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Franks Geschichte

Dass ich anders bin, wusste ich schon immer. Seit ich mich erinnern kann, fand ich Männer attraktiv. Ich war immer begeistert von den gut aussehenden Männern auf den Plakaten, die für Zigaretten werben sollten: Der Marlboro-Man und die Jungs von West.

Dass ich anders bin, fand ich nie schlimm. Ich dachte, ich sei normal. Ich wusste nicht, dass mein Anders-Sein böse sein sollte. Ich kannte ja nicht einmal ein Wort, mit dem man dieses Anders-Sein bezeichnen könnte. Denn schwul, schwul war ich nicht. Schwul waren die Männer, die kleine Jungs vergewaltigen - das glaubte ich damals jedenfalls.

1995 als ich 15 Jahre alt war, erschien eine Ausgabe des Champ. Der Champ ist das inzwischen eingestellte Magazin der Freien Christlichen Jugendgemeinschaft e.V. (FCJG) in Lüdenscheid. In dieser Ausgabe war ein Artikel über Homosexualität.

Hier beschrieben Menschen ihre Gefühle (und wie sie davon angeblich "befreit" wurden). Ich erkannte, so fühlte ich auch. Eigentlich wäre es ein gutes Gefühl, zu wissen, wer man ist. Aber in dem Artikel war auch noch von Menschen die Rede, die Gott ein Gräuel seien. Ich sollte also dem Herrn ein Gräuel sein? Das durfte nicht sein. Und so verdrängte ich meine Sexualität - so gut es eben ging. Doch jedes Mal, wenn ich mich selbst befriedigt habe, drohten mich Schuldgefühle zu zerreißen.

Als Reaktion auf die Angst und die Schuldgefühle wurde mein Christ sein noch eifriger und verkrampfter. Eifriger deswegen, weil ich versuchte durch viele gute Taten meine "Vergehen" auszugleichen. Denn ich dachte, meine (vermeintliche) Schuld könnte mir nie vergeben werden.

So trat ich auch in die Partei Bibeltreuer Christen (PBC) ein. Es ist eigentlich paradox: In dieser Partei vertrat ich die Meinung, dass Homosexuelle unsere Gesellschaft zerstören würden. Wie alle anderen dort, bekämpfte ich die Homosexualität mit dem größtmöglichen Hass. Es half mir eben, meine eigene Sexualität zu vergessen. (Ich wünsche mir heute, dass mir niemand mein Geschwätz damals geglaubt hat!!!)

Und die christlich - fundamentalistische Umgebung hatte auch einen weiteren Vorteil für mich: Während alle meine Freunde ihre ersten Freundinnen hatten, war ich allein. Und wenn mich die Leute nach meiner Freundin fragten, konnte ich etwas von "Jungfräulichkeit bis zur Ehe" erzählen.

1998 bekam ich einen Anschluss ans Internet. Endlich hatte ich die Möglichkeit, mehr über meine Sexualität in Erfahrung zu bringen - ohne mich dabei irgend einem Menschen offenbaren zu müssen. Nur der Computer und ich, keiner verdammte mich. Die Anonymität im Internet machte mich frei. Ich fand heraus, dass ich nicht pervers bin: Bei Homosexualität ging es anscheinend um Liebe - und nicht um ein triebgesteuertes, schlechtes Leben. Ich entdeckte sogar homosexuelle Christen. Sie führten ein Leben, das gottgefällig war. Gott offenbarte sich ihnen auch - Gott verstößt Homosexuelle also nicht. All das gab mir sogar soviel Hoffnung, dass ich bald meine ersten Schritte in ein schwules Leben wagte.

Ich begann die örtliche Schwulengruppe zu besuchen. Endlich hatte ich einen Ort gefunden, an dem ich mich wohl fühlte, denn hier war ich "normal". Hier musste ich mich nicht rechtfertigen, weil ich so bin wie ich bin.

Und mein Mut wuchs soweit an, dass ich es wagte, mich vor meiner Mutter zu outen. Eines Abends platzte es aus mir heraus: "Mama, ich bin schwul!" Dieser Satz, den so viele andere als Befreiung erlebten, zerstörte die Beziehung zu meiner Familie. Ihre erste Reaktion war, ich weiß es noch genau: "Aber sag es keinem." Denn sobald "es" jemand (in der Gemeinde) erfahren würde, würde ich zur Schande für sie. Es gab Versuche, mich zum Psychiater zu schicken, damit ich geheilt würde. Als sie einsehen musste, dass ich niemals zum Psychiater gehen würde, begann sie auch meine Homosexualität zu akzeptieren. Doch sie akzeptierte sie in einer Weise, mit der ich nicht gerechnet hatte. Je mehr sie verstand, dass ich endgültig schwul bin, je weiter starb ich für sie. Plötzlich galt nicht einmal mehr das Gebot der Nächstenliebe für mich. Und ab da sprachen wir eigentlich kaum mehr miteinander. Und wenn wir sprachen, dann stritten wir uns böse. Sie verbot mir zeitweise zu telefonieren und das Auto zu benutzen. Denn sie glaubte, so verhindern zu können, dass ich Kontakt mit anderen Schwulen habe. Doch ich hatte gute schwule Freunde, die mich dann eben von zu Hause abholten oder sich mit mir nachmittags zum Kaffee trafen. (Heute weiß ich, dass das, was von der Kanzel gepredigt wird, stärker sein kann als Mutterliebe.)

In diesem Jahr lernte ich auch meinen ersten Freund kennen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich einsam, denn ich hatte keine Familie mehr, und ich trug immer noch das Gefühl der Gottverlassenheit mit mir. Ich sehnte mich nach nichts mehr als nach Liebe. Er verstand das zu benutzen. Kurz gesagt: Nur wenn ich mich (ohne Kondom!) ficken lies, hatte er mich lieb. Zwar war ich heillos mit der Situation überfordert, doch tat ich alles, nur um mich ein klein wenig geliebt zu fühlen.

Meinen Freund ebenso wie mein gesamtes schwules Leben versteckte ich vor zuhause. Denn mir war klar, sobald sie wussten, was ich tat, würden sie es zerstören.

Und nebenbei war ich immer der gute Christ. Ich nahm weiter eifrig an Gemeindeaktivitäten teil. Doch dieses Leben war eine Lüge. Aber ich war kein Lügner und so riss ich mir die Maske eines Tages vom Gesicht: Ich brach alle Kontakte zu Gemeinde, Jugendgruppe, PBC und vielen Freunden ab. Denn ich wollte meiner Familie trotz allem keinen Skandal bereiten. Ich hatte auch keine Kraft, mich vor allen zu erklären. Ich brauchte meine Kraft, um mir jeden Morgen ins Gesicht sehen zu können. Ich wollte mich ganz einfach auch nicht von anderen verdammen lassen. Einigen Freunden sagte ich trotzdem, dass ich schwul bin. Aber keiner verstand es. Einige konnten es akzeptieren. Doch trotzdem schlief der Kontakt ein, denn jetzt war ich kein guter Christ mehr.

Im Herbst dieses ereignisreichen Jahres war ich mit meiner Kraft am Ende. Ich hatte Angst vor meinem Gott. Ich hatte Angst, er würde mich verdammen. Ich fühlte mich einsam. Der immer vorhandene Konflikt zu meiner Familie raubte mir meine restlichen Kräfte. In der Einsicht, es müsse sich etwas ändern, begann ich eine Psychotherapie.

Im Verlauf dieser Psychotherapie lernte ich viele Dinge und vor allem drei waren (und sind!) mir äußerst hilfreich:

  • Ich bin ein Geschöpf Gottes. Ich bin genauso wertvoll, wie jeder andere Mensch auch. Deswegen hat kein Mensch das Recht, mich zu verdammen.
  • Jesus war es egal, was die Leute sagten. Er traf sich mit den Menschen, die von anderen verdammt und verachtet worden waren. Ich bin mir eigentlich sicher, dass er auch mit Homosexuellen zu Abend gegessen hat. (*smile*)
  • Es gab in der Geschichte oft Phasen, in denen die Mehrheit der Christen das Falsche tat. Kreuzzüge wurden geführt, Frauen wurden als Hexen verbrannt, Juden wurden in KZs umgebracht. - Wer sagt, dass die Mehrheit der "guten" Christen mit dem Hass Homosexuellen gegenüber richtig liegt?

1999 hatte ich mein Abitur. Ich nutzte diese Gelegenheit, um von zuhause auszuziehen. Ich zog gleich 500 km weg.

Ich lebe seitdem mit meinem Lebensgefährten zusammen. Ich habe kaum noch Kontakt zu meiner Familie.

Eine Kirche betrete ich nur noch selten. Denn jedes Mal, wenn ich meinen Fuß über die Schwelle setzte, habe ich Angst, dort nicht willkommen zu sein. Und ich muss es nicht ausprobieren, ob dieser Eindruck stimmt.

Ich danke heute meinem Gott für alles, was er mir gibt. Aber ich habe nur eine Bitte: "Verstoße mich nicht!" Und ich sehne mich nach nichts mehr als nach der Freiheit, die mein Gott doch auch mir versprochen hat.

Aber es ist wahrscheinlich nicht möglich, dass die gesamte Erziehung und 18 Jahre Glaube an einem Menschen spurlos vorüber gehen...

© 2003 Zwischenraum

(Dies ist die Druckversion von: http://www.zwischenraum.net/LebensgedankenFrank.htm)