Christsein und LSBT

Was wäre wenn…

Eigentlich führen mein Mann und ich eine ganz normale Ehe. Tiefpunkte in meinem Leben haben uns in unserer Beziehung nur noch enger zueinander geführt. Unser unerfüllt gebliebener Kinderwunsch, die Zeit meiner Erkrankung an Brustkrebs und die anschließende Arbeitslosigkeit. In diesen Krisenzeiten war mir mein Mann ein starker und zuverlässiger Partner und unsere Liebe ist dabei gewachsen und hat Tiefgang bekommen. Das Schlimmste, das mir begegnen könnte, wäre eine Trennung von meinem Mann. Und doch gibt es da dieses „eigentlich.“ Mein Mann ist transident. Schon seit seiner Kindheit. Schon als wir uns kennen und lieben lernten, hat sich mein Mann mir anvertraut. Wir kannten das Wort „transident“ noch nicht, wir hatten dafür kein Wort. „Transvestit“, laut Duden „etwas Perverses“, passte nicht, das fühlten wir. Aber das, was mein Mann fühlte, passte auch nicht in unser christlich geprägtes Bild hinein. Es folgten Jahre, in denen wir versucht haben, „es“ loszuwerden – bis hin zur Inanspruchnahme von Seelsorge und Lossage-Gebeten. Doch all unser Kämpfen und Fragen mündeten schließlich in die Erkenntnis: Innerlich empfindet mein Mann weiblich. Und möchte dies auch äußerlich so leben.

In seinem beruflichen Umfeld und unserer Gemeinde war das bisher für uns nicht vorstellbar, und so haben wir uns an ein Versteckspiel gewöhnt. Nur in der Freizeit oder im Urlaub lebt mein Mann seine Weiblichkeit als selbstsicher auftretende Frau und wird auch von der Umgebung als Frau wahrgenommen. Nach allem Ringen und Fragen weiß er, oder besser gesagt „sie“, sich heute in ihrem „innerlich gefühlten Frau sein“ von Gott geliebt und angenommen und begreift ihre weiblichen Anteile mehr und mehr als ein wunderbares Geschenk. Ich muss gestehen, wenn ich diese Zeilen schreibe, fällt es mir immer noch schwer, vom „er“ ins „sie“, vom männlichen „seine“ ins weibliche „ihre“ zu wechseln. Doch auch, wenn ich es mir manchmal anders wünsche: Ich weiß, dass mein Mann diese weiblichen Anteile hat und sich das nicht ändern wird. Es gehört zu ihm, zu ihr. Und ich liebe diese Person, auch mit ihren weiblichen Anteilen.

In den letzten Jahren haben wir endlich den Mut gefunden, anderen Christen unsere Geschichte mitzuteilen. Dass wir dabei bisher Annahme und Wertschätzung erfahren durften, ist für uns ein großes Geschenk und für mich eine Hilfe, nun nicht mehr allein zu stehen. Diese Christen unseres Vertrauens nehmen aber auch die große innere Traurigkeit und den Leidensdruck der von mir geliebten Person wahr, die ihre farbenfrohe, weibliche Seite in unserer Gemeinde verborgen hält, aus Rücksicht auf die anderen. Beruflich wird mein Mann in absehbarer Zeit in den Ruhestand treten – und damit eine größere Freiheit gewinnen. Aber wäre es auch denkbar, dass er / sie „Frau sein“ im Raum unserer Gemeinde leben könnte? Sich endlich so zeigen, wie er / sie wirklich ist? Wie wäre es also für uns, mit der sichtbar gelebten Transidentität meines Mannes einen Lebensraum in unserer Gemeinde haben zu dürfen? Nun, unsere Gemeindemitglieder würden eine farbenfrohe, modisch gekleidete, selbstsicher auftretende und herzlich zugewandte Frau erleben … warum eigentlich nicht? Und auch für mich wäre es ein großer Schritt in die Freiheit, wenn unsere Gemeinde uns ebenso annehmen würde, wie es einzelne Christen unseres Vertrauens schon tun. Als aktive und tief verwurzelte Christen erfahren wir in unserer Gemeinde große Wertschätzung. Warum sollte sich das ändern? Bisher haben wir uns von dem Gedanken leiten lassen: „Wir wollen unsere Gemeinde nicht überfordern.“ Aber kann es richtig sein, aus Rücksicht auf die anderen, ständig sein eigenes Sein zu verstecken?

Doch dann denke ich, wenn wir uns öffnen, könnte sich das wie eine Bombe auswirken, die explodiert – und dann sollte man nicht im Zentrum der Explosion stehen. Stünden wir aber. Wertschätzung könnte in Verachtung und Annahme in Ausgrenzung umschlagen. Nur, weil wir „Wahrheit“ leben möchten. Ja, diese Gefahr ist uns bewusst. Ablehnung und Ausgrenzung könnten uns wohl begegnen, müssten es aber nicht. Warum also könnte unser Traum nicht doch real gelebt werden? Was wäre wenn …