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Blitzlicht vom überregionalen Treffen in Wiesbaden (30.07.-01.08.04)Als die beste Ehefrau und ich am Freitag, den 30. Juli 2004 nach Wiesbaden fuhren, wusste ich nicht, dass es meine Aufgabe sein würde einen Bericht über das Treffen zu schreiben. Deshalb kann ich keinen allgemeinen Bericht schreiben, keinen chronologischen Abriss des Wochenendes, keine genaue Wiedergabe von dem, was passiert ist und was gesagt wurde. Dieser Bericht ist ein sehr persönlicher Bericht,der meine eigenen, subjektiven, persönlichen Eindrücke wiedergibt. Ich hoffe aber, dass ihr euch auch hier wiederfindet. RegenbogenbuntDas Highlight des ersten Abends war Esther Maischberger. "Unsere" Esther ist mindestens genauso gut wie ihre Kollegin im Fernsehen, wenn es darum geht, Fragen zu stellen, die zum Nachdenken anregen. Bevor ich aber davon berichte, hier schon mal den ersten Verbesserungs- vorschlag fürs nächste Mal: unbedingt einen Pre-Conference-Workshop einrichten: "Berndeutsch für Anfänger." Diese faszinierende Sprache ist eine echte Bereicherung für jeden! Und wo wir schon dabei sind: vielleicht auch noch einen Workshop "Schwäbisch für Anfänger?" In der Esther-Maischberger-Session lernten wir uns kennen. Als Regionalgruppen erzählten wir, woher wir kamen und ein paar wurden noch detaillierter zu ihrem Leben und ihren Erfahrungen als schwule und lesbische Christen befragt. Etwas, was mir auffiel und was für mich zum Leitthema des Wochenendes wurde, war: wir sind Gemeinde. Wir sind so verschieden, bunt wie der Regenbogen. Wir kommen aus verschiedenen Ländern und Orten, wir haben viele verschiedene Berufe (auch wenn es auffallend viele Krankenpfleger gab...), und wir kommen aus verschiedenen Gemeinden. Wir haben verschiedene Gaben und Aufgaben. Manche sind out (als Christen, als Homosexuelle), manche noch nicht. Und wir sind verschieden weit auf unserem Weg mit Gott. Einige mögen Fußball, andere nicht.Ja, wir sind bunt, aber, genauso wie die Farben im Regenbogen zusammengehören, gehören auch wir zusammen. Die Unterschiede waren völlig nebensächlich. Wir alle hatten etwas gemeinsam: wir sind schwul oder lesbisch und, was noch viel wichtiger ist: wir sind geliebte Kinder des allmächtigen Gottes, des Schöpfers des Universums. Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Gemeinde. Auch das negative der Gemeinde wurde mir wieder bewusst. Es wurde berichtet, wie Lesben und Schwule im Namen Gottes aus den Gemeinden ausgegrenzt und ausgeschlossen wurden, wie Menschen, oft gerade dann, wenn sie in großer Not waren, wenn alles drunter und drüber ging, fallengelassen wurden. Leider ist auch das Gemeinde. Es sind gerade die Christen, die Kinder Gottes, die uns so unglaublich verletzen können. Gerade für die, die so schlechte Erfahrungen mit Gemeinde gemacht hatten, sollte dieses Wochenende in unserer Gemeinschaft besonders dienen. Ja, es gibt Gemeinde auch für uns, es gibt einen Raum für uns: den Zwischenraum. Ausflug nach GalatienAm Samstagvormittag gab Achim uns einen kurzen Abriss über den Galaterbrief. Er zeigte, dass sich in 2000 Jahren Kirchengeschichte nicht viel geändert hatte. Damals gab es Menschen, hauptsächlich Juden-Christen, die meinten, dass Gottes Gnade allein nicht genügen würde und dass man, wenn man ein "richtiger" Christ sein wollte, auch die jüdischen Gesetze halten müsse. Der Brief an die Galater ist Paulus Antwort darauf und der Versuch, die Galater zurück in die Freiheit, die sie in Christus hatten zu bringen. Kurz zusammengefasst argumentierte Paulus wie folgt: Das Gesetz dient nicht dazu uns zu rechtfertigen. Es macht uns nicht gut oder heilig. Dazu braucht es Gottes Gnade und Kraft. Leider gibt es in unseren Gemeinden auch noch die weitverbreitete Meinung, dass es zusätzlich zu Gottes Gnade auch noch Gesetze (oder Gebote oder Regeln oder Traditionen) zu erfüllen gibt. Und genauso wie damals in Galatien, ist es eine falsche Meinung. Gottes Gnade genügt. Ein Satz, der mich persönlich berührt hat war: Wir schwule und lesbische Christen haben die Rolle, die Titus damals in Jerusalem hatte: wir testen die Gemeinde und fragen, ob die Gemeinde frei ist. Wir sind Werkzeuge Gottes um den Gemeinden eine Chance zu geben in die Freiheit zu kommen. Natürlich bedeutet Freiheit vom Gesetz nicht, dass wir tun können, was wir wollen. Aber durch Gottes Gnade sind wir in der Lage, Gottes Willen zu tun. Wir haben immer noch eine Verantwortung. Aber wir werden nicht mehr durch Gesetze, Regeln und Traditionen geleitet, sondern vom Geist Gottes. Günter baute auf die biblische Grundlage, die Achim gelegt hatte auf, und gab praktische Beispiele. Er sagte, dass wir in unserer Beziehung zu Gott oft Gesetzmäßigkeiten reinbringen wollen, z.B. in der Stillen Zeit oder im Gebet. Aber wir sind frei. Günter: Setz dich Gott aus! Komme in eine Passivität in Christus hinein." Unser Leben sollte eine Antwort auf Gottes Impulse sein, nicht gesetzliche Aktivität - und wenn sie noch so fromm aussieht. Die Beziehung zu Gott ist nicht Karrieredenken und Aktivismus. Aus der Passivität in Christus kommt der Dialog mit Gott. Selig sind die geistlich Armen - nicht die, die Gott etwas bringen wollen. Offene RäumeWir hatten viel Zeit zum Einander kennen lernen und Miteinander sprechen - etwas, was wohl auch alle richtig ausgenutzt haben. Es war richtig gut, andere Menschen, die in derselben Lage wie man selbst sind, kennen zu lernen und vor allem mit ihnen zu lachen. Oder: Fußball zu spielen. Leider weiß ich nicht, welche Mannschaften gegeneinander gespielt haben und wer gewonnen hat. Ich weiß nur, dass der Ball rund und bunt war, das Spielgelände eher rund als rechteckig und dass eine Mannschaft dummerweise immer bergauf laufen musste. Aber Spaß hatte man allemal. Man könnte jetzt auch Überlegungen anstellen, ob Fußball eher ein Frauensport ist, aber ein paar Herren waren bereit sich ins Getümmel zu werfen und Günter sprach schon davon, fürs nächste Treffen richtig zu trainieren. Am Nachmittag gab es zwei Open-Space-Sessions, wo, wer wollte Workshops zu welchem Thema auch immer (Claudia bot z.B. einen Fußballworkshop an) halten konnte und die man, wie man wollte, besuchen konnte. Schmetterlinge flatterten von Workshop zu Workshop, Hummeln blieben bei einem und kosteten ihn voll aus. Es würde den Rahmen des Berichts sprengen, von allen Workshops zu berichten (wo ich ja auch nur auf zweien war und mich so als Hummel oute). Das Fazit war, das für alle was da war und alle, sowohl die Workshopanbieter als auch die Teilnehmer davon profitierten. Richtig gute Musik gab es auchAm Samstagabend berichteten Peter und Kveta, unsere slowakischen Gäste, über die Situation der lesbischen und schwulen Christen in ihrem Heimatland. Auch dort ist es ähnlich wie hier. Peter, der als Kirchenmusiker arbeitet, darf z.B. nicht sein Schwulsein öffentlich leben. Und dann ging es richtig fetzig ab. Ein bekannter christlicher Musiker gab uns ein super gutes Konzert. Es war Musik zum Lachen, zum Nachdenken und auch zum Weinen. Hauptsächlich ging es um unsere Beziehung zu Gott und zu anderen und über Gottes Bodenpersonal, der Gemeinde, die manchmal irgendwie daneben liegt und doch der Leib Christi ist. Es war wunderbar. Vielen Dank! Abhängen in den GeorgstubenIch berichtete schon, dass wir viel Zeit hatten, miteinander zu plaudern. Ganz besonders gut ging das in der hauseigenen Kneipe, den Georgsstuben, die auch von allen gern besucht wurde. Wenn ich an die Abende denke, denke ich hauptsächlich ans Lachen. Es war vor allem Manuelas Lachen, dass bei uns anderen förmlich Lachkrämpfe auslöste. Keiner wusste eigentlich worum es ging, aber der halbe Raum klopfte sich vor Lachen auf die Schenkeln. Und sonst hatten wir richtig schöne Gespräche über Gott und die Welt, dem Leben und Liebe und so. Es waren wunderbare Abende, die sehr spät wurden. Für mich ein Highlight des Wochenendes. Keiner ist wie duDies mussten wir am Sonntag, während des Gottesdienstes wieder feststellen. Keiner ist wie Gott. Niemand sonst berührt unser Herz so wie Er, und ich glaube, es gab auch niemanden der in dieser Zeit nicht von Gott berührt wurde. Der Lobpreis war einmalig, Valerias Predigt über das Weichei Markus sehr inspirierend und das Abendmahl... das Abendmahl war einzigartig. Ich kann mich nicht erinnern je so sehr verstanden haben, was das Abendmahl bedeutet: ein Leib für uns gebrochen, Blut für uns vergossen. Das ging ganz tief in mein Herz hinein. FazitFür mich war das Fazit des Wochenendes "Gemeinde." Von Anfang bis Ende ging es immer wieder um Gemeinde, in der vieles im Argen liegt, der uns oft nicht will und von dem wir dennoch Teil sind. Vor allem aber ging es um die positiven Seiten der Gemeinde, darum, dass wir als schwule oder lesbische Christen nicht allein sind. Das, was wir hatten, war auch Gemeinde. Ja, wir waren ein großer, bunter Haufen, aber wir waren auch eins, eine Gemeinschaft. Wir sind nicht zu Lone-Ranger-Christen bestimmt. Das war nie Gottes Ziel. Wir sind Teil einer Gemeinschaft und auch wenn die Gemeinschaft uns nicht immer will, sind wir da. Vielen Dank an alle, die das Wochenende organisiert und gestaltet haben, an alle, die da waren. Es war ein wunderbares, unvergessliches Wochenende. Ich bin froh, euch kennen gelernt zu haben und freue mich jetzt schon auf das nächste Zwischenraumtreffen. © 2004 Anette Seiler (Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/Aktuell-wiesbaden.htm) |