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"Du stellst meine Füsse auf weiten Raum" (Psalm 31)

Ja, genau so habe ich das erlebt — nach meinem Coming out.

Um es gleich vorweg zu sagen: nicht im Sinne dieses Psalms, als Befreiung von Feinden: ich habe kaum anti—schwule Anfeindung erlebt!

Ich hätte vorher bestimmt nicht gedacht, dass ich in engem Raum lebe.

Ich hätte es wohl behütet und überschaubar genannt.

Die Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, sehe ich immer noch als meine geistliche Heimat, als Familie—um—die—Familie. In manchen Punkten habe ich sicher meine Fragen, aber ich bin hier aufgewachsen, habe hier meine Sozialisation auf dem Weg zum Erwachsenen erlebt, habe sicher so etwas wie Urvertrauen in die Gemeinde — das heisst, in all die Personen, die mich geprägt haben und mit denen zusammen ich erwachsen wurde. Na, und es menschelt überall, wo Menschen sind.

Familie—um—die—Familie: auch viele Mitglieder der — leiblichen — Familie verstehen sich als Teil einer Gemeinde — sicherlich ein wichtiger Grund dafür, dass ich Familie selten als stressig erlebt habe, dass Familientage eher was Schönes sind. So kann ich auch erklären, dass ich zwar ein nicht konfliktfreies Verhältnis zu meinem Vater hatte, ihn aber doch gleichzeitig als Mitchristen sehen konnte. Dann relativiert sich einiges!

Mein Leben spielte sich also zu grossen Teilen in der Gemeinde ab: zu besten Zeiten sah die Abendplanung so aus: Montag Jugendkreis, Dienstag Posaunenchor, Donnerstag Kirchenchor, Freitag Jugendchor, Samstag Teestube, Sonntag "Wort am Sonntag", vielleicht noch vormittags Kirche— z.B. mit dem Kirchenchor. (Dass Musik damals schon und heute immer noch eine wichtige Rolle spielte, muss ich nach dieser Aufzählung sicher nicht mehr eigens erwähnen.)

Blieb also wenig Zeit für Aktivitäten "draussen".

Ähnliche "Familie"suchte ich auch während des Studiums, genauso danach. — Ich habe auch schon mehrfach Bibelkreise und Gemeinde (dazu später mehr) bei mir beheimatet. Bei 48qm Wohnraum kann man gut "Hausvater"sein.

Dass ich mich zu Männern hingezogen fühle, einen Männerkörper aufregend finde — ich habe es wohl immer gewusst. Irgendwann bekam das Ganze ein hässliches Etikett — das war natürlich eine mittlere Katastrophe: wie kann ich denn Christ und gleichzeitig schwul sein? Das kann Gott doch gar nicht wollen!

Immer wieder fühlte ich mich gedrängt, deswegen einen Seelsorger aufzusuchen. Ehrlich, ich bin froh, dass ich es nicht getan habe! "Es"hat mich glücklicherweise nicht in eine existentielle Not getrieben. "Es"war immer da, aber drängte nicht nach aussen. Die Angst vor den Konsequenzen hielt natürlich auch den Deckel drauf.

Auch hier noch kein Ausbruch ins "Weite".

Einige Jahre nach Beginn meiner Arbeit befreundete ich mich, lernte Sexualität mit einem Mann kennen — und fand es gut, schön — richtig. Dieser Freund hatte vor einem Coming out leider noch mehr Angst als ich— also kam es in 10 Jahren Freundschaft (beschränkt auf einen Sonntagsbesuch pro Monat bei einer Autostunde Distanz, dazu ein wöchentlicher Anruf) auch zu keiner "Weite".

Im Nachhinein sage ich: Wie ärmlich! Wie konnte ich mich nur mit so wenig zufrieden geben! Bei all den neurotischen Mätzchen, die ich dabei mit zu verdauen hatte! Aber er war halt mein Freund, ich hoffte, es könnte sich nur bessern.

Na, und die "Szene"ist halt nur böse und ein Christ muss diese natürlich meiden!

Genau das Gegenteil von Fortschritt auf dem Weg zum Coming out trat ein, schliesslich war diese Freundschaft beendet — von seiner Seite.

Der Trauer um den Verlust (die nicht allzu lang anhielt — ich war eigentlich erstaunt) folgte die Entscheidung, endlich mein Coming out in Angriff zu nehmen. Ich machte das bei Eltern und Schwestern schriftlich. Ich fand mich eigentlich etwas feige — aber immerhin tat ich es!

Es folgte keine Katastrophe: beide Schwestern hatten es schon geahnt — mein Vater wollte viel lieber wissen, wie ich mir die gemeinsame Urlaubsreise vorstellte. Erst da merkte ich, wie wichtig mir die Reaktion der Familie war. Ich spürte Erleichterung — und auch Weite: die Enge/ Angst vor der Reaktion der Familie wich von mir. I had come out — ich war hinaus getreten — ins Weite.

Nun ging es darum, diese Weite zu erkunden.

Erster Anlaufpunkt war die HuK — ich fuhr zur Regionalgruppe Darmstadt, dann Mainz . Keine Paradiesvögel, keine unangenehme Anmache! Oh , ihr Klischees!!! Genauso erging es mir auch bei einem Bundestreffen der HuK — ich lernte sogar einen Freund kennen — und diese Freundschaft hält immer noch.

Er riet mir, mich doch mal in der "Bären"—szene umzusehen. Diese "Spezies"sind schwule Männer, die Bärte und Körperbehaarung — und meist auch Bauch— gern tragen und überwiegend auch selbst anziehend finden. Ich nahm Kontakt auf zur entsprechenden Gruppe in Mannheim — und fand meine Peer—group. Für alle Nicht—Psychologen: eine Gruppe von Gleichgesinnten/Gleichartigen. Der Begriff wird zwar überwiegend in der Entwicklungspsychologie verwendet — ich finde ihn aber trotzdem zutreffend: schliesslich befand ich mich noch in einer nicht abgeschlossenen Entwicklung.

Diese Bären — bei aller Unterschiedlichkeit — sind vor allem freundlich, herzlich, humorvoll, knuddel—freudig. Und eben nicht sex—hungrig, wie man es von allen Schwulen doch zu wissen meint.

Ich lernte beim ersten Treffen jemanden kennen, den ich dann auch mehrfach wieder traf. Auch wenn sich daraus keine Beziehung entwickelte — ich vollzog doch so etwas wie den sexuellen Teil meiner Pubertät nach — dies war auch in der Enge meiner Angst stecken geblieben. Weite! Endlich das erleben, was die meisten schon in ihrer Jugend erleben! Aber besser spät als nie.

Zu der Zeit war ich in einer neu gegründeten Freien Gemeinde: wieder so eine wohl behütetes Nest. Wenn auch mit einigen Schönheitsfehlern: manche Mitglieder traten besonders fromm auf — aber nur in besonders gestrenger Haltung. Auch wieder so eine Enge, die mich abschreckte. Ich vermisste die lebensfrohe Weite, die einen Christen doch auszeichnen sollte. Ich schwankte dauernd zwischen "ihr"und "wir", wenn ich von der Gemeinde sprach.

Ich stand vor der Situation, den neuen Freund mit zu einem Gottesdienst zu nehmen. Ich fragte also die Gemeindeleiter, was sie davon hielten. Sie baten um Bedenkzeit. Ich erhoffte positiven Bescheid (eigentlich gegen besseres Wissen, ich gebe es zu), denn ich meinte, man würde meine Beiträge zur Gemeinde (siehe oben) wertschätzen " genau wie meine ganze Person. Ich sorgte auch noch für positives Info—material. Allein, es war umsonst: "Wir haben dich ja lieb, du kannst auch weiter die Gottesdienste besuchen, aber du kannst nicht mehr Gemeindemitglied und Mitarbeiter sein."

Das war für mich starker Tobak: ich, der ich bisher für diese Gemeinde gewirkt hatte, der diese Haltung des Gemeinde—bauens von Jugend an verinnerlicht hatte, sollte die passive Konsumentenrolle einnehmen, "liebevoll" geduldet.

"Wir haben dich ja lieb" in dieser Situation nicht mehr als eine Floskel! Sie mussten dies ja so sagen: Gott hat schliesslich die Sünder lieb — und hasst die Sünde. Entsprechend lehnten sie mich ab. Sie meinten zwar, mein Tun (die Sünde) abzulehnen. Aber sie lehnten MICH, mein SEIN ab.

Offenbar ist es schwer zu verstehen, dass ich mich nicht ab und zu willentlich schwul verhalte — und dies mit Verhaltenstherapie und Gebeten auch unterlassen könnte. Nein, ich BIN schwul, von morgens bis abends, beim Einschlafen, in meinen Träumen, in meiner Stillen Zeit,in meiner Reaktion auf die Menschen um mich. Wie gern hätte ich von ihnen gehört: "Tja, du bist also schwul, und das macht uns Schwierigkeiten, wie du dir denken kannst. Aber weil wir dich lieb haben, wollen wir das Wagnis eingehen, uns mit deinem So—sein auseinanderzusetzen."Leider ein Wunschtraum — die Realität sah eben ganz anders aus.

Meine Reaktion war entsprechend eindeutig: mit euch nicht mehr!

Also ein Kick — hinaus ins Weite!

Sollte ich vielleicht dankbar sein, dass ich ohne längeren Trennungsprozess diese ängstliche, enge Gemeinde verlassen konnte?? Ja, ich denke schon. Ich war es doch so gewohnt, mich in engen Nestern einzurichten, auch wenn dies mit Unbequemlichkeiten verbunden war. Ich hätte es bestimmt noch länger ausgehalten — man gibt doch nicht einfach auf, fühlt sich doch als Mit—träger in der Verantwortung. Aber ich durfte ja nicht. Na, dann eben nicht mehr.

Aber hatten sie womöglich damit Recht, dass Gott mich verstossen konnte? Sie hatten es zwar nicht so krass gesagt, aber die Reaktion auf meine Ausführungen liessen doch nur diesen Schluss zu.

Ich war — Gott sei Dank — nur kurz verunsichert. Aber danach umso gewisser, noch mit Gott verbunden zu sein. Und umso wütender und entrüsteter über die Lieblosigkeit der lieben Geschwister.

Also in den weiten Raum — mit der allmorgendlichen Vergewisserung, dass Gott bei mir ist "oder, besser: ich noch bei ihm. Stille Zeit ist mir wichtiger denn je. Wie sieht der weite Raum aus? Er ist durchspannt mit einem Netz von Freundschaften. Ein haltbares Netz " entgegen dem Klischee vom bindungsunfähigen Schwulen.... Auch Christen sind dabei — obwohl doch so viele von den Kirchen vor den Kopf gestossen werden — siehe mein Beispiel.

Die Anzahl der Freunde ist ganz enorm gewachsen — auch eine Folge meiner neu gewonnenen Offenheit. Genauso weiss ich jetzt erst, dass ich nicht etwa schüchtern, sondern ausgesprochen extrovertiert bin.

Ein nicht vollzogenes Coming out hält also Seiten eines Charakters verborgen — Ist das nicht heftig? Sollten wir nicht jedem, der noch nicht so weit ist, unbedingt ermutigen, ganz er/sie selbst zu werden?

Ich bin mit viel Freude Gastgeber: Silvesterfeten mit 11 Übernachtern sprechen für sich. Nein, keine Orgien! Ein sehr schönes, harmonisches Zusammensein von Freunden. Ich habe ausprobiert, wie es ist, mit einem Freund Hand in Hand über den CSD zu gehen. Ich bin weiterhin in der Bärenszene — um Freunde zu treffen, um mit eigenen Angeboten wie sommerlichem Picknick oder Stadtbummel Freundschaften und Bekanntschaften und den Zusammenhalt der Gruppe zu pflegen.

Ich bin mir mittlerweile auch ziemlich klar, was ich nicht mitmache, wo meine Moral Stop sagt — oder auch mein gesunder Menschenverstand, z.B. bei überteuerten Events, die ausser überfüllten Räumen auch noch schlechten gastronomischen Service bringen " den man noch zusätzlich bezahlen muss.

Besonders wichtig ist mir "zwischenraum"geworden. Lesben und Schwule, die nach Gottes Willen für sich fragen: unsern — zumal evangelikalen — Mitchristen kann das nur wie die Quadratur des Kreises vorkommen.

Aber, mal flapsig assoziiert: beim Fussball gehört doch auch das Runde ins Eckige — und wer definiert schliesslich, was rund (also gottgenehm) oder eckig (von Gott verachtet) ist. Ob Lieblosigkeit und Engstirnigkeit nicht umso mehr zum Eckigen gehört?

Die anfängliche Euphorie des Coming out ist schon lange gewichen, aber eine ganz tief empfundene Dankbarkeit für die Möglichkeiten des "weiten Raums", die Gott mir geschenkt und gezeigt hat — die hat Bestand.

© 2005 Karsten

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