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Sind Homosexuelle beziehungsUNfähig?

Die Theologin C. von der Grün interviewte die Diplom-Psychologin G. Fritsch, Klinische Psychologin, niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin und Paar- und Familientherapeutin.

FRAU FRITSCH, SIND HOMOSEXUELLE NICHT IM GRUNDE BEZIEHUNGSUNFÄHIG?

Woran machen Sie "beziehungsunfähig" fest? Was heißt es denn, beziehungsfähig zu sein? Heißt es, lange eine Beziehung zu führen? Ist es nur die Länge? Oder ist es die innere Lebendigkeit in der Beziehung? Und wie wollen Sie die messen, woran würden Sie die festmachen?

Nehmen wir ein Beispiel: trotz des gesellschaftlichen Trends zunehmender Scheidungen bleiben ja viele Paare lebenslang zusammen. Wenn Sie genauer hinschauen, stellen Sie fest, dass viele dieser Paare nicht etwa überdurchschnittlich beziehungsfähig oder ihre Ehen so besonders lebendig oder liebevoll sind, sondern sie bleiben häufig verheiratet aus ökonomischen Gründen und/oder aus Angst davor, alleine dazustehen, aus Fürsorge für die Kinder, aus Treue, auch wenn die Ehe inhaltlich nicht mehr als solche existiert, bei Christen zusätzlich aus Angst vor den hilflosen oder ablehnenden Reaktionen in der Gemeinde etc. Ich kenne leider viele (auch christliche) Paare, deren Ehe schon lange tot ist oder wo beide sehr stark untereinander leiden und man nur noch aus äußeren Gründen zusammen lebt. Ist es so besonders erstrebenswert, dann die Beziehung aufrechtzuerhalten? Selbst in den Gemeinden setzt sich die Auffassung durch, dass das Obergebot der Liebe manchmal geradezu eine Trennung gebietet.

Tatsächlich entfallen bei homosexuellen Paare solche äußeren Gründe, die das Paar zusammenhalten könnten. Die Beziehungen werden nicht aus ökonomischen oder versorgungsrechtlichen Gründen aufrechterhalten, wenn die Beziehung als solche nicht ehr existiert oder nicht mehr liebevoll oder lebendig ist, oder wegen der gemeinsamen Kinder und erst recht nicht wegen der Angst, von der Gemeinde aufgrund der Trennung Druck zu erhalten. Sie werden aufrechterhalten, weil beide PartnerInnen genau diese ihre Partnerschaft wollen.

ABER BEENDEN HOMOSEXUELLE IHRE BEZIEHUNGEN NICHT WESENTLICH SCHNELLER ALS ANDERE UND LEBEN LETZTLICH PROMISK?

Wenn Sie homosexuelle Menschen meinen, die sich in der sogenannten Homosexuellenszene bewegen, könnten Sie recht haben — genauso wie jene heterosexuellen Menschen, die sich in der heterosexuellen Partyszene bewegen! Denken Sie an viele heterosexuelle Schauspieler, deren Beziehungs- und Sexleben uns in den Medien berichtet wird. Ich kenne viele heterosexuelle Menschen, die ein ausschweifendes Sexleben und nur kurzfristige Affären haben. Ich kenne sogar einige bekehrte und bekennende Christen, die letzteres so leben. Ich käme jedoch nicht auf den Gedanken, deswegen zu behaupten, dass alle sogenannten "Weltmenschen" oder alle Promis oder alle Christen sexsüchtig und promisk leben. Ich kenne jede Menge homosexuelle Männer und Frauen, die in monogamen und langen, lebenslangen verbindlichen Partnerschaften leben. Diese Menschen leben häufig recht zurückgezogen ihr privates Glück ? und werden darum nicht beachtet. Solche Menschen finden Sie nicht in Beratungsstellen, bei Wüstenstrom oder beim Psychiater.

In meine Praxis "verirren" sich immer wieder Menschen, die in einer langen homosexuellen und befriedigenden Partnerschaft leben. Es sind keine Christen, und sie kommen aus den gleichen Gründen wie meine heterosexuellen PatientInnen, wie etwa Asthma, Depressionen, Ängste.

Es gibt viele berühmte homosexuelle Paare in der Geschichte, die in lebenslanger monogamer Bindung miteinander lebten: die Dichterin Gertrude Stein, die mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas bis an ihr Lebensende zusammenlebte, wobei sie dabei auf 39 gemeinsame Jahre kamen.

Oder Sigmund Freuds berühmte Tochter Anna Freud, ebenfalls Psychoanalytikerin, die mit der Psychologin Dorothy Burlingham und deren Kindern von 1925 an zusammenlebte und bis an Burlingshams Lebensende 1979 ein Paar bildete. Das sind ganze 54 Jahre Liebesbeziehung! Die Geschichte ist voll von beziehungsfähigen homosexuellen Paaren. Die Gegenwart auch: Mel White, der langjährige Ghostwriter von Billy Graham, Francis Schaeffer und weiteren evangelikalen Größen, lebt seit 20 Jahren mit seinem Partner zusammen. Zuvor war er mehr als 20 Jahre verheiratet. Wollen Sie den beziehungsunfähig nennen? Im Februar diesen Jahres haben mehr als 3000 homosexuelle Paare in San Francisco geheiratet. Das erste Hochzeitspaar waren zwei Frauen, die seit mehr als 50 Jahren ein Paar sind. Ich selbst kenne ein Männerpaar, die seit 40 Jahren ein monogam lebendes Paar sind. Hape Kerkeling ist 39 Jahre alt und seit 20 Jahren mit seinem Partner zusammen.

IN CHRISTLICHEN MEDIEN WIRD HÄUFIG BEHAUPTET UND MIT UNTERSUCHUNGEN BELEGT, DASS HOMOSEXUELLE BEZIEHUNGSUNFÄHIG SIND ...

Sie beziehen sich wahrscheinlich auf entsprechende "Untersuchungen" der Offensive Junger Christen oder von Wüstenstrom. Diese decken sich nicht mit meinen Erfahrungen in meiner Praxis und in meinem Bekanntenkreis. Ich erkläre mir diese Divergenz so:

1. Die Stichprobe für die "Forschung" ist keine repräsentative, sondern eine selektive: es werden die homosexuellen Menschen "beforscht", die unglücklich sind über ihre sexuelle Orientierung und über die bis dahin gelebten Beziehungen oder Affären und darum zu Wüstenstrom oder zu christlichen Therapeuten oder Seelsorgern gehen — diejenigen, die glücklichere Erfahrungen gemacht haben, werden in der Statistik nicht erfaßt. Das hat etwa die gleiche Logik, wie wenn ich allein aus der Stichprobe der christlichen Paare, die bei mir Hilfe für ihre Ehe suchen, die Schlussfolgerung ziehen würde: alle christlichen Paare haben Beziehungsstörungen und ein deprimierendes Sexleben.

Bei mir sind etliche homosexuelle Frauen in Behandlung, die nicht an ihrer Homosexualität leiden und auch keinen Veränderungsauftrag diesbezüglich formuliert haben. An ihnen beobachte ich keine Beziehungsstörung. Ich finde bei aller Suche keinen psychodynamischen Unterschied zu heterosexuellen Frauen. Der Frankfurter Psychoanalytiker Stavros Mentzos hat vor mehr als 20 Jahren in einem Grundlagenwerk für Tiefenpsychologen ("Neurotische Konfliktverarbeitung") geschrieben: "Homosexualität als Abwehr- und Reparationsvorgang scheint also tatsächlich zu existieren. Ist das aber die Homosexualität schlechthin? Ist die Homosexualität als solche eine Abwehr oder eine Kompensation? Oder ist sie das mehr als die Heterosexualität? (...) Man ist doch berechtigt, folgendes zu sagen: Es gibt vielleicht eine Homosexualität (bei Männern wie bei Frauen), die wir Psychotherapeuten kaum zu Gesicht bekommen und die überhaupt keinen Abwehr- und Kompensationscharakter hat — oder auf jeden Fall nicht mehr als die Heterosexualität.?

Ich denke, dass er das heute weit weniger vorsichtig formulieren würde. Jedenfalls kann ich als Tiefenpsychologin aufgrund meines beruflichen und meines privaten Erfahrungsfundus seine Vermutung ganz und gar bestätigen.

2. Es wird sehr unsauber geforscht bzw. Ergebnisse unsauber wiedergegeben. Beispielsweise veröffentlichte die OJC "Forschungsergebnisse" der Amerikanerin Janelle Hallman über die Entstehung, Diagnostik und Therapie weiblicher Homosexualität. Hallman sagt etwas sehr Entscheidendes nicht: dass es sich bei ihren Beobachtungen und Ergebnissen um die Arbeit mit frühgestörten homosexuellen Patientinnen handelt. Sie würde über heterosexuelle frühgestörte Patientinnen das gleiche sagen müssen und mit ihnen auf die gleiche Art wie mit homosexuellen Patientinnen arbeiten müssen und können. Hallmans Artikel müsste genaugenommen heißen: Entstehung, Diagnostik und Therapie früher Störungen. Jedoch nahezulegen, dass alle homosexuellen Frauen frühgestört sind, lässt sich wissenschaftlich nicht halten.

SIE REDEN SEHR ENGAGIERT ...

Verstehen Sie mich richtig: ich bin recht dankbar, dass es Living Waters gibt und schicke da auch Menschen — meistens Heterosexuelle — hin, weil ich immer wieder erlebt habe, dass Menschen da in Teilbereichen ihres Lebens innere Heilung erfahren. Aber ich wende mich entschieden gegen dieses unwissenschaftliche Vorgehen und Argumentieren, das zur Zementierung der Behauptung dient, dass Homosexuelle an sich krank und beziehungsgestört sind und Homosexualität eine Krankheit und Beziehungsstörung ist. Es irritiert mich, wenn ich sehe, wie Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden, wie Aussagen verdreht werden und dann gegen Homosexualität und gegen Homosexuelle verwendet werden.

WIE ERKLÄREN SIE SICH DIE ART DES "WISSENSCHAFTLICHEN" VORGEHENS IN DER EX-GAY-BEWEGUNG?

In der deutschen Ex-Gay-Bewegung findet sich meines Wissens kein Psychologe, geschweige denn ein Tiefenpsychologe oder ein approbierter Psychotherapeut: Frau Dr. Vonholdt von der OJC ist Kinderärztin und nicht Psychotherapeutin; Herr Hoffmann von Wüstenstrom betont, er sei Therapeut (er ist Heilpädagoge), aber Therapeut darf sich jeder nennen, das ist kein geschützter Titel und erfordert keinerlei Qualifikation. Psychotherapeut dürfen sich nur approbierte Ärzte und Psychologen mit entsprechender Ausbildung nennen. Vermutlich führt dieser Mangel an sozialwissenschaftlicher Kompetenz dazu, dass psychologische Studien falsch wiedergegeben oder Behauptungen als wissenschaftliche Tatsachen ausgegeben werden, daß Forschungsgrundlagen und auch die statistischen Hintergründe falsch interpretiert werden. Wer das sozialwissenschaftliche Forschungshandwerk nicht gelernt hat, besitzt nicht die Kompetenz, die Gütequalität einer Studie überprüfen zu können, also ob sie soliden wissenschaftlichen Ansprüchen standhält oder nicht.

Die Argumentationslinie in der Ex-Gay-Bewegung dient psychologisch gesehen der neurotischen Abwertung einer Bevölkerungsgruppe zur Vermeidung eigener regressiver Ängste. Geistlich gesehen handelt es sich um falsches Zeugnis wider den Nächsten.

WÜRDEN SIE DENN SAGEN, DASS DIE BEZIEHUNGEN VON HOMOSEXUELLEN UND HETEROSEXUELLEN SICH NICHT UNTERSCHEIDEN?

Im Grunde genommen ja. Ihre Beziehungen sind jedoch besonderen Belastungen ausgesetzt, die von den Beteiligten besondere psychologische Stärke und Stabilität abfordern, damit sie befriedigende Langzeitbeziehungen führen können. Allein die Frage des Coming-Out belastet die homosexuelle Verbindung: wird die Homosexualität und auch der Partner nach außen versteckt, dann verlieren die Beteiligten und ihre Beziehung ihren Selbstrespekt, es gibt keine wirkliche Begegnung mit anderen Menschen, weil ja ein wesentlicher Teil des Lebens verleugnet wird. Und wenn das Paar oder einer sich outet, verlieren die Beteiligten sehr häufig die Liebe und Unterstützung der Eltern, des sozialen Umfeldes einschließlich der Gemeinde und Freunde, manchmal geht das bis hin zu Verstoßung aus der Familie und auf jeden Fall führt es zum Ausschluss aus der Gemeinde. Die Isolation oder auch nur die Liebesdeprivation belastet enorm die homosexuelle Paarbeziehung. Die Trauer und das Entsetzen der Eltern, einen schwulen Sohn, eine lesbische Tochter zu haben, auch die elterliche Scham darüber ("Sag es keinem in der Verwandtschaft!") führt darüber hinaus zu enormen Schuldgefühlen und Belastungen seitens des Kindes, das doch mit sich selbst und seiner Außenseiterposition schon genug zu kämpfen hat. Das belastet die Paarbeziehung! Viele homosexuelle Menschen waren einmal verheiratet, haben Kinder. Wenn erstere ihre Homosexualität offenbar machen, drohen die Kinder nicht selten dem homosexuell lebenden Elternteil mit Beziehungsabbruch und vollziehen diesen auch. Ahnen Sie den Schmerz, wenn die Kinder sich von einem abwenden? Wie sollte das die Paarbeziehung unberührt lassen? Ständig muss verhandelt werden, wem man es mitteilt, dass man ein Paar ist, und wem nicht. Das zehrt an den Kräften. Dann die Demonstration der Beziehung nach außen: hält man sich an Händen oder geht man bloß wie gute Freunde durch die Gegend? Kritisch ist immer, wenn — was normalerweise der Fall ist — sich die Partner in unterschiedlichen Stadien des Coming-Out befinden, also der eine offener mit der Homosexualität und der Partnerschaft umgeht als der andere. Der weniger offene fühlt sich schnell überfordert und hat mit seinen Ängsten vor den Konsequenzen des Outens zu kämpfen, während sich der offenere häufig als Lebensgefährte verleugnet sieht. Und auch wenn beide ihre Beziehung nach außen durch beispielsweise Händchenhalten demonstrieren, sind sie eben kein ganz normales Paar, sondern ziehen selbst in der Großstadt Blicke - seien sie nun verächtlich oder auch bloß neugierig - auf sich, mit denen umgegangen werden muss.

Es ist schwierig, als homosexuelles Paar andere Paare zu finden, um sich Unterstützung zu holen! Der Gemeinde-Ehepaarkreis ist ja leider nicht der richtige Ort dafür. Also müssen Sie alles mit sich selber abmachen oder sich in der Gay Community bewegen. Auch muß die Frage, wer welche Aufgaben innerhalb der PartnerInnenschaft übernimmt, ständig neu ausgehandelt werden; bei heterosexuellen Paaren ist das Rollenmodell ja eher vorgegeben und wird früher oder später einfach unbewusst von den Eltern kopiert.

Es ist einfach traurig, wenn gerade christliche Gemeinden Bedingungen schaffen, die homosexuelle Paare belasten. Es ist bitter, dass ein homosexuelles Paar leichter auf der Straße Sex erhält als in der christlichen Gemeinde eine von Herzen kommende Umarmung.

Und wenn dann unter all diesen Belastungen eine Verbindung zerbricht, heißt es: da sieht man doch, dass Homosexuelle beziehungsunfähig sind. Das hat den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Ich bedauere das sehr. Ich wünsche mir mehr tragende, unterstützende, ermutigende Gemeinden, welche homosexuell lebenden Menschen die Voraussetzungen anbieten, die es den Beteiligten ermöglichen, dass sie langlebige, ja lebenslange Partnerschaften leben können, aber der Weg dorthin ist weit. Sehr weit.

© 2004 G. F, C. von der Gün

(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2004-06-05.htm)