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Anettes Geschichte : Coming out als lesbische Christin

Neulich las ich, dass die Durchschnittslesbe mit 17 ihr Coming Out hat. Ich brauchte genau die doppelte Zeit.

Warum dauerte es so lange? Vielleicht liegt es daran, dass ich in Namibia aufgewachsen bin, einem Land, in dem es völlig normal ist, christlich zu sein, wo es sogar eher ungewöhnlich ist, nicht christlich zu sein. Homosexualität dagegen wird als etwas böses, abnormales dargestellt. Das hat nichts unbedingt mit der starken Christianisierung Namibias zu tun, denn auch bei den Nicht-Christen sind Homosexuelle abartig. Der Präsident Namibias wiederholte bei mehreren Gelegenheiten die Worte Robert Mugabes, des Präsidenten von Zimbabwe: Homosexuelle sind Hunde und Schweine. Sie gehören ins Gefängnis. Homosexualität ist eine europäische Krankheit; sie ist anti-afrikanisch.

In meiner Familie wurde nie so über Homosexuelle gesprochen. Man war eher tolerant. Man würde nie einem Schwulen sagen, dass er krank oder abartig sei und schon gar nicht würde man Homosexualität als DIE Sünde, die niemals vergeben werden kann darstellen. Aber dennoch war Homosexualität nicht gerade etwas, wovon man selbst hätte betroffen sein wollen.

Auf der Universität lebte ich vier Jahre in einem Studentenwohnheim für Frauen. Bei uns gab es ein paar Lesben, aber die waren ziemlich ausgegrenzt. Sie waren Abschaum. Es wundert also nicht, dass man sehr wenig Kontakt mit ihnen hatte.

Wie war es nun bei mir? Ich war auf keinen Fall lesbisch! Never! Das Dumme war nur, dass ich mich andauernd in Frauen verliebte. Natürlich würde ich nie sagen, dass ich "verliebt" war, denn als Frau konnte man sich nur in einen Mann verlieben. Aber ich schwärmte halt hin und wieder für eine Frau. Zwischenzeitlich machte ich auch halbherzige Versuche einen Freund zu haben. Ich kam auch ganz gut zurecht mit ihnen, war mit einigen gut befreundet, aber verliebt? Nein, ich verliebte mich nie in einen Mann. Ich tröstete mich: der Richtige war eben nicht hier, aber eines Tages würde ich ihn kennenlernen, denn jeder Topf hat ja einen Deckel, oder?

Als ich 23 Jahre alt war, bekehrte ich mich. Ich hatte mich während meiner Studentenzeit viel mit dem Christsein beschäftigt und irgendwann kam der Punkt an dem ich sagte: Jetzt mache ich nicht so weiter wie ich will, denn es bringt nichts. Jetzt gebe ich mein Leben Gott. In der pfingstlich-charismatischen Gemeinde, die ich damals besuchte, wurde ich getauft und wurde so Kind Gottes.

Aber ich hörte nicht auf mich in Frauen zu verlieben. Damit man es nicht falsch versteht: ich hatte nie ein Problem damit. Ich verdrängte einfach, dass es Liebe war, was ich empfand. Ich fand es aufregend für Frauen zu schwärmen und es war auch nie mehr als das. Ich gestand mir einfach nicht ein, dass ich liebte. Noch weniger dachte ich an Sexualität mit einer Frau. Sexualität würde nur mit einem Mann stattfinden und der Richtige war mir noch nicht über den Weg gelaufen.

Dann ging ich für zwei Jahre nach Deutschland auf die Bibelschule. Es war eine sehr gute, sehr intensive Zeit. Ich bin froh, auf einer Bibelschule gewesen zu sein, in der sehr wenig über Sünde und den Teufel gelehrt wurde und sehr viel über wie wunderbar Gott ist, über das Kreuz, über die Kraft des Heiligen Geistes. Man ging davon aus, dass wenn man wusste, wer man in Christus war, man wenig Probleme mit dem Satan, mit Sünde oder geistlicher Kriegsführung haben würde. Ich hörte auf der Bibelschule nie irgend eine böse Bemerkung über Homosexualität, aber anderseits brachte ich Homosexualität auch nicht mit mir in Verbindung. Ich war zwar wieder in eine Frau verliebt, aber ich war nicht lesbisch!

Zwei Dinge wurden mir während der Bibelschulzeit sehr wichtig. Sie prägen mich noch immer. Im ersten Bibelschuljahr war es das biblische Wort "erkennen", das "innige, liebende Beziehung (mit Gott)" bedeutet und im zweiten Jahr war es "Wahrheit". Gott ist wahr und alle Lüge, aller Trug, alle Illusionen bringen uns von Gott weg. Gott zu erkennen, bedeutet ein Leben der Wahrheit zu führen. Seitdem versuche ich die Bereiche in mir, die aus Illusionen bestehen, aufzuräumen und Wahrheit hineinzubringen.

Irgendwann war der Bereich "Liebe" dran. Bis jetzt war ich fest davon überzeugt, nicht lesbisch zu sein. Und wie so oft in meinem Leben wurde ich durch Literatur geändert. Ich las Thomas Manns "Tod in Venedig" - weil man die Bücher Manns einmal im Leben gelesen haben muss. Ich las, wie sich ein Mann in einen anderen Mann - eher einen Jungen - verguckte und DAS WAR ES. Das war genau das, was ich auch bei Frauen empfand! Genau so! Ich las aber nicht nur Weltliteratur, sondern auch Krimis und Thriller und ein Krimi handelte von einer Gruppe von Lesben, wo eine nach der anderen umgebracht wurde. Was mich noch mehr als der Plot faszinierte, war die Darstellung dieser Frauen. Sie waren ganz normal. Sie hatten normale, sogar sehr gute Jobs, sie sahen normal aus, aber mussten ihre Sexualität geheimhalten, weil die Gesellschaft dies nicht akzeptieren würde (die Geschichte spielte in Texas). Ich fand mich in diesen Frauen wieder. Daraufhin las ich im Internet mehr über Homosexualität im Allgemeinen und Lesbischsein im Besonderen. Es auch hilfreich, in einer Universitätsbibliothek zu arbeiten. Ich war erstaunt, wie viel ich zu dem Thema fand und wieviel positiv war. Homosexualität wurde als normal dargestellt.

Und so kam ich an den Punkt wo ich mir selbst sagte: "Ich bin lesbisch." Mein nächster Gedanke war "Cool!" Alles passte plötzlich zusammen. Ich verstand mein Verliebtsein in Frauen und warum ich nie den richtigen Mann für mich gefunden hatte. Ich fühlte mich ganz, heil - wie ein fertiges Puzzle, wo jedes Teil einen Platz gefunden hatte. Ich war euphorisch.

Die Euphorie dauerte nur ein paar Sekunden, denn bald kam ein neuer Gedanke: "Und was ist mit dem Christsein? Darf ich überhaupt lesbisch sein?" Meine Reaktion darauf: "Sch...!" Denn ich hatte es schon ein paarmal mitbekommen, dass man sagte, man könne nicht beides sein: christlich und lesbisch. Dieser Gedanke ließ mich verzweifeln, denn ich erkannte, dass mein Lesbischsein ein so unlösbarer Teil von mir selbst war, dass ich das nie ändern könnte. Das Lesbischsein aus mir herauszuholen würde bedeuten, dass ich nicht mehr ich sein könnte, dass ich mich verstümmeln müsste. Es würde einfacher sein, das Christsein aufzugeben als das Lesbischsein.

Außenstehende meinen oft, dass es doch einfach sei - man dürfe ja homosexuell sein. Aber musste man es denn ausleben? Als ob es sich bei Homosexualität nur um Sexualität handelt! Sexualität ist ein so kleines Teil, dass das Wort "Homosexualität" der völlig falsche Begriff ist. Es geht um mehr, viel mehr. Es geht um Liebe, um Beziehung um Partnerschaft. Es geht um die Antwort auf das Problem: "Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist." Auch wenn ich keinen Sex hatte, würde ich bleiben wie ich bin: lesbisch. Auch wenn ich keine Männerhasserin war, auch wenn ich liebe männliche Freunde hatte: es gab Dinge, die würde ich nie bei einem Mann finden: Liebe, Beziehung, Partnerschaft.

Ich entschloss mich, nicht in Panik zu verfallen und die Sache systematisch anzugehen. Ich würde erstmal nachschauen, was die Bibel zu dem Thema sagte. Welche Bibelstellen handelten überhaupt über Homosexualität? Die Antwort fand ich recht schnell im Internet und meine Reaktion war: So wenige! Nur ein paar Stellen! Warum regte man sich so viel mehr über Homosexualität auf, als über andere Themen wie z.B. Geiz, Fremdenhass oder Ehebruch (Themen, über die die Bibel sehr viel mehr zu sagen hat).

Dann schaute ich mir die Verse an und war wieder enttäuscht. Einige sprachen - meiner Meinung nach - gar nicht von Homosexualität und es gab keine Stelle, die eine liebende Beziehung zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau verurteilte. Im Gegenteil, die einzigen Verse, die von einer liebenden Beziehung zwischen zwei Frauen oder zwei Männern sprachen (wobei es sich nicht um homosexuelle Beziehungen handeln musste), waren sehr positiv. Da war der "klassische Hochzeitsvers:"

Rut 1:16-17
Aber Rut sagte: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, von dir weg umzukehren! Denn wohin du gehst, dahin will auch ich gehen, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben, und dort will ich begraben werden. So soll mir der HERR tun und so hinzufügen - nur der Tod soll mich und dich scheiden.

Oder Davids Aufschrei nach dem Tod Jonatans:

1 Samuel 1:26
Mir ist weh um dich, mein Bruder Jonatan! über alles lieb warst du mir. Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe.

Natürlich blieben ein paar Stellen übrig, mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Da war einmal die einzige Stelle in der Bibel, die von Sex zwischen Frauen spricht (nämlich im ersten Kapitel des Römerbriefes) und dann die Verse im jüdischen Gesetz, die sagten, dass es Gott ein Greuel sei wenn ein Mann bei einem anderen Mann liegt wie bei einer Frau.

In den nächsten Monaten beschäftigte ich mich intensiv mit den sog. "Hammerversen". Schließlich kam ich zu dem Schluß: Gott hat nichts gegen eine liebende Beziehung zwischen Mann und Mann oder zwischen Frau und Frau. Man muss nicht wählen zwischen Christsein und Lesbischsein. Man kann beides sein.

Nun war ich bereit für ein öffentliches Coming Out. Meine Familie und mein Pastor nahmen die Botschaft recht gelassen entgegen. Nur der Pastor meiner Mutter war entsetzt. Ich müsste geheilt werden von dem übel! Ob ich denn schon eine sexuelle Beziehung zu einer Frau hätte? Als ich verneinte war er überaus froh, denn wenn ich erst eine sexuelle Beziehung haben würde, wäre alles vorbei. Ich würde von Gott abfallen und in der Hölle landen. Ich stand da und sagte zu mir: "Bleib cool, Anette. Dieser Mensch ist nicht dein Pastor. Er hat dir eigentlich nichts zu sagen." Ich fragte, ob er denn bereit wäre mit mir über die Sache zu diskutieren oder ob er bereit wäre, wenigstens darüber nachzudenken, dass die Hammerverse in der Bibel nicht von einer liebenden, auf Treue basierende Beziehung zweier Menschen des gleichen Geschlechts handelten. Er war nicht bereit darüber nachzudenken und zu diskutieren. Ich sagte: "Wenn sie nicht bereit sind mir zuzuhören, bin ich auch nicht bereit ihnen zuzuhören." und ging.

Nun war ich mit mir selbst im reinen. Ich wusste, dass ich mich in Frauen verlieben durfte, dass ich eine Beziehung zu ihnen haben durfte, dass ich selbst Sex mit einer Frau haben durfte. Ich konnte meine Gefühle nun viel besser einsortieren und besser mit ihnen umgehen. Ich begann aktiv nach anderen lesbischen Frauen zu suchen. Nicht um Sex mit ihnen zu haben (obwohl ich den Gedanken nicht uninteressant fand), sondern um Gleichgesinnte kennenzulernen. Das Internet war das ideale Medium. Ich mailte und chattete mit vielen Frauen auf der ganzen Welt. Und eines Tages schrieb mir eine Frau (sie behauptet, dass ich ihr geschrieben hätte - wir konnten nie klären wer wen zuerst angeschrieben hatte) die ich, je mehr ich sie kennenlernte, absolut toll fand. Es gab nur ein Problem: Sie befand sich am anderen Ende der Welt, in Deutschland. Aber auch dieser Abstand ist in der heutigen Zeit der Düsenflieger kein wirklicher Abstand mehr. Nach einem halben Jahr intensivsten Mailkontakts kam sie mich besuchen und es war um uns geschehen!!!

Ein paar Monate später packte ich meine Klamotten, meine Bücher und meinen Kater ein und flog nach Deutschland um dort mit der Frau, die ich liebe, zu leben. Wir sind nun schon fast sechs Jahre zusammen, seit Anfang 2004 verpartnert und lieben uns jeden Tag mehr als am vorigen Tag.

Das, was mir der Pastor meiner Mutter vorausgesagt hatte, ist übrigens nicht eingetroffen. Ich habe nie meinen christlichen Glauben verloren. Im Gegenteil: meine Beziehung zu Gott wurde immer intensiver. Meine Frau ist keine wiedergeborene Christin - aber sie respektiert meinen Glauben und sie unterstützt mich in meinem Christsein. Sie geht mit mir in die Kirche und trifft sich mit mir mit anderen lesbischen und schwulen Christen.

Apropos Gemeinde: In Deutschland suchte ich lange eine Gemeinde, in der ich mich so wohlfühlen konnte wie in meiner alten Gemeinde. Am Ende schickte ich ein Email an alle Gemeinden in der Umgebung und stellte zwei Fragen: Wie stehen Sie zur Homosexualität? Wie stehen Sie zur charismatischen Kirche? Am liebsten wäre ich nämlich in einer Gemeinde, in der man beidem positiv gegenüber stände. Das Resultat war ziemlich erschreckend. Alle, außer der evangelischen Landeskirche und MCC (Metropolitan Community Church), sprachen negativ über Homosexuelle. Am Ende entschloss ich mich für die evangelische Landeskirche. Dort gehe ich sehr gerne hin.

Anfangs sagte ich: Ich brauchte doppelt so lange wie die Durchschnittslesbe für mein Coming Out. Verlorene Zeit? Eine Weile dachte ich so. Wenn ich doch schon früher gewusst hätte, dass ich lesbisch bin, dann wäre mein Leben völlig anders verlaufen! Stimmt. Es wäre völlig anders verlaufen. Ich wäre nicht auf der Bibelschule gewesen. Ich hätte wahrscheinlich meine Frau nicht kennengelernt. Nein, es war keine verlorene Zeit.

© 2004 Anette Seiler

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