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Das kleine schwarze Schaf

In mitten einer großen Schafherde mit vielen, vielen weißen Schafen lebte ein kleines schwarzes Schaf. Das fiel natürlich auf - das arme kleine schwarze Schaf konnte machen, was es wollte, es fiel immer auf, es wirkte wie ein Stück Kohle im Schnee. Nun gut, nicht gerade frischgefallener Schnee, denn die weißen Schafe waren nicht mehr wirklich weiß, das Leben im Freien hinterließ natürlich seine Spuren. Aber dennoch, auch gegen das schmutzige Weiß der weißen Schafe hob sich das kleine schwarze Schaf ab, ob es nun wollte oder nicht, es konnte nichts dagegen machen. Wo es auch hin ging - es konnte sicher sein, dass es auffiel.

Die Schafherde wurde von einem Hirten geführt - und der war ein sehr guter Hirte. Er führte sie immer auf beste Weiden mit frischem, grünen Gras, sorgte immer dafür, dass ein Bach oder ein See in der Nähe war, so dass die Schafe nie Durst oder Hunger leiden mussten. Und mit seinem Stab verjagte er alles Böse, nie kam ein Wolf, nie ein Bär in die Nähe der Herde, seinem wachsamen Blick entging nichts. Ach, was war das für ein sicheres Leben unter dem wachsamen Blick des Hirten! Und er liebte seine Schafe, das war sicher. Er redete mit ihnen und bisweilen sang er ihnen auch etwas vor. Alle Schafe kannten die Stimme des Hirten ganz genau und sie liebten ihren Hirten.

Einmal war ein Schaf verloren gegangen, keiner wusste, wie es geschehen konnte, aber plötzlich war es weg. Der Hirte zählte seine Schafe jeden Morgen und so bemerkte er bald das Fehlen. Er überlegte nicht lange: "Hört zu" sagte er zu den Schafen. "Ihr seid so viele und das verlorene Schaf ist ganz allein. Ich muss es suchen gehen! Euch wird nichts passieren, wenn ihr zusammen bleibt, denn meine Hunde werden auf euch aufpassen." Mit diesen Worten lief der Hirte davon, das Schaf zu suchen, und tatsächlich, er fand es, am Nachmittag kehrte er zurück, das Schaf auf den Schultern, und wie freute er sich, dass er es wiedergefunden hatte! Er freute sich so sehr, dass er nicht ein Wort des Vorwurfs an das kleine verlorene Schaf richtete - er setzte es nur vorsichtig ab und ermahnte es, recht gut auf zu passen, dass es nicht noch einmal abhanden käme, weil er es doch so sehr liebe, das war alles.

Oh ja, es war ein guter Hirte und jedes Schaf kannte seine Stimme ganz genau, auch das kleine schwarze Schaf. Wenn der Hirte am Morgen seine Herde begrüßte und fragte, ob sie auch eine gute Nacht gehabt hätten, dann antwortete ihm ein vielstimmiges Blöken und Meckern, und das kleine schwarze Schaf blökte eifrig mit. Ja, es war ein gutes Leben in der Schafherde unter dem liebevollen, wachsamen Blick des Hirten!

Aber dann fing es irgendwann an. Das kleine schwarze Schaf hatte sich notgedrungen daran gewöhnt, aufzufallen, es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Aber irgendwann spürte es, dass es mehr als auffiel. Die anderen, weißen Schafe begannen, über das schwarze Schaf her zu ziehen - wie es denn überhaupt käme, dass ein schwarzes Schaf bei ihnen mitlaufe? Wo sie doch alle weiß wären? Das sei doch höchst seltsam. Und es ging weiter. Irgendwann fing eines der weißen Schafe an und fragte das schwarze Schaf, ob es die Stimme des Hirten eigentlich auch so hören könne wie die weißen - denn eigentlich, wenn man es genau überlegen würde, wäre es doch schlicht und ergreifend unmöglich, als schwarzes Schaf die Stimme des Hirten so zu hören wie ein weißes Schaf.

Das kleine schwarze Schaf erschrak. Darüber hatte es noch nie nachgedacht! Es hörte doch einfach die Stimme des Hirten und antwortete ihm und liebte ihn! Aber einmal ausgesprochen, war der Verdacht da: das kleine schwarze Schaf könne die Stimme des Hirten unmöglich so hören wie die anderen, und einmal ausgesprochen, wurde dieser Verdacht für die weißen Schafe zur Gewissheit. Es war einfach unmöglich.

Das kleine schwarze Schaf wusste nicht, wie ihm geschah. Es hörte doch die Stimme des Hirten! Aber es war das einzige schwarze Schaf und alle anderen waren weiß und so viele - was war, wenn sie recht hatten? Wenn es die Stimme des Hirten doch noch nie richtig gehört hätte? Wenn das alles nur Einbildung gewesen war? Das kleine schwarze Schaf wurde unsicher. Als der Hirte am nächsten Morgen die Herde begrüßte, lauschte es verzweifelt – doch, es hörte die Stimme seines Herrn! Aber rings um es herum begannen die anderen Schafe so laut zu blöken, dass kurze Zeit später tatsächlich die Stimme des Hirten nicht mehr hören konnte, so sehr es auch den Kopf reckte und drehte. Und so ging es weiter - sobald der Hirte mit der Herde sprach, begannen die anderen Schafe zu blöken: "Du kannst ihn nicht hören, kleines schwarzes Schaf, du kannst ihn nicht hören, weil du schwarz bist!"

Das kleine schwarze Schaf war ja noch nie besonders begeistert über seine Schwärze gewesen. Aber nun wurde es völlig verzweifelt, das Gras wollte nicht mehr schmecken, das Wasser stillte den Durst nicht mehr - oh, wenn es nur weiß werden könnte! Aber es hatte kein Ahnung, wie es das anstellen könnte, es konnte sich in den Regen stellen, wie es wollte, die schwarze Farbe blieb drin, da half gar nichts.

Das kleine schwarze Schaf wurde immer verzweifelter, es hob den Kopf gar nicht mehr hoch und trottete nur noch einsam und allein hinter der Herde her. Und nicht einmal der Hirte konnte ihm helfen, denn schließlich war es ja schwarz, was sollte es dann beim Hirten?

Doch eines Tages geschah ein kleines Wunder. Das kleine schwarze Schaf hob den Kopf schon gar nicht mehr hoch, es stolperte fast blind hinter der Herde her und so war es kein Wunder, dass es eines Morgens mit einem anderen Schaf zusammen stieß, so sehr, dass es hinfiel. Es schloss die Augen und wollte sterben. Und es erwartete nur noch, ausgeschimpft zu werden. Aber es kam kein Schimpfen! Stattdessen blökte jemand neben ihm aufgeregt und fröhlich los: " Nein, das gibt es ja gar nicht, du bist ja auch schwarz!" Das kleine schwarze Schaf öffnete vor Schreck die Augen - und tatsächlich, das Schaf, in das es hinein gestolpert war, war schwarz - genauso kohlrabenschwarz wie es selbst. Oh Wunder! Das kleine schwarze Schaf war so schnell auf den Beinen wie schon lange nicht mehr. Aufgeregt begrüßte es das andere kleine schwarze Schaf. So gut hatte es sich noch nie mit einem Schaf verstanden wie mit diesem - und sie stellten schnell fest, dass sie beide einsam und traurig gewesen waren, dass ihnen beiden gesagt worden war, dass sie nicht so sein dürften, wie sie waren und vor allem, das Schlimmste, dass sie die Stimme des Hirten so nicht hören könnten, wie sie waren. Als sie so weit waren, schauten sie sich ratlos an. "Glaubst du das?" fragte das kleine schwarze Schaf das andere. "Früher, da war ich mir immer sicher, dass ich seine Stimme hören würde, denn schließlich gehöre ich zu seiner Herde! Aber als die anderen damit anfingen, da wurde ich so unsicher, die anderen haben so laut geblökt, und nun weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll, wenn es einmal still ist und der Hirte etwas sagt - ob ich ihn wirklich höre oder ob ich mir das nur einbilde". Das andere schwarze Schaf nickte bestätigend. Ja, so ging es ihm auch. Und dieser große Kummer ergriff sie beide und darüber wäre fast die Freude vergangen, jemand gefunden zu haben, der genauso war wie sie selbst. Aber nur fast, denn von nun an hatten sie es doch leichter, sie gingen zusammen, fielen nun erst recht auf - aber gemeinsam war es doch einfacher.

Und als der Hirte das nächste Mal sein Wort an die Herde richtete, da lauschten sie einträchtig nebeneinander. Neben ihnen blökten die anderen Schafe wie immer, aber nun war das kleine schwarze Schaf nicht mehr völlig umringt von den weißen Schafen, denn an seiner rechten Seite stand, ebenfalls lauschend, ein anderes schwarzes Schaf - und so konnte das kleine schwarze Schaf mit seinem rechten Ohr den Hirten etwas hören, und dem anderen schwarzen Schaf ging es genauso, nur dass es mit dem linken Ohr etwas hörte. Die beiden schwarzen Schafe sahen sich an und wagten ein Lächeln. "Hast du das auch gehört?" flüsterte das andere schwarze Schaf dem kleinen schwarzen Schaf zu, und das nickte aufgeregt. Ja, das war die Stimme des Hirten, die da durch das Geblöke drang, so, wie sie sie Erinnerung gehabt hatte.

Die anderen Schafe hatten das mitbekommen und fingen noch viel lauter an zu blöken: " Das ist unmöglich, ihr seid schwarz! Ihr könnt den Hirten nicht richtig hören!". Die beiden kleinen schwarzen Schafe sahen sich erneut an, Unsicherheit wollte sie wieder beschleichen. Aber da begann das andere kleine schwarze Schaf plötzlich zu grinsen. "Also, wenn ich ein weißes Schaf wäre, dann könnte ich auch nichts hören, bei diesem Lärm hier!" sagte es zu dem kleinen schwarzen Schaf, und das grinste plötzlich auch, ganz breit, von einen Ohr zum anderen, denn die Ahnung, die da ihn ihm aufstieg, die war so wunderbar, so...

Und dann hatte es eine Idee. "Komm mit!" sagte es zu dem anderen schwarzen Schaf und dann boxte es sich energisch nach vorne. Das andere schwarze Schaf folgte ihm, etwas perplex - aber dann verstand es, wohin das kleine schwarze Schaf wollte. Natürlich! Warum hatten sie das nicht schon lange getan? Gemeinsam drängten sie vorwärts, beseelt von neuem Mut, und wenn es nicht gleich Platz gab, dann boxten sie sich eben durch - etwas ganz neues, denn so etwas hatte sich das kleine schwarze Schaf noch nie zuvor getraut.

Endlich hatten sie es geschafft. Atemlos standen sie direkt vor dem Hirten, und plötzlich wurden sie wieder unsicher. Gehörte sich das denn, sich so nach vorne zu drängen, zum Hirten hin? Sie trauten sich beide erst gar nicht, auf zu schauen. Aber der Hirte machte es ihnen leicht. "Endlich! Meine lieben schwarzen Schafe!" sagte er lächelnd, legte seinen Stab beiseite und begann die beiden kleinen schwarzen Schafe hinter dem Ohr zu kraulen. Oh, war das schön! Noch nie zu vor hatte das jemand für sie getan. Die beiden schwarzen Schafe blickten auf, geradewegs in das verständnisvolle und frohe Lächeln des Hirten.

"Ich habe euch schon lange vermisst und euch gerufen, aber ihr ward immer so weit hinten, dass ihr mich nicht hören konntet - kein Wunder, bei dem ganzen Geblöke um euch herum. Denn selbst wenn ich der Hirte bin, bin ich doch in diesem Fall machtlos, denn wenn ein Schaf meine Stimme nicht hört und nicht von selbst zu mir kommt, dann kann ich es nicht erreichen, bei den vielen Schafen, die davor sind. Aber nun seid ihr von selbst gekommen und alles ist gut - ihr werdet in Zukunft keine Zweifel mehr daran haben, dass es meine Stimme ist, die ihr hört".

Der Hirte kraulte die beiden schwarzen Schafe noch einmal, dann schickte er sie mit einem liebevollen Klaps wieder in die Herde zurück. Die beiden kleinen schwarzen Schafe sahen sich glücklich an - es störte sie nicht mehr länger, dass sie schwarz waren. Wenn ein weißes Schaf zu ihnen sagen wollte, dass sie die Stimme des Hirten ja wohl nicht richtig hören könnten, als schwarze Schafe - dann lächelten sie nur, denn in ihrem Herzen wussten sie, dass auch sie Schafe des Hirten waren und seine Stimmte genau kannten! Und wenn die weißen Schafe gar keine Ruhe gaben, dann sagten sie manchmal, dass die weißen Schafe mit all ihrem Geblöke aufpassen sollten, dass sie selbst die Stimme des Hirten nicht mehr hören könnten... natürlich half das nicht wirklich, aber es war auch nicht so wichtig - denn das Wichtigste war, dass die beiden kleinen schwarzen Schafe von nun an für sich selbst absolut sicher waren, die Stimme ihres geliebten Hirten zu hören, und vorsichtshalber passten sie auf, dass sie nicht allzuweit zurück fielen in der Herde, denn sie hatten begriffen, dass es für kleine schwarze Schafe in einer Herde voller weißer besonders wichtig war, in der Nähe des Herrn zu bleiben.

© 2006 Madlen Dörr

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