Endlich ein Mann!

Als Mädchen geboren und erzogen, als Junge gedacht und gelebt.

Angefangen hat mein Leben in München. Ich war ein Wunschkind – ein Mädchen, katholisch getauft und sozialisiert. Schon vor der ersten Klasse merkte ich, dass ich anders war als die anderen Kinder. Wenn ich meinen Vater zuhause sah, merkte ich, dass ich mich als Junge fühlte und so aussehen wollte wie er. Meine Mutter lachte mich zuerst aus, versohlte mir dann den Hintern und sperrte mich ein, damit ich über mich nachdenken konnte. Daraufhin beschloss ich, nie wieder mit meiner Mutter über meinen Wunsch zu reden und wünschte mir vom Nikolaus, Christkind und Osterhasen einen anderen Körper. Ich wartete vergebens. In der Schule spielte ich immer bei den Jungs mit, die mich als ihresgleichen akzeptierten. Das tat gut. Ich liebte Fußballspielen und wenn es Streit gab mit den größeren Jungen, geriet ich regelmäßig in Raufereien. Oft zog ich mich aber auch einfach nur in mein Schneckenhaus zurück. Es fiel keinem auf, dass ich mich in der männlichen Rolle am wohlsten fühlte – das zu verbergen gelang mir gut.

Die Pubertät und mit ihr die körperlichen Veränderungen begannen bei mir mit ca. zehn Jahren. Ich war sehr froh, dass die Brust klein blieb. In meiner Teenagerzeit bezeichneten mich manche als sehr maskulin, andere sagten „Mannweib“, aber das störte mich nicht. Ich schminkte mich nicht und versteckte meinen Oberkörper in weiten Pullis. Zusätzlich nahm ich fast immer eine nach vorn geneigte Haltung ein, wodurch sich meine Schulterpartie verspannte. Am liebsten trug ich Hosen, doch das missfiel meiner Großmutter, so dass ich immer wieder – mit Tränen in den Augen – auch Kleider und Röcke anziehen musste. Darin fühlte ich mich total unsicher und verkroch mich noch mehr in mein Schneckenhaus.

Im Schulchor sang ich im Bariton mit und im Schultheater übernahm ich die Männerrollen. Wenn eine Faschingsfeier stattfand, ging ich als Mann. In diesen Zeiten fühlte ich mich fantastisch. Ich wollte ein Mann sein und als solcher akzeptiert werden. Doch nach wie vor musste ich diesen Wunsch verstecken, da meine Mutter ausgerastet wäre. Also legte ich innerlich meinen „Schalter“ um, zog die Männerklamotten aus und verwandelte mich wieder in das brave, schüchterne Mädchen.

Meine Mutter war ganz froh, dass ich mit 18 noch keinen Freund hatte und niemand merkte, dass ich

mit Jungs nichts anfangen konnte. Dennoch lernte ich bei einem Tanzkurs meinen Mann kennen. Ich versuchte gewaltsam mit aller Kraft, mein Anderssein in die hinterste Ecke zu drängen. Eine gewisse Zeit gelang das auch, denn wir wurden sehr gute Freunde. Als ich 21 war, heirateten wir, so gekleidet, wie meine Mutter es sich schon immer vorgestellt und geplant hatte. Wir hatten eine schöne Wohnung und machten zusammen den Motorradführerschein. Ich war selig, denn diese Sportart war damals fast noch eine reine Männersache. Die Lederklamotten zu tragen und unter Männern zu sein, erfüllte mich mit Stolz. Sie akzeptierten mich als Kumpel und nicht als Frau.

In unserem damaligen Wohnort gab es recht viele Faschingsbälle, auch Weiberfasching. Einmal als Charlie Chaplin, das andere Mal als Spanier oder als Zwerg verkleidet, kam mein tiefster Wunsch wieder zum Vorschein. Mehrere Male glaubten die Leute an der Kasse nicht, dass ich ein weibliches Wesen war, so gut gelang es mir, in die Männerrolle zu schlüpfen. Mein innerer Schalter funktionierte perfekt.

Nachdem das zweite Kind geboren war, suchte ich mir einen Job. Dort kam meine Männlichkeit immer mehr zum Vorschein, aber die Kollegen störte das nicht. Als es Schwierigkeiten mit der Gebärmutter gab, ging ich zum Frauenarzt, der sie entfernten musste. Oh, war ich glücklich, meinem männlichen Ich jetzt noch näher zu sein. Meine Kleidung passte ich immer mehr an, kaufte nur noch Herrenhemden und Männerjeans. Die Haare wurden kurz. Ich musste mich sogar rasieren.

Im Chor des Ortes wurde ich mit roter Krawatte und Herrenhemd bei den Tenören eingereiht. Alle sagten, ich sähe gut aus, was für mich eine echte Bestätigung war. Langsam entglitt mir der Schalter bzw. wurde nicht mehr notwendig. Mein Mann reagierte ziemlich gelassen auf meine Offenbarung. Ich fühlte mich so gut. Jetzt hieß es warten auf das, was da alles so auf mich zukam. Als 2004 auch Hormone zum Einsatz kamen, wurde mein Aussehen noch männlicher. Die Stimme veränderte sich so sehr, dass ich im Chor zum Bass wechselte. Auch wurde ich von einer Dame aus der Toilette hinauskomplimentiert. Das bestätigte mich. Die Bankkarte und die Krankenversicherungskarte lauteten bereits auf meinen neuen Vornamen und ich bekam nirgends Probleme damit. Etwas aggressiver war ich geworden, sagten die Leute, aber das waren die „pubertären“ Umstellungserscheinungen. Alle vegetativen Krankheiten waren plötzlich verschwunden. Wer große Probleme hatte und immer noch hat, ist meine Mutter. Für sie existiere ich nicht mehr.

„Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich haben wollen“ – das ist seit diesem Zeitpunkt mein Lebensmotto. 2005 hatte sich die familiäre Situation dennoch zum Chaos entwickelt. Ich hatte die dauernden Anfeindungen satt, weshalb ich die Scheidung einreichte und mir eine eigene Wohnung suchte. Ich wollte endlich frei und ungezwungen leben. Mein Mann und sogar mein Junior unterstützten mich unerwartet tatkräftig. Der Kontakt zu den Kindern ist geblieben, aber sonst tat es gut, das Vergangene hinter mir zu lassen.

Beim Outing in der Pfarrei wies mich der katholische Pfarrer mit den Worten zurück, dass solche Menschen in der Bibel nicht vorkämen. OK, dachte ich mir, tritt aus der Kirche aus, beten kann ich auch während der Hausarbeit. Während des Gesprächs mit dem Pfarrer wurde mir allerdings etwas ganz anderes deutlich: angesichts des Kreuzes in seinem Büro wurde mir bewusst, dass ich anderen Menschen in solchen Situationen beistehen kann. Das hat, denke ich, Gott in die Wege geleitet. ER hat eine Aufgabe für mich. Und so konnte ich alle Stolpersteine und Schwierigkeiten ertragen, denn mir wurde klar: Gott macht keine Fehler. ER hat sich bestimmt etwas dabei gedacht mich so sein zu lassen, wie ich bin.

Von 2004 an besuchte ich zwei voneinander unabhängige Psychologen, die mir bestätigten, dass ich keine Therapie bräuchte. Mein Hausarzt unterstützte mich gut, die Krankenkasse übernahm die Kosten der Operationen. Die erste OP war 2005 in Erlangen, die letzte 2009 in München. Insgesamt waren zehn geschlechtsangleichende Operationen nötig, um ein gutes Ergebnis zu erreichen.

Die Personenstandsänderung wurde im Juli 2006 amtlich. Jetzt war ich von Geburt männlich. 2011 arbeitete ich im Vorbereitungsteam für den Kirchentag in Dresden mit und lernte dort meinen jetzigen Mann kennen und lieben. Aber erst 2013 wurde mir so richtig bewusst: Du bist nicht nur trans*, sondern auch noch schwul. Ja, dann ist das so.

Ich bin sehr glücklich, dass das Ziel dieses langen Weges erreicht ist. Seitdem lebe ich und genieße ich mein Leben als ganzer Mann.