Marcels Zeugnis

Gerne stelle ich mich kurz vor: Ich heisse Marcel, bin 38 Jahre alt und wohne in Zürich. Seit über 20 Jahren arbeite ich als Informatiker in einer Grossbank. Ich bin in einer liberalen christlichen Familie aufgewachsen und schon als Junge verspürte ich eine Sehnsucht nach Gott. Mir war bewusst, dass ich vor Gott schuldig war, und ich empfand es als enorme Befreiung, als ich begriff, dass Jesus – in seiner Heldentat am Kreuz – für meine Fehltritte geradegestanden ist und ich von Gott geliebt bin.

Offene Arme in der Freikirche

Durch einen Arbeitskollegen kam ich als 23-Jähriger erstmals mit einer Freikirche in Kontakt. Es handelte sich um eine Gemeinde in Zürich, welche dem Chrischona-Verband angeschlossen ist. Da ich herzlich aufgenommen wurde, war ich sofort Feuer und Flamme für diese Gemeinschaft. Ich besuchte regelmässig die Gottesdienste sowie einen Bibelgesprächskreis namens „Salzstreuer“.

Ich war mir damals schon bewusst, dass ich schwul bin. In der Gemeinde wurde nicht über Homosexualität gesprochen und ich war noch so grün hinter den Ohren, dass ich gar nicht wusste, dass das christliche Umfeld grösstenteils ein Problem damit hat. Da es allerdings meinem Bedürfnis nicht entsprach, darüber zu sprechen, schwieg ich. Mit dieser Situation war ich zufrieden.

Schock, Krise, Selbstverleugnung

Das erste Mal, als ich mit der ablehnenden Meinung konfrontiert wurde, war an einem Freitagabend, den ich niemals vergessen werde. Ich sass allein in meinem Zimmer – damals noch bei den Eltern wohnend – und las in einem Buch, welches ich aus der Bücherecke der Gemeinde ausgeliehen hatte. Das Buch vermittelte Grundlagen des christlichen Glaubens und sprach sich sehr für die Ehe zwischen Mann und Frau aus. Beim Weiterblättern gelangte ich zur Überschrift: „Und die Homosexualität?“ Da dachte ich, dass erfreulicherweise endlich mal Menschen wie ich berücksichtigt würden. Überzeugt, dass der gerechte Gott auch für Homosexuelle eine motivierende Botschaft bereithält, stürzte ich mich voller Freude und Neugier auf das Kapitel.

Was ich da allerdings zu lesen bekam, konnte ich erstmals gar nicht fassen. Darin hiess es, Homosexualität sei eine Abirrung von Gottes Zielvorstellungen und sei mit Ehebruch gleichzusetzen. Die Bibel nehme da sehr klar Stellung. Sie kenne keine angeborene Homosexualität, sondern sehe darin eine Folge des Abfallens von Gott. Der Autor ging davon aus, dass eine Umpolung von homosexuell zu heterosexuell möglich und einfach sei, und begründete seine Auffassung mit folgendem Vers: „Nun aber ist Gottes Geist in euch und ihr seid nicht länger der Herrschaft eures sündigen Wesens ausgeliefert.“ (Römer 8,9)

Ich las das Kapitel immer und immer wieder, in der Hoffnung, ich hätte etwas falsch verstanden. Als mir aber klar war, wie die Dinge lagen, brach für mich eine Welt zusammen. Mit einer schlaflosen Nacht begann für mich eine längere Krise. Zuerst sprach ich mit dem Arbeitskollegen, der mich früher in die Gemeinde eingeladen hatte. Die Thematik überforderte ihn; immerhin gab er zu, dass er sich noch nie ernsthaft damit befasst hätte. Danach wandte ich mich an andere Gemeindemitglieder. Da es sich beim zerschmetternden Buch um ein älteres handelte, hoffte ich, dass das Christentum in der Zwischenzeit zu einer befreienderen Einstellung zu Homosexualität gefunden hätte. Leider musste ich feststellen, dass dies nicht der Fall war.

Es gab mal einen Gesprächsabend über Homosexualität, wobei aber bereits im Voraus festgelegt war, dass die Leitung an der Verdammung festhalten würde. Lange Zeit glaubte ich ja selber, mich umpolen lassen zu müssen, doch diese wesensfremden Versuche schlugen fehl und stürzten mich in eine enorme Krise. Zeitweise hatte ich ein Gottesbild, das auf Gehorsam, Zucht und Selbstverleugnung baut, aber nicht auf eine liebevolle Beziehung ausgerichtet ist.

Mobbing in der Gemeinde

Da meine sexuelle Orientierung nun in der Gemeinde bekannt war, musste ich immer wieder Mobbing erleiden. Ein Brief an den Pastor wurde schlicht nicht beantwortet. Niemand bot mir Hilfe oder Akzeptanz. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Es geschah beispielsweise einmal, dass eine ledige junge Frau in der Salzstreuer-Gruppe mitteilte, dass sie ein Kind erwarte. Gemäss dem Dogma der Gemeinde galt Geschlechtsverkehr ausserhalb der Ehe als Sünde. Da dachte ich nicht besonders liebevoll: „Endlich ist auch mal jemand anders Sünder und hoffentlich wird auch sie tüchtig zurechtgewiesen!“ Das war jedoch nicht der Fall. Es hiess einfach, das könne eben mal passieren. Und wenn jemand homosexuell ist? Das ist ja auch einfach passiert, noch ohne
mein Dazutun; trotzdem wurde immer nur ich verurteilt. Ich wollte einfach so leben können, wie ich nun einmal bin und wie mich Gott geschaffen hatte. Das wurde mir jedoch verunmöglicht.

Abschied vom geistlichen Zuhause

Der Druck auf mich wurde immer grösser. Als meine Mutter von meinen Problemen erfuhr, wollte sie mir helfen und wandte sich zuerst an die Jugendberatung. Später erfuhr sie von der Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) und gab mir Unterlagen davon. Dieser Gruppe traute ich jedoch nicht, da ich dachte, die etablierte Chrischona wisse über Gottes Meinung besser Bescheid als ein freier Zusammenschluss von homosexuellen Christen. Schlussendlich war ich mit meiner Weisheit völlig am Ende. Ich machte mir nun ernsthaft Gedanken über einen Austritt aus der Gemeinde. Das war ein schmerzhafter Entscheid, hatte ich doch dort lange Zeit meine Heimat und meine „Kollegen“ gehabt.

Schliesslich kehrte ich der Gemeinde den Rücken zu und wollte absolut nichts mehr von Glaube, Gott oder Kirche wissen. Wozu sollte ich mich weiterhin mit dem Christentum befassen, wenn es mir seelischen Schaden zufügte? So lebte ich mehrere Jahre unreligiös. Allzu glücklich war ich in dieser Situation zwar auch nicht, aber es ging mir allmählich besser.

Das Wunder

Meine Erzählung könnte ich hier beenden, wenn nicht ein Wunder geschehen wäre. Ich verspürte den eindringlichen Ruf, einen Gottesdienst aufzusuchen. Vorerst ignorierte ich diese klare Botschaft, befasste mich dann zwei Monate später doch damit. Weil für mich ein Besuch in der Chrischona nicht in Frage kam, informierte ich mich mittels einer Zeitung über andere Angebote in Zürich. Meine Auswahl fiel auf die reformierten Abendgottesdienste in der Wasserkirche. Obwohl ich nichts Besonderes erwartete, ging ich mal dorthin. Und was da geschah, war gerade nochmals ein Wunder.

Dieser erste Kirchenbesuch seit langem erfüllte mich mit grosser Freude und ermöglichte mir den Zugang zum Glauben wieder – von einer ganz anderen, neuen Seite her. Anstelle mich zuerst umpolen zu müssen, um überhaupt Christ sein zu können, fühlte ich mich von Gott angenommen, so wie ich bin. Auch die weiteren Gottesdienste brachten mir viel. So wurde die Wasserkirche je länger je mehr zu meiner neuen Heimat. Ich spürte, dass von diesen Gottesdiensten grosser Segen ausgeht. Als ernsthafter Christ kam ich nicht darum herum, mich wieder mit der leidvollen Thematik Homosexualität und Glaube zu befassen. Ich verspürte auch das Bedürfnis, mit anderen wohlgesinnten Christen darüber zu sprechen. Ich hatte die Unterlagen von der HuK immer noch und nahm dort Kontakt auf. Es war eine Wohltat, endlich mal mit Gleichgesinnten ins Gespräch
zu kommen.

Schwullesbische Christen

Später fand ich auch Anschluss an die anderen christlichen schwullesbischen Gruppen in Zürich. Ausser der HuK gibt es Queer-Gottesdienste in der Helferei-Kapelle und in der Citykirche St. Jakob, einen Hauskreis des Vereins „Zwischenraum“ sowie einen Gesprächskreis für allgemeine Themen. Für dieses vielfältige Angebot bin ich sehr dankbar. Bei Diskussionsabenden, Bibelarbeiten, Gottesdiensten, Mahlzeiten, Tagungen und anderen Anlässen kommen wir uns nahe, nehmen Anteil aneinander und begleiten einander in schönen und schwierigen Zeiten. Für viele ist es wesentlich, hier konkret zu erleben, dass sich christlicher Glaube problemlos mit Homosexualität vereinbaren lässt. Dennoch nehme ich nach wie vor regelmässig an den Gottesdiensten in der Wasserkirche teil. Es ist mir wichtig, nicht nur in der schwullesbischen Bewegung von Christen, sondern auch in einer etablierten Gemeinde dabei zu sein.

Besuch in der früheren Gemeinde

Es interessierte mich, was aus meiner früheren Chrischona-Gemeinde geworden war. Deshalb besuchte ich dort im Frühling 2011 mehrere Gottesdienste, welche mir zusagten. Einer der Pastoren bot mir ein Gespräch an. Was das Dogma angeht, hat sich leider nicht viel verbessert. Grundsätzlich hält sich die Chrischona mit der Verurteilung von Homosexualität zwar etwas zurück, dies aufgrund der Auffassung, wonach alle Menschen sündigen. Trotzdem wird jegliches Ausleben, selbst innerhalb einer treuen Partnerschaft, kritisiert.

Mein Blick auf die Bibel

Ich kann es nicht akzeptieren, dass die Gemeinde mir das Leben in einer Partnerschaft vorenthalten will. Durch verschiedene Bücher, welche mir im Zwischenraum empfohlen worden waren, wurde mir immer klarer, wie unverhältnismässig die Haltung und Härte mancher Kirchen ist im Vergleich zu den dürftigen Bibelstellen über Homosexualität. Ich gelangte zur Einsicht, dass
die sogenannten „Hammerstellen” nicht unbedingt homophob zu interpretieren sind. Das Phänomen der homosexuellen Liebe scheint mir darin gar nicht in den Blick zu kommen. Die Bibel sollte niemals wie ein Hammer gebraucht werden, um die, die ehrlich nach Gott und seinem Willen fragen, niederzuhauen. Wenn der Umgang mit der Bibel in die Weite führt, befreiend wirkt und auch jene in den Blick nimmt, die auf der Schattenseite dieser Welt stehen, kann er nicht verkehrt sein.

Religiöser Missbrauch

Es gibt nicht nur sexuellen, sondern auch religiösen Missbrauch: Wo Gott dazu missbraucht wird, andere Leute zu unterdrücken und zu diskriminieren; wo Jesus nicht mehr Freude oder einen Ruf zur Freiheit in Mündigkeit auslöst. Sind es nicht gerade meistens die scheinbar besonders bibeltreuen Christen, die homosexuelle Mitmenschen ins Abseits drängen? Möglicherweise haben sich diese Christen unbemerkt die Argumentation der Pharisäer zu Eigen gemacht, statt die Position von Jesus zu vertreten, wonach der Mensch für Gott wichtiger sei als die Gebote.

Es bleiben Glaube - Hoffnung - Liebe 

Jesus wendet sich scharf gegen die Scheinfrömmigkeit der damaligen religiösen Elite und will, dass Menschen aufrichtig sind. Anders als in vielen Gemeinden ist Sexualität für ihn nur ein nebensächliches Thema. Über allem steht eine persönliche und menschliche Liebe und Wärme, die die Bibel Barmherzigkeit nennt. Paulus ermutigt uns im 1. Korintherbrief 13: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; am grössten aber unter diesen ist die Liebe.“