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Harriets Geschichte

Als meine Eltern erfuhren, dass sie nach einem Mädchen und einem Jungen nun noch ein drittes Kind, mich, bekämen, war ihre Freude groß — so groß, dass meine gläubige Mutter voller Dank Gott dieses Kind in ihrem Leib ganz und gar zur Verfügung stellte.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich bereits als kleines Mädchen einen ungeheuer großen Hunger nach allem Geistlichen hatte. Ich liebte es, in meinem Sonntagskleid mit meiner Familie in die Bibelstunden der Stadtmission zu gehen (auch wenn ich dabei manches Mal auf dem Schoß meiner Mutter einschlief). Ich liebte die alten Lieder. Ich liebte die Monatsstunden, zu denen aus allen Dörfern die Pietisten zusammenströmten, um Gemeinschaft miteinander zu haben und als Laien einen Bibeltext auszulegen. Ich ließ mir keine Evangelisation entgehen. Mit sieben Jahren bekam ich auf meinen Wunsch zu Weihnachten die Stuttgarter Jubiläumsbibel geschenkt, die ich wegen ihrer Anmerkungen so interessant fand, und lernte Altdeutsch zu lesen, damit ich täglich Gottes Wort studieren konnte. Bald hatte ich die Bibel zum ersten Mal ganz durchgelesen. Ich war überhaupt ein lesebegieriges Kind und las insbesondere alle geistlichen Schriften, die nur irgend verfügbar waren. Ich beschäftigte mich mit den Biographien geistlicher Führer, las Predigten und Auslegungen, und alles mögliche über Nachfolge und Heiligung. Ich betete täglich persönlich zu Jesus. Und natürlich wollte ich Missionarin werden!

Als ich mit 12 Jahren auf einer Jungscharfreizeit war, verliebte ich mich in eine Teilnehmerin. In mir stürmte es: ich fühlte, dass all meine Herzenssehnsucht, all mein Verlangen dahin ging, eine liebevolle, intime Verbindung zu diesem Mädchen (und wie ich spürte: nur zu einem Mädchen) einzugehen. Zugleich sagte etwas in mir: das durfte nicht sein. Obwohl ich noch nie etwas über Homosexualität gehört hatte und niemanden kannte, der homosexuell war — es war Anfang der siebziger Jahre -, erschien mir klar, dass dies für mich als Christin nicht in Frage kam: wenn überhaupt Sexualität gelebt werden durfte, dann innerhalb der Ehe — das war ich lange genug gelehrt worden. Ich hoffte, dass es eine vorübergehende Phase sei, was sich aber nicht bestätigte. Somit entschloss ich mich früh, lebenslang ein zölibatäres Leben zu leben. Nie kam ich auf die Idee zu versuchen, heterosexuell zu werden — ich fühlte, dass ich bis in meinen Kern kongruent war mit meiner Sehnsucht nach einem anderen Mädchen, dass meine homosexuellen Gefühle ganz und gar mit mir als Person stimmig waren, und ich wollte kein unwahrhaftiges Leben führen, indem ich mit einem Jungen eine Verbindung einging.

So lebte ich mein Leben als Christin. Ich war eine vorbildliche Schülerin, die den Respekt der LehrerInnen und KlassenkameradInnen hatte, engagierte mich im Schulchor und Schulorchester, und mit 15 Jahren baute ich in meiner Kleinstadt eine Mädchenjungschar auf. Dies tat ich in meiner gewissenhaften Art und engagierte mich 10 Jahre lang mit Eifer und Hingabe für die missionarische Kinderarbeit.

Als ich mein Studium an der nahegelegenen Universität aufnahm, sah ich erstmals, wie zwei Studentinnen einander innig küssten — es war ein Moment, in dem ich vor Sehnsucht ohnmächtig zu werden glaubte. Ich fühlte, wie sehr ich das auch wollte. Und ich traf erneut die Entscheidung, dass mir das als Christin nicht erlaubt sei, und zusätzlich fiel in mir der Entschluß, diese so mächtigen Gefühle in mir zu unterdrücken. Dies gelang ausgezeichnet — so gut, dass ich in den fünf Jahren an der Universität schließlich auch keine anderen Gefühle mehr in mir fühlte und selbst beim Tod meines Vaters nicht weinen konnte. Stattdessen stürzte ich mich in die Wissenschaften und studierte voller Eifer.

Nach dem Studium gab ich ein Jahr meines Lebens Gott und arbeitete in einem missionarischen Projekt. In diesem Jahr nahm ich erstmals in meinem Leben Seelsorge, unter anderem deswegen, weil ich nicht mehr weinen konnte, und was dann geschah, erfüllte mich mit Entsetzen: ich wurde innerlich deutlich heil, ich erlebte Heilung in meinem Gottesbild, ich konnte auch wieder weinen — und ich verliebte mich in eine Frau! Ich wollte aber keine Lesbe sein! Nicht allein das Wort Lesbe schüttelte mich, sondern auch in meiner Vorstellungswelt waren Lesben hart, männlich, rechthaberisch und lebten promisk - und so wollte ich einfach nicht sein! Dass viele Lesben nicht von heterosexuellen Frauen zu unterscheiden sind und einfach ganz normal leben, wusste ich damals noch nicht ...

Mein Konflikt, mich ganz und gar und wahrhaftig nur zu Frauen mit Seele und Leib hingezogen zu fühlen, und dies als Christin nicht leben zu wollen und zu dürfen, ließ mich psychosomatisch schwer erkranken und führte mich in jahrelange Psychotherapien. Ich wollte wissen, wie meine innere Wahrheit wirklich ist, und um sicherzustellen, dass ich nicht manipuliert würde, suchte ich mir verheiratete heterosexuelle Therapeutinnen.

Irgendwann begann ich nach vielen inneren Kämpfen eine Liebesbeziehung mit einer Frau. Ich konnte nicht mehr zölibatär leben, meine Identität leugnen. Ich hatte das Gefühl, in dieser Beziehung endlich nach Hause zu kommen, endlich das zu leben, was ich war, wonach mein ganzes Sein dürstete. Ein steiniger Weg der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Lesbe, mit dem ich mich lange nicht oder nur mit großer Scham identifizieren konnte, folgte. Voller Schmerz erlebte ich, dass ich so vieles verlor, was mir kostbar war: Ich konnte nicht mehr in meine geliebte Gemeinde gehen, weil sie mich vermutlich verstoßen würde. Ich fürchtete auch, von Gott verstoßen zu werden. Es war ein einsamer Weg, den ich beschritt. Auch meinen christlichen Freunden traute ich nicht zu, dass sie zu mir halten würden, wenn ich wagte, als Lesbe zu leben.

Diese großen Verluste bezahlte ich nicht allein mit Krankheit, sondern auch mit depressiven Verstimmungen.

Durch die Liebe meiner Freundin heilte jedoch über die Jahre mein Gottesbild. Erstmals erlebte ich vollkommene Annahme und Bejahung. In der Liebe meiner Freundin bekam ich einen Geschmack der Güte und Liebe Gottes. Als ich schließlich Frieden fand mit meinem Weg als Lesbe und Christin, verschwanden Krankheit und Depression.

Seit Jahren bin ich gesund und kann nun sagen: ich bin Lesbe und ich liebe Jesus. Ohne ihn kann und möchte ich nicht leben. Voller Dankbarkeit erlebe ich, wie Gott mir in meiner Zwischenraum-Regionalgruppe neue Glaubensgeschwister geschenkt hat, mit denen ich IHN loben und preisen und mein Leben ihm hingeben kann.

Als persönliche Gnade erlebe ich, dass ich von meinen Eltern den Zweitnamen Ruth erhalten habe: es ist die Zusage Gottes für mich, dass ER selbst Menschen, die wie Ruth ursprünglich nicht zum Volk Gottes gehörten, in seine Segenslinie aufnimmt, weil ich zu ihm gekommen bin, "um unter seinen Flügeln Zuflucht zu suchen" (Ruth 2, 12).

© 2005 Harriet

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