Vor die Tür gesetzt - und enterbt

Quelle: privat

Mit 14 Jahren merkte ich das erste Mal, dass ich Frauen interessant fand. Verzweifelt wandte ich mich an unsere Pastorin. Sie erklärte mir, dass das normal sei und in meinem Alter die Gefühle oft verrückt spielen würden. Als überzeugte Christin dachte ich mir nichts weiter dabei und verwarf den Gedanken. Ich wuchs weiter behütet in einer tollen Gemeinde auf. Meine Eltern unterstützten mich, v. a. auch in der Vorstellung, Theologie zu studieren. Auch wenn manche sagten: „Du bist eine Frau“, so ermutigte mich mein Vater immer und sagte: „Du wirst eine tolle Pfarrerin sein.“

Während meines Theologiestudiums lernte ich eine junge Frau kennen – Maria. Es stellte sich heraus, dass wir sogar zusammen wohnten. Unsere WG hatte 15 Bewohner, und da ich erst kürzlich für das Studium angereist war, hatte ich noch nicht alle kennengelernt. Schnell schloss ich das zurückhaltende Mädchen ins Herz. 

In den kommenden Monaten verbrachten wir viel Zeit zusammen, nicht nur des Studiums wegen, sondern auch, weil ich mit dem Lernen der Sprachen Mühe hatte. Mit eiserner Geduld erklärte sie mir immer wieder Griechisch, Latein und Hebräisch. Ich dankte Gott für die Freundin, die er mir an diesem neuen Ort geschenkt hatte. Lange zuvor hatte ich für eine Person gebetet, die mir mit den Sprachen hilft und mit der ich zusammen Gott näherkommen konnte. Maria erfüllte all diese Dinge. 

In den Semesterferien ging ich nach Hause und schrieb Maria einen Brief. Ich erinnere mich daran, geschrieben zu haben, wie toll ich sie finde, und dass ich sie sofort heiraten würde, wäre sie ein Mann.

Es war an ihrem 20. Geburtstag, als ich mir eingestand, dass ich verliebt war. Mein Leben brach auseinander. Es brauchte drei Monate, bis ich Maria gestehen konnte, dass ich mich in sie verliebt hatte. Nach meinem Geständnis trat langes Schweigen ein. Ich bat sie, für Befreiung von diesen Gefühlen zu beten. Sie tat jedoch nichts dergleichen. 
Einen Monat später gingen wir in die Ferien. Es war ein wunderschöner Monat. Wir genossen die gemeinsame Zeit und irgendwann küssten wir uns. Ich war zerrissen, verlor komplett den Boden unter den Füßen und fiel in eine Depression. Ich liebte diese Frau und war dennoch davon überzeugt, dass es eine Verführung des Teufels war. Ich floh zu meiner Familie und machte via Facebook Schluss. Das Studium beendete ich kurzerhand. Jedoch ließ mich Maria nicht los. Was ist, wenn ich nie wieder jemanden so lieben werde wie sie? Kann ich mein Leben lang eine Lüge leben? Nein, das wollte ich nicht und ich sagte Gott: „Entweder nimmst du mich mit Maria oder ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!“

Zwei Monate später kamen wir wieder zusammen. In einem Brief an meine Eltern outete ich mich und hoffte, obwohl ich ihre kritische Haltung kannte, dass der Streit nur von kurzer Dauer sein würde. Doch da täuschte ich mich. Meine Eltern setzten mich vor die Türe und enterbten mich. Für mich brach eine Welt zusammen. Meine Eltern und ich hatten bis dahin eine sehr tiefe Beziehung. Nun wollten sie nichts mehr von mir wissen und machten mich für das Zerstören ihres Lebens verantwortlich. Auch meine Beziehung zu Gott stand auf der Kippe: Wie konnte ein guter Gott das zulassen? 

In dieser Zeit lernte ich Zwischenraum kennen. Das erste Mal traf ich Menschen, die ihre sexuelle Orientierung und ihren Glauben unter einen Hut brachten. Das gab mir neuen Mut.

Heute sind fast drei Jahre seit dem Bruch mit meinen Eltern vergangen. Langsam können wir wieder miteinander reden. Es fällt jedoch beiden Seiten schwer und es sind viele Verletzungen vorhanden. Maria und ich sind jetzt vier Jahre zusammen und vor kurzem zusammengezogen. Und Gott und ich finden uns neu. Er überrascht mich immer wieder mit seiner Gnade und Güte. Ich weiß nicht, ob ich noch Pfarrerin werden will. Ich weiß nur, dass Gott alle Menschen genial und einzigartig gemacht hat – auch mich als lesbische Christin.

Rebekka (Name von der Redaktion geändert)

Inhaltsübersicht zwischendrin 2016