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Rotes Tuch oder Heiliges Buch

Ist die Bibel Gottes Wort ?

Ist Bibeltreue fundamentalistisch?

Fragen wie diese kamen bereits mehrmals in unserem Forum zur Diskussion. Die einen sehen in der Bibel Gottes Wort, sein verbindliches, hilfreiches Reden an uns. Die anderen verbinden mit diesem Ausdruck die Erinnerungen an Verse, die ihnen als Gottes unanfechtbare Verurteilung entgegengeschleudert wurden. Und die "Bibeltreue" — die Bibel "beim Wort zu nehmen" — führt das nicht unweigerlich zu einer anachronistischen Diktatur durch ein Buch, an dem Menschen schließlich den letzten Federstrich vor immerhin fast zweitausend Jahren vollbracht haben?

Eigentlich bedaure ich es, dass "Bibeltreue" oder "Gottes Wort" schon so vorbelastete Begriffe sind, dass viele sie bereits automatisch mit verbohrten Fundamentalisten, die einem die Bibel um die Ohren hauen,gleichsetzen. Ist ein Bibeltreuer jemand, der mit einem Schild "God Hates Fags" an der Straße steht und Dankgebete für das Schwulenstrafgericht "Katrina" zum Himmel schickt?

Nun, dann Schande über mich. Ich persönlich bin gerne bibeltreu. Ich bin ein Freund der "Verbalinspiration". Erstens, weil das Wort Geist darin steckt und zweitens, weil nicht der Begriff Buchstabe darin vorkommt, will sagen, es geht um ein lebendiges (und lebensbejahendes...) Wort und Reden, das von Gott kommt, nicht um ein verbissenes Festnageln von Menschen an den "Buchstaben, der tötet" (2. Kor. 3,6).

Ich glaube daran, dass es Gottes Wort ist, hinter dem der Heilige Geist steht. Aber es ist natürlich ein Gotteswort durch menschlichen Mund. Anders geht es ja nicht. Ganz göttlich gebliebenes Wort könnte ein Mensch weder sprechen noch verstehen (2. Kor. 12, 4). Gottes Wort als Botschaft hätte keinen Sinn, wenn sie vom Empfänger Mensch als Botschaft nicht erfasst werden könnte.

So, wie Gottes Sohn demütig genug war, um menschliche Gestalt anzunehmen, ist sich auch der Heilige Geist nicht zu schade, sich in schriftliches Wort pressen zu lassen. Aber damit handelt es sich natürlich um etwas aus der göttlichen in eine menschliche Dimension "Heruntergekürztes". Sowohl heruntergekürzt in den Bereich des menschlich Erfaßbaren, wie auch in das zur Zeit der ersten Verkündigung überhaupt Verstehbare. Ein Beispiel: Wenn Paulus im Auftrag Gottes einen dritten Korintherbrief z.B. über Sinn und Gefahren des Internets geschrieben hätte, wäre das schließlich 2000 Jahre lang völlig unverständlich gewesen.

Von daher halte ich den Streit um die "Irrtumslosigkeit" der Schrift teilweise für ziemlich unglücklich. Gott kann selbstverständlich nicht irren. Aber da Gott sich an menschliches Verstehen und menschliche Zeiten gebunden hat, ist Gottes Wort natürlich irrtümlich anwendbar: missverstehbar und auch missbrauchbar.

Der im Forum auftauchende, bei Luther entlehnte Ausspruch ist wahr: In Auslegungsfragen darf die Bibel nicht über Christus erhoben werden. Ich sehe darin aber fast schon einen Widerspruch in sich, der eben nur im Miß-Gebrauch der Bibel möglich ist, denn "sie (die Schrift) ist es, die von mir zeugt" sagt Jesus selbst (Joh 5,39).

Kann man beweisen, dass die Bibel Gottes Wort ist? Selbstverständlich nicht. Es wird immer ein Glaubenssatz bleiben. So ganz im luftleeren Raum steht die Überzeugung, die Bibel sei Gottes Wort, freilich nicht, wie es manchen vielleicht scheint. Interessant ist es nämlich zu verfolgen, was denn die Bibel selbst sagt : erstens zu ihrer Autorität, zweitens zu ihrer korrekten Auslegung.

Die Bibel in der Bibel

Fragt man die Bibel nach sich selbst, stößt man unweigerlich auf etwas, was leicht vergessen wird: die "Bibel" der Menschen aus dem Neuen Testament war zunächst das Alte Testament. Viele der dort beschriebenen Dinge lagen damals schon wesentlich weiter zurück, als jetzt die Geschehnisse des Neuen Testaments für uns. Auch damals hätte man also einerseits von "veraltetem Kram" sprechen können! Und andererseits ist das das Spannende: legten Jesus und seine Zeitgenossen z.B. die Gesetze der 5 Bücher Mose anders aus als die Menschen zur Zeit der Abfassung der Gesetze — und dürfen wir das dann somit auch — legitimiert also aus der Bibel selbst, nicht aufgrund einer Bibelkritik?

Man kommt nicht umhin: die heiligen Schriften des AT wurden von Menschen im NT ganz klar als "Gottes Wort" aufgefasst. Petrus schreibt: "keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden, denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet". (2. Pt. 1, 20-21). Und Paulus spricht von den "heiligen Schriften" gleichbedeutend als mit "jeder von Gott eingegebenen Schrift" (2. Tim 3, 16). Johannes zielt mit seinem Bild für Christus: "Im Anfang war da Wort und das Wort war Gott" natürlich auch — unter anderem — genau auf diesen für fromme Juden naheliegenden Bezug zum geschriebenen Wort Gottes ab. Jesus spricht vom Wort Gottes, von dem der Mensch lebt (Matth. 4,4), und dann folgen lauter Schriftzitate (das mit dem Wort Gottes ist schon bereits eins aus 5. Mose 8,3). Jesus spricht auch an anderer Stelle von den Büchern Mose als "Gottes Wort" (Matth. 15, 3-6) und davon, dass eher Himmel und Erde vergehen werden als der kleinste Tüpfel dieses Gesetzes (Luk. 16, 17). Er sagt aus dieser Autorisierung des AT auch: "die Schrift kann nicht aufgehoben werden" (Joh. 10,35). Ebenso Paulus: "Der Grundsatz gilt: Nicht über das hinaus, was in der Schrift steht!" (1. Kor. 4, 6).

Also, da könnte man jetzt noch lange Zitate aneinander reihen: diese Bibel war Gotteswort für die ersten Christen. Und bzgl. der neutestamentlichen Schriften, war für diese Christen jedes Jesuswort natürlich ohnehin Gotteswort. Aber auch die Apostel haben in ihren Äußerungen die Autorität des Heiligen Geistes beansprucht: "Wir und der Heilige Geist haben beschlossen (Apg 15, 28). Paulus spürt man diesen Autoritätsanspruch aus jedem Knopfloch ab, dass hinter dem, was er schreibt, ein Gebot des Herrn steht (1. Kor. 14, 37). Es sind die Ausnahmen, zu denen er vermerkt: "dies sage ich, nicht der Herr" (1. Kor. 7, 12) oder: Hier habe ich kein Gebot des Herrn, nur einen guten Rat von mir (1. Kor 7, 25). Auch zu diesem guten Rat fügt Paulus freilich als Bekräftigung hinzu: "ich denke, dass auch ich den Geist Gottes habe" (Vers 40).

Der Anspruch, Gottes Wort zu sein, ist im Selbstverständnis auch der neutestamentlichen Schriften also durchaus mit inbegriffen.

Noch interessanter ist - wenn es in der Bibel heißt: "nicht über die Schrift hinaus" (s.o.) — was meint sie dann damit?? Wie wurde in der Bibel mit der Bibel umgegangen? Nun ja, da könnte einem zum Teil etwas schwindlig werden. Offenbar entsprechend den Gepflogenheiten der Antike wurde in den Briefen des NT sehr frei zitiert, eher an einem Stichwort als am genauen Kontext orientiert, da fällt es uns heute gelegentlich einmal schwer, Begründungen nachzuvollziehen. Deutlich wird dabei aber wieder eins: Schriftbeweise galten als Legitimation, da die Schrift als Willensäußerung Gottes aufgefasst wurde.

Am hilfreichsten finde ich es, wie Jesus mit der Schrift umging. Wer sollte auch sonst als höhere Autorität dafür gelten?! Jesus tat das durchaus unkonventionell. Durchaus anders als die, die sich damals für die "Bibeltreuen" hielten: Schriftgelehrte und Pharisäer. In den Streitgesprächen mit ihnen lässt sich das gut ablesen.

Nach dem Anfang fragen und dem Vorläufigen ein Ende setzen
Bibelauslegung zwischen Liebe und der "Härte des Herzens"

Der Grundbezug der Bibelauslegung bei Jesus stellt letztlich immer wieder das Wesen Gottes dar. Anders kann man sich z.B. kaum seine zunächst merkwürdige Argumentation zum Thema Auferstehung erklären (Luk. 20, 37-38). Statt die Bibelstellen zu zitieren, in denen das Stichwort "Auferstehung" vorkommt, knüpft er ganz woanders an: Gott nenne sich "der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" - und es könne doch nicht zu Gottes Wesen passen, ein Gott der Toten zu sein. Sondern er sei selbstverständlich ein Gott der Lebenden.

Wollte man das "systematisieren", kann man vielleicht in den Streitgesprächen mit den Schriftgelehrten über die rechte Auslegung bei Jesus drei Grundfragen feststellen, die seiner Schriftinterpretation und Orientierung an der Bibel (also damals dem AT) zugrunde liegen:

  1. Was sagt uns die Bibel über das Wesen Gottes? Und was sagt uns ein Text, wenn wir ihn auf dieses Wesen Gottes zurückführen?
  2. Wie ging Gott mit Menschen aus der Bibel um?
  3. Wie gingen vom heiligen Geist geprägte Menschen der Bibel mit Gottes Willen um?

Bibeltreue hieß bei ihm nicht, die Bibel wie einen Katalog zu benutzen, in dem man unter einem Stichwort eine Lösung nachschlagen konnte. Wie Jesus die oben genannten drei Fragen anwandte, lässt sich sehr schön erkennen an der Sabbatfrage: Als es z.B. um die Frage ging: Was ist am Sabbat erlaubt? richtete er sich nicht einfach allein nach den bestehenden "Stichwort"-Regeln zum Sabbat. Einmal wollte er eine von den Pharisäern bemängelte Übertretung des Sabbats seiner Jünger entschuldigen. Mit der Frage: "habt ihr nicht gelesen, wie...?" (Matth. 12, 3f), beruft er sich dabei auf ein in der Bibel geschilderten Beispiel aus der Vergangenheit, bei dem es eigentlich um einen ganz anderen Fall ging. Aber anhand dieses Beispiels, wie Gott mit einem anderen "Rechtsbruch" Davids umgegangen war, bzw. wie David das entsprechende Gebot gehandhabt hatte, versucht er klar zu machen, dass ein Gebot befolgen nicht einfach heißen kann, stur seinen buchstäblichen Wortlaut zu erfüllen. Vergeblich appelliert Jesus dabei immer wieder an die Pharisäer: "Lernt, was das [in der Schrift nämlich!] heißt: "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer" (Matth. 9, 13; 12, 7).

Jesus sieht in dem Satz von der Barmherzigkeit nicht etwa eine Antithese, die alle anderen Gebote aushebeln könnte. Sondern vielmehr den Schlüssel zum Verständnis aller Gebote der Bibel. Gebote lassen sich nur recht ausleben, wenn sie aus ihrem Grundgedanken her ausgelegt werden. Wenn Jesus das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten zum Dreh- und Angelpunkt aller anderen Gebote erklärt (Matth. 22, 37-40), dann eben, weil das Wesen Gottes Liebe ist. Das Liebesgebot und einzelne andere Gebote stehen für Jesus nicht in Konkurrenz. Sondern nur in diesem Rückbezug auf Gottes Wesen der Liebe und mit der Frage: Wie lässt sich ein Gebot in der Liebe und um der Liebe willen anwenden? wird es auch richtig ausgelegt. Und richtig ausgelebt. Die blinde Anwendung des Buchstabens hingegen verfehlt paradoxerweise das Gebot.

Nach der Auffassung Jesu waren die Schriftgelehrten gerade nicht bibeltreu. Sie waren bei all ihrer Ehrfurcht vor der Schrift und all ihrem Eifer für Gott eigentlich nur buchstabentreu. Aber dies führt leicht zu Auslegungen, die den ursprünglichen Sinn nicht nur verfehlen, sondern womöglich auf den Kopf stellen, ja, die irgendwann sogar dem eigenen Egoismus dienen können. Ohne einen Wortlaut zu verletzen, wird dann der Grundgedanke der Liebe umgangen, sogar unter dem Anschein besonderer Frömmigkeit. Jesus sagte angesichts einer solchen Praxis: "Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft!" (Mk. 7, 9).

Als Hilfestellung zum Verständnis führte Jesus sehr gerne Beispiele von Personen aus der Bibel an: ihr Erleben mit Gott und Gottes Handeln an ihnen. Nicht selten verweist er dabei gerade auf solche, die wenig schriftkundig gewesen sein konnten: sei es eine heidnische Witwe, ein syrischer Hauptmann, eine Königin aus fernen Landen oder die Bewohner der gottlosen Stadt Ninive. Es scheint, als wollte er gerade dadurch deutlich machen: allein die wörtliche Kenntnis und Erfüllung der Schrift ersetzt nicht das echte Fragen nach Gottes Willen, das sich auf ihn einläßt und die Begegnung mit seiner Person sucht.

Schauen wir uns noch ein Beispiel an — das Streitgespräch um das Scheidungsgebot. Auf die Vielschichtigkeit des Themas Scheidung kann ich an dieser Stelle gar nicht eingehen. Die entsprechende Bibelstelle soll hier lediglich Beachtung unter dem Gesichtspunkt finden, wie Jesus mit der Schrift umging. Die Pharisäer fragen Jesus, wie das Scheidungsgesetz korrekt auszulegen sei — aus welchen Gründen man seine Frau entlassen dürfe (Matth. 19). Die Lösung liegt für Jesus aber nicht im Wortlaut des Gesetzes. Sondern in der Rückbesinnung auf Gottes Wesen und ursprüngliche Absicht: "am Anfang war das nicht so". Gottes Grundgedanke zur Ehe entspricht seinem Wesen — dem einer unverbrüchlichen Liebe entgegen aller Enttäuschungen. Er schuf eine menschliche Einheit, die seine Sicht von Beziehung widerspiegeln soll. Die Frage nach dem Leitbild der Ehe muß diesen Rückbezug suchen. Scheidung, der Ehe-(Zer)bruch, ist das tragische oder auch schuldhafte Scheitern an diesem Ideal. Nun wäre Jesus sicher der Letzte, der kein Herz für die Gescheiterten hätte. Aber in der Diskussion mit den Pharisäern, wann man seine Frau entlassen dürfe, weist er ihren buchstabentreuen Ansatz zurück als herzensharte Suche im Gesetzestext nach einem legitimen Grund, einen unliebsam gewordenen Menschen loszuwerden — damals konnte ein Mann seine Frau z.B. schon wegen eines angebrannten Essens verstoßen.

Als die Pharisäer nämlich recht erstaunt auf den Wortlaut des Gesetzes verweisen, gibt Jesus zur Antwort: "Nur um eures Herzens Härte willen hat euch Mose erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt ...und eine andere heiratet, begeht Ehebruch" (Matth. 19, 8.9).

Das ist nun besonders interessant: Wenn Jesus das Scheidungsgesetz für einen zeitlich begrenzten Kompromiß mit des "Herzens Härte" der Menschen erklärt, gibt er diesem Gesetz den Status einer Übergangslösung. Dass nicht alles für die Ewigkeit gedacht sein muß, was in den 5 Büchern Mose steht (die Jesus ja selbst als "Wort Gottes" bezeichnet hatte!), ist also durchaus ein biblischer, von Jesus selbst aufgebrachter Gedanke. Freilich fügt er dem nicht etwas neu Aufgesetztes hinzu, sondern fordert auf: besinnt euch zurück auf Gottes Grundgedanken ("habt ihr nicht gelesen, dass am Anfang der Schöpfer...")!

Das entsprechende Prinzip zieht sich auch durch die klassische Kehrrede der Bergpredigt: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist... ich aber sage euch" (Matth. 5, 21-48). Jesus weist also über den bekannten Wortlaut der Alten hinaus. Aber er führt dabei eigentlich gerade nicht etwas völlig Neues ein, sondern führt vielmehr darauf zurück, wie ein gerechter Gott, der die Liebe und die Wahrheit ist, seine Gebote erfüllt haben möchte. Von daher sind seine Aussagen für den, der zu lesen versteht, auch schon im Alten Testament zu finden, denn der Gott der dahinter steht, ist ja derselbe.

Stoßen wir also auf eine Aussage der Bibel, die uns historisch überholt erscheinen mag, ergeben sich zwei Konsequenzen aus dieser Art der Schriftauslegung Jesu: Zum einen lautet die korrekte Frage wohl gar nicht: Was hat ein solch antiquiertes Gebot in unserer Zeit noch zu bedeuten? Wie können wir es unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse auf heute umformulieren? Dies würde letztlich auch immer die Gefahr der Willkür in sich tragen. Sondern der entscheidende Ansatz ist wohl eher der: die Rückbesinnung auf das, was einem Gebot, das in eine bestimmte Zeit hineingesprochen wurde, zugrunde und in Gottes Wesen begründet liegt. Und was sich dann aus dieser Rückbesinnung auf das, was "im Anfang" war, für unsere Zeit ergibt.

Zum anderen ist der Gesichtspunkt wahrlich faszinierend, dass es offenbar Gebote gibt, die ein vorübergehendes Zugeständnis an "des Herzens Härte" in bestimmten Epochen der Menschheit darstellen. Macht man sich diesen gedanklichen Ansatz einmal zu eigen und wendet ihn gerade auf die uns problematisch erscheinenden Bibelstellen an, mag sich manches Kopfzerbrechen im Widerstreit zwischen Bibeltreue und heutigen Gegebenheiten lösen lassen.

Nehmen wir einmal zwei Reizthemen der Bibelauslegung in Augenschein: Erstens die Frage der Sklaverei und Apartheid, deren zu Grunde liegender Gedanke derselbe ist, nämlich dass es Menschen und Untermenschen gibt. Und zweitens die Rolle der Frau unter der besonderen Frage der Frauenordination.

Die Bibel — Rechtfertigung für Sklaverei und Apartheid?

Der klassische Sklavenhalter und Sklavenhändler der amerikanischen Südstaaten war Christ — oder hielt sich zumindest dafür. Die Apartheid wurde bis vor nicht allzu langer Zeit von Gläubigen mit der Bibel legitimiert. Tatsächlich gibt es in der Bibel wenig Kritisches zur Sklaverei (freilich auch keinen Lobgesang darauf), keinen Aufruf zu ihrer Beendigung. Ja, es finden sich durchaus Bibelstellen, die die Sklaverei zu rechtfertigen scheinen: Noahs strafender Fluch über die Hamiten (zu denen die schwarze Rasse gehört) als "niedrigste Knechte" (Gen. 9, 25) oder Paulus' Rat an die Sklaven, in ihrem "Stand" zu bleiben (1. Kor. 7, 21). Was ist nun bibeltreu? Die Buchstabentreue? Dann müssten wir eigentlich Apartheid und Sklaverei wieder einführen.

Aber setzen wir einmal anders an. Sklaverei ist ein selbstverständlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Bedingungen der gesamten antiken Welt in der Bibel, sei es im Alten oder im Neuen Testament. Traurig genug, aber die damaligen Gesellschaftssysteme funktionierten auf dieser Basis der Ausbeutung, die Menschen letztlich zu Unpersonen degradierte.

Unter diesen Voraussetzungen ist nun bereits interessant, dass die Bibel dieser Situation Zügel anlegt, die Sklaven vor allzu großer Willkür schützten. Sklaven hatten in den meisten Gesellschaften gar keine Rechte, aber das Gesetz Gottes garantierte bereits im Alten Testament auch ihnen Ansprüche, die sie vor Gericht gültig machen konnten, z.B. die Freilassung, wenn sie von ihrem Herrn ernsthaft verletzt wurden oder das Recht auf Ruhe am Sabbat (Ex. 21, 26f; 23, 12). Menschenraub (die organisatorische Voraussetzung für Sklavenhandel!) war ein todeswürdiges Vergehen (Ex. 21, 16). Entlaufene ausländische Sklaven konnten in Israel um Asyl bitten (Deut. 23, 16). Und unter den Israeliten als Volk Gottes war eine lebenslange Sklaverei überhaupt nicht vorgesehen, nach sechs Jahren sollte ein jüdischer Sklave frei gelassen werden (Ex. 21, 2). Im Neuen Testament wurde die Sklaverei nicht abgeschafft, die Herren von Sklaven allerdings darauf hingewiesen, dass sie vor dem "gemeinsamen Herrn im Himmel" Rechenschaft für ihr Verhalten Sklaven gegenüber abzulegen hatten (Eph. 6, 9). Paulus führte in einem Einzelfall ein sehr beredtes Plädoyer für die Freilassung eines entlaufenen Sklaven namens Onesimus (Philemonbrief).

Den Christen wurde die Widersprüchlichkeit von Sklaverei und Menschenwürde durchaus schmerzlich bewusst, da nun Herren und Sklaven als Glaubensbrüder miteinander im Gottesdienst saßen. Ihr Glaubensfundament war schließlich die Gleichheit vor dem Schöpfer: "es gibt kein Ansehen der Person vor Gott" (Eph. 6, 9). Ihr Credo war die Erlösung aller durch Christus, denn alle sind "Freigelassene des Herrn" und "um einen teuren Preis erkauft" (1. Kor. 7,22.23). "Es gibt nicht mehr... Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen" (Kol. 3, 12)

Freilich: war die Gesellschaft damals reif für eine Abschaffung der Sklaverei? Mehrere Aufstände von Sklaven im römischen Reich in den letzten hundert Jahren vor Christi Geburt wurden wie der Spartacus-Aufstand mit unvorstellbarer Grausamkeit niedergeschlagen. Hätten die ersten Christen die Freilassung aus der Sklaverei auf ihre Fahnen geschrieben, hätte sie bestenfalls niemand ernst genommen, so absurd schien dies damals, zumal die Christen eine machtlose, selbst verfolgte Minderheit waren. Schlimmstenfalls hätte die junge Christenheit sich an dieser Frage aufgerieben, sie wäre zum Staatsfeind erklärt und auf diesen programmatischen Punkt reduziert worden - und in einem blutigen gesellschaftlichen Umsturzprozeß vermutlich untergegangen. Am Wahrscheinlichsten ist freilich, dass für die Christen dieser Zeit eine generelle Abschaffung der Sklaverei einfach zu weit gedacht war. Zu selbstverständlich gehörte sie zur Realität ihrer Lebenswelt.

Sklaverei ist ein Ausdruck von "des Herzens Härte" ganzer Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Ihre Duldung in der Bibel ist ein Zugeständnis an diese Herzenshärte, keine Rechtfertigung und schon gar nicht Ausdruck ihrer Gottgewolltheit. Und es ist ein vorübergehendes Zugeständnis. Eine Übergangslösung. Die Bibel legt zunächst den schlimmsten Auswüchsen Zügel an. Aber die christliche Botschaft setzte dann einen Stachel ins Fleisch dieser Gesellschaft der Unterdrückung.

Dabei waren die Christen des ersten Jahrhunderts übrigens wesentlich weiter als die des achtzehnten. Vor Paulus hätte sich ein Sklavenhändler gar nicht erst als Christ bezeichnen brauchen! (1. Tim. 1, 10) Hierin liegt aber bereits die Utopie einer Welt ohne Sklaverei verborgen: in einer Gesellschaft, die nur noch aus Christen besteht, hätte es dann keine Sklaven mehr geben können.

Und doch haben buchstabentreue Christen bis ins 20. Jahrhundert z.B. die Minderwertigkeit des schwarzen Mannes mit Bibelversen gerechtfertigt. Wenn es vorwiegend auf christliche Initiative zurückging, dass Sklaverei vor einigen Jahrhunderten aus der zivilisierten Welt verbannt wurde, dann waren es die wahrhaft Bibeltreuen, die das Unbehagen der ersten Christenheit weitergeführt haben. Es war ihre Rückbesinnung auf das, was "im Anfang" war: die Gleichheit aller Menschen vor dem Schöpfer, das "Freigekauftsein" aller Christen durch Jesus, die sie dazu brachte, sich gegen die Sklaverei einzusetzen.

Was war nun wirklich Wort Gottes und Wille Gottes? Der Buchstabe, der Sklaverei scheinbar rechtfertigte? Oder das, was in der Beschränkung der Sklaverei bereits durchschimmerte: die Sicht Gottes von der Gleichheit aller Menschen vor ihm? Ahnten die ersten Christen nicht etwas davon, dass ein Zustand, in dem es Sklaven und Sklavenbesitzer gab, nur ein vorübergehendes Zugeständnis an des Herzens Härte war? Und erfüllten Christen wie Wesley oder Wilberforce, die gegen Sklaverei zu Felde zogen, die biblische Botschaft nicht viel eher, war ihr Handeln nicht wahrhaft bibeltreu, weil sie das erkannten, was "im Anfang" stand und darauf wartete, in Realität umgesetzt zu werden?

Frauen und Lehramt — nicht mit der Bibel?

Kommen wir zum zweiten, eher noch heißeren Eisen, das auch im Forum schon diskutiert wurde: was sagt die Bibel über die Rolle der Frau, speziell zur Frauenordination?

Aus der Sicht der einen gibt es da für "Bibeltreue" überhaupt keinen Diskussionsbedarf, wenn doch Stellen wie 1. Tim. 2, 12 eine ganz klare Sprache zu sprechen scheinen: "Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht"? Die anderen fragen stirnrunzelnd, ob dies etwa eine zeitlos verbindliche Aussage Gottes sein soll — oder eben doch nur patriarchalisch geprägtes Denken eines Menschen vor 2000 Jahren? Beide Seiten lesen diesen Satz letztlich aus einer Befangenheit in unserer Zeit. Beide Seiten möchte ich bitten, weiter in die Bibel hinein zu hören, um nicht an der Oberfläche eines solchen Satzes stecken zu bleiben. Wir müssen wieder nach dem "Anfang", nach der zugrunde liegenden Botschaft fragen, und danach, was dies in der Zeit des Paulus bedeutete, um diesen Satz richtig zu verstehen

Zur Zeit Jesu und der ersten Christen spielten Frauen im Orient eine völlig nebensächliche Rolle. Denken wir an die Schilderung der Speisung der Fünftausend. Eine Menschenmenge wurde nach der Anzahl der Männer bestimmt, dann folgt der lapidare Zusatz: "dazu noch Frauen und Kinder" (Matth 14, 21). Wir können uns kaum ausmalen, wie befremdlich es den Zeitgenossen Jesu erschienen sein muß, dass sich in seinem Gefolge auch Frauen befanden. Selbst seine Jünger wunderten sich, wenn er theologische Gespräche mit einer Frau führte (Joh 4, 27).

Auch können wir die Brisanz einer Formulierung im Lukasevangelium nur erahnen, wenn es heißt, dass Maria (statt ihrer Schwester Martha in der Küche zu helfen) "dem Herrn zu Füßen saß und seinen Worten zuhörte" (Luk. 10, 39). "Zu Füßen eines Rabbi" zu sitzen — dieser Ausdruck kennzeichnete die klassische Position eines theologischen Schülers — so, wie der einstige Pharisäer Paulus zu Füßen des berühmten Schriftgelehrten Gamaliel gesessen hatte (Apg. 22,3). Martha war womöglich nicht nur deswegen empört, weil die ganze Arbeit an ihr hängen blieb, sondern weil sie das Verhalten ihrer Schwester ganz und gar unschicklich fand. Mit geistlichen Fragen hatten sich Frauen gar nicht erst zu beschäftigen!

Das lässt einen die Aussage aus Timotheus und anderen Paulusbriefen in einem anderen Licht sehen, denn wir sollten sie nicht von dem her lesen, was sie verbot, sondern von dem, was sie ganz neu erlaubte. In der damaligen Zeit beschränkte sie nicht die Rechte einer Frau — sie erweiterte sie vielmehr. Ein offizielles Lehramt für Frauen war ohnehin in der antiken Gesellschaft geradezu undenkbar. Aber Paulus eröffnete Frauen etwas, was bisher auch schon völlig abwegig erschienen wäre: sich im privaten Rahmen geistlich bilden zu lassen. Wer den Film Yentl kennt, mag sich erinnern, dass es den osteuropäischen orthodoxen Juden noch viele Jahrhunderte später als Gotteslästerung erschien, wenn eine Frau sich auch nur in aller Stille mit den heiligen Schriften befasste. Wie rückständig war da nun ein Paulus?

Liest man die Briefe und die Apostelgeschichte aufmerksam, so stellt man fest, dass Frauen in der Gemeinde Christi durchaus wichtige Aufgaben wahrnahmen, die sie sich aus ihrer Erziehung heraus kaum zu erträumen gewagt hätten. Der berüchtigte Satz "die Frauen sollen in den Versammlungen schweigen" (1. Kor. 14, 34) bezog sich wohl nur auf Lehraussagen, denn offensichtlich durften sie sehr wohl in den Gemeindeversammlungen laut beten oder Weissagungen aussprechen (1. Kor. 11, 5). Ja, es ist durchaus diskussionswürdig, ob dieses Lehrverbot überhaupt ganz stringent und ausnahmslos gehandhabt wurde. Denn mehrere Frauen wurden von Paulus als Mitarbeiterinnen und Mitstreiterinnen am Evangelium und als äußerst bedeutsam für eine Gemeinde bezeichnet, eine Frau wurde offenbar mit Sonderaufgaben betraut und von Paulus durch die Welt geschickt (Phil. 4, 2.3; Röm. 16,1.2). Und Priska (genannt meist an erster Stelle!) und ihr Mann Aquila unterwiesen sogar den schriftkundigen Apostel Apollos "noch genauer im Weg Gottes" (Apg. 18, 26). Dagegen saßen noch viele Jahrhunderte später jüdische Frauen in den Synagogen getrennt von den Männern hinter Sichtschutzgittern, um den rein von Männern bestimmten Gottesdienstablauf nicht zu beeinträchtigen. Die Christen des ersten Jahrhunderts waren also ihrer Zeit wahrlich voraus.

Woher kam das? Wenn Paulus nach wie noch Unterschiede zwischen Mann und Frau macht, greift er u.a. die jüdische Auffassung auf, nach der die Frau nach dem Mann erschaffen wurde, und vor allem auf Grund ihrer führenden Rolle in der Sündenfallgeschichte nicht über dem Mann stehen dürfe. (1. Tim. 2, 12-14). Wir erinnern uns, was die Genesis (3, 16) uns - nicht als Schöpfungsordnung, sondern als Fluch, der auf der von Gott abgefallenen Welt lastet - berichtet: auf die Frau bezogen heißt es dort: "Nach dem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen" (meines Erachtens eine ziemlich zutreffende Beschreibung der Verhältnisse in nahezu allen Völkern zu nahezu allen Zeiten der Weltgeschichte...).

Doch Paulus ist ja der Verkünder dessen, der "uns erlöst hat von dem Fluch": Christus (Gal. 3, 13). So ist ihm gleichzeitig bewußt, daß "im Herrn", in Christus, diesem Fluch ein "Aber" entgegengesetzt wurde, daß etwas Neues angebrochen ist, das erste neue Akzente in der strikten Rangfolge der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt: "Aber im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt, alles aber stammt von Gott" (1. Kor. 11, 11.12). Dieser Rückgriff auf die Schöpfungsgeschichte sollte uns daran erinnern, was "im Anfang war": dass dort die Frau zwar "um des Mannes willen" geschaffen wurde als "Hilfe, die ihm entspricht" (Gen. 2, 18). Aber dieses Wort bedeutet in der Sprache der Bibel eben nicht soviel wie billige oder minderwertige Hilfskraft, sondern eine notwendige Ergänzung, ein Gegenüber. Beide, Mann wie Frau, sind als Abbild Gottes erschaffen (Gen. 1, 27), dies ist ihre gemeinsame Menschenwürde.

So begannen die ersten Christen hinter die überkommenen Rollenvorgaben zu fragen, weil sie der Überzeugung waren, dass es in Christus "nicht mehr Mann und Frau" gab, sondern eine gleichwertige Berufung zum Heil (Gal. 3, 28). Vor dem Hintergrund der Schöpfungswürde beider Geschlechter und der gleichen Berufung von Männern und Frauen zur Erlösung in Christus bewegte der Heilige Geist die ersten Christen zu einer Aufwertung der Frau, die über das hinaus ging, was aus den Gesetzbüchern hinauszulesen war. Frauen wurden in geistliche Ämter mit eingebunden.

Bei der Gemeinde in Korinth, einer Stadt, die sprichwörtlich dafür bekannt war, dass hier "alles erlaubt" war, wurde der Bogen offenbar für damalige Verhältnisse überspannt. Wenn Paulus zu große Freiheiten wieder zurückpfiff, dann offenbar aus Angst, die Christen könnten wegen "loser Verhältnisse" in Verruf geraten (1. Kor. 11, 5.13-16; 14, 33-36). Die Kriterien mögen uns aus der Perspektive unserer gesellschaftlichen Freiheiten heute fremd erscheinen. Wir können aber natürlich auch nicht erwarten, dass im ersten Jahrhundert bereits die Forderungen der modernen Emanzipationsbewegung umgesetzt wurden. Sie wären von der Allgemeinheit nicht nur nicht akzeptiert, sondern wohl noch nicht einmal verstanden worden — vermutlich von den meisten Frauen selbst am allerwenigsten.

Aber ist die Unterdrückung der Frau nicht wiederum ein Ausdruck von "des Herzens Härte" in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ? Was wäre, wenn wir nun auch hier lediglich eine Duldung, eine Duldung vorübergehender Art, nicht eine Rechtfertigung oder Gottgewolltheit sehen müssten? Eine Duldung, die nicht dem entspricht, was "im Anfang" vorgesehen war, und die die ersten Christen vorwärts drängte, Frauen neue Freiräume zu eröffnen?

Ist es nicht vielleicht nur Buchstabentreue, Frauen heute aus dem Lehramt, aus Pastoren- und Priesterämtern fern zu halten? Ist es womöglich ein Verharren in einer Übergangslösung, die um des Herzens Härte willen bestand, aber vor Gott nur darauf wartet, erneuert zu werden? Was entspricht denn nun eher dem, was im Anfang war, und dem Fundament der Erlösung in Christus, die Frau und Mann den gleichen Wert beimisst? Wäre es nicht bibeltreuer, dem Beispiel Jesu und der Inspiration der ersten Christen zu folgen, die Frauen eine neue Würde und neue geistliche Ämter zuerkannten? Unsere Gesellschaft ist längst reif dafür, ja im Gegensatz zu damals hat sie die Christen längst überholt.

Vieles, was die Emanzipationsbewegung errungen hat, wird von christlichen Frauen und Männern heute längst als selbstverständlich erachtet und genutzt. Aber seinerzeit und teils bis heute betrachten sich Frauenbewegung und fromme Christenheit als ihr gegenseitiges Feindbild. Ich bin der Überzeugung, dass die christliche Kirche ein Versäumnis begangen hat, als sie die Gleichberechtigung der Frau anderen Kräften überlassen hat. Ich möchte soweit gehen zu sagen, dass es eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, wenn sie denn nur bibeltreuer gewesen wäre. Leider hat sie statt dessen durch ihre Buchstabentreue die Emanzipation in die Opposition getrieben und damit häufig in die Gottesentfremdung.

Lest mehr Bibel

Die Bibel ist Gottes weites Land und ein tiefes Wasser, in das man hineinforschen muß, um es zu ergründen. Sie ist kein Steinbruch, aus dem man schnell ein paar Brocken heraushauen kann. Bibelauslegung darf sich nicht darauf beschränken, einzelne Sätze, und scheinen sie noch so passend, herauszuklauben. Das ist gerade uns Homosexuellen schmerzhaft bewusst. Ich bin aber zutiefst überzeugt, dass Gottes Wort auch nicht so gelesen werden will!

Nicht umsonst berichtet uns die Bibel selbst wohl so häufig davon, wie um ihre Auslegung gestritten und gerungen wurde: seien es die Diskussionen Jesu mit den Schriftgelehrten, der Streit auf dem Apostelkonzil oder die Auseinandersetzungen des Paulus in seinen Briefen. Auch dies ist uns ja "zu Lehre gegeben"! (2. Tim 3, 16). Bibelauslegung will immer im Geist und nicht im Buchstaben erfolgen (2. Kor. 3, 6). Sie ist, wie wir gesehen haben, schon in der Bibel selbst etwas Dynamisches und nicht statisch.

Diese Dynamik darf freilich nicht in Beliebigkeit und Willkür geschehen, nicht als "Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen" (Eph. 4, 14). Sie muß sich vom Heiligen Geist leiten lassen. Sie muß die Frage nach Gott "im Anfang" stellen. Sie muß sich auf das Fundament der Berufung und Errettung gründen, das Jesus gelegt hat. Und sie muß "das Ziel aller Unterweisung, die Liebe aus reinem Herzen" (1. Tim. 1, 5) verfolgen. Sie muß wie die ersten Christen in Demut und in Wagemut darauf horchen, welchen Bogen der liebende Gott, der in eine bestimmte Zeit hinein spricht, bereits für seine ganze Menschheit spannt. Sie darf über das hinaus blicken, was um des Herzens Härte der Menschen willen existiert, und nur darauf wartet, in Gottes ursprüngliche Vision verwandelt zu werden.

Darum liebe ich dieses Buch. Darum glaube ich fest, dass es Gottes Wort ist, dem ich treu sein möchte. Bibelkritiker und Buchstabentreue, Angefochtene und allzu Sichere, Bibelentfremdete und Bibelheimatkundige — lest mehr Bibel!

© 2005 Valeria

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