Versöhnt mit Gott, versöhnt mit mir

Quelle: privat

Ich wurde 1974 in Dresden als Chris Hartmann in eine Familie geboren, in der, typisch für die DDR, nicht über Kirche oder Glaube gesprochen wurde. Weder im positiven noch im negativen Sinne. Einen kindlichen Glauben besaß ich aber trotzdem, und als Kind habe ich auch gebetet. Diesen Glauben habe ich nie bewusst weiter entwickelt, er war einfach da, und für mich war das normal. Genauso wie dieses dumpfe Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und die Traurigkeit.

Heute kann ich sagen, dass ich schon als Kind an Depressionen litt, die zu diesem Zeitpunkt unerklärbar waren. Meine Eltern waren im Grunde froh, dass ich ein so stiller und pflegeleichter Junge war. Ich las viel und spielte mit Puppen. Für mich war auch das normal. Das Bedürfnis zum Ballett zu gehen, habe ich aus Angst verschwiegen. Heimlich sah ich also den Mädchen zu, wie sie übten. Und ich war furchtbar neidisch! Ich konnte damals nicht erklären, warum. Als Teenager, mit 13, begann ich heimlich, die Sachen meiner Mutter zu tragen, ohne zu wissen, warum überhaupt. Es war damals eine turbulente Zeit für unsere Familie. Meine Eltern trennten sich, meine Mutter zog aus, und ich blieb mit Vater allein. Einige Jahre später (ich hatte mittlerweile eine Lehre als Zerspanungsmechaniker angefangen) war durch einen Zufall meine Neigung, Damensachen zu tragen, ans Licht gekommen. Die nun folgende Zeit war für mich kein Zuckerschlecken. Massiv wurde mir von meinem Vater und seiner neuen Frau eingeredet, dass es entsetzlich schlecht war, was ich tat, dass ich krank sei und dass das niemand tut. „Zimmerdurchsuchungen“, Überwachung und totale Kontrolle waren dann die Regel. Dass meine Stiefmutter als Kind im Erziehungsheim war und ihre damaligen Erlebnisse nur auf mich abwälzte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Schließlich hatte sie mich aber gebrochen. Ich fing an, mich zu hassen, für meine Neigung und für meine Abnormalität. Das war auch der Zeitpunkt, wo ich das Gefühl entwickelte, dass Gott mich straft und abgrundtief hasst. Dem hielt ich entgegen und fing an, Gott zu hassen für das, was ich ertragen musste. Meine Frage warum blieb unbeantwortet. So versuchte ich, „normal“ zu spielen, und verdrängte alles. Irgendwann wurde mir alles zu viel, ich fasste mir ein Herz und zog aus der elterlichen Wohnung aus ins Leben. So vollgepackt mit Schuldgefühlen und Depressionen war ich natürlich sehr labil und angreifbar. Ich versuchte, „normal“ eine Freundin zu finden, was mir auch gelang. Lange hielt das Glück aber nicht an, denn das Gefühl, ein weibliches Wesen sein zu wollen, ließ mich einfach nicht mehr los. Ich konnte es nicht aufhalten, niemand kann sich auf Dauer selbst verleugnen. Der Blick in den Spiegel wurde langsam aber sicher zur furchtbaren Katastrophe. Meine Freundin stellte mich zur Rede, und ich bekam Gleiches zu hören wie von zu Hause. Du darfst das nicht, das ist falsch! Schließlich trennten wir uns, und ich zog mich danach völlig zurück.

Die folgenden Jahre waren geprägt von Angststörungen, Depressionen und Hass auf mich selbst. Irgendwann machte dann auch mein Körper schlapp – Herzstörungen, Durchfall, das volle Programm. Die Sitzungen bei einer Psychologin führten zu keinem Erfolg. Sie begrüßte es sogar, dass ich gegen meine Neigungen ankämpfte, zumindest rein äußerlich. Ich hatte dann irgendwann keine Kraft mehr, dagegen anzukämpfen, und wagte die ersten holprigen Schritte nach draußen. Durch positive Erlebnisse beflügelt fand ich den Mut, mehr zu wagen. Eine neue Psychotherapeutin und die Trans*-Selbsthilfegruppe in Dresden gaben mir neuen Mut, mich selbst anzunehmen. Meinen Selbsthass habe ich besiegt! Und ich habe Gott auch neu gefunden, meinen Frieden mit ihm gemacht. Ich stellte fest, dass ich mich bei ihm nur über meine Lebensaufgabe beklagt habe, dass es kein Hass war, den er gegen mich hegt, sondern dass er mich innig liebt und bei meiner schweren Aufgabe stets bei mir war! Ich habe mich bei ihm entschuldigt, da ich wohl etwas blind war. Ich denke, er hat mir meine Blindheit verziehen. Ein Pfarrer sagte mir neulich, dass Gott es auch aushält, wenn man ihn mal anschreit und schilt, dass man sich auch von ihm entfernen darf, aber dass er einen stets mit offenen Armen wieder annimmt. Die Fehlerhaftigkeit des Menschen ist ihm also kein Gräuel.

Jetzt bin ich Melanie, die, die ich eigentlich schon immer bin. Mein Bewusstsein war nur getrübt, es brauchte einige Zeit, um es zu erkennen. Meine Weiblichkeit trage ich mit Stolz und Selbstbewusstsein. Die erste große Operation ist überstanden, und ich fühle mich endlos befreit aus meinem Kerker. Sämtliche Depressionen sind verflogen, mein Körper hat sich beruhigt. Auch keine Panikattacken mehr. Ich genieße die Ruhe in mir. Der Krieg ist vorbei. Und das Beste: Der Blick in den Spiegel ist jetzt keine furchtbare Katastrophe mehr!

Vor einiger Zeit durfte ich Johanna kennenlernen, mit der ich bis heute zusammen bin. Ihre Gegenwart erfüllt mich mit Freude und tiefer Dankbarkeit, in der Gewissheit, dass Gott sie geschickt hat. Das Glück und die Freude, die wir erleben dürfen, ist einfach einmalig! Es steht meine Taufe an, die nur aus den Dingen resultiert, die ich bis jetzt erlebt habe. Für mich ist es ein Glaubensbekenntnis, das aus tiefster Überzeugung und Hingabe besteht! Der Zwischenraum-Hauskreis in Dresden stellt seit einiger Zeit für mich eine große Bereicherung dar. Der Gedankenaustausch und die Gespräche sind einfach wundervoll! Und jetzt bin ich wieder gespannt, was das Leben für mich bzw. uns noch bereithält!

Melanie Hartmann aus Radeberg

Inhaltsübersicht zwischendrin 2016