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Die Bibel gefragt - wenn Kinder anders sind als ihre ElternWas fällt christlichen Eltern eines homosexuellen Kindes als erstes ein, wenn sie die Bibel um Rat fragen wollen, wie man sich seinem Kind gegenüber verhalten will? Insbesondere, wenn sie zu einer konservativen Gemeinde gehören, in der Homosexualität als Gräuel gilt? Denken sie womöglich zunächst an die furchtbare Forderung aus dem mosaischen Gesetz, einen "störrischen" Sohn zu verstoßen und dem Tod auszuliefern (Deut 21, 18f.)? Oder an die zahlreichen Ermahnungen der Sprüche Salomos, einen Sohn in strenge Zucht zu nehmen? Konsequente Härte in der Ablehnung scheint für viele tatsächlich die Quintessenz der biblischen Botschaft hierzu zu sein, die sie dann entweder mit aller Entschiedenheit vertreten, oder die sie ständig unter Druck setzt, ihr Kind nicht so annehmen zu dürfen, wie es ist (und erst recht seinem Partner mit äußerster Reserve zu begegnen). Auch Paulus verfaßte "Familienratgeber" (Eph. 6 und Kol. 3). Der Apostel stand sicher nicht in dem Ruf übergroßer Zimperlichkeit. Interessanterweise gilt seine Sorge hinsichtlich der Kinder aber nicht der Möglichkeit der Zuchtlosigkeit durch zu milde Erziehung der Eltern. Sondern im Gegenteil - er ermahnt die Väter, ihre Kinder nicht durch übermäßige Strenge zu entmutigen oder zur Rebellion zu reizen. Vielleicht erlebte er auf seinen Reisen einfach zu oft, daß christliche Eltern im Bemühen, ihre Kinder auf den rechten Weg zu bringen, eine zu kompromisslose Gangart fuhren? Nicht Kinder für die Eltern, sondern Eltern sollen für die Kinder Schätze sammeln, sagt Paulus an einer Stelle, womöglich zitiert er dabei ein Sprichwort seiner Zeit (2. Kor.12, 14). Welch größeren Schatz könnten Eltern (nicht nur ihren homosexuellen) Kindern mitgeben, als den vorbehaltloser Liebe und Annahme, und den des Geschenkes der Freiheit, auf einem Weg gehen zu dürfen, den man sich als Eltern vielleicht nicht gewünscht (den sich ihr Kind aber auch nicht ausgesucht!) hat? Gibt es biblische Vorbilder, die Eltern helfen können, die sich durch die Homosexualität ihres Sohnes, ihrer Tochter in einem Zwiespalt sehen zwischen ihrer Liebe zum Kind und der verurteilenden Haltung, die ihr christliches Umfeld einnimmt - und womöglich auch von ihnen fordert? Ich glaube ja - auch wenn es in den folgenden Beispielen natürlich nicht um Homosexualität geht. Aber Eltern, die durch ihre Kinder in schwere Konflikte gerieten und vor die Entscheidung für oder gegen ihre Kinder gestellt wurden, die gab es wohl zu allen Zeiten - und natürlich auch in der Bibel. Die Eltern des Blindgeborenen - haltet an eurem Kind fest! (Joh. 9)Jesus hat einen von Geburt an Blinden geheilt. An sich nichts besonderes. Doch die Heilung wurde am Sabbat vorgenommen - und dies galt als Arbeit, und Arbeit am Sabbat hatte Gott verboten, denn der Sabbat war ein heiliger Tag (Ex 20, 8-11). Und nicht nur das - Jesus hatte die Heilung mit der Anfertigung eines Teiges verbunden, den er dem Blinden auf die Augen legte - am Sabbat verboten (vgl. Ex. 16, 17). Dann hatte er dem Blinden auch noch befohlen, quer durch Jerusalem zu einem Teich zu laufen, und sich die Augen zu waschen. Die erlaubte sogenannte Sabbatmeile (ca. 950m) zu überschreiten, galt ebenfalls als Bruch des Sabbats. Die Schriftgelehrten und Pharisäer waren außer sich, und die meisten überzeugt, daß jemand, der so mit Gottes Gebot umging, ein Sünder sein musste, und schon auf gar keinen Fall der Messias sein konnte. Ihr erster Zorn entlädt sich über dem Geheilten, der ihnen aber recht unerschrocken antwortet, und sich das, was er mit Jesus erlebt hat, auf keinen Fall theologisch absprechen lassen will. So nehmen die Pharisäer als nächstes die Eltern des Blindgeborenen in die Zange. Die biblische Erzählung malt uns das Bild eines ziemlich verschreckten Paares vor Augen. Ob sie besonders fromm sind und der theologischen Argumentation der Schriftgelehrten zustimmen, bleibt offen. Auf jeden Fall aber schildert der Evangeliumstext, wie sie sich vor den geistlichen Autoritäten fürchten. Als sie unter Druck geraten, stellen sie sich nicht vor ihren Sohn (der als bisher Behinderter doch das schwächste Glied in der gesamten Konstellation war), sondern gehen auf Distanz zu ihm. Es ist leicht, über diese Eltern unwillig den Kopf zu schütteln. Aber man sollte auch nicht zu unbarmherzig über sie urteilen. Sie waren Angehörige einer Gesellschaft, in der Krankheit und alles von der Norm Abweichende als Folge von Sünde verstanden wurde. Wie oft mag sie die Eingangsfrage der Jünger bereits selbst gequält haben: "Wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, daß er blind geboren wurde?" (Joh. 9, 2) Vermutlich haben sie es nie fertiggebracht, auf ihren Sohn mit Stolz zu sehen, oder mit Freude von ihm erzählt wie andere Eltern von ihren Kindern. Immer hat ihnen dieser Sohn unter den Nachbarn und in der Synagoge als Makel angehaftet. Dabei schildert Johannes ihren Sohn recht warmherzig in seinen menschlichen Qualitäten als mutigen Mann, der, mit einem gewissen Mutterwitz begabt, den Schriftgelehrten noch eine Lektion erteilt und sich dankbar zu Jesus bekennt. Aber für die Frommen ist und bleibt er der, der "ganz und gar in Sünden geboren" (Joh. 9, 34) und damit unakzeptabel ist. Und diese Ausgrenzung bekommen seine Eltern mit zu spüren. Wie viele Eltern homosexueller Kinder erleben die Ablehnung der Homosexualität in ihrer Nachbarschaft und erst recht in ihren Gemeinden "hautnah", sind zutiefst verunsichert durch das, was geistliche Autoritäten ihnen gegenüber vertreten und quälen sich mit der Frage, ob sie als Eltern Schuld haben an der angeblich "sündigen" Entwicklung ihrer Kinder. Ich wünsche allen Eltern in dieser Situation den Mut des Geheilten, die er an seinen eigenen Eltern schmerzlich vermissen musste. Die Unerschrockenheit, sich zu ihrem Sohn zu stellen, was immer die geistlichen Autoritäten ihrer Zeit auch für Vorstellungen über Sünde vertreten mochten. Den wertschätzenden Blick für ihren Sohn als Mensch, unabhängig von dem Urteil, das eine rechtschaffene Gesellschaft bereits über ihn gefällt hat. Das unverbrüchliche Festhalten an dem, den sie lieben, weil er ihr Kind ist. Mose : Eltern - lasst euer Kind los! (Ex. 1)Johebed und Amram waren die Eltern des Mose, Aaarons und Miriams. Genau genommen erzählt die Bibel eigentlich nur von dem, was Jochebed tat, man sollte aber wohl annehmen, daß Amram auch seinen Anteil daran hatte (vgl. Hebr. 11, 23), zumindest jedoch mit ihrem Handeln einverstanden war. Moses Eltern gehörten zu einem unterdrückten Volk, und die Weltmacht und sogenannte "Kulturnation" Ägypten, unter deren Herrschaft sie standen, hatte, um sich ihre Vormachtsstellung zu sichern, ein neues, unmenschliches Gebot ersonnen: alle männlichen Kinder der Israeliten sollten gleich nach der Geburt getötet werden. Als Jochebed ihren zweiten Sohn, Mose, gebar, wäre sie durch keine Weltmacht und keine Macht der Welt dazu zu bewegen gewesen, ihren Sohn preiszugeben. Drei Monate versteckte sie ihn, aber irgendwann kam die Zeit, wo dies nicht mehr möglich war. Da traf Jochebed einen mutigen und folgenreichen Entschluß. Sie setzte das Kind in einem schwimmenden Korb auf dem Nil aus und ließ diesen auf den Pharaonenpalast zutreiben. Dort wurde das Kind von einer ägyptischen Prinzessin aus dem Wasser gefischt und an Sohnes statt adoptiert. Mit einer List gelang es Jochebed, als Amme ihres eigenen Sohnes engagiert zu werden, so daß sie Mose noch eine Weile bei sich behalten konnte, bis endgültig der Zeitpunkt kam, in der sie Mose an den Hof zurückbringen musste, wo er als ägyptischer Prinz aufwuchs. Versuchen wir, uns die Situation zu vergegenwärtigen: Die Israeliten lebten, abgesehen von den Stunden, die sie als Fronarbeiter an ägyptischen Großbaustellen schufteten, abgesondert für sich nach den Sitten und Gebräuchen ihrer Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Von den Ägyptern wurden sie etwas verächtlich angesehen als unkultiviertes Volk (vgl. Gen 43, 32 und 46,34). Die Israeliten wiederum dürften für ihre Unterdrücker, deren seltsame Sitten und ihre zahlreichen Götzenbilder wenig Sympathie empfunden haben, und hielten sie nebenbei offensichtlich für ziemlich verweichlicht (vgl. Ex 1, 19). Es muß Jochebed unendlich schwer gefallen sein, ihren Sohn nicht nur für sich zu verlieren, sondern ihn auch noch einer für sie völlig fremden Welt zu überlassen. Welche Berührungsängste mag sie überwunden haben, als sie sich das erste Mal und wiederholt an den ägyptischen Hof begab, um ihrem Sohn nahe zu sein, und ihn doch gleichzeitig loszugeben an diesen Ort, den sie sicher mit Argwohn betrachtete und an dem sie vieles missbilligen mochte. Was mag in ihr vorgegangen sein, als sie Mose heranwachsen sah, als er ihr zwangsläufig immer fremder werden musste, ohne daß sie je als dessen Mutter in Erscheinung treten und auf ihn Einfluß nehmen durfte? Es war wohl die Liebe zu ihrem Sohn und ein tiefes Vertrauen in Gott, das sie dabei trug. War denn das richtig, was sie getan hatte? Hätte sie ihren Sohn nicht lieber in den Tod geben sollen, als in die Hände ihrer Unterdrücker, in diesen "Sündenpfuhl" von Königspalast unter den Einfluß der gotteslästerlichen Diener hunderter von Götzen in Tiergestalt, ganz abgesehen davon, daß sich dieser Pharao selbst als Gott verehren ließ? Lieber tot als Thot - das wäre wohl moralisch auf den ersten Blick sehr heroisch gewesen. Aber es hätte die Israeliten ihres späteren Führers und Befreiers beraubt, mit dem Gott seine ganz wundersam geplante Geschichte hatte! Und nebenbei bemerkt, waren es sicher nicht zuletzt viele Kenntnisse, die er sich als Ägypter erwarb, die ihn erst fähig dazu machten, seine Rolle an der Spitze eines ganzen Volkes auch einzunehmen. Was heißt dies alles für uns?Nicht allen Eltern mit einem frommen Hintergrund ist es vergönnt, daß auch ihre Kinder ein christliches Leben führen wollen, das ist schon im heterosexuellen Bereich so. Wie viel seltener mag es vorkommen, daß ihr homosexuelles Kind so ohne weiteres den Weg zu einem aufrechten Christsein innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft findet, wo es in den meisten Gemeinden vor allem Ausgrenzung und Missbilligung erleben dürfte. Was tun fromme Eltern, wenn ihr Kind dann andere Wege geht, auf denen es unter seinesgleichen ist - wenn der Sohn sich in der Szenekneipe wohler fühlt als im Jugendkreis, die Tochter sich in einer Homosexuellengruppe engagiert statt in der Jungschar ?? Wenn sie sich als Eltern mit einer Welt konfrontiert sehen, die ihnen fremdartig und suspekt erscheint, und die in ihrer Gemeinde ohnehin verteufelt wird? Mögen sie es Jochebed nachmachen. Sie ließ ihren Sohn los in eine Welt, die ihr Angst machte, eine Welt, die nicht die ihre war, ja, die ihr den Sohn geradezu wegzunehmen schien. Sie tat Schritte in diese Welt hinein, von denen sie sich zuvor nicht hätte träumen lassen. Und sie lernte vermutlich auch dabei, daß in dieser "fremden" Welt sehr wohl Menschen zuhause waren, die ein Herz besaßen und das Rechte zu tun wussten! All das tat sie aus Liebe zu ihrem Sohn. Sie ließ ihn los, gerade weil sie festhielt an ihm. Sie tat es in tiefem Vertrauen auf Gott und auf seinen Weg mit ihrem Sohn, der ihn schließlich zum Führer ihres Volkes machen sollte. Mose mochte als ein ägyptischer Prinz aufwachsen - keine Macht der Welt sollte etwas daran ändern, daß er für sie ihr Sohn blieb. Die Eltern des Boas - nehmt auf, was euch fremd ist (Ruth 4)Ich muß natürlich zugeben - dieses Elternpaar ist ein wenig spekulativ, da es in der Bibel gar nicht explizit erwähnt wird. Aber ich glaube, es wird stellvertretend recht gut repräsentiert durch die Ältesten der Stadt Bethlehem und die Freundinnen der Naomi, der Schwiegermutter von Ruth, Boas' Frau. Die Geschichte von Boas und Ruth ist eine der wenigen romantischen Geschichten der Bibel. Und doch ist die Partnerfindung, die dort stattfand, eigentlich ein Unding! Ruth stammte aus dem Volk der Moabiter. Sie hatte den Juden Machlon geheiratet, der wegen einer Hungersnot aus Israel nach Moab ausgewandert war. Nach dem Tod ihres Mannes folgte sie ihrer Schwiegermutter Naomi, die nach Israel zurückkehrte, und siedelte sich mit ihr in deren Heimatstadt Bethlehem an. Dort lebte Naomis Verwandter Boas, ein angesehener und wohlhabender Mann. Nach dem mosaischen Gesetz war er für Naomis Familie ein "Löser", und damit zur sogenannten "Leviratsehe" mit einer Witwe dieser Familie verpflichtet, um an Stelle des Verstorbenen dafür zu sorgen, daß dessen Geschlecht nicht ausstarb. In dieser Eigenschaft heiratet Boas Ruth, in die er sich, wie die Geschichte durchblicken lässt, aber auch ziemlich verliebt hatte. Also eine wahrhaft "gesetzeskonforme" Ehe? Keineswegs. Das, was Boas an Wort Gottes besaß, die Gesetzbücher Mose, verboten eine solche Beziehung strikt, und dieses Verbot wog auch mehr als die Leviratsverpflichtung. Die Heirat mit Angehörigen fremder Völker war Israeliten ohnehin streng untersagt. Nun gehörte Ruth aber nicht nur zu irgendeiner Nation, die in Israel immer noch als "Fremdlinge" leben konnten, sondern war als Moabiterin jemand, für den im Gesetz die Aufnahme in die engere Volksgemeinschaft Israels unter allen Umständen ausgeschlossen wurde (nicht einmal Friedens- und Freundschaftsverträge mit Moabitern waren erlaubt - Deut23,4-8). Dies ging auf die feindselige Haltung der Moabiter gegenüber den Israeliten während ihrer Wüstenwanderung zurück, als der Moabiterkönig Balak sogar einen Magier gedungen hatte, der die Israeliten mit einem mächtigen Fluch belegen sollte, und sie schließlich mit einer List zum Götzendienst und zum Abfall von Gott verführte (Num 22-23). Die Erinnerung an diese Ereignisse waren zu Ruths Zeiten noch recht frisch in Israel präsent (vgl. Ri 11, 25) und sicher auch Gottes daraus resultierendes Verbot. Vielleicht hatten sich Boas' Eltern schon Sorgen gemacht, weil Boas nicht mehr der Jüngste war und trotzdem noch keine Frau hatte, wie es üblich war. Aber was mögen sie gedacht haben, als er ihnen eröffnete, daß er ausgerechnet eine Moabiterin zu heiraten gedachte? Gab es nicht genügend Mädchen in Bethlehem? Konnte er nicht eine Israelitin heiraten, wie alle anderen auch (vgl. Ri 14, 3)? Christliche Eltern, die sich statt der erhofften Schwiegertochter mit dem männlichen Partner ihres Sohnes konfrontiert sehen (oder der Freundin ihrer Tochter) können sich mit einer solchen Fragestellung sicher unschwer identifizieren. Viele können oder wollen einen homosexuellen Lebenspartner ihres Kindes nicht akzeptieren, oder sehen sich, vielleicht trotz menschlicher Sympathie, zu einer distanzierten Haltung aus Glaubensgründen verpflichtet. Aber verpflichtet sie die Bibel denn wirklich, einen Menschen, den ihr Kind liebt, außen vor zu lassen? Boas war offenkundig ein frommer Mann und seine Eltern vermutlich auch, als deren Stellvertreter ich, wie gesagt, in der Ruth-Erzählung die Stadtältesten und die Frauen um Naomi sehe. Dennoch erwägt keiner der im Glauben verwurzelten Beteiligten, Ruth wegen ihrer "verfluchten" Herkunft, die den Israeliten eigentlich eine Art "Gräuel" sein sollte, aus Bethlehem zu verweisen oder ihr die Heirat mit Boas zu verweigern. Für Boas spielt Ruths moralische Integrität, ihre Liebe und Treue zu Naomi und ihre Offenheit für den Gott Israels die entscheidende Rolle, nicht ihre Herkunft (Ruth 2, 11.12 und 3, 10). Die Ältesten - als Repräsentanten des Vaters - erteilen dem Paar ihren herzlichen Segen. Der Wortlaut des Segens spielt bereits schon wieder auf eine außergewöhnliche (übrigens haarsträubend sittenwidrige!) Beziehung an: "Dein Haus gleiche dem des Perez, den Tamar dem Juda gebar!" (Ruth 4, 12) Perez, ein vorzeitlicher Held und Stammvater der Familie des Boas, entstammte auch einer Leviratsverbindung - die allerdings unter höchst anrüchigen Bedingungen zustande kam, da Tamar eigentlich die Schwiegertochter Judas war, der wiederum glaubte, eine Nacht mit einer Prostituierten zu verbringen. Die Ältesten spielen mit ihrem Segen also bereits darauf an, daß die Frage, ob ein Mensch allen Kriterien der Gebote entspricht, offenbar nicht so entscheidend dafür ist, ob Gott mit ihm seine Geschichte haben und Geschichte machen will oder nicht. Es ist Gottes freie Entscheidung, sich einem Menschen zuzuwenden, erst recht einem Menschen, der zu ihm kommt, um sich "unter seinen Flügeln zu bergen" (Ruth 2, 12) wie Ruth - selbst wenn es ein Mensch ist, der vor Gottes eigenem Gesetz als Ausgeschlossener gilt. Naomis Freundinnen - als Vertreter der mütterlichen Seite - haben Boas' Braut längst in ihr Herz geschlossen. Sie sehen wohl das Unkonventionelle an dieser Familienkonstellation, doch sie schätzen an Ruth ihre Liebe und Treue zu Naomi, und bewerten dies höher als alles andere: Ruth ist für sie nicht aufgrund ihrer Abstammung ein Gräuel, sondern Naomis "Schwiegertochter, die dich liebt, ...sie, die mehr wert ist als sieben Söhne". Ich finde diese "Väter" und "Mütter" aus Bethlehem bemerkenswert! Sie bleiben nicht an einem Vorurteil oder einer vorgefassten Meinung über Moabiter hängen, sondern sehen den Menschen, der ihnen dort entgegentritt - und sie begegnen diesem Menschen mit Offenheit und Wertschätzung. Der elterliche Segen, den die Bethlehemiter der Beziehung zwischen Boas und Ruth erteilen, tritt zwar in Widerspruch zum Wortlaut des Gesetzes, aber nicht in Widerspruch zum Segen Gottes selber: Boas und Ruth werden nach seinem Willen die Stammeltern der ganz Großen des jüdischen Volkes: des Königs David und letztlich auch des Messias Jesus Christus. Die Botschaft aller drei Beispiele ist die gleiche: Konvention und Angst vor Autoritäten sollten Eltern niemals den Blick dafür verstellen und verstellen dürfen, daß ihr Kind ihr Kind ist, dem ihre unverbrüchliche Liebe gehört. Diese Liebe lässt sie ihr Kind seinen eigenen Weg finden und weiß diesen Weg gleichzeitig in Gottes Führung aufgehoben. Keinen größeren Schatz können Eltern ihren Kindern auf den Weg geben als diese Liebe und dieses Vertrauen auf den, der selbst die Liebe ist! © 2005 Valeria
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