"Heilung"

Seelsorge: richtig zuhören

Wie reagiere ich in der Seelsorge am besten, wenn mir jemand anvertraut, dass er schwul, sie lesbisch, bi oder trans* ist?

 Akzeptanz

So ein Schritt der Öffnung braucht viel Mut und daher ist das Wichtigste an dieser Stelle, meinem Gegenüber zu vermitteln: „Du bist ok, so wie du bist“. Ich kann mich für das Vertrauen bedanken, dass die Person diesen Teil ihrer Persönlichkeit mit mir teilt, doch dann sollte es nicht mehr um mich gehen, sondern um mein Gegenüber.

 Zuhören

Es braucht jetzt ein sensibles und aktives Zuhören mit Nachfragen, die das Interesse an der emotionalen Situation des Gegenübers zeigen. Das Gegenüber soll merken, dass es mit den eigenen Erfahrungen und Empfindungen ernst genommen wird.

Was es nicht braucht, ist das Gefühl, mir zuliebe das Innerste nach außen kehren zu müssen, bloß weil ich das Thema so interessant finde. Um Wissenslücken über Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit zu schließen, ist die konkrete Situation nicht geeignet. Das kann ich nachher oder besser noch vorher tun, dafür gibt es zahlreiche Bücher. Empfehlungen finden sich z.B. unter "Mehr".

Eigene Wissenslücken kann ich ruhig zugeben, entscheidend ist, meinem Gegenüber den Raum zu lassen, die eigene Identität zu entwickeln. Persönliche Vorurteile und klischeehafte Vorstellungen mögen mir auffallen, ich kann sie für mich reflektieren und später versuchen, sie abzubauen.

 Unterstützung

Hilfreich für mein Gegenüber wird es sein, zu fragen: „Wie kann ich dich unterstützen? Was brauchst du jetzt (von mir)?“ Vielleicht kann ich dabei helfen, Beratungsstellen im Internet zu suchen und den Kontakt dorthin herzustellen. Ich kann auf geeignete, die Identität stärkende Literatur verweisen. Ich kann auf eine lokale Gruppe von Zwischenraum oder einer anderen christlichen Organisation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans* hinweisen oder auf eine säkulare Coming-Out-Gruppe, je nach Bedarf. Ich kann weitere Gespräche anbieten oder an andere, vielleicht geeignetere Personen, verweisen.

 Ressourcen

Ich kann fragen, wo mein Gegenüber für sein Coming-Out schon Bestätigung und Akzeptanz erfahren hat. Bei Familienmitgliedern, im Freundeskreis, in der Gemeinde... ? Wo ist eine positive Reaktion wahrscheinlich? Wie wurden bisherige Herausforderungen gut bewältigt?

 Therapie

Wenn Menschen Schwierigkeiten haben, ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu akzeptieren, brauchen sie Ermutigung. Eine affirmative Therapie, die zum Ziel hat, die sexuelle oder geschlechtliche Identität zu bejahen, zu festigen und zu integrieren, kann der Person helfen. Wenn Menschen meinen, ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität sei mit ihrem Glauben nicht vereinbar, hilft ein Hinweis auf die Oase-Liste. Hier finden sich Ansprechpartner für Therapie und Seelsorge, die eine Integration von homo- oder bisexueller Orientierung sowie Trans- und Intergeschlechtlichkeit und christlichem Glauben unterstützen: https://oasenetzwerk.wordpress.com/

 Gebet

Zum Abschluss eines Gesprächs kann ich anbieten – ggf. gemeinsam – zu beten. Das Gebet sollte die Liebe und Annahme Gottes für den Menschen, wie er ist, widerspiegeln.

Ein Segen für den Menschen, der sich mir im Gespräch anvertraut hat, kann ein passender Abschluss sein.

Manche Menschen benötigen einen längeren Zeitraum, um ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen. Daher ist es gut, sensibel und vorsichtig zu sein. Je nach Erfahrung können geistliche Instrumente wie Gebet oder Segen übergriffig wirken; im besten Fall kann es aber ein besonderer Moment werden, in dem Glaube und die sexuelle Orientierung ein erstes Mal harmonisch zusammenkommen.

 Bleiben lassen

Unabdingbar ist das Wissen um die fatalen Folgen von Versuchen, Menschen ihre Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit „wegtherapieren“ zu wollen (die sogenannte reparative Therapie oder Konversionstherapie). Solche Versuche sind schädlich und können schwerwiegende Folgen bis hin zu Suizidversuchen haben. Sie sollten grundsätzlich nicht in Betracht gezogen werden.

Ebenso kontraproduktiv sind Fragen nach der Herkunft der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Sie helfen nicht weiter, sondern werten den anderen ab und bringen eher sinnlose Schuldfragen ins Spiel.

 Supervision

Wenn Sie merken, dass Sie bei den Themen sexuelle Orientierung oder Trangsgeschlechtlichkeit an ihre eigenen Grenzen kommen – Herzlichen Glückwunsch! Das ist normal. Suchen Sie sich Unterstützung in Form von Supervision, Beratung, Austausch mit kompetenten Personen, bei denen Sie Ihr Unwohlsein anschauen und bearbeiten können. Damit werden Sie bei zukünftigen Gesprächen ein*e noch bessere*r Ansprechpartner*in sein. :)