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"Sind wir an allem Schuld?"

Eltern nehmen Stellung zu den Thesen der Exgay-Bewegung über deren angebliche Rolle bei der "Entstehung" der Homosexualität ihrer Kinder.

Schwulsein ist normal

Die Exgay-Bewegung geht davon aus, Homosexualität sei eine heilbare neurotische Entwicklungsstörung.

Diese These enthält gleich drei falsche Aussagen.

Erstens ist Schwulsein keine Störung, sondern eine normale Lebensform.

Zweitens hat diese Lebensform nichts mit einer Neurose zu tun und darum gibt es

drittens nichts zu heilen.

Die Ursachen für die Homosexualität sieht diese Bewegung bei den Eltern - eine stark dominierende Mutter und/oder ein emotional nicht vorhandener Vater - oder bei einer Verführung im Jugendalter.

Wir haben einen schwulen Sohn, der nie verführt worden ist. Zum 50. Geburtstag seiner Mutter hat er geschrieben: "Ich bin stolz und glücklich, dass mir Eltern wie Ihr geschenkt worden sind".

Also Eltern als Geschenk und nicht als Bedrohung.

Unser Sohn erlebt auch seine Homosexualität durchaus positiv. Mit mir ist er der Meinung, diese Veranlagung sei zuinnerst und unlösbar mit der Persönlichkeit eines Menschen verknüpft. Sie ist ein Teil seiner Identität. Darum darf nicht von Unreife und gar von Krankheit gesprochen werden. Das käme einem Angriff auf die Menschenwürde gleich.

Aber nun gibt es Bibelstellen, in denen die Homosexualität verurteilt wird. Das stimmt; aber sie gehören nicht zu den zentralen Aussagen. In ihrem Kern ist die Bibel ein Aufruf zur Liebe. Aus Liebe wendet sich Gott uns Menschen zu und unser Auftrag ist es, diese Liebe weiterzugeben: Liebe deinen Nächsten, denn er ist ein Mensch wie du! Auch Lesben und Schwule sind unsere Mitmenschen. Es gibt unter ihnen Partnerschaften, die durch eine tiefe, Körper, Geist und Seele umfassende Liebe geprägt und getragen.

Es ist die Aufgabe der heterosexuell lebenden Mehrheit, die homosexuellen Menschen ernst zu nehmen. Das heißt erkennen und anerkennen, dass Homosexuelle nicht weniger, sondern andersbegabt sind als sie selber. Gerade Christen sollten sich dieser Menschen annehmen, sie schützen und für ihre Anliegen eintreten.

Seit 25 Jahren gibt es in der Schweiz regelmäßig Tagungen für Homosexuelle. Auch unser Sohn hat einige Jahre aktiv dabei mitgearbeitet. Diese Treffen sind entstanden mit dem Ziel, die Diskriminierung der Lesben und Schwulen zu überwinden. In den Gesprächen kam eine ganze Flut von uralten, tief im Volk verwurzelten Vorurteilen zum Vorschein. Das Bekenntnis zur Homosexualität kann die Stelle und den guten Ruf kosten. Man muss seine Lebensform geheim halten. Das löst viel Angst, Not und Einsamkeit aus.

Diese Tagungen haben auch gezeigt, wie fragwürdig die gesellschaftlichen und kirchlichen Normen zur Sexualfrage geworden sind. So öffneten diese Treffen einen Freiraum und machten Mut. Ein Mann hat nach seiner Heimreise geschrieben:

"Jetzt bin ich ein Mensch ohne Angst. Bitterkeit und Einsamkeit sind verschwunden. Ich spüre ein Gefühl der Frei heil, der Liebe und des Verstehens. Endlich kann ich mit anderen Menschen reden. Seligkeit und Ruhe sind in mir - ich kann das Wunder noch nicht fassen. Friede mit mir und meiner Umwelt..."

Diese Sätze sprechen für sich selbst und ich kann nur wünschen, dass sie anderen Mut machen, sich der Frage der Homosexualität zu stellen.

© 14.05.2001 Jakob Nussbaumer

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