![]() |
http://www.zwischenraum.net/ |
In meiner Bibel steht das andersBeherzt wurde diskutiert, das Für und Wider abgewogen, gebetet und ehrlich gerungen. Worum ging es? Gemeinsam hatte man in 40 Tagen die Bibel erkundet. Während dieser Zeit hatten viele Menschen an Kleingruppen teilgenommen. Hatten sich auf eine Expedition des Glaubens begeben. Dabei wurden auch viele durchaus kontroverse Diskussionen geführt. Lange Zeit wusste man gar nicht so recht, warum so viele verschiedene Auffassungen und Aus legungen selbst in den verschiedenen Kleingruppen selbst aufgekommen waren. Nach und nach kristallisierte sich jedoch ein Grund heraus. Ganz unters chiedliche Menschen aller Altersgruppen nahmen an der Aktion teil. Und so unterschiedlich die Gruppenteilnehmer, so unterschiedlich auch die verwendeten Bibelübersetzungen des Einzelnen. Insgesamt gibt es zur Zeit in Deutschland rund 35 verschiedenen Werke, weltweit sind es über zweitausend. Von der traditionell im evangelischen Deutschland verankerten „Luther-Bibel“ bis hin zur „Bibel in gerechter Sprache“. All diese Übersetzungen haben gemein, dass sie sich selbst als besonders nah zum Urtext sehen und versuchen, die heutige Sprache der Menschen aufzugreifen. Den derzeitigen Übersetzungen zum Beispiel des NT wird in der Regel der griechische Text zugrunde gelegt, wie er in der 27. Auflage des Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland und der 4. Auflage des Greek New Testament der United Bible Societies gleichlautend vorliegt. Jahrhunderte lang wurde die Schrift in griechischer sowie lateinischer Sprache überliefert. Die römischkatholische Kirche hatte exklusiv die Aufgabe der Auslegung für die Gläubigen. Da diese Form der Auslegung sich oft der Kirchenlehre zu beugen hatte, wurde die Bibel in der Reformationszeit durchaus auch zu einem Instrument der Emanzipation und Befreiung. In seiner zentralen Programmschrift „An den christlichen Adel deutscher Nationen“ bestreitet Martin Luther im Jahre 1520 das Auslegungsmonopol der katholischen Kirche entschieden. Gegen die allegorische Deutung der Schrift seitens der römischen Kirche setzte Luther die Eindeutigkeit, ja eine "perspicuitas" als Durchsichtigkeit der Schrift selbst, die von den Gläubigen in ihrer Auslegung erfasst werde. Luther wie auch der Reformator Zwingli stehen in der Gemeinschaft der Menschen, die als Gläubige den Text verstehen wollen. Um ihnen dabei zu helfen, fertigte Luther die deutsche Übersetzung an und schaute dazu „den Leuten aufs Maul“ (Sendbrief), um so zu schreiben, dass sie es verstanden. Genau hier liegt auch die Motivation der meisten modernen Übersetzungswerke. Fast immer wird die Notwendigkeit einer neuen Bibelübersetzung damit gerechtfertigt, dass Menschen nur noch schwer einen Zugang zu der Sprache der vergangenen Jahrhunderte haben. Dass man eine Sprache verwenden müsse, die auch für zum Beispiel Jugendliche zugänglich sein soll. So entstanden im deutschsprachigen Raum verschiedenste Übersetzungen, die letztlich auch starken Einflüssen der verschiedenen Frömmigkeitsrichtungen und Denominationen unterlagen. Gut darstellen lässt sich dies exemplarisch an einer Stelle aus dem Neuen Testament, welche immer wieder als Argument gegen Homosexualität ins Feld geführt wird. Hier Vers 26 aus dem 1. Römerbrief: In der Lutherübersetzung: „Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen...“ In der modernen Übersetzung „Hoffnung für alle“ liest sich der Vers 26 wie folgt: „Weil die Menschen Gottes Wahrheit mit Füßen traten, ließ Gott sie in abscheuliche Laster fallen: Ihre Frauen praktizierten gleichgeschlechtliche Liebe...“ In einer anderen modernen Übersetzung („Neues Leben“) wird er so übersetzt: „Deshalb überließ Gott sie ihren schändlichen Leidenschaften. Die Frauen wandten sich vom natürlichen Geschlechtsverkehr ab und suchten die sexuelle Beziehung zueinander.“ Derselbe Römer-Vers liest sich in der „Elberfelder Bibel“ so: „Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt...“ Und in der neuesten deutschen Bibelübersetzung „Bibel in gerechter Sprache“ lesen wir bei Römer 1,26: „Infolge dieser Übertretungen überließ Gott sie verachtenswerten Leidenschaften. Frauen unter ihnen tauschten ihre naturgemäße passive Rolle im Geschlechtsverkehr gegen eine außerhalb der natürlichen Ordnung ein.“ In der Übersetzung der Deutschen Bibelgesellschaft „Gute Nachricht Bibel“ lautet der Vers „in heutigem Deutsch“: „Darum lieferte er sie schändlichen Leidenschaften aus. Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen“ Und die „freakige“ Volxbibel meint, der Vers müsse sich so anhören, um heute richtig verstanden zu werden: „Deshalb hat Gott sie irgendwann ihren ätzenden Leidenschaften überlassen – und damit sich selbst. Frauen fingen an mit Frauen rumzumachen.“ Hier zeigt sich die eingangs erwähnte Problematik deutlich. Unter Umständen werden Christen, die zum Bespiel ausschließlich die Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ verwenden, zu einer gänzlich anderen Auffassung zum Vers 26 des 1. Römerbriefes gelangen, als Menschen, die die „Lutherbibel“ oder die „Bibel in gerechter Sprache“ studieren. Es drängt sich der Verdacht auf, dass, trotzdem wir alle in der Bibel lesen, wir doch scheinbar nicht alle in derselben Bibel lesen. Oder doch? Persönlich denke ich doch. Die Bibel ist ein zeitloses Buch. Gegeben für Menschen aller Generationen bis zur Wiederkehr Christi. Und so sollten wir die verschiedenen Übersetzungen als Chance sehen, ja als Geschenk. Da den meisten Lesern der Bibel heutzutage die Urtexte aufgrund der sprachlichen Barrieren verschlossen bleiben, gilt es einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem Reichtum der verschiedenen Übersetzungen einzuschlagen und sich der Gefahr zu widersetzen, einzelne Werke als alleinige Autorität gelten zu lassen oder sie dazu zu erheben. Gerade in der heutigen Zeit ist hierbei auch besonderes Augenmerk auf die Menschen zu legen, die den Weg zu Gott neu finden. Gerade ihnen, wie auch der Jugend gegenüber, sollte die Vielfalt der Bibelwerke deutlich dargestellt werden. Insgesamt gilt es, allen Mut zu machen, diese Vielfalt viel mehr als scheinbar heute üblich zu nutzen. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Prof. Dr. h. c. Peter Steinacker, schreibt zur „Bibel in gerechter Sprache“: „Für diejenigen, die mit biblischen Texten vertraut sind, bietet die Bibel in gerechter Sprache die Chance, die bekannten Texte neu zu hören, im ungewohnten Wortlaut überraschende Aspekte wahrzunehmen und Denkgewohnheiten zu überprüfen.“ Dies gilt sicherlich für alle vorliegenden Übersetzungen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Werken kann besonders dann gelingen, wenn sie von der Überzeugung getragen wird, dass die biblischen Texte selbst Gerechtigkeit verkünden, ermöglichen und fordern. © 2007 Mandy White (Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/2007-06-13.htm) |