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Onlineprotokoll der Lieblosigkeit

Das Thema Lieblosigkeit unter Christen beschäftigt mich schon lange. Ich wurde oft herzlos behandelt und habe Menschen getroffen, die immer wieder wegen derselben Argumente nicht in eine Gemeinschaft passten und dies auf aggressive Weise zu spüren bekamen.

Natürlich sind Christen auch nur Menschen und verhalten sich nicht perfekt; dies kann und darf man nicht erwarten. Aber eine gewisse Sensibilität im Umgang miteinander sollte eigentlich selbstverständlich sein, wenn von der Liebe Gottes die Rede ist. Dies scheint aber nur ein "frommer Wunsch" zu bleiben.

Homosexuelle Christen stecken auch in diesem Dilemma. Ihre Lebenssituation ist schon zerrissen genug; die Christen in ihrem Umfeld machen es ihnen aber oft nicht leichter. Führe ich Gespräche mit Christen zu diesem Thema, erlebe ich wie in einem wiederkehrenden Alptraum immer dieselben Reaktionen.

Da ich beruflich viel im Internet recherchiere, beschäftige ich mich auch mit Onlinediskussionsforen. Die Chance eines ehrlichen Austausches besteht sicher darin, dass man dort anonym bleibt und die Position leichter verdeutlichen kann. Leider führt diese Distanz aber auch oft zu unüberlegten und enthemmten Aussagen. Es folgen Auszüge aus einem großen, christlichen Onlineforum, in dem das Thema Homosexualität behandelt wird:

"Jesus ist gekommen um die Leute freizusetzen, er kann auch heute noch Menschen von ihrer Homosexualität befreien." schrieb ein Besucher. Diese Aussage bekommen viele homosexuelle Christen zu hören. Vielleicht mag es sogar auf manche zutreffen. Aber homosexuelle Christen, die nie anders gelebt und gefühlt haben, werden durch diese Aussage als unfrei bezeichnet, obwohl sie zumeist in einer freien Beziehung zu Gott leben. Dennoch ist dieser Satz noch vergleichsweise harmlos und entspringt vermutlich aus Hilfebereitschaft.

Aus der "Befreiung" folgte zwangsläufig das Thema Sünde. Ohne die Bibel heranzuziehen hieß es platt: "Gleichgeschlechtliche Liebe ist und bleibt Sünde? das war vor 2000 Jahren so und das wird auch so bleiben."

Bei einer Art persönlichen Glaubensbekenntnis schwang dann auch eine kleine Drohung mit: "Ich glaube, dass Homosexualität Sünde ist. Laut Bibel führt Sünde immer zum Tod! Und bevor es soweit ist, führt es zur Trennung von Gott. Am Ende, wenn du vor Gott stehst, wird dich das alles wieder einholen. (...) Ich glaube, dass der Satan der Erfinder der Homosexualität ist."

Nun musste bewiesen werden, dass Homosexuelle sozusagen "besessen" sind und es entbrannte die Diskussion über die Bibel, die angeblich "Homosexualität aufs Schärfste verurteilt." Bei genauer Nachfrage, wo diese Stellen in der Bibel zu finden seien, mussten manche Besucher erst nachsehen. Man bekommt den Eindruck, dass manche Christen eine Meinung zu einem Thema besitzen, das sie selbst nie hinterfragt und geprüft haben.

Im weiteren Verlauf wurden die üblich bekannten Bibelstellen aus dem Kontext gerissen. Wenn argumentiert wurde, dass es sich dabei um Tempelrituale handelt, und der griechische Urtext herangezogen wurde, kamen Reaktionen wie: "Homosexualität ist unnatürlich, hier gibt?s nichts zu deuteln." Und: "Ein blendendes Beispiel dafür, wie Theologie alles wegund umzuklären imstande ist, was Gottes Wort klar sagt."

Es muss hinzugefügt werden, dass bis zu diesem Zeitpunkt - zumindest von einer Seite aus - immer sachlich diskutiert wurde. Die Bibeltexte im Kontext ihrer Zeit und Entstehung zu lesen, führte zu der Schlussfolgerung, dass Menschen sich auf diese Weise "das Wort Gottes so zurechtbiegen, bis es passt". Vom Bibelverständnis wurde zudem gleich auf das Gottesbild geschlossen: "Ihr habt euch einen Gott erschaffen, der damit einverstanden ist."

Dass dies auf anderer Seite genauso geschieht, auch weil der Mensch Dinge unterschiedlich wahrnimmt, wurde wie folgt kommentiert: "Das sind ganz klare Aussagen des Herrn. Aber das kapiert wohl nicht jeder." Das Gegenüber wurde als dumm bezeichnet.

Langsam gingen die Argumente aus. Ein Besucher des Forums wartete deswegen mit einer seltsam persönlichen Statistik auf: "95 % der Christen weltweit sehen das genauso wie ich. 4 % sehen es nicht so, weil sie homosexuell sind und sich ihr Fehlverhalten nicht eingestehen können? und 1 % ist vermutlich nicht homosexuell, aber sie können es nicht verstehen." In einer Diskussion ist es immer unglaubwürdig, wenn jemand seine Position dadurch verstärken will, indem er behauptet, alle anderen hätten dieselbe Meinung.

Des Weiteren hieß es: "So wie du und einige andere Leute hier kann man wirklich nur schreiben, wenn man selber homosexuell ist und es wirklich nicht einsehen will? Wie kann man nur so stur sein?" In diesem Moment lüftete sich der Schleier. Es stellte sich heraus, dass die meisten Teilnehmer der Diskussion heterosexuell waren und sich dafür einsetzten, dass homosexuelle Christen nicht derart oberflächlich verurteilt werden. "Jeder, der die gleichgeschlechtliche Liebe toleriert, versündigt sich ebenfalls.", bekam man dann zu hören/ lesen, und dass man mit solch einer Einstellung kein echter Christ wäre. "Man kann doch nicht einerseits behaupten, man ist wiedergeborener Christ, und andererseits praktiziert man diese ekelhafte Sünde und versucht auch noch, diese zu rechtfertigen."

Ekelhaft. Dies war das erste Wort in einer Reihe von Beschimpfungen:

"Mir platzt echt die Hutschnur. Gott hat diese geschlechtlichen Verirrungen klipp und klar verboten."
"Das ist doch pervers."
quot;So ein Quatsch. So ein Blödsinn. So ein Schwachsinn."
"Was man nicht erkennen will, das wird man auch nicht erkennen, genauso wie die Neonazis."
"Ich hab es doch jetzt echt schon so erklärt, dass das selbst ein Vorschulkind verstehen müsste! Mann, Mann, Mann!"
Und damit dieses dumme Kind es auch endlich richtig versteht, wurde es jetzt richtig geschmacklos:
"Gott hat den Mann nicht dazu geschaffen sein Pipi in den Popo eines anderen Mannes zu stecken - fertig!"

Jemand schrieb schließlich folgendes und dem möchte ich mich anschließen: "Hier etwas zu schreiben, ist zwecklos. Es gibt viele Leute, die nicht darauf schauen, was sie schreiben und andere permanent beleidigen. Entschuldigungen werden ignoriert und immer weiter provoziert. Es werden Vermutungen über Menschen angestellt, die man nicht kennt. Sich mit solchen Menschen auseinanderzusetzen, ist sinnlos." Für homosexuelle Christen sei positiv zu erwähnen, dass die persönliche, seltsame Statistik scheinbar nicht stimmt. Es gibt heterosexuelle Christen, die sich nicht zu schade sind, sich beleidigen lassen, um deutlich zu machen, dass homosexuelle Christen nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden können.

Leider zeigt diese Diskussion aber auch nur zu deutlich, wie oberflächlich und schnell einige Christen urteilen und verletzen. Ironischerweise in einem Onlineportal, das den Namen Gottes trägt. Ironischerweise mit dem Antrieb, "vom Weg Abgekommene" zum Licht zu führen. Die Liebe Gottes bleibt dabei hinter dieser angeblichen Wahrheit kläglich verschollen. Ob es ein Trost ist, dass es bei anderen Onlinethemen genauso lieblos zugeht, wage ich zu bezweifeln.

Der größte Trost aber kommt von Gott, dass er uns dennoch liebt, allesamt. Aus dem Lied: "Gottes Bodenpersonal" von Superzwei: "Wir sind begeistert, sind verbissen, lassen Feingefühl vermissen. Doch für wen sind wir trotzdem 1. Wahl? Für'n Boss vom Bodenpersonal!" Na Gott sei Dank.

Fußnote:

Autorin, verheiratet mit Markus Schenderlein, lebt in Ostfriesland. www.nicolevogel.de

© 2005 Nicole Vogel

(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2005-04-08.htm)