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Offener Brief an den Kongress über Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie in Graz

Im Oktober wird in Graz ein Kongress unter Schirmherrschaft der österreichischen psychiatrischen Fachgesellschaft zum lohnenden Thema "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" stattfinden. Dort soll es u.a. auch um die Frage "Sexuelle Orientierung" gehen. Freilich: als einzige Referenten hierzu eingeladen waren – Markus Hoffmann und Wüstenstrom. Erst auf Proteste hin sollten kurz vor knapp auch Vertreter einer Gegenposition in das von Markus Hoffmann gestaltete workshop eingebunden werden, die HOSI (Homosexuelle Initiativen in Österreich) lehnte eine "Mitarbeit" in dieser Form allerdings ab. Die Empörung in schwullesbischen Medien wurde immer lauter (teils sachlich, teils auch polemisch). Allmählich regt sich allerdings breiter Widerstand auch von Seiten der am Kongress mitbeteiligten Psychiater und Psychotherapeuten gegen die sonderbare Referentenwahl.

Wir sind der Meinung, dass auch Zwischenraum diese Situation nicht schweigend zur Kenntnis nehmen sollte – ein unkommentierter Auftritt von Wüstenstrom auf einem ärztlichen Fachkongress würde eine erhebliche Aufwertung und Bestätigung der Pathologisierung von Homosexuellen gleichkommen.

Als offener Brief deshalb hier ein Anschreiben an die Veranstalter und Hauptreferenten des Kongresses als online-Version, in dem unsere Zwischenraum-Position in dieser Frage ohne Polemik und Verunglimpfung, aber sachlich eindeutig klargemacht wird.


Sehr geehrte...,

ich schreibe Ihnen als Hauptvortragendem/r des Kongresses "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" im Namen der Initiative "Zwischenraum" (www.zwischenraum.net), einer Gruppe von homosexuellen Christen aus konservativen, bibelbezogenen Glaubensrichtungen.

Als christliche Gruppe begrüßen wir es außerordentlich, dass das komplexe Gebiet "Glaube und Psychologie/Psychiatrie" nicht nur zum Gegenstand eines kirchlichen Seelsorge-Kongresses gemacht, sondern auch von fachärztlicher Seite aufgenommen wird. Dass u.a. Homosexualität hierbei als Thema eine Rolle spielt, ist durchaus begrüßenswert, auch wenn sexuelle Orientierung nun gerade keine Krankheit darstellt...

Wir beziehen uns auf die beiden Veranstaltungen unter den Titeln: "WS 1.2 - Aufbruch Leben – ein Gruppenseelsorgeprogramm zur Förderung von Identität des Mann- und des Frauseins" und "WS 4.6 - Therapeutisches Arbeiten bei ichdystoner Sexualorientierung".

Mit Befremden nehmen wir hierbei zur Kenntnis, dass die Beschäftigung mit dem Themenfeld "Sexuelle Orientierung" ausgerechnet auf einem solchen Fachkongress nicht wissenschaftlich einwandfrei argumentierenden Referenten überlassen wird, sondern einer Gruppe (Markus Hoffmann und Wüstenstrom), die explizit aus weltanschaulich gebundener Sicht eben die Pathologisierung der Homosexualität vertritt, die die Wissenschaft bereits hinter sich gelassen hat (und die im übrigen auch theologisch in Würdigung des biblischen Befundes keineswegs so zwingend wäre wie gemeinhin dargestellt).

Mit Sorge stellen wir auch fest, dass weltweit Organisationen, die vehement für die "Heilung(sbedürftigkeit)" und "Veränderung" der Homosexualität eintreten, mit der Inanspruchnahme der Diagnose F66.1 "Ichdystone Sexualorientierung" die Tatsache zu umgehen versuchen, dass die Diagnose der Homosexualität als Krankheit von psychiatrischen Fachgesellschaften explizit abgeschafft wurde. Über die Ichdystone Sexualorientierung wird nun eine Hintertür geschaffen, mit der die Therapie und Therapiebedürftigkeit Homosexueller wieder legitimiert werden soll – wobei bewusst übergangen wird,

  1. dass die Präambel zur Diagnosegruppe F66 eindeutig formuliert, nicht die sexuelle Orientierung stelle das Pathologische daran dar (sondern das ichdystone Erleben derselben) und
  2. dass der Text zur F66.1 "Sexuelle Orientierung" ausdrücklich nicht auf Homosexualität beschränkt.

Nun wäre unsererseits gar nichts dagegen einzuwenden, wenn eine seelsorgerliche Gruppe sich zum Ziel gesetzt hätte, Menschen mit einer solchen Ichdystonie hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung Hilfe darin anzubieten, zu einem gesunden Verhältnis zu sich selbst zu gelangen. Wobei dies bei Wüstenstrom bereits – entgegen der expliziten Formulierung der F66.1 – rein darauf beschränkt wird, (natürlich ichdystone) homosexuelle Gefühle in (eben ichsyntone) heterosexuelle umzuwandeln. Auch dies wäre noch akzeptabel, würde Wüstenstrom ausdrücklich betonen, sich einer sehr speziellen Klientel von Menschen mit letztlich neurotisch motivierten, vordergründig gleichgeschlechtlichen Gefühlsimpulsen zu widmen.

Statt dessen wird dort aber der Anspruch erhoben, wissenschaftlich gültige Aussagen zu Homosexuellen und ihrer grundsätzlich pathologischen Persönlichkeitsstruktur überhaupt machen zu können. Dies geschieht u.a. mit Berufung auf namhafte Sexualforscher, die in gänzlich selektiver und willkürlicher Weise zitiert werden und sich – wie z.B. der meist genannte Prof. Gunter Schmidt – ausdrücklich von derlei Interpretationen distanzieren.

Wir können Sie nur bitten, sich anhand der Veröffentlichungen von Markus Hoffmann selbst davon zu überzeugen, dass es hier keineswegs nur um Hilfestellung für Menschen in besonderer (ichdystoner) Not geht, sondern um eine grundlegende Erklärung von Homosexualität als pathologische Fehlentwicklung, als unreifer Versuch der Schein-Lebensbewältigung. Homosexuelle Orientierung dient letztlich nur "der Inszenierung eines ungestillten Bedürfnisses" nach Identität, beinhaltet "dysfunktionale Denkmuster", zielt auf "illusionäre Bindung", etc. (sämtliche Zitate aus "Homosexualität"/Homepage von Wüstenstromi.)

Populär ausgedrückt dürfen wir Herrn Hoffmann noch einmal selbst zitieren (aus seinem Leserbrief an die Zeitschrift idea-spektrum, Heft 35 vom 29.8.2007): "Veränderung von Homosexualität ... ist möglich, weil die meisten Menschen mit einem homosexuellen Problem, denen ich in den letzten zehn Jahren begegnet bin (mit über 3.000 habe ich selbst gesprochen), ihre homosexuellen Gefühle zur Ich-Stabilisierung benötigen. Dabei erleben sie Beziehungen zum gleichen Geschlecht oft auf dem emotionalen Niveau eines Sechsjährigen oder eines Pubertierenden".

Markus Hoffmann wiederholt hier einen Fehler, der in der Geschichte der Einschätzung von Psychopathologie und insbesondere gegenüber Homosexuellen leider schon öfter eine Rolle spielte: anhand von mehrfach selektiven Wahrnehmungen eine allgemein gültige Doktrin ableiten zu wollen. Dies entspricht allerdings kaum dem Anspruch an eine Qualität der Evidenz, den moderne Wissenschaft doch wohl auch im Bereich der Psychologie und Psychiatrie erhebt.

"Mehrfach selektiv" sind Herrn Hoffmanns Thesen – auch bei einer selbstgenannten Fallzahl von >3000) in folgender Hinsicht:

  1. Jeder Therapeut mit ausgeprägter Öffentlichkeitswirkung schafft sich natürlich – durchaus ungewollt – seine Klientel selbst. Denn jeder, der zu Wüstenstrom kommt, dürfte sich dazu bereits vorinformiert haben. Wer sich dann in einer jahrelang stabilen, reif gelebten homosexuellen Partnerschaft, aber in einer momentanen Krise befindet, wird sicher davon Abstand nehmen, einen Therapeuten überhaupt aufzusuchen, wenn er davon ausgehen muss, dass dieser sein gesamtes Beziehungsleben bereits als pubertäre Scheinlösung betrachtet.
  2. Jeder erfahrene Therapeut kennt das "Problem", dass erstens er selbst durch sein eigenes psychologisches Vorverständnis die Lebensgeschichte seines Klienten auch von vornherein interpretierend wahrnimmt und zweitens auch der Blick des Klienten auf seine Lebensgeschichte hierdurch bereits gelenkt wird. Er ist sich auch bewusst, dass seine Interpretation ein – hoffentlich hilfreiches - Denkmodell darstellt, nicht unbedingt die absolute und einziggültige Wahrheit. Leider vermisst man diese Form der Selbstkritik bei Wüstenstrom in der Art und Weise, wie hier Falldarstellungen der eigenen Praxis als Beweis dafür angeführt werden, wie Homosexualität allgemein zu verstehen ist – zumal Markus Hoffmann durchaus gerne den Eindruck erweckt, ein besseres Verständnis von Homosexualität zu vertreten als z.B. andere Ex-Gay-Gruppierungen.
  3. Aus der Berücksichtigung ausgeblendet werden die Menschen, die Wüstenstrom enttäuscht wieder verlassen, weil trotz aller Bemühungen keine Veränderung der Orientierung eintritt, das Umwandeln homosexueller in heterosexuelle Gefühle mit einem "Nachreifen der Persönlichkeit" also offenbar nicht so kausal Hand in Hand geht. In der Gruppe Zwischenraum gibt es viele Christen mit "Wüstenstromerfahrung". Etliche hierunter berichten durchaus von einer Hilfestellung zur persönlichen Entwicklung, dass sich aber an ihrer homosexuellen Identität hierdurch rein gar nichts verändert hat.
    Wüstenstrom gibt zwar an, "ergebnisoffen" zu handeln und auch im Verlauf "homosexuelle Lebensentwürfe" zu respektieren. Homosexuelles Leben wird dabei aber immer mit dem Stigma versehen, Homosexualität sei eigentlich "eine Sache, die in den Entscheidungsbereich des Menschen fällt", bzw. dass "der willentlichen Veränderung... eine ethische Vorentscheidung voraus geht" - was impliziert, dass somit bleibende homosexuelle Orientierung eine willentliche Entscheidung gegen eine reife Beziehungsform und Persönlichkeitsstruktur (Heterosexualität) bedeutet zugunsten eines sogenannte "defizitären" homosexuellen "Lebensstils".
  4. Ebenso ausgeblendet bleibt die statistisch weit größere Zahl von Homosexuellen, die gar nicht bei Wüstenstrom in Erscheinung treten, deren Persönlichkeit und Beziehungsleben also gar nicht erfasst werden kann, die aber gar keine der geschilderten pubertären Grundmuster aufweisen. Die weder besonders ichdyston sind noch einer Therapie bedürfen, sondern ebenso reif und/oder unreif wie ihre heterosexuellen Mitmenschen ihr Leben bewältigen.

Um es noch einmal zu betonen: wir werfen Herrn Hoffmann und Wüstenstrom nicht vor, Menschen in ihren Beratungen unter massiven Druck zu setzen oder menschenverachtend zu manipulieren, solche Behauptungen, die an manchen Stellen erhoben werden, halten wir für nicht seriös und sie entsprechen auch in der Mehrheit nicht den Erfahrungen unserer Mitglieder.

Wir weisen aber sehr ausdrücklich darauf hin, dass – u.a. über die Hintertür "Ichdystone Sexualorientierung" – eine grundsätzliche Pathologisierung homosexueller Menschen, ihres Lebens und Empfindens stattfindet, die nicht nur private Meinung von Herrn Hoffmann bleibt, sondern auch öffentlichkeitswirksam vertreten wird inclusive des Versuchs, diese Einschätzung in Fachkreisen erneut zu installieren. Hiermit wird leider aber auch - keineswegs unbeabsichtigt - in allen konservativen Glaubensrichtungen die Legitimierung geschaffen, seine homosexuelle Orientierung

  • als Fehlorientierung begreifen zu müssen,
  • eine Umwandlung "pathologischer" homosexueller Gefühle in "reife" heterosexuelle anstreben zu müssen,
  • bestehende homosexuelle Partnerschaften aufgeben zu müssen.

Letztlich wird hierdurch für eine große Anzahl ernsthafter homosexueller Christen überhaupt erst die Situation einer Ichdystonie geschaffen, die daraufhin als Therapielegitimierung definiert wird!

Wie ichsynton, gelungen und zufrieden homosexuelles Leben und homosexuelle Beziehungen wie auch gelebter Glaube aussehen können (nämlich genauso perfekt und unperfekt wie heterosexuelles Leben auch), sehen wir hingegen innerhalb unserer Gruppe Zwischenraum, wenn Menschen sich von diesen unseligen abqualifizierenden Mechanismen haben frei machen können.

Es erscheint uns äußerst bedauernswert, dass ausgerechnet auf dem Kongress einer psychiatrischen Fachgesellschaft, "unter Patronanz der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie", eine Pathologisierung der Homosexualität aufgewertet wird, indem eine entsprechende Gruppe – ursprünglich – als allein Referierende zu diesem Themenkomplex eingeladen ist. Dass kurz vor Kongressbeginn und erst auf Kritik von außen hin noch versucht wird, einen Raum zur Gegendarstellung hineinzukonstruieren, kann kaum noch ausgewogen gelingen. Wüstenstrom wird sich in Zukunft ganz wahrheitsgemäß als Hauptveranstalter zweier workshops auf einem renommierten wissenschaftlichen Fachkongress bezeichnen können.

Dies bleibt für uns unverständlich und schmerzlich. Wir bitten Sie sehr, sich dafür einzusetzen, dieses Bild in der Öffentlichkeit nicht bestehen zu lassen, das für zahlreiche Homosexuelle und insbesondere homosexuelle Christen weiterhin die Stigmatisierung als psychisch defizitäre, krankhafte und therapiebedürftige Menschen bedeutet und ihnen in der Mehrzahl gerade ein "ichsyntones" Leben verwehrt.


Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Valeria Hinck
Für Zwischenraum e.V.
Postfach 2547
D - 79515 Lörrach
www.zwischenraum.net

Dieser Brief erscheint ohne persönliche Anrede gleichzeitig als offener Brief auf der Homepage von Zwischenraum

Fußnote

i. http://www.wuestenstrom.de/index.dhtml/5246e188871ae264131m/-/deDE/-/CS/-/news/schwerpunkte/news/2007/200707/Homosexualitt

© 2007 Dr. Valeria Hinck

(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/Graz_offener_Brief.htm)