Susannes Geschichte

Es ist ein bisschen schwierig, einen Zeitpunkt für den Anfang zu finden. Denn zwischen der ersten vagen Ahnung und dem ersten wirklich Schritt liegen knapp zehn Jahre. Zehn Jahre zwischen der ersten vagen Ahnung noch zu Teenie-Zeiten auf einer katholischen Mädchenschule (wo es "so was" natürlich "nie" gegeben hätte) und dem ersten Schritt im ersten Berufsjahr.

In letzterem hatte ich mir eine Auszeit in Form von einer Woche im Schweigen in einem "Haus der Stille" verordnet, nachdem ich mehr und mehr workoholische Tendenzen entwickelte. Im Schweigen wollte ich dem auf den Grund gehen, wovor ich mit der Arbeit weglief. Wobei es mir natürlich schon irgendwie klar war, ich mich aber nicht so recht rantraute. In dieser Woche bekam ich dann das "große Heulen" und suchte nach einer Begründung. Ich durchstöberte mit der dortigen Seelsorgerin also mein Leben und fand auch die eine oder andere "plausible Erklärung" für meine Tränen. Für jede Erklärung, die sie mir anbot, war ich dankbar. Über meine wirklichen Gefühle und Ängste wagte ich nicht mit ihr – und auch sonst mit niemandem – zu reden. Und vielleicht war es auch ganz gut, erst einmal den "Kleinkram", der in meinem Leben nicht stimmte, zu sortieren und kleinere "Wunden" zu verbinden, ehe ich mich an den "Wackerstein" auf meiner Seele wagte.

Zurück aus dieser Schweige-Woche kam ich gar nicht mehr ins seelische Gleichgewicht. Ich funktionierte zwar nach außen irgendwie, aber mehr auch nicht. Es brauchte noch einige Anstöße, bis ich mich traute, einer Freundin zu schreiben, dass "ich vielleicht Frauen liebe". Diese rief mich umgehend an – und so fing ich an zu reden. Dem Gespräch mit ihr folgten nach und nach andere Gespräche mit anderen Menschen, denen ich glaubte, vertrauen zu können. Gespräche mit Christinnen und Nicht-Christinnen, wobei ich gar nicht sagen kann, wer "besser" reagierte.

Mit Christinnen konnte ich besser über meine Ängste sprechen, die ich in mir trug, weil ich recht konservativ aufgewachsen war und für mich Homosexualität doch eine "ziemlich sündige Kiste" war. Daher schien mir der Weg, den ich beschreiten wollte, ziemlich steinig und ich fürchtete zu straucheln oder gar zu fallen. Gleichzeitig fühlte ich mich in dieser Phase mehr von Gott getragen denn je. Ohne meinen Glauben hätte ich diese Phase, denke ich heute, auch nicht überstanden.

Auch beruflich hatte ich mit meiner ersten Stelle nicht die besten Startbedingungen erwischt, so dass ich auch hier zu (ver)zweifeln begann. Das "Haus der Stille" wurde für mich Ankerplatz. Wenn ich auch mit der Pfarrerin dort nicht darüber sprechen konnte, was mich wirklich bewegt, mit Gott konnte ich drüber reden. Denn wie die Jahreslosung 2003 besagte: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an". Diese Jahreslosung war einmal Themenschwerpunkt eines Gottesdienstes – die Pfarrerin nannte das Bibelwort in der Begrüßung und es öffnete sich bei mir eine Schleuse, die ich während der kommenden Stunde auch nicht mehr zu schließen vermochte und weinte mich so durch (nicht nur) diesen Gottesdienst.

Während sonst kaum jemand wusste, was in mir vorging und wohl auch kaum jemand es ahnte, sah Gott meine, wie sie mir vorkam, "schwarze Seele" und liebte mich "trotzdem" – eine wichtige Erfahrung für mich. Er stellte mir Menschen an die Seite, denen ich mich anvertrauen konnte. Und obwohl ich nach und nach mit einzelnen Menschen über meine Gefühle reden konnte, so ganz wohl war es mir immer noch nicht und mein Glaube und mein Lesbisch-sein schienen so gar nicht vereinbar. Kaum ein Abendmahl, bei dem bei mir nicht irgendwann die Tränen rollten, weil ich glaubte, es nicht zu verdienen, dass Gott mir immer wieder meine Sünden (und speziell diese eine) vergibt und ich mich doch nicht auf den Weg der Umkehr, sondern weiter auf den "in die Sünde" begebe. Gleichzeitig hatten und haben diese Tränen auch immer was Befreiendes.

Da ich nicht nur positive Erfahrungen in der Seelsorge machte und mir das schlichte Mitteilen meiner Gefühle und Ängste mich auch nicht so recht weiterbrachten, wählte ich als weiteren "Meilenstein" den Weg zu einer Beratungsstelle und in eine coming-out-Gruppe. Parallel zu dieser Gruppe bewarb ich mich (die ich im gelernten Berufsfeld als Sozialpädagogin immer noch nicht "meine" Stelle gefunden hatte) als Gemeindediakonin. Da im Freundeskreis noch fast keiner um mein Lesbisch-sein wusste, war es schwierig zu erklären, warum ich, als ich dann die Zusage hatte, doch damit haderte, ob das wirklich das Richtige ist. Denn alle sagten, dass das doch die Stelle sei, von der ich immer geträumt habe. Hatte ich ja auch ... trotzdem stand da für mich das große "Aber" im Raum. Ich wusste nicht, ob es so gut sei, sich in den Dienst von "Kirchens" zu begeben. Den Zweifel daran habe ich, um ehrlich zu sein, bis heute nicht abgelegt – auch wenn ich nun hier glücklich bin.

Denn die Arbeit als Gemeindediakonin und ein paralleles Coming-out ist im wahrsten Sinne des Wortes auch immer wieder spannend und erzeugt innere Spannungen. Geoutet bin ich hier keinem Menschen gegenüber, weil ich es so einfach bislang für besser hielt. Manchmal habe ich schon ein bisschen das Gefühl, in "zwei Welten" zu leben, die ich bislang häufig noch nicht so richtig in Einklang bringen kann. Um diese Lücke zwischen diesen beiden Welten zu schließen, suchte ich in mehreren Netzwerken nach Gleichgesinnten. Zwar wusste ich auch vom Zwischenraum, jedoch auch da brauchte ich noch mal eine Weile, den Schritt zu gehen. Ein Schritt, den ich keinesfalls bereut habe. Besonders hier spüre ich, wie sich diese teilweise schmerzhaft klaffende Lücke zwischen den beiden Welten schließt, mir Zwischenraum den bislang leeren Zwischenraum füllt. Ich habe erfahren, dass es "sogar" unter homophil empfindenden und lebenden Menschen ChristInnen (und teilweise auch BerufskollegInnen von mir) gibt. Noch immer gibt es eine Anzahl von Menschen (darunter auch mein Vater), bei denen ich nicht geoutet bin. Das wird jedoch auch zu seiner Zeit kommen.

Bilanzierend kann ich sagen: Ich bin da, wo ich hinwollte, beruflich und nach und nach auch für mich persönlich – oder zumindest auf dem Weg dahin. Ganz frei von kleinen Krisen, Zweifeln und Tränen bin ich noch nicht und jedes Zerbrechen von Kontakt, wo ein mir bislang nahestehender Mensch sich von mir abwendet, tut immer noch weh. Dennoch will ich den gegangenen Weg nicht mehr zurück, zu stimmig fühlen sich die zurückgelegten Schritte an. Dazu gehört für mich auf jeden Fall, dass ich endlich wieder mit mir und mit Gott im Reinen bin. Ich weiß, dass ich diesen Weg ohne Gott nicht bis hierher geschafft hätte. Und sollte mein Lesbisch-sein denn wirklich Sünde sein (woran ich nach mehreren Gesprächen und Begegnungen im Zwischenraum und mit offenen Theologinnen inzwischen doch erhebliche Zweifel habe) so glaube ich doch daran, dass er mir — und uns allen vergibt.