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"Der Gnade auf der Spur"

Wie Gottes Güte unser Leben auf den Kopf stellt

Philip Yanceys
"Gnade ist nicht nur ein Wort"
Wie Gottes Güte unser Leben auf den Kopf stellt erschien 1999 beim R. Brockhaus Verlag und beim Ernst Franz Verlag

Originaltitel: "What is so Amazing about Grace?" erschien 1997 beim Zondervan Publishing House

Philip Yancey ist Journalist, Kolumnenschreiber und bekannter christlicher Autor. Seine Bücher wurden mehrfach von evangelikalen Verlagen ausgezeichnet oder verdienten sich den Titel Christliches Buch des Jahres. In ihnen beschäftigt er sich mit grundlegenden Fragen des christlichen Glaubens, die auch gerade häufig die schwierigsten Fragen sind; offenherzig gibt er zu, dass er seine Bücher eigentlich für sich selber schreibt, um Jesus, Gott, Bibel, menschliches Leid und eben auch Gnade tiefer zu ergründen. Dabei ist es sehr wohltuend, dass er nie einem schwarzweißen Denken verfällt.

Tatsächlich war er sich selber sicher, dass "Gnade ist nicht nur ein Wort" sein letztes Buch für den evangelikalen Markt sein würde, weil er sich mit seinem Kapiteln über Mel White, heute schwuler Aktivist, und Bill Clinton, ein von Evangelikalen verachteter Präsident, weit aus dem Fenster lehnte. Stattdessen wurde dieses Buch sein Bestseller.

"Kirche, was soll ich denn da? Ich fühle mich sowieso schon schlimm genug. Da würde ich mich nur noch schlechter fühlen." Diese Reaktion der Prostituierten, von der Philip Yancey am Anfang seines Buches berichtet, mag dem einen oder anderen vertraut vorkommen: Kirchen und Gemeinden sind häufig nicht (mehr) der Ort, wo Gnade und Liebe erlebt werden.

Ganz im Gegenteil, sie strömen manchmal den "üblen Duft" aus "wie ihn die in Fäulnis übergegangene Gnade Gottes erregt", die sich in Uneinigkeit, Gesetzlichkeit, moralischer Überheblichkeit und Extremismus äußert. Und doch sind es gerade gläubige Christen und Kirchen, die immer wieder Gnade in die Welt bringen; sie bringen im Namen und in der Kraft Gottes Befreiung und erweisen Menschen ihre Liebe.

In der Geschichte der Welt und in unserem Alltag sehen wir überall "Gnade-Losigkeit" und Gesetzlichkeit - zwischen Völkern herrscht Streit, Hass und letzten Endes Tod und Vernichtung; Freunde oder Familienmitglieder werden Feinde, Menschen werden als untauglich aussortiert. Aber es gibt auch Momente der Gnade: Versöhnung mit Gott und das Eingeständnis von Schuld, Vergebung und Neuanfänge. Hierbei faszinieren Yancey besonders die Umbrüche und Geschehnisse, die mit dem Fall der Sowjetunion und der Abschaffung der Rassentrennung in Südafrika oder den USA einhergingen.

In "Gnade ist nicht nur ein Wort" gelingt es Yancey mit Gedanken provozierenden und bewegenden Anekdoten, Zitaten, Erlebnissen und Geschichten, gerade auch aus der Bibel, das Wesen der Gnade zu ergründen. Im Prinzip bietet er in seinem Buch eine Zusammenstellung zu diesem Thema aus seiner Lebensund Lektüre-Erfahrung und führt uns so durch die Argumentationsschritte des Römerbriefes von Paulus, der zuerst Leben ohne Gnade beschreibt, die Gnade Gottes dann näher beleuchtet und Gegenargumente entkräftet ("Das sei ferne!"); letztendlich kommt Paulus auf die Auswirkungen der Gnade in den einzelnen Menschen und der Gemeinde zu sprechen.

Parallel dazu erfahren wir von Yancey von der Gesetzlichkeit und "Gnade- Losigkeit", die in allen Religionen und Gesellschaftsformen zu finden waren und sind. Gnade ist bzw. sollte eigentlich das eindrücklichste Merkmal der Gemeinde Christi sein, ist es doch das einzige, was sie von der Welt und anderen Religionen abhebt, wie Yancey C.S. Lewis zitiert.

Dabei ist Gnade ungerecht und skandalös: wünschen wir uns nicht eigentlich, dass jeder bekommt, was er/sie verdient? So dachten dann auch die Pharisäer, denen es gegen den Strich ging, dass Gott Zöllner, Ausländer, Steuereinnehmer oder Frauen liebt; die Geschichte vom verlorenen Sohn sollte doch eigentlich damit enden, dass für den treuen, älteren Bruder das Kalb geschlachtet wird! Tatsächlich berichtet Yancey davon, dass eine Gottesdienstbesucherin verlangte "Genau so müsste es auch in der Bibel stehen!" Und dennoch können wir uns Gottes Gnade nicht verdienen, sie wird uns "komischen Typen" von Gott geschenkt. Gnade kommt durch Vergebung - die hat Gott maßlos viel gekostet, und umso großzügiger bietet Er sie uns bedingungslos an. Unser Gerechtigkeitssinn und unsere Gesetzlichkeit sagen uns aber immer wieder, dass bestimmte Taten und Sünden nicht vergeben werden können.

Yancey zeigt auf, wie sich in Familien und zwischen Nationen ein Kreislauf der "Gnade-Losigkeit" auswirken kann; nur durch Vergebung kann ein Neuanfang zwischen Gott und Mensch und zwischen Menschen möglich werden. Ein gänzlicher übernatürlicher Vorgang, der nicht unserer menschlichen Natur entspricht, aber, so fragt Yancey, "könnten Christen der Welt ein größeres Geschenk machen als die Gestaltung einer Kultur, in der Gnade und Vergebung hohe Werte sind?"

Können wir deswegen ruhigen Gewissens sündigen? "Das sei ferne!" hören wir Paulus rufen. Yancey macht deutlich, dass wir diese Liebe und Vergebung auch annehmen müssen; Buße kommt aus der Sündenerkenntnis, aber findet in der Gewissheit statt, dass wir nicht tiefer als in Gottes Hand fallen können und Seine Vergebung erfahren dürfen. Missbrauch der Gnade ("Gott wird mir schon vergeben") zeugt eigentlich davon, wie wenig Liebe der betreffende Mensch Gott entgegenbringt.

Durch die Gnade kann bei uns ein Wechsel der Perspektive stattfinden, weg von dem konkreten Vergehen (gerade auch gegen meine eigene Person), hin zur Einsicht, dass wir alle Sünder sind, die Gott durch die Sünde hindurch trotzdem liebt. Yancey fasst diese Erkenntnis in einem Identität stiftenden Satz zusammen: Wir sind die, die Jesus lieb hat. "Ein von der Gnade erfüllter Christ ist einer, der die Welt durch eine von der Gnade gefärbte Brille sieht." Das Verhalten der einzelnen Person, so hat uns Jesus gezeigt, steht dabei nicht im Vordergrund, sondern die Person an sich. Unser Verhalten sollte Jesus entsprechend von Liebe und Vergebung geprägt sein, in "der Welt" natürlich genauso wie unter Christen.

Durch die Brille der Gnade hindurch beschreibt Yancey auch die Geschichte seines Freundes Mel White (2), dessen Kampf mit seiner Homosexualität und den Folgen seines Coming Outs. Besonders bestürzte ihn die Aussage eines homosexuellen Christen, der feststellte, dass er "als Schwuler leichter auf der Straße Sex bekommen kann als in der Kirche eine Umarmung."

Yancey berichtet auch von überzeugten Christen, die gelebte Homosexualität strikt ablehnen, aber homosexuelle Personen annehmen oder AIDS-Patienten pflegen - im Kontrast zum "AIDS, AIDS, das komme über euch!" einiger christlicher Gegendemonstranten bei einer Demonstration Homosexueller in Washington, die Yancey als Begleiter von White erlebt. Gerade hier zeigt er uns, wie Christen in und an der Welt Gnade erweisen ohne mit dem konkreten Verhalten des Menschen konform zu gehen.

Gemeinde zu einem Zufluchtsort für Menschen zu machen, die sich scheußlich fühlen, das ist für Yancey das Ziel der Gemeinde Gottes. Unser Handwerkszeug ist die Liebe, die auch vor Feinden nicht "halt macht". Gerade in einer Zeit, in der durch ein Outing bei mir reichlich Gelegenheit für die praktische Umsetzung vorhanden ist, ist es auch sehr eindrücklich, darüber nachzudenken, wie wir unsere Liebe denen erweisen, die uns ablehnen, damit nicht von uns aus der "üble Duft" der Hartherzigkeit ausgeht.

Das Kapitel über Mel White bewegte Candace Chellew-Hodge von der Online-Zeitschrift Whosoever (3) für homo-, bi- und transsexuelle Christen dazu, Philip Yancey einen Brief zu schreiben. Daraus erwuchs dann die Zusage zu einem schriftlichen Interview, das hier in Auszügen wiedergegeben zeigen kann, wie Yancey mehrere Jahre nach seinem Buch zum Thema Homosexualität steht und was er homosexuellen Christen im Umgang mit Gemeinden rät.

Fußnoten:

2 Pastor in der MCC und Autor von "Stranger at the Gate: to be Gay and Christian in America? http://www.melwhite.org/ Er ist Gründer von Soulforce (http://www.soulforce.org/) einer Bewegung, die sich der Bekämpfung spiritueller Gewalt gegen Homo-, Bi- und Transsexuellen verschrieben hat.

3 http://www.whosoever.org

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(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2005-04-09.htm)