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Wenn sich Zusammengefügtes vor Gott wieder trennt

Es ist ein Tag vor Weihnachten und mein Mann offenbart mir, dass er schwul ist. Dabei begann doch alles ganz harmlos und schien in Ordnung zu sein. Obwohl in der letzten Zeit das Thema Homosexualität immer wieder zwischen uns aufkam, so habe ich mir doch nichts dabei gedacht. Und dann das!

Schlagartig war meine ganze Welt zusammengebrochen. Nichts war mehr wichtig, in meinem Kopf herrschte Chaos, meine Gefühle fuhren Achterbahn und meine Glieder waren wie gelähmt. Was dachte ich in dieser Zeit? Ich weiß es nicht mehr. Undefinierbar. Und das hielt die nächsten Tage und Wochen an. Aber es ist auch noch etwas anderes passiert: zum erstenmal in unserer Ehe konnten wir offen miteinander reden, mein Mann und ich. Wir redeten über alles, wirklich alles. "Jetzt erzähl mir erst einmal Dein Leben", war meine erste Reaktion. Ich wollte wissen was er durchgemacht hat, wie es ihm damit erging, wie geht es weiter? Beide wurden wir ganz offen miteinander. Auch ich redete von meinem Herzen und endlich kam alles Verborgene ans Licht (Verletzungen, Angestautes, Anpassungen, Nicht-Verstandenes usw.). Innerlich ging es bis in den Keller. Der letzte Winkel unseres Lebens kam ans Licht, voreinander und vor Jesus.

Es hat uns sehr geholfen zueinander zu halten, zueinander zu stehen, einander zu verstehen und zu achten. Genauso hilft es uns; weitere Wege auch der Kinder wegen friedlich und unauffällig zu planen. Wir sind durch tiefe Prozesse gegangen. Wir haben uns immer wieder unserem Schmerz gestellt und nächtelang miteinander geredet, meine vielen Fragen konnte ich jetzt loswerden. Die Auseinandersetzung mit uns selbst hat uns weitergebracht. Ich konnte Einblick und durchaus auch Verständnis über viele mir unbekannte Empfindungen meines Mannes gewinnen.

Ein Phänomen wurde mir klar als er mir von seinen homosexuellen Gefühlen erzählte und ich zuhörte: es fällt ihm nicht leicht und er hat es sich nicht ausgesucht. Gott hat ihn so geschaffen, in seinem Mann-Sein, mit seinen Gefühlen. Ich spürte tief in mir, da ist kein Platz für mich als Frau, und das ist es auch nie gewesen. Da gibt es auch keine Konkurrenz, kein Kämpfen um ihn, sondern nur ein Loslassen und Umorientieren - für beide. Es tut sehr weh und doch suchte ich ein Ja dazu, dass ein Mann auch einen Mann lieben kann und das dazu noch bei meinem eigenen.

In jedem Schicksalsschlag liegt auch ein Geheimnis, das ist aber nicht die Auflösung des Problems. Und zwar ist das Geheimnis das JA zu dem Schicksalsschlag an sich. Erst als ich das akzeptieren lernte;kam etwas von dem mir bekannten Frieden in Jesus wieder in mein verwirrtes Herz. Ein weiterer wesentlicher Schritt war es, Jesus zu erlauben, meinen Gefühlen zu begegnen und sie so zu verändern, dass sie seinem Willen entsprachen. Ich ließ seine Gedanken zu, bekam wieder Perspektive und spürte Jesu Nähe so intensiv wie nie zuvor.

Während meines vielen Nachdenkens wurde mir klar, dass es hier in erster Linie nicht um ihn und nicht um mich geht. Es geht um meine Beziehung zu Jesus und meinen Glauben an ihn, mein Vertrauen und meine Hingabe zu ihm. Hält meine Liebe zu Jesus diesen Schock aus? Wie komme ich da durch, ohne eine alte, verbitterte, alleinerziehende Mutter und Frau zu werden? Ist das Tal tief und der Tunnel dunkel!

Nun verbrachte ich viel Zeit mit Jesus und ich hatte oft das Bild von ihm in Gethsemane vor Augen. Ihm ging es genauso, noch schlimmer. Er war in der Situation, wo er auch ein Ja zu dem Willen seines Vaters annehmen und finden mußte. Er äußert es mit den Worten: Doch nicht was ich will, sondern was du willst.(Markus 14,36) An dem Punkt versteht er mich und weist mich nicht ab. Ich bete dies Verse oft.

Ich fragte mich auch: Wie ging es Joseph im Gefängnis? Hat er sich diesen Ort und sein Schicksal ausgesucht? Nein, und er murrte nicht und wurde nicht bitter. Er blieb, wo er sein sollte. Sein Zeugnis in 1.Mose 45,5 beeindruckt mich tief: "Denn zur Erhaltung des Lebens hat Gott mich vor euch hergesandt". Eines verbindet Jesus und Josef, beide haben JA zu ihrem Schicksal gesagt und damit auch zu Gottes Wegen, und es kommt eine Lebensperspektive rüber, die über meinen Horizont hinaus geht. Das ist ein Geheimnis, einigermaßen stabil durch Schwierigkeiten hindurch zu gehen. Das erkannte mein Herz und daran suche ich Orientierung. Tag für Tag, in mühevoller Kleinarbeit.

Ich musste noch viele JAs zulassen, denn der Prozess ging weiter. Es war für mich ein Horror, über Scheidung nachzudenken. Das darf doch einem Christen nicht passieren, wo wir doch vorher Jesus gefragt haben, ob wir heiraten sollen oder nicht. Ich habe doch ein deutliches Ja von ihm gehört und bekommen.

Und trotzdem, da stehe ich - konfrontiert mit Scheidung. Ehe für eine bestimmte Zeit? Hieß es nicht, bis dass der Tod euch scheidet? Wie soll ich das verstehen?

Erst wird das Brot geformt und gebacken, damit es später wieder auseinandergebrochen wird und viele Menschen satt werden. So kam es mir vor. Aber es tut so weh!

Also fragte ich Jesus, ob unsere Beziehung als Ehebeziehung überhaupt eine Zukunft hätte. War ein sinnvolles Zusammenleben überhaupt möglich und würden wir erfüllt leben können wie Jesus es uns in seinem Wort verheißt? Oder würden elementare Lebensbereiche bleiben, die zutiefst unzufrieden machen und uns vielleicht sogar gegeneinander aufreiben würden? Die Antwort stand mir recht klar vor Augen, wenn ich davon ausgehe, dass mein Mann so geschaffen ist, wie er ist: Nein. Wir würden keine Erfüllung unseres gemeinsamen Lebens finden - und zwar nicht nur in nebensächlichen Bereichen. Im Grunde stimmte ja schon das grundlegende "Einander-zum-Gegenüber" nicht. In all den vergangenen Jahren hatten wir als Ehepaar keine gemeinsame Berufung gefunden, obwohl das vom ersten Tag an unser Gebet und Anliegen war. Diesen Gedanken mußte ich auch zulassen und er verstärkte das Nein auf eine glückliche, erfüllte, gemeinsame Zukunft. Somit öffnete ich mich für ein Ja zur Scheidung, denn nur so erkannte ich die Möglichkeit für einen freien, gesunden Neuanfang für uns alle. Und so besteht auch die Chance, dass ein freundschaftlicher Kontakt untereinander bestehen bleiben kann. Also darf Gott eine christliche Ehe vielleicht auch gänzlich trennen um seines Planes willen? War ich bereit, das zuzulassen und diesem so revolutionären, neuen Gedanken Raum zu geben? Auf einmal erkannte ich, dass Gott das Recht hat, Menschen zusammenzuführen, um sie nach einer bestimmten Zeit wieder zu trennen, nicht aus Wollust, sondern weil ER Pläne für unser Leben hat. Andere als wir bisher kennen und erahnen können. Es hat mich schier umgehauen. Erst mit dem Ja dazu fand ich weiteren Frieden über die Situation. Dem schloss sich sofort der Familien - Gedanke an. Warum werden Kinder aus einer sicheren Familie gerissen? Beim Bibellesen fiel mir auf, dass Gott so einige Kinder schon in sehr jungen Jahren aus ihren Familien herausgeholt hat, ohne dass ihr Leben Schaden genommen hat (Mose, Samuel, Esther,..). Ich glaube, dass das auch für das Leben unserer Kinder möglich ist!

Ein anderer Gedanke beschäftigt sich mit der Homosexualität an sich: was dachte und glaubte ich bisher - was glaube und vertrete ich jetzt? Bisher war sie für mich eine eindeutige Sünde und unangenehm. Auch konnte ich dem Thema immer ausweichen. Doch nun bin ich betroffen und es gibt keinen Weg daran vorbei. Plötzlich stand die so bekannte Frage vor mir: Kann denn Liebe Sünde sein? Ich musste zugeben: Nein, wenn das Herz rein ist. Und warum sollte da nicht auch Platz sein, dass ein Mann einen Mann liebt und eine Frau eine Frau? Warum sollte das bei Gott nicht möglich sein, der doch alles geschaffen hat und keine Fehler macht? Warum sollte es die Ergänzung und Vielfalt bei Gott nicht geben, mit denselben Werten wie bei Heterobeziehungen? ER ist doch so anders als unsere Gedanken ihn gerne haben möchten. Ich habe mich viel mit meinem Mann und seinen Gefühlen beschäftigt, auseinandergesetzt und an mich herankommen lassen.

Warum hat er mich geheiratet? Aber die Antwort ist recht einfach: er ging nur dem nach, was in christlichen Kreisen erwartet und gefordert wird - er wollte frei werden von Homosexualität und ein glücklicher heterosexueller Familienvater sein. Er rang mit Gott um eine sexuelle Umorientierung. Aber sie kam nicht. Bis er schließlich zu der Offenbarung kam, dass er schwul sein darf und dadurch seinen Glauben weder aufgeben muss noch verlieren würde. Gott hat ihn so geschaffen (und mit ihm unendlich viele andere Menschen), davon bin ich heute überzeugt und glaube es. Es erinnerte mich an Petrus, der nicht für unrein erklären sollte, was Gott für rein hält. Für Petrus mußte es damals genauso umwerfend gewesen sein, als er plötzlich in seiner Frömmigkeit etwas Unreines als rein ansehen sollte. (Apostelgeschichte 10: 9-20) Gott darf meine ach so fromme Theologie durchbrechen.

Ziemlich schnell nach seinem Coming out in unserer Ehe fand mein Mann einen Freund und verliebte sich. Das war hammerhart. Ich erlebte hautnah wie groß der Unterschied seiner Liebe zu mir und der Liebe zu einem Mann ist. Auf einmal konnte er Kleinigkeiten und Liebesbeweise zulassen, die er bei mir abblockte, auf einmal erreichte jemand sein Herz, an das ich nie kam. Das tat nochmals enorm weh und ich ging wieder durch eine tiefe Krise. Zum einen der Schmerz, zum anderen sah ich, was er mir alles gar nicht geben konnte, so sehr er sich auch bemüht hatte. Es wurde ganz schön eng in meinem Herzen und ich hätte verschwinden können.

Wieder hatte ich die Entscheidung zu treffen, entweder dem Schmerz nachzugeben und mich zu verschließen, oder den Schmerz zu überwinden und den Freund zuzulassen und zu akzeptieren (und damit die Andersartigkeit seiner Gefühle). Ich wählte letzteres. Das tat mir in sofern gut, als dass ich merkte, nicht in die Außenseiter-Position zu kommen, nicht abgeschnitten von dem weiteren Geschehen zu sein, und auch nicht "hängen gelassen zu werden". Schwierig ist das Maß zu finden zwischen den Dingen, die für mich wichtig und hilfreich sind zu wissen und den Dingen, die seine Intimsphäre verletzen und mich nichts angehen. Es wird auch eine Gratwanderung bleiben, solange ein Zusammenleben in einer Wohnung andauert und sich wahrscheinlich erst bessern, wenn auch der räumliche Abstand gegeben ist. Schneller als gedacht mußte der innerliche Abschied von meinem Mann geschehen, d.h. von einer Liebesbeziehung (mit Einblick in allen Gebieten) zu einer guten Freundschaft.

Das Eheversprechen bekam auch eine Wende. Wenn ich ihn lieben und ehren kann bis dass der Tod uns scheidet, dann kann ich es jetzt, indem ich ihn loslasse und freigebe, damit er in seine Bestimmung hineinkommt. Gegenseitiger Respekt und Annahme, die meines Erachtens nur durch Jesus in einer solchen Situation erhalten bleiben kann, sind ein Schlüssel, um einen Zerbruch zu verhindern. So kann ich meine Liebe zu ihm beweisen, indem ich ihn nicht fallen lasse oder rausschmeiße, sondern zu ihm halte, in seinen auch nicht leichten Entscheidungen und Prozessen.

Unsere zwei Kinder (fünf und acht Jahre alt) haben unsere Prozesse mitbekommen. Sie haben mich weinen sehen und uns reden hören. Wir haben sie bewusst zugelassen und sie so weit mit einbezogen wie es möglich war. Es war uns wichtig, ihnen Sicherheit zu geben und das konnten wir nur, indem wir ehrlich zu ihnen waren. Sehr bald haben wir ihnen auch mitgeteilt, dass Papa schwul ist und für Männer mehr empfinden kann als für Frauen. Wir waren sehr überrascht welche Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit sie dem Ganzen entgegenbrachten. Sie erlebten, wie ihr Papa sich verliebt und lernten seinen Freund kennen, sie erlebten, wie ihr Papa zu ihnen und mir gehalten hat und noch hält. Wir haben sie in unsere Pläne mit hinein genommen und auf die bevorstehenden Veränderungen (Umzug, neue Schule usw.) vorbereitet. Von unserer momentanen Situation kann ich sagen, dass sie in keine Krise gefallen sind. Sie haben Papas Freund als eine Person angenommen, die in ihrem Leben hinzugekommen ist.

Wenn ich heute, nach knapp einem Jahr, zurückblicke stelle ich trotz aller Schmerzen und Prozesse fest, wie wichtig es war meinen Mann nach seinem Coming out loszulassen, aber nicht fallen zu lassen. Viele Fragen bezüglich unserer Unstimmigkeiten in der Ehe haben sich beantwortet und das nur, weil ich mit dem Loslassen auch die Grundlage zum Austausch und Reden geschaffen habe. Mir ist bis heute klar, dass, wenn ich eine freundschaftliche Beziehung und den Kontakt zu meinem Mann behalten möchte (und das möchte ich) und glaube, dass es Gottes Weg für uns ist, dann kann ich einen entscheidenden Beitrag dazu tun: Alles aus Gottes Hand annehmen, ihm mein Herz geben und meinen Augen seine Wege gefallen lassen (Sprüche 23,26). Kurz gesagt. JA sagen und offen bleiben!

Auch war es gut, dass wir gerade am Anfang grob die Ziele absteckten, wie es weitergehen sollte. Wir wussten, dass wir nicht zusammenbleiben wollen/können, wir wussten auch, dass wir einen Ort brauchen, an dem wir beide einen Neuanfang schaffen können und uns war es wichtig, dass auf beiden Seiten der Kontakt zu den Kindern bleibt.

Das immer wieder auf ihn zugehen, Gefühle äußern und verarbeiten zu können und sie auch zu überwinden, half nicht nur mir standfest zu bleiben, sondern auch die Kinder vor einem Verlust (des Vaters) zu bewahren.

Inzwischen haben wir vieles von unseren Plänen umgesetzt und erkennen ein stetiges Weitergehen, unseren Zielen entgegen.

Die Prozesse gehen trotzdem noch weiter und Auseinandersetzungen bleiben. Doch neue Kontakte in einer neuen Umgebung helfen mir, mich gut einzuleben und zurechtzufinden und wieder ein lebenswertes, sinnvolles und interessantes Leben zu gestalten.

© 2004 Ulrike

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