Mädchen waren hübsch, aber Jungs „blitzten wie aus dem Himmel“

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Meine Kindheit

Ich bin ein glücklicher 29-jähriger Typ, der sowohl mit seiner Sexualität als auch mit seinem Christsein klarkommt. Ich lebe vollständig geoutet – meine Freunde, Familie und Kollegen haben damit kein Problem, und sogar in meiner Gemeinde weiß jeder, dass ich schwul bin. Life does get better. Aber es war nicht immer so. Es gab oft dunkle Zeiten und ich hatte oft Angst. Ich komme ursprünglich aus England, wohne aber seit 5 Jahren in Deutschland. Ich wuchs in einer von der Landwirtschaft geprägten Kleinstadt im Südwesten von England auf. Meine Mutter ist Anglikanerin, mein Vater Katholik. Meine Mutter wechselte die Gemeinde zu einer ehemaligen Brüder-Gemeinde – protestantisch und sehr konservativ. Meine Geschwister und ich gingen mit. In dieser Gemeinde bin ich quasi groß geworden – meine zweite Familie. Da lernte ich vieles über Gott, aber noch mehr über Sünde. Zum Beispiel, dass man auf viele Arten und Weisen sündigen kann. Die Liebe Gottes war damals eher ein Konzept – eine vernünftige Entscheidung nicht zu sündigen, sie hatte nichts mit Gefühlen zu tun.

Sommercamps

Mit 11 ging ich zu einem christlichen Jugend-Sommercamp der Gemeinde. Ich lernte Christen kennen, die Freude an Jesus hatten, die in seiner Freiheit lebten und von einer lebendigen und liebevollen Beziehung zu Jesus sprachen. Diese Woche war eine Achterbahn der Emotionen für mich: Meine Freunde drängten mich, ein Mädchen zu fragen, ob sie mit mir gehen möchte. Sie sagte ja, und wir hielten Händchen, doch es fühlte sich komisch an. An einem Abend wollte sie mich sehr gern küssen. Ich hatte aber keine Lust – viel lieber hätte ich meinen besten Kumpel dort geküsst. Diese Anziehung zu Jungs fühlte sich normal an. So etwas hätte ich eigentlich für das Mädchen empfinden müssen, tat es aber nicht. Eines Abends sah ich, wie durch Gebet ein Jugendleiter von einem schweren Rücken­unfall geheilt wurde. Für mich war das unglaublich – dieser Jesus war nicht nur ein Mensch in der Bibel, sondern eine Person mit Kraft, auch heute noch. Den wollte ich kennen lernen. Ich betete. Ab diesem Moment sagte ich, ich bin Christ und ließ mich kurz danach taufen. Wenig später fing die Pubertät so richtig an. Toll.

In der der Schule fühlte ich mich immer wieder zu Jungs hingezogen und hatte kein Interesse an Mädchen. Sie waren hübsch, aber Jungs „blitzten wie aus dem Himmel“. Ich verguckte mich oft in meine besten Freunde – wollte sie küssen, Händchen halten, kuscheln, ihnen alles erzählen. Oft zerbrachen die Freundschaften daran, weil der andere sich von meiner Intensität erdrückt fühlte. Ich verstand das damals nicht. Dann entdeckte ich das Internet und damit Pornografie. Es gab genug, um ständig Schuldgefühle zu haben. Ich guckte immer die „falschen“ Sachen an – die Sachen mit Jungs. „Es ist doch nur eine Phase, gell?“ dachte ich mir. „Dieses Jungs-sexy-und-attraktiv-Finden vergeht irgendwann, oder? Bitte Gott. Amen“.

Theologiestudium

Die „Phase“ hielt aber noch an, auch als ich mit dem Theologiestudium anfing. Diese Zeit zwischen 18 und 24 Jahren war die beschissenste Zeit meines Lebens. Ich fühlte mich in meinem Innersten zerrissen – zwischen Gott und mir selbst. Ich studierte zwar Theologie, war ein guter Student, verstand aber nicht, warum Gott mich mit dieser Last verdammt hatte. Ich wollte kein Sünder sein. Ich betete und betete. Warum hörte Gott meine Gebete nicht? Die Leute, denen ich mich geöffnet hatte, sagten mir immer, Gott höre zu. Aber er hörte mir nicht zu. Ich verguckte mich in meinem besten Freund, aber er war hetero. Es war eine Qual.

Nach zwei Jahren im Bible College hatten sich alle LGBT-Leute dort gegenseitig gefunden – es gibt viele von uns. Warum tut Gott das bei so vielen Menschen? Ich entschied für mich, dass ich schwul bin und sich daran nichts ändern wird. Aber ich sah es nicht als etwas Gutes. Ich dachte, ich müsste für alle Ewigkeit Single sein. Hauptsache nicht sündigen. Ein Jahr später war ich sehr deprimiert. Ich hatte schon mehrmals über Selbstmord nachgedacht, weil ich es nicht mehr aushielt. Statt weiterzuleben, wollte ich schnell vor Gott sein und sein Urteil hören. Ich verstand nicht, warum Gott mich so erschaffen hatte, um mich dann von ihm auszuschließen. Gott sagt, er sei Liebe. Wer an ihn glaubt, hat Freude und Frieden. Dies erlebte ich jedoch nicht. Meine damalige Einstellung ließ mich unglücklich und zerrissen zurück. Das konnte doch nicht von Gott sein. Dann traf ich die Entscheidung, mich zu akzeptieren, als ob Gott das so wollte. Ich hatte nichts zu verlieren. Ich bin schwul und das ist OK – völlig OK!

Ich studierte erneut die Bibelpassagen „gegen“ Homosexualität und kam zu der Entscheidung, dass Gott kein Problem mit dem Schwulsein hat. Die Passagen hatten wir oft falsch interpretiert. Ich fühlte mich freigesetzt. Gott hatte meine Gebete nicht erhört, weil er mich nicht heilen wollte – ich war als schwuler Mann in seinen Augen nicht krank.

Hello, ich bin schwul!

Ich schloss mein Studium ab – mit einem Preis für die beste Arbeit und für die besten Noten im ganzen Jahr – und das von einem Schwulen! Danach distanzierte ich mich langsam über zwei Jahre hinweg von der Kirche. Ich brauchte Raum, um mich neu zu finden. Mit 24 outete ich mich bei meinen Freunden, von denen die meisten positiv reagierten. Viele sagten „Sorry“, falls sie mich verletzt hatten. Meiner Familie erzählte ich es kurz danach. Nur meine Schwester war böse mit mir, weil ich es ihr hätte früher erzählen sollen. Mein Coming-Out wurde in der Heimatgemeinde bekannt. Ich verlor offiziell die Mitgliedschaft in der Gemeinde und durfte keine Leiterfunktion mehr haben. Das tat zwar weh, aber ich war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich.

Ich wusste allerdings nicht, was ich als schwuler Mann mit einem Theologie­studium anfangen sollte. Deshalb ging ich auf Reisen und landete in Stuttgart. Schwulsein war so lange das beherrschende Thema für mich, doch jetzt war es jedem mehr oder weniger egal – ich war einfach ich. Ich erlebte meinen ersten Kuss mit einem anderen Jungen und fühlte mich bestätigt: „ Ich wusste, dass ich schwul bin!“. Ich wollte aber nichts mehr mit Christen zu tun haben, da ich nicht Teil einer Bewegung sein konnte, die Leute wie mich nicht liebt. Das ist nicht die Botschaft Jesu. „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“

Deutschland

In Stuttgart lernte ich meinen ersten richtigen Freund kennen und wusste bei dem Date nicht, dass er auch Christ war. Gottes Bestimmung? Wir waren drei Jahre zusammen. Die ganze Familie mochte ihn. Von seinen und meinen Freunden wurden wir akzeptiert. Mein früheres Selbst hätte das gar nicht glauben können, dass „life can get better“. In seiner Familie waren alle sehr konservative Christen. Sie haben sehr lange gebraucht, bis sie mich akzeptierten. Im Vergleich zur Hetero-Beziehung des älteren Bruders fühlten wir uns oft, als ob wir bei ihnen eine Liebe 2. Klasse hatten. Das half meiner Beziehung zu Gott gar nicht. Nach drei Jahren war die Beziehung vorbei. Der traurigste Moment meines Lebens bisher. Doch wir sind noch befreundet. Ich zog nach München. Jahrelang wollte ich nichts mit der Kirche zu tun haben – warum auch? Ich fühlte mich dort gefangen. Aber langsam erwachte in mir eine Sehnsucht, es mit Gott erneut auszuprobieren. Ich ging in eine Gemeinde – und fand es okay. Ging in den Hauskreis – zu viel! Panik! Kurz danach war ich zum ersten Mal beim Zwischenraum-Treffen in Wiesbaden – ich konnte meinen Glauben mit meiner Sexualität neu erleben – ohne Zwang und so, wie ich bin. Seit einem halben Jahr gehe ich wieder in eine Gemeinde und bin dort zum großen Teil geoutet. Meine Freunde dort akzeptieren und lieben mich. Ich akzeptiere sie und liebe sie auch. Seit neuestem bin ich auch Teil eines Hauskreises für gay Christen in München – dieser bietet mir einen sicheren und offenen Ort, um meinen Glauben langsam und vorsichtig wieder neu zu entdecken. Liebe steht im Mittelpunkt – richtig so.

Es gibt Hoffnung

Die Reise war lang. Ich habe die Auszeit von meinem Glauben sehr gebraucht, um mich zu finden und zu lernen, dass ich gut bin, so wie ich bin. Gott ist geduldig – es macht ihm nichts aus, ein bisschen zu warten. Seitdem bin ich Gott in Jesus neu begegnet. Gott ist ein Gott der Liebe. Er möchte, dass wir nach seiner Art leben und unseren Nächsten lieben. Denn „die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes“. Er liebt mich, genau wie ich bin. Wenn ich liebe, verwirkliche ich das Reich Gottes auf Erden. Als schwuler Mann habe ich viel von dieser Liebe Jesu zu geben.

Ben aus München

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