Trauma Bremen ...

Qulle: Fotolia/JOKAPIX

Es ist Mittwochabend, 30. April 2008.

Ich sitze mittig, in einer der hinteren Reihen auf der Tribüne der Eröffnungsveranstaltung des seit vielen Monaten herbeigesehnten „Christival 2008“ auf der Bürgerweide, mitten in Bremen. Mein Herz ist voller Freude. Knapp 16.400 Dauerteilnehmer meiner Generation und aus ganz Deutschland, die 5 Tage lang bezeugen möchten, dass ihnen der Glaube und die Gemeinschaft der Gläubigen wichtig sind – von diesem Anblick und den bevorstehenden 280 Einzelveranstaltungen bin ich überwältigt. Ich habe bereits einen langen Tag hinter mir. Am Morgen startete unser Reisebus aus dem tiefen Schwarzwald quer durch Deutschland in den flachen Norden. Dort angekommen erreichten wir unser Quartier – eine Schule (es sind ja Ferien). Anschließend fuhren wir mit der Stadtbahn zum Haupt­bahnhof.

Meine Vorfreude stieg immer weiter.

Die letzten Monate hatte ich sehr wohl mitbekommen, welchen Medienhype und politischen Skandal es um das Christival gab. Ich hatte aufmerksam verfolgt, wie das Seminar „Homosexualität verstehen – Chancen zur Veränderung“ in die öffentliche Kritik geraten war. Dass dieses Seminar seit Anfang Januar aus dem Programm gestrichen ist, hatte ich gelesen.

Dieser Konflikt beschäftigt mich stark, denn ich weiß von mir seit ca. sechs Jahren, dass ich homoerotische Gedanken habe. Ich möchte das nicht! Seit zwölf Jahren lebe ich bewusst mit Jesus. Ich habe Ihm die Türe meines Herzens geöffnet. Mein Wunsch ist es, ein gottgefälliges Leben zu führen. Mein soziales Umfeld und die Bibel geben mir vor, dass Homosexualität keine Sünde sei, dass sie jedoch nicht ausgelebt werden dürfe. Der Wunsch nach Normalität wächst stetig in mir, ebenso wie meine homoerotischen Gefühle. Ich verstehe mich selbst nicht. Ich wünsche mir Veränderung! Vor wenigen Monaten hatte mich der Heilige Geist dann endlich ermutigt und dazu gebracht, mich einem guten Freund aus dem Schüler-Bibel-Kreis anzuvertrauen. Seitdem treffen wir uns regelmäßig dienstags in der Mittagspause der Schule und sprechen über meine Sexualität, die Bibel und allgemein über verschiedene theologische Fragen, die mich bewegen. Denn ich fange an, meinen Glauben, durch den ich mein Leben lang dankbar geprägt wurde, mit Argumenten zu füllen.

Auch das Seminar „Sex ist Gottes Idee – Abtreibung auch?“ geriet in die Kritik. Die negativen Schlagzeilen mehrten sich. Der Spiegel, die tageszeitung (taz), der tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau, ja sogar der Bundestag diskutierten über Diskriminierung, Ausgrenzung, Homophobie, Sexismus und darüber, ob das Christival eine gefährliche, hetzerische, menschenverachtende Veranstaltung sei. Immer wieder hörte ich: „Keine Toleranz den Intoleranten!“ Ich las, wie die Schirmherrin Ursula von der Leyen (Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) in die Kritik geriet, wie Volker Beck (parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag) gegen das Christival im Allgemeinen eiferte, und wie sich Ulrich Parzany (großer Evangelist bei ProChrist) für die evangelikale Meinungsfreiheit einsetzte. In mir mischten sich Unverständnis, Wut und Befürwortung. Während des hammergenialen Gemeindeferienfestivals „Spring“ mit ca. 3.000 Teilnehmern aller Generationen vom 24.-29.03.08 (10jähriges Jubiläum) begegnete ich Ulrich Parzany, der mich bereits persönlich kannte. „Danke. Macht. Sinn.“ lautete das diesjährige Motto. Ich bedankte mich bei ihm, dass er so standhaft für das Wort Gottes in Bezug auf das Thema Homosexualität eintritt. In mir tobte ein Kampf der Mächte. Was hatte das für einen Sinn?

Ich sollte bis Dezember 2015 der Auffassung sein, dass Homosexualität veränderbar sei. Ich sollte mich selbst bisexuell glauben, und dass ich die heterosexuelle Seite in mir stark fördern müsse. Und wie sehr ich mir die nächsten sieben Jahre noch diese Veränderung erwünschen und erhoffen würde. Ich würde zwei Jahre Mentoring, sowie zig Beratungsgespräche beim „Weißen Kreuz“ und bei „Wüstenstrom“ (evangelikale Vereine, die Homosexuelle beraten und begleiten, die sich Veränderung ihrer sexuellen Neigung wünschen) in Anspruch nehmen. Ich würde zwei heterosexuelle Beziehungen gehabt haben; eine sogar für ein ganzes Jahr mit Ausblick auf Verlobung. Das „Trauma Bremen ...“ sollte mich die nächsten Jahre beschäftigen.

Heute Abend ahne ich noch nichts von alledem.

Mit meinen 20 Jahren fiebere ich dem Beginn des Christivals entgegen. Als wir uns heute Nachmittag in unserem Quartier „Schule“ eingerichtet hatten und mit der Straßenbahn am Hauptbahnhof ausgestiegen waren, um mit den Teilnehmermassen in Richtung Bürgerweide und Messe zu ziehen, begegnete uns vor dem Hauptbahnhof ein Infostand. Im ersten Moment dachte ich: „Oh, wie cool – ein Christival-Stand! Es geht los!“ Ich bekam einen Flyer in die Hand gedrückt und realisierte die Botschaft: „Homosexualität ist eine Krankheit und die Erde ist eine Scheibe“. Jener Infostand gehörte zum Bündnis „Freiheit für Vielfalt“ mit dem Slogan „Wir bewegen etwas in Bremen“. Ich behielt diesen Flyer bei mir. Ich war geknickt. Dachte, wie wird das die nächsten Tage wohl hier abgehen? Ich nahm mir vor, mir diesen Flyer später genauer anzusehen. Gedankenversunken ging ich den Massen durch die Unterführung des Bremer Hauptbahnhofs nach, bis sich vor mir die gesamte Christival-Fläche öffnete. Ich war überwältigt von dem, was uns erwartete: viele viele Bremer Gemeinden hatten rechts und links Stände aufgebaut mit hunderten von Leckereien und Leckerbissen. Eine Willkommensgeste, wie ich sie nicht erwartet hatte! Ich war wieder einmal fasziniert von der großen Familie Gottes und den Glaubensgeschwistern aller Generationen, die deutschlandweit und weltweit füreinander da sind. „Jesus bewegt“.

Nun sitze ich also auf der Tribüne, relativ weit hinten. Die Eröffnungsveranstaltung ist grandios. Hinter uns tobt es. Eine angekündigte Gegendemonstration. Etwa 500 Gegner aus verschiedenen Lagern (Frauenrechtlerinnen, Homosexuelle, Linksextremisten sowie angetrunkene Störer) halten Banner hoch, rufen lautstark und schießen Feuerwerkskörper ab. Ich kann sie nicht sehen, aber ich kann sie gut hören. Plötzlich wird es auf dem Christival-Platz ganz still. Es wird gebetet. Hinter uns tobt die aufgebrachte Menge. Wir beten. Nun wird mir die polarisierte emotionale Atmosphäre so richtig bewusst. Dann erschallt vom Christival-Platz ein lautes „Amen!“ Ein derart laut betontes Amen habe ich noch nie gehört. Ich fühle mich wohl in dieser starken Masse.

Später erfuhren wir, dass ca. 100 Demonstranten den Bauzaun stürmten. Blitzschnell bildete sich eine Menschenkette aus Polizisten, Mitarbeitern und Teilnehmern, die die Menge zurückhalten konnte. Es blieb relativ ruhig. Gott sei Dank!

Zeitsprung. Sieben Jahre später.

Das nächste Christival steht an. Und wieder: Meine Vorfreude wächst und wächst. Seit Bremen fiebere ich auf Karlsruhe zu. Und doch: das „Trauma Bremen ...“ hat mich nicht mehr losgelassen. Damals wurde ich das erste Mal mit dem Thema Homosexualität und Glauben in einer Dimension geprägt, wie ich sie bisher nicht kannte. Meine eigene homosexuelle Neigung wurde immer stärker, obwohl ich alles Erdenkliche dagegen unternommen habe. Ich habe vergeblich versucht, mich selbst zu verändern und Gott die Möglichkeit zu geben, mich zu verändern. Er hat es nicht getan. „Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne ihn auf allen deinen Wegen, so wird er deine Pfade ebnen“ (Sprüche 3,5-6). Diese und ähnliche Wahrheiten über Gott las und hörte ich immer wieder, doch ich fragte mich: „Wie geht das? Was mache ich falsch? Warum verändert (heilt) Gott mich nicht?“ Meine Wut auf Gott wuchs die letzten Jahre stetig an. Vor meinem sozialen Umfeld konnte ich das genial verstecken. Ich war für alle der vorbildliche fromme Christ.

Erst Ende 2015 erkannte ich, dass Gott mich gar nicht verändern möchte – warum auch immer. Ich erfuhr seine Liebe und Annahme wie nie zuvor. Im Januar 2016 outete ich mich in dutzenden Einzelgesprächen meiner Familie, im Freundeskreis und Hauskreis, in der Verwandtschaft und Gemeinde. Ich hatte Ängste (und was für welche!), dass sich mein gesamtes soziales Umfeld von mir abwenden würde. Doch Gott ist groß! Und Gott ist die Liebe! Mein Umfeld reagierte auf mein Coming-out so viel besser, als ich es mir erhofft hatte. Ich verspüre nun absolut keine Wut mehr auf Gott. Im Gegenteil, ich kann ihn loben, wie schon lange nicht mehr. Um an diesen Punkt zu kommen, habe ich die letzten Jahre gebraucht. Und ich glaube auch, dass mein Umfeld diese Zeit gebraucht hat, um mich annehmen zu können, so wie ich bin. Viele unterscheiden zwischen mir und der Sache und beziehen unterschiedlich Stellung. Diese Haltung halte ich für reif und absolut legitim. Ich habe Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Diese Jahre möchte ich nun auch meinen Mitmenschen zugestehen. Ich hoffe einfach, dass ich nicht auf meine Sexualität reduziert werde. Ich hoffe weiterhin, als ‚der Micha‘ angenommen zu sein.

Zudem wurde ich auf „Zwischenraum“ aufmerksam gemacht und ich erlebe dort eine Gemeinschaft von homosexuellen Christen, die Gott lieben und ihn loben. Inzwischen bin ich 28 Jahre alt und seit 20 Jahren entschiedener Christ. Ich bin Gott unglaublich dankbar, auch wenn meine jetzige Situation, als evangelikaler Christ, alles andere als einfach ist.

„Jesus versöhnt“.

Micha, 28 Jahre

Inhaltsübersicht zwischendrin 2016