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Gemeinde - Asyl oder Heimat?Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde von >>zwischenraum<<Diese Frage bewegt mich wie keine andere sonst in letzter Zeit. Hintergrund dafür sind die vielen Erlebnisse homosexueller ChristInnen mit ihren Gemeinden. Die Reaktionen von Leitungen auf das Bekenntnis eines Gemeindegliedes zu seiner Homosexualität sind sehr vielfältig: von Hilflosigkeit bis hin zum Gemeindeausschluss als Akt derGemeindezucht. Alle Erzählungen haben neben Verletzungen und Enttäuschungen auch immer ein Gefühl von Heimatlosigkeit in sich. Gemeinde wurde meist als Heimat erlebt, als Ort, an dem man als Christ unter Christen sein konnte, gemeinsame Ziele verfolgte, gemeinsam am Reich Gottes baute... nun auf einmal nicht mehr dazu zu gehören, ist mehr als bitter. Es gibt kaum homosexuelle ChristInnen, die wieder Fuß fassen können in Gemeinden, die ihrer Frömmigkeit entsprechen. Allenfalls Asyl wird gewährt. Unausgesprochen deutlich zählt hierbei nicht die Tatsache, dass man zu Jesus gehört, sondern anscheinend entscheidet sich die Berechtigung zu einer Gemeinde zu gehören an der sexuellen Orientierung eines Menschen. Wo früher Menschen der Zugang aufgrund ihrer Hautfarbe oder Nationalität verwehrt wurde, ist es nun in frommen Gemeinden die sexuelle Orientierung, auch wenn nach außen oft Toleranz und bedingungslose Liebe gepredigt wird. Sind aufgrund dieser Diskriminierung homosexuelle ChristInnen zum Opferstatus verdammt? Wir meinen: Nein. Wir erfahren bei Zwischenraum immer mehr, dass wir nicht in unseren Verletzungen und Enttäuschungen verweilen dürfen. Ich denke, was wir alle bei Zwischenraum am meisten lernen müssen, ist: Loslassen. Mir gefällt die Definition dieses Wortes, die ich bei Ernst Reinhardt gefunden habe: Etwas niederlegen können, ohne es als Niederlage betrachten zu müssen. Ich habe einmal ein amerikanisches Seelsorgebuch gelesen mit dem Titel: "From Victim to Victor - Vom Opfer zum Sieger". Ich denke, genau diesen Prozess sollten auch wir durchschreiten. Mich hat die Erfahrung der Heimatlosigkeit in der christlichen Gemeinde gelehrt, dass meine Herzensbeziehung zu Jesus das einzige ist, auf das ich mein Leben bauen kann: Jesus, meine Heimat, der Fels für mein Lebenshaus. Auch wenn mir diec hristliche Gemeinde mein Hausrechto der Wohnrecht verweigert, so weiß ich doch, dass Gott für mich eine Wohnung, ein Stück Heimat, bereitet hat - und diese beginnt in meinem Herzen. Ich spüre, wie wichtig es ist, diese innere Stärke in mir aufzubauen und wie ich dadurch unabhängiger werde von dem Druck, andere Menschen zu beeindrucken und zu gefallen. So ist mein Ärger darüber, dass ich in einer Gemeinde momentan nur einen Gaststatus innehaben kann, dazu übergegangen, dass ich die Freiheit genieße, die dieser Status mit sich bringt: Ich höre jeden Sonntag Gottes Wort in einer sehr guten Art, genieße die Anbetung und kann mir das holen, as ich brauche, ohne nach außen Verantwortung zu übernehmen. Ic habe auch erlebt, wie wichtig mir nun die "Mitarbeit auf himmlischer Ebene", die mir niemand verbieten kann, für diese Gemeinde geworden ist, indem ich für sie, ihr Bauprojekt und ihre Leiterschaft bete und vor Gott eintrete. Oft werde ich gefragt, ob Zwischenrau meine Ersatzgemeinde für homosexuelle ChristInnen sein soll. Ganz klar: Nein. Unsere Regionalgruppen haben zum Ziel, eine Weg-Gemeinschaft zu sein, füreinander da und mit den anderen zu sein. Es ist unser Ziel und unsere Vision, dass wir unseren Platz wie andere Christinnen und Christen in der Gemeinde haben und unsere sexuelle Orientierung nicht zu einer Frage wird, an der letztlich auch bemessen wird, ob wir überhaupt Christen sein dürfen. Nicht wir machen die Gemeinde zu einer Zweiklassengesellschaft, sondern die Gemeinden zwingen uns diesen Sonderstatus auf: Christen zweiter Klasse, ohne Recht auf Mitgliedschaft und ungeeignet zum Bau am Reich Gottes. Wir sehen in alledem aber auch, dass viele Gemeinden wirklich hilflos sind in der Frage, wie sie mit homosexuellen Gemeindegliedern umgehen sollen. Wir wollen mit dieser Ausgabe einige Impulse geben und hoffen, dass es Gemeindeleiter und -leiterinnen gibt, die bereit sind, einmal die Blickrichtung zu ändern und - wie der Evangelist Klaus Vollmer einmal sagte - es wagen, einmal das "was wäre wenn" zu denken - nur so bekommen wir Gottes Perspektive auf dieses "Problem" -unabhängig von offiziellen Wegweisungen und Verlautbarungen unserer Kirchen. © 2005 Günter Baum (Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2005-04-01.htm) |