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Der Bruder meiner Mutter

Wir wollten die Generationen zu Wort kommen lassen - wie sie auf dem Hintergrund ihrer Zeit ihr Leben als Homosexuelle und Christen entwerfen konnten. Es war nicht schwer, Repräsentanten der Unter- Dreißzigjähr igen oder der Um-die- Vierzigjährigen zu finden. Aber wo sind die über sechzig oder siebzig oder achtzig?

Dabei muss ich an eine alte Redensart denken, die man Pionieren zuschreibt. Vom Schicksal der Generationen, die neues Land besiedeln wollten, pflegten sie zu sagen: Des ersten Tod, des zweiten Not, des dritten Brot. Oft empfinden wir noch die Not, für das Brot, für die Zukunft derer, die nach uns kommen, kämpfen zu müssen, für ihr Leben ohne Ausgrenzung und Herabwürdigung. Aber dieses Kämpfen- Müssen ist eigentlich ein Vorrecht. Für unsere Vorgänger hieß Homosexuellsein Tod oder Gefängnis - davon, für ihre Rechte zu kämpfen, konnten sie nur träumen.

Die Frage "homosexuell und Christ?" haben sie sich wohl kaum stellen können - allenfalls "homosexuell oder Christ?", teilweise sogar: "homosexuell oder lebendig?". Ein Leben, das für viele von so viel Verleugnung und Einsamkeit geprägt war, dass sie auch jetzt kaum an die Öffentlichkeit treten. Jemand, den wir angefragt hatten, bat uns, seine zunächst gegebene Zusage wieder zurückziehen zu dürfen. Er hat mit über achtzig seinen Frieden gefunden für sich und seine Frau. Der Schmerz in seinem Leben, unter dem er diesen Frieden errungen hat, ist so groß, dass er ihn nicht wieder heraufholen möchte. Nur zu verständlich.

Diesen Schmerz fand ich wieder in einer traurig-schönen Ballade von George Michael: My Mother Had A Brother - “Der Bruder meiner Mutter“ (aus dem Album "Patience"). Und ich möchte meine Zeilen als Hommage an diese Brüder und Schwestern unserer Mütter verstanden wissen, an diese zwar nicht verlorene, aber verborgene Generation.

“My mother had a brother“

In keiner Zeile des Liedes fällt das Wort schwul oder homosexuell - und doch ist es nicht schwer zu erraten, worum es geht. Besagter Onkel starb am Tag der Geburt des Ich-Erzählers. Dieser Tod beschäftigte ihn schon als Kind, bis er irgendwann merkt, dass man ihn bisher angelogen hat, dass ein besonderes Geheimnis hinter diesem Tod steckt. Immer wieder fragt er seine Mutter:

Erzähl mir mehr über ihn
sag mir noch mal, warum er starb

Wie sich dann herausstellt, verbindet den Erzähler und den Bruder seiner Mutter etwas:

Sie sagte, er konnte nicht mehr warten
auf all das, was ich gesehen habe
sie sagte, er war nicht stark genug
er wagte von einem Leben wie meinem
nicht einmal zu träumen
der Bruder meiner Mutter
dasselbe Begehren, eine andere Zeit...

Seine Mutter beschreibt ihm dann seinen Onkel, der ihr zur Seite stand und an dem sie sehr gehangen hat, und er ver sucht daraufhin, ihn sich vorzustellen:

Jemand, an dem man sich festhalten
konnte, sagte sie
als all das Geschrei
und die Schande hereinbrachen
übersensibel und freundlich
es wurde wohl alles zu schwer für ihn
er hat sich wohl das Leben genommen...
die Leere und Einsamkeit quälten
ihn so
bis er sich das Leben nahm
ich glaub' er musste einfach warten
bis Mama mich hatte
ich glaub', dann konnte er es keinen
Moment länger erwarten
endlich frei zu sein im unendlichen
Himmel

Der Erzähler spürt eine tiefe Verbundenheit mit seinem Onkel, dessen traurige Geschichte dennoch für ihn zum Ansporn für sein eigenes Coming-Out wird.

Ich war ein Gefangener,
aber er hat mich gerettet
warum habe ich so lange
auf Liebe gewartet
was habe ich mir dabei gedacht
so viel Zeit habe ich vergeudet

Er macht keinen Hehl daraus, dass er kein Heiliger, ein wenig innerlich zerrissen, ist und ziemlich drauflos lebt. Aber er ist sich bewusst, dass dies keine selbstverständliche Freiheit ist, die er inzwischen genießt.

Die unter uns,
die nichts zu fürchten haben
wir sollten verdammt sicher gehen,
dass es das wert war.

Er wünschte sich, seinem Onkel mitteilen zu können, wie viel sich geändert hat:

Aber Mama, wirst du's ihm
für mich erzählen
die Zeiten haben sich geändert
ich denk' die Welt ist wärmer geworden
und wir stärker
die Sonne kam heraus
und ich genieße sie in vollen Zügen

[Das Wortspiel in der späteren Wiederholung lässt sich im Deutschen nicht wiedergeben: The sun came out (die Sonne kam heraus) und Your son came out (dein Sohn "kam heraus"), wobei im Ausdruck come out natürlich der Doppelsinn zum "Coming out" als Homosexueller liegt.]

Er verdankt der Beschäftigung mit dem Bruder seiner Mutter seine eigene Freiheit. Ihn bewegt aber mehr, als dass er das ungelebte Leben seines Onkels nicht wiederholen möchte:

Die Freiheit ist da, und ich schwöre
ich koste sie voll aus - für dich
Mama, wirst Du ihm von meiner Freude
erzählen ich lebe jeden Tag für ihn

Er möchte gern das verlorene Leben, die verlorene Liebe seines Onkels für ihn mitleben. In George Michael's Lied hat ein „I'm making so much love“ natürlich vor allem eine sexuelle Bedeutung. Als Christ wird man seinen Umgang mit dem Thema vielleicht ein wenig anders gestalten, aber der Grundgedanke bleibt - und der bewegt mich jedes Mal, wenn ich das Lied höre. Zum einen: vor dem Herrn, der für uns hinter dem unendlichen Himmel steht, ist ihre Geschichte nicht vergessen, und - ja, bei ihm dürfen sie frei sein und angenommen.

Und: diese Brüder und Schwestern unserer Mütter verdienen es, in unserem Leben präsent zu sein. Und ich wünschte, wir könnten das: ein Stück ihres - unseres Lebens für sie mitleben.

Nachbemerkung: Der vollständige englische Originaltext ist online einsehbar unter http://www.seeklyrics.com/lyrics/George-Michael/My-Mother-Had-A-Brother.html

Die Zitate einzelner Zeilen erfolgten nicht immer nach der Reihenfolge im Lied, sondern nach Sinnzusammenhang. Übersetzung V. Hinck und J. Nagelschmidt.

© 2006 Valeria Hinck

(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2006-05-05.htm)