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Leben als Partnerinnen : von einer Internetbeziehung zu einer LebenspartnerschaftAnita und ich lernten uns übers Internet kennen. Wir waren nie in der Lage aufzudröseln, wie diese Bekanntschaft zustande kam, wer wem zuerst was geschrieben hatte, aber irgendwo im Internet begegneten wir uns und es entwickelte sich ein reger Austausch von Mails. Das war das besondere am Anfang unserer Beziehung: unsere Kommunikation beschränkte sich fast ausschließlich auf das geschriebene Wort. Die große geografische Distanz zwischen uns (sie lebte in Deutschland, ich in Namibia) machte Telefonate und gar persönliches Kennenlernen zu kostspieligen Ereignissen. Aber wir tauschten viele viele Mails aus. Am Tag gut und gerne zehn Stück. Sie waren nicht immer sehr lang, aber wir hatten eine immerwährende Kommunikation und Leben ohne E-Mail war einfach unmöglich. Oder nur möglich, wenn Fax verfügbar war. Vielleicht war es die Distanz, diese Sicherheit nicht gleich die andere „in the flesh“ vor der Haustür zu haben, die dazu führte, dass wir uns mehr trauten. Damit meine ich, dass wir uns die Wahrheit sagten und vielleicht auch Dinge, die wir nicht sagen würden, wenn wir uns geographisch näher wären. Eins haben wir uns aber per Mail nie gesagt: dass wir uns liebten, obwohl wir uns beide dessen bewusst waren bevor wir uns je persönlich begegneten. Wir sind sehr unterschiedlich. Im normalen Alltag wären wir uns wohl nie begegnet. Anita ist eher materialistisch eingestellt, ich eher sozial. Sie redet viel, ich bin eher ruhig. Sie ist draufgängerisch und selbstbewusst, ich eher scheu. Ich interessiere mich für Religion, Gott, Theologie, sie hatte bis zu unserem Kennenlernen mit dem „ganzen Kram“ nichts am Hut. Sie die Versicherungsfachfrau und -verkäuferin – immer im Kontakt mit Menschen – ich die Bibliothekarin, die hauptsächlich Bücher katalogisierte und mit allen möglichen Rechnersystemen umging. Und dann der ganz große Unterschied: sie die deutsche Deutsche, Großstadtmensch und ich, die deutsche Afrikanerin, zuhause in der Natur. Sie in Versace-Hemden und italienischen Schuhe. Ich in Shorts und afrikanischen Velskoene. Es lagen wirklich Welten zwischen uns. Und dennoch: als sie nach sechs Monate angeregten E-Mail-Verkehrs nach Namibia kam und wir uns kennenlernten, wussten wir: wir lieben uns und wir gehören zusammen. Sie blieb zwei Wochen in Namibia und wir bereisten das Land und stellten fest: wir können gut miteinander, wir sind ein gutes Team und wir lieben uns. Wir entschieden uns, zusammenzuleben. Ich würde zu ihr nach Deutschland kommen. Dann ging alles sehr schnell. Drei Monate später kam sie wieder nach Namibia zu Besuch. Ich hatter derweil meine Stelle gekündigt, sie hatte mir eine neue Stelle in der Nähe von Köln beschafft und zwei Monate danach saß ich im Flieger mit zwei Koffern und meinem Kater. Achtzehn Kartons Bücher und ein weiterer Koffer mit Kleidung kamen per Schiff ein paar Monate später. Wenn man diese Vorgeschichte im nachhinein betrachtet, muss man eigentlich denken: das konnte nicht gut gehen. Ja, wir hatten viel Stress, ja, wir rieben uns aneinander, ja, wir mussten uns gegenseitig zähmen. Aber unser Zusammenleben war von Anfang an auf eine monogame Beziehung „bis das der Tod uns scheide“ ausgelegt. Wir versprachen uns, durch Gesundheit und Krankheit, durch Wohlstand und Armut beieinander zu bleiben. Dieses Versprechen nahmen wir beide sehr ernst. Ich erwähnte bereits, dass der Glauben in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle spielt. In Anitas Leben war der ganze Kram mit der Kirche und so, unwichtig. Wir hatten eine Übereinkunft, über die wir nie sprachen und an der wir uns dennoch beide immer hielten: sie ermutigte mich meinen Glauben zu leben, eine Gemeinde zu finden und mit Menschen, die mich wegen meiner Coming-Out-Website anschrieben, zu mailen. Auch wenn sie selbst den Glauben an Gott nicht so wichtig nahm, wollte sie doch, dass ich meinen Glauben genauso wichtig nahm wie vorher. Der Grund warum ich lange nicht in die Kirche ging, war nicht meine heidnische Frau, sondern Gemeinden, die eine homosexuelle Frau nicht willkommen heißen konnten. „Heidnische“ Frau ist vielleicht auch der falsche Begriff. Sie glaubte an Gott und glaubte, dass Gott sie liebte. Aber es war nicht unbedingt ein christlicher Glaube. Mein Teil der Übereinkunft war: ich versuchte sie nie zu bekehren. Wenn sie Fragen über Glauben hatte, sprachen wir darüber, aber sonst nie. Im Anfang unserer Beziehung war mein Glaubensleben auf Sparflamme. In Namibia hatte ich mich in einer charismatischen Gemeinde sehr wohl gefühlt. Dort war ich als homosexuelle Frau akzeptiert worden. Hier in Deutschland fand ich keine charismatische, fromme Gemeinde, in der meine Homosexualität kein negatives Thema war. Außerdem war ich arbeitsmäßig sehr eingespannt. Dennoch verlor ich nie meinen Glauben oder mein Interesse an christlicher Theologie. Eines Tages bekam ich ein E-Mail von Günter Baum. Er hatte gerade Zwischenraum gegründet und kontaktierte alle deutschsprachigen christlichen Homosexuellen, die im Internet zu finden waren. Wir trafen uns und waren uns sympatisch. Aber ich konnte nicht bei Zwischenraum mitarbeiten, da ich einfach keine Zeit dafür hatte. Aber kurz danach kündigte ich meinen Job und so nach und nach machte ich meine Beziehung zu Gott wieder zum Wichtigsten in meinem Leben. Inzwischen bin ich Mitglied der evangelischen Landeskirche und fühle mich dort wohl. Ja, Anita weiss, dass Gott mir wichtiger ist als alles andere – aber, wie sie sagt: „Wer kann schon gegen Gott anstinken?!“ Was mir nur wichtig war, ist, dass sich nicht noch etwas anderes vor sie schiebt. In den Jahren, die folgten wurde ich immer mehr in den Leben von homosexuellen Christen involviert. Viele schrieben mir E-Mails, die zu beantworten viel Zeit kostete. Dann wurde Zwischenraum Köln gegründet und ich wurde durch die Zwischenraum-Website und später durch meine Arbeit im Leiterkreis immer mehr in die Arbeit involviert. Dennoch – und das ist mir wichtig – versuche ich immer diese „Arbeit für Gott“ nicht vor Anita in meiner Prioritätenskala rutschen zu lassen. Das ist nicht immer möglich und das versteht meine Frau auch, aber so versuche ich es wenigstens zu handhaben. Anita kam mit zu Zwischenraum und fand die Menschen dort sehr sympatisch. Zwar verstand sie nicht immer, warum es solche Konflikte zwischen Homosexualität und Glauben geben konnte, da sie an einen Gott glaubt, der sie so, wie sie ist, bedingungslos liebt, aber sie wurde immer mehr in die christliche Welt hineingezogen bis sie eines Tages einsah: „Das ist mir auch wichtig.“ Nun können wir in unserer Regionalgruppe nicht mehr von ihr als unsere „Quotenheidin“ sprechen. Sie ist eine von uns geworden. Zwar zieht sie noch eine Augenbraue hoch, wenn es ihr zu fromm wird, aber sie glaubt woran wir glauben. Als die eingetragene Lebenspartnerschaft möglich wurde, dachten wir kurz darüber nach, sagten uns dann aber: „Wir brauchen das doch nicht wirklich. Unsere Beziehung ist schon das: eine Partnerschaft fürs Leben. Wir wollen die nächsten 60 Jahre miteinander verbringen. Eigentlich bringt es nur finanzielle Nachteile.“ Aber dann kündigte meine Schwester an, dass sie sich verlobt hatte und das brachte das ganze Thema „Heiraten“ wieder auf den Tisch. Und irgendwie wollten wir es doch. Also machten wir Nägel mit Köpfen und schauten uns erstmal Trauringe an. Dann informierten wir uns über die rechtlichen Konsequenzen und hatten ein langes Gespräch mit unserem schwulen Standesbeamten, der es einfach wunderbar fand, dass bei ihm, in der ländlichen Gemeinde, zwei Frauen verpartnert werden wollten. Fünf Wochen nach unserem Entschluss erschienen wir auf dem Standesamt. Nur wir und der Standesbeamte waren bei der Zeremonie anwesend. Er erzählte uns einiges über die Geschichte der Frau in unserem Ort (bei den Römern angefangen...) und danach unterschrieben wir die Dokumente und legten uns die Ringe an. Wir waren verpartnert! Wir hätten es nie für möglich gehalten – aber durch diese Zeremonie war unsere Beziehung anders geworden. Wir waren nun wirklich vereint. Auch wenn unsere Beziehung an sich vor der Lebenspartnerschaft nicht anders war als danach, so war es dennoch anders. Davor waren wir zwei einzelne Individuen, danach waren wir eine Einheit, ein Paar. Vorher dachten wir eher in „du“ und „ich“, nun dachten wir in „wir.“ Wir übernahmen noch mehr Verantwortung: für einander, für die andere, für die Beziehung. Es war nun nicht mehr „dein“ und „mein“ sondern „unser“: unser Haus, unser Auto. Wir teilen nun wahrhaftig unsere Leben miteinander. Wir sind auf Gedeih und Verderb zusammen. Es ist für Außenstehende nur sehr schwer möglich zu erklären. Das, was wir vor unserer Lebenspartnerschaft schon dachten, das wir es leben, lebten wir eigentlich erst darin. Es war uns davor nicht weniger ernsthaft. Aber nun war es wirklich ernst. Nun bietet uns die Partnerschaft viel mehr Geborgenheit. Es ist nicht so, als ob wir davor nicht die Verantwortung für einander getragen hätten. „In Krankheit und Gesundheit, in Reichtum und Armut...“ das alles hatten wir uns davor schon versprochen. Nun aber IST es wahrhaftig so. Wir sind in der Partnerschaft geborgen, vereint, rund, komplett. Wir sind sehr spießig (im positivsten Sinne!), leben in unserem gemütlichen kleinen Haus auf dem Dorf. Unsere Nachbarn wissen, dass wir lesbisch sind, aber sind zu uns genauso freundlich wie zu allen anderen auch. Bei uns finden keine wilden Partys statt und wir gehen auch schon lange nicht mehr auf wilde Partys in die Stadt. Unsere Vorstellung eines gemütlichen Abends mit Freunden ist, ein nettes Abendessen bei dem Anita uns bekocht und dann vielleicht noch „Die Siedler von Cartan“ spielt. Seit kurzem haben wir ein Hundebaby, dass unsere beiden Katzen terrorisiert. Eine runde, heile kleine Welt. Nun fehlt uns eigentlich nur noch eins: der Segen der Kirche. Ich bin es, die sich im Augenblick noch dagegen sperrt. Anita würde es, mir zuliebe, sofort machen. Aber das möchte ich nicht. Es gibt da noch eine Bedingung, die ich erfüllt sehen möchte – und Teil des Ganzen ist, dass sie diese Bedingung nicht weiß. Darum werde ich auch nicht jetzt darüber schreiben. Aber wenn es dann soweit ist, werden wir bestimmt eine Fortsetzung dieser Geschichte schreiben und euch daran teilhaben lassen. Wenn uns jemand fragen würde: „Lohnt sich eine eingetragene Lebenspartnerschaft?“, würden wir sofort sagen: „Ja!“ Ja, das Lebenspartnerschaftsgesetz verlangt viel mehr Pflichten als dass es Rechte gibt. Es gibt nicht, wie bei einer Ehe, irgendwelche finanziellen Vorteile – im Gegenteil: die Partner müssen einander finanziell unterstützen. Aber dennoch: es lohnt sich! Die Beziehung mit Lebenspartnerschaft ist anders als ohne. © 2006 Anette Seiler
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