor, sehr liebe und wertvolle Menschen zur Seite, mit denen ich Freude, Nöte und Ängste teilen kann.

Zwischendrin: Du hast von einem „neuen Selbstbewusstsein im Glauben“ gesprochen. Als was siehst du dich, wenn du dich selbst betrachtest – wessen bist du dir bewusst? Welche Rolle spielt Gott – bzw. spielt Zwischenraum – dabei?

Esther: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Er hat sich was gedacht, wohl auch dabei geschmunzelt, als er mich schuf. ;-) Ich bin ein Abbild Gottes, wenn auch nur ein sehr, sehr kleiner Bruchteil, wie ein Stein in einem riesigen Mosaik: doch nichts desto trotz sein Abbild.

In 1Mose 1,31 steht: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Damit will ich nicht sagen, dass wir alle einfach nur perfekt sind. Nein, weit gefehlt, leider. Jeder von uns macht Fehler, die sich negativ auf die Gottesbeziehung auswirken können. Doch macht es einen Unterschied, ob ich auf einem festen Fundament stehe und ich einen Fehltritt mache oder ob dieses Fundament fehlt.

Bei Zwischenraum bekam ich die Möglichkeit mit Gleichgesinnten über grundsätzliche Frage des Glaubens zu diskutieren und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Und da uns in den Gemeinden mehr oder weniger gleich stark den Boden unter den Füssen weggezogen wurde, waren wir offener, aufmerksamer für andere, neue Perspektiven. In diesem Prozess des Ringens ist die Gemeinschaft auch sehr wichtig und ermutigend, kann sie einem doch immer wieder Halt geben.

Esther lebt mit Brigitte in der Schweiz und ist als geistlicher Leiter für Zwischenraum in der Schweiz zuständig.

© 2007 Esther

Zum Ausdrucken der Webseiten bitte hier klicken Printversion dieser Seite RSS-Feed

 

Bookmark bei Connotea  Bookmark bei del.icio.us  Bookmark bei Furl  Bookmark bei Raw Sugar

Bilder zum Themenbereich Zwischenraum