Timos Geschichte

Das ist meine Geschichte, die ich hier erzähle. Ich weiß nicht, ob sich jemand darin wieder findet, aber vielleicht hilft es denjenigen, die für sich noch auf der Suche sind, ihren Glauben und ihre Homosexualität auf einen Nenner zu ziehen. Mir hilft es, immer mehr zu verstehen wie alles eigentlich in meinem Leben war.

Mein Elternhaus ist eigentlich relativ liberal, wie ich jetzt weiß. Ich habe nie mit meinen Eltern oder meinem Bruder über sexuelle Belange gesprochen. Beziehungsleben und Sexualität waren keine Tabuthemen, aber sie sind einfach nie auf den Tisch gekommen, weder von mir noch von meinem Bruder.

Dass ich schwul bin, ist mir sicherlich schon relativ früh bewusst gewesen. Ich war seiner Zeit in einer christlichen Jugendgruppe. Ein ziemlich chaotischer Haufen innerhalb der Ten Sing Bewegung des CVJM. Ca. 45 Jugendliche versuchten dort unter christlichen Vorzeichen ein Musical auf die Beine zu stellen. Das sogar gar nicht mal so schlecht war.

Alkohol, Gespräche über Sex und auch die ersten Gehversuche in der Pubertät waren dort sicherlich ein Thema. Nein, ich kann im Nachhinein nicht sagen, dass das Leben dort innerhalb der Gruppe prüde war.

Ein guter Freund von mir hatte seiner Zeit auch über seine Freundin Kontakt zu zwei sehr netten Schwulen gehabt. Mit Angst entdeckt zu werden, aber auch mit großer Neugierde bewunderte ich diese auf der einen Seite, aber verabscheute den Lebensstil für mich. Ich stand im Zwiespalt, ob das ein Lebensstil ist, der für mich in Betracht kommen könnte oder nicht. Eigentlich, wenn ich es mir recht überlege, stand ich letztendlich kurz vor meinem Coming Out, vor allem vor mir selbst, mit 17 Jahren. Wenn dann nicht alles irgendwie ganz anders gekommen wäre.

Der Gemeindepfarrer der zugehörigen Kirchengemeinde wusste es, Menschen für den Glauben an Jesus Christus zu begeistern, ohne aber dabei zu fromm zu wirken, oder mit dem erhobenen Zeigefinger auf der Kanzel zu stehen. Es ist erstaunlich, sogar heute fast 10 Jahre später kann ich mich an die eine oder andere Predigt erinnern. Der CVJM hingegen war da eher „fromm“, es wurde eigentlich auch kein Hehl daraus gemacht, dass es Leute im CVJM gab, die so manche liberale Weltanschauung des Pfarrers nicht unterstützten.

Es fing dann eigentlich alles bei mir an, als sich innerhalb des CVJMs jemand aus der Leitung als schwul geoutet hat. Ich hatte in Ten Sing selber eine Leitungsfunktion. Dadurch habe ich mitbekommen, wie im Leiterkreis darüber debattiert wurde. Am Ende musste dieser Mitarbeiter alle Ehrenämter aufgeben. Soweit ich mich erinnere musste er auch den CVJM verlassen...

Ich weiß wie hellhörig ich wurde, ich verstand eigentlich nichts, außer dass wohl Homosexualität schlecht für einen Christen ist - oder so. Sonderlich geprägt hat mich das eigentlich zunächst nicht, nur dass es sicherlich mein Coming Out erst einmal verschoben hat. Wollte ich ja schließlich nicht aus dem CVJM geschmissen werden, oder schlecht vor Gott dastehen. Wobei ich auch fast gleichzeitig eher durch Zufall meinen ersten sexuellen Kontakt mit einem Jungen in meinem Alter hatte. Ich glaube danach habe ich auch zum ersten Mal darum gebetet, dass Gott mich davon befreien sollte, dass ich das nicht möchte. Es hinderte mich aber nicht daran es wieder zu tun!

Es war der Anfang von einem Kampf, der mal stärker mal schwächer bis zum Ende meines 24. Lebensjahres andauern sollte.

Im folgenden Jahr wurde ich eigentlich immer frommer, ich las mehr in der Bibel und wurde ein „wahrer“ Jesusfreak! Im Übrigen sind einige Freunde und ich dort auch ab und an mal hingegangen, die Musik und die Stimmung hatten eine coole Wirkung auf uns. Aber auch innerhalb unserer Gemeinde wurde das Angebot immer größer, mit Hauskreisen für Jugendliche und Gottesdiensten, an denen sich das Ten Sing Projekt beteiligte. Es war eine super Zeit!

Silvester 1997 reiste unser Pfarrer nach Südafrika aus, er hatte beschlossen dort für 7 Jahre mit seiner Familie zu leben und als Schulpfarrer mit seiner Frau als Gemeindepfarrerin in einer deutschen Gemeinde zu wirken.

Da ich zu ihm immer einen guten Draht hatte, hat sich von Sommer 1998 bis Sommer 1999 ergeben, dass ich in seiner südafrikanischen Gemeinde für ein Jahr ein FSJ machen konnte.

Über die Zeit dort zwischen armen und reichen Schülern und einem AIDS Projekt kann ich sicherlich viel schreiben, aber es gibt dort zwei Punkte, die maßgeblich meinen Glauben und meine Einstellung zu Homosexuellen und meiner Homosexualität beeinflusst haben.

Ich bin dort auf einen Schlag von Christen getroffen, den ich so noch nicht kannte. Mit viel Gesang und Tanz (vor allem auch in den Weißengemeinden) wurden dort die Gottesdienste gefeiert. Es herrschte eine Begeisterung für Jesus, die ich so einfach angenommen habe. Ich habe immer wieder gemerkt wie sehr ich Jesus liebte und er mich. Eigentlich habe ich darüber ganz vergessen, dass ich da ja noch den Kampf mit meiner Sexualität hatte. Ich lerne eine ganz neue und einfach reglementierte Frömmigkeit kennen.

Eines Tages ging ich zu meinem Postkasten und hatte 5 Briefe von Freunden auf einmal bekommen. In allen stand eigentlich das gleiche. Daniel ist schwul!

Daniel hat sich als schwul geoutet. Eigentlich waren diese Briefe zwar völlig überdramatisiert, wie es halt ist, wenn ein Skandal zu berichten ist. Nur einer hatte geschrieben, dass er nun nicht mehr in den Himmel kommen könne... und so weiter... Alle 4 anderen hatten geschrieben, dass sie diesen Schritt bewunderten und es super fänden, dass Daniel zu sich selbst stehe, mit den nötigen Gerüchten noch drum herum, natürlich!

Ich war geschockt!!! Daniel schwul? Daniel ist schwul? DANIEL IST SCHWUL!!!!!

Wir waren doch so gut befreundet, wieso habe ich das nie gemerkt, wie muss er gelitten haben mit diesem Geheimnis!?

Im tiefen Inneren war ich froh und freute mich für seinen Schritt!

Im tiefen Inneren brach aber auch ein Weltbild für mich zusammen.

Jemand aus meinem Umfeld war schwul!

Bin ich schwul?

Verdammt!

Ich weiß, dass ich Nächte nicht schlafen konnte.

Es gab jemanden in meinem Umfeld, der schwul ist, der den Kampf, den ich kämpfte, verloren hatte. Da ich in der folgenden Woche mit einer Andachtsreihe in der Schulkapelle an der Reihe war, habe ich irgendwie gedacht, dass ich das dort zum Thema mache.

So habe ich einfach erzählt, dass ein Freund von mir schwul ist und dass es doch super ist, dass er das so leben kann und darf in Deutschland. (Ach du liberale Heimat.)

Ich frage mich heute allen Ernstes, warum ich das seiner Zeit genauso erzählt habe, in diesem Umfeld...

Vielleicht war es für mich ein Test wie diese ganzen „Hardcorechristen“ darauf reagieren? Vielleicht wollte ich damit den hypothetischen Dialog auslösen, in der Rolle von Daniel zu stehen? Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Das Feedback war vernichtend. Es wurde spontan ein Gebetskreis gebildet, um für Heilung und Gnade zu bitten. (ohne Witz!!) Ein Lehrer hat mir bestimmt eine Stunde lang erklärt, was ich dort für einen Scheiß geredet hätte und wie gefährlich das sei, was ich sage... der Direktor wies den Pfarrer an, mich in diesem Thema zu unterrichten. Was er im Übrigen nie tat; er fand es sogar gut, dass ich mal für etwas Diskussion gesorgt hatte und hat sich ansonsten aus dem Thema vollkommen raus gehalten. Erst neulich habe ich erfahren, dass er eigentlich vollkommen meiner dort vertretenen Meinung war und ist.

(Er wusste ja nicht, was das Feedback der anderen mit mir machte)

Ich wurde skeptisch, hatte ich mich geirrt?

Was ist mit mir?

Wieso habe ich diesen Schwachsinn in der Kapelle erzählt?

Ich beschloss ganz schnell, dass es nach wie vor schlecht ist, sich zu outen und dass ich mich dringend mit mir selbst beschäftigen müsse!

So habe ich angefangen im Internet zu forschen wie man sich heilen konnte. Eine Zeit der Selbsttherapie hatte begonnen. Kurze Seitenblicke auf die HUK haben mich da nur abgeschreckt, zu „rosa“, zu unfromm.

Eigentlich war es nicht nur eine Zeit der Selbsttherapie, sondern auch eine Zeit der Schizophrenie. Auf der einen Seite versuchte ich, mir die Homosexualität „abzugewöhnen“, aber auf der anderen Seite auch sehnsüchtig auf Fotos von Männern starrte und den Anblick genoss!

Zurück aus Südafrika, bin zuhause in Deutschland ich in eine Glaubenskrise geraten, die eigentlich vor allem durch viele Gespräche mit Freunden und einem Prädikanten aus der Gemeinde, zu der ich ging wieder aufgefangen wurde. Diese Gemeinde war Landeskirche, reformiert, aber auch stark Willow Creek geprägt. Dort machte ich einiges an ehrenamtlichen Dingen, wie Freizeiten, Jugendcafe und so weiter.... Die Gottesdienste waren toll, die Gemeinde lebendig, es machte Spaß sich dort einzubringen und für das große Projekt lebendiges Christsein zu wirken.

Das ging so bis im Sommer 2004.

Irgendwie wurde mir nach und nach klar, dass ich begann den Kampf um meine Sexualität zu verlieren drohte. Das lag zum einen daran, dass mir einige Dinge in meiner Gemeinde nicht mehr so gefielen, zum anderen daran, dass ich einen sehr tollen Pfarrer kennen lernte, der offen schwul lebte. Ich merkte, dass meine Gebete immer kraftloser wurden. Irgendwie habe ich in meiner unendlichen Gabe meine eigenen Gefühle nicht zu ernst zu nehmen, mich nicht weiter darum gekümmert und habe irgendwie die Schizophrenie in meinem Leben weiter ausgebaut.

Auf der einen Seite „total fromm“, auf der anderen Seite mit einem Profil bei Gaychat.

Na ja bis ich im Sommer 2004 auf jemanden gestoßen bin der anders war. Ich hatte mich zum ersten Mal verliebt. Zwar unglücklich und ohne Erwiderung, aber ich merkte, verdammt noch mal: Ich liebe einen Mann. Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, dass ich unabänderlich schwul bin! Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meinen Deckel nicht mehr zu machen.

Ich kämpfte einen verlorenen Kampf.

Ich saß eines Abends am Schreibtisch, nahm einen Zettel und schrieb links „ich bin schwul“ und rechts „ ich bin hetero“ drauf. Meine Gedanken brachen auf, die linke Seite füllte sich immer weiter, während die rechte leer blieb.

Ich bin schwul, ja genau ich bin schwul! Ich bin schwul. Oh mein Gott ICH BIN SCHWUL! Ich fühlte mich einem Zusammenbruch nahe.

Tja mit diesem Zettel stand ich nun vor meinem Glauben, vor Gott, gedanklich vor meiner Gemeinde, vor meiner Familie.

Ich war der festen Überzeugung, dass mich Gott längst verlassen hatte. Dass er mich nicht leiden konnte, weil ich so bin wie ich bin. All die Gebete, der Kampf, warum hatte er nicht geholfen? Er konnte mich nicht mehr leiden, ... mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?

Ich weihte zwei gute Freunde in meinem Kampf ein, für die Jesus ebenfalls sehr wichtig ist. Die Überraschung war, dass ich nicht verachtet, ausgestoßen oder sonst was wurde. Nein, diese Freundschaften bekamen in diesem Moment eine ganz neue Dimension, die ich nicht erahnt hätte. Beide bekundeten, dass sie nichts verstanden, aber dass es nun die Aufgabe sei, jetzt wo ich einen Akt der Freundschaft vollzogen habe, den Weg nun gemeinsam zu gehen. Es war ein unglaublich bestärkendes Gefühl. So hatte ich meine ersten zwei verbündeten Hetero-Christen-Männer, die für mich die Sache schon leichter machten. Ich konnte endlich vor zumindest zwei Menschen offen reden.

Einen Monat später bin ich 3, 5 Wochen in Äthiopien unterwegs gewesen. Mit einer lutherischen Einrichtung Projekte besuchen, eine Art Studienreise. Wir waren zu fünft. Einer davon war der oben schon erwähnte offen schwul lebende Pastor. Ich habe die 3 Wochen genutzt in der dritten Person alles darüber zu erfahren, wie er als Christ offen schwul leben konnte, wie er mit seiner evangelikalen Vergangenheit klarkommt..... Er beantwortete alle Fragen eifrig! Am letzten Tag der Reise habe ich ihm dann gestanden, dass ich schwul bin und gerade mitten im Coming Out vor mir selber stecke. Tja so überschlugen sich die Ereignisse. Er schenkte mir das Buch Streitfall Liebe von Valeria Hinck, welches super ist und ich innerhalb von kürzester Zeit gelesen habe. Viel zu schnell, um wirklich zu verinnerlichen, aber das war nicht wichtig. Ich merkte, ich bin nicht alleine, es gibt auch andere homosexuelle Christen!!! Es gibt eine andere Auslegung als ich sie kannte.

Der Pastor ist mich einige Wochen nach unserer Reise mit seinem Freund besuchen gekommen, um mit offenen Karten noch mal über alles zu reden. (Welch ein Segen.)

Ich war zum ersten Mal in einem Szenelokal und ich weihte innerhalb von 3 Wochen meine Freunde und Familie in die Tatsache, dass ich schwul bin ein.

Heute kann ich sagen, dass ich fast nur positives Feedback bekommen habe. Bis auf meine alte Gemeinde, da darf ich leider keine Ehrenämter mehr übernehmen und bin dort nur als Gast gerne gesehen. Ich war aber auch darauf gut vorbereitet, weshalb es zwar schmerzte, aber als Tatsache zu ertragen war.

Meine Familie ist immer noch meine Familie und meine Freunde, bis auf ganz wenige Ausnahmen, noch immer meine Freunde.

Ich bin vor allem den Menschen so unendlich dankbar, die quasi von der ersten Minute, als ich es über die Lippen gebracht hatte, an meiner Seite standen und einfach da waren. Da waren zum gemeinsamen Lachen, Reden und Weinen!

Tja, der „Rausschmiss“ aus meiner Gemeinde nagt noch heute, aber ich denke, ich habe zumindest im Moment eine neue Gemeinde gefunden in der meine Sexualität nicht zum Thema gemacht wird und dann gibt es da noch den Zwischenraum! Christen, die meine Geschichte nachvollziehen können, da sie den Kampf kennen, auch wenn deren Geschichte sicherlich eine ganz andere, eigene ist. Am Ende wurde mir klar, dass Gott die ganze Zeit gesagt haben muss: Hey, ich liebe Dich, ich habe Dir ein Leben geschenkt. LEBE!!!

Ich weiß, dass Gott mich liebt, dass ich nun wesentlich authentischer als Christ leben kann, da ich alles, was zu mir gehört, vor Gott und Jesus bringen kann. Ich keine Geheimnisse mehr vor ihm haben muss! Der Keller ist quasi aufgeräumt! Ich bin frei, es ist so toll! Lebet in der Liebe! :-) Amen.

© 2006 Timo