"HEILUNG"

austherapiert?

Warum Therapien zur Heilung von Homosexualität bald zum alten Eisen gehören

In der Medizin spricht man von „austherapiert“ ,  wenn die Behandlungsmöglichkeiten einer Erkrankung erschöpft sind und nicht zum erhofften Ergebnis geführt haben. Das Ergebnis spricht also für sich und lässt auch Rückschlüsse auf die Effektivität und den Nutzen einer Therapie – oder die Therapierbarkeit einer Erkrankung – zu. Was hat dies mit dem Dauerthema „Homosexualität und Christsein“ zu tun?

Mitte der 1970er Jahre entstand die sogenannte „Ex-Gay-Bewegung“ . 37 Jahre später dann das Ende: die Auflösung von Exodus International, weil sie ihren Auftrag als gescheitert ansahen. Nun sollte man meinen, dass diese überzeugend vorgetragenen Konsequenzen gottesfürchtiger Mitarbeiter von Exodus die offiziellen Meinungsbildner in konservativ-evangelikalen Kreisen zum Umdenken gebracht hätten. Anscheinend nicht. Entweder ist dies nicht angekommen oder es wird weggeleugnet, weil es nicht in das Weltbild passt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so wird munter und oftmals immer extremer an einem Feindbild gefeilt, das den homosexuellen Christen bis hin zu einem „Werkzeug des Teufels“ diffamiert.

Interessanterweise präsentiert sich Wüstenstrom, also jene Organisation, die im deutschsprachigen Raum lange Zeit das Synonym für die Veränderbarkeit von Homosexualität in Heterosexualität war, mittlerweile auf einem anderen Weg. Sie sprechen im Gegensatz zu anderen Organisationen nicht mehr von einer generellen Veränderbarkeit von Homosexualität, sondern bauen auf Ergebnisoffenheit:  Ein Ratsuchender kann also nicht per se erwarten, dass er dort von seiner Homosexualität geheilt wird. Er erfahre Hilfestellung, indem er Klarheit über den Hintergrund seiner sexuellen Fragen und Probleme bekommt. Wüstenstrom sieht laut eigenem Bekunden also nicht die „Heilung von Homosexualität“ als Auftrag, sondern die Heilung einer inneren Zerrissenheit und Ratlosigkeit, die im sexuellen Bereich ihre Auswirkung hat.

Das alte Denken in neuem Gewand? Ich wage nicht, dies zu beurteilen. Sollte es diese veränderte Ausrichtung von evangelikalen Seelsorgediensten an homosexuellen Menschen geben, so könnte dies auch ein Hilfsangebot für ein vertieftes Coming out sein. Das heißt, im Vordergrund steht nicht nur das Finden der eigenen sexuellen Orientierung, sondern auch die Unterstützung, diese als Teil der Gesamtidentität zu integrieren, egal ob hetero- oder homosexuell, und traumatische Erfahrungen in Widerstandsfähigkeit umzuwandeln. So könnte dann aber auch ein homosexueller Christ in einer evangelikalen Gemeinde bestehen – und dabei von dieser Organisation seelsorgerlich–therapeutisch unterstützt werden. 

Sind wir auf diesem Weg oder ist dies nur ein frommer Wunsch? 

Fakt ist, dass Therapien, die eine Veränderung von homosexuell zu heterosexuell ermöglichen wollen, bisher ihren Erfolg schuldig geblieben sind und es abgesehen von Einzelberichten keine fundierte Evidenz für ihre Wirksamkeit gibt.

Damit der Dialog zu den evangelikal–freikirchlichen Brüdern und Schwestern weiterhin produktiv verlaufen kann, müssten von deren Seite meines Erachtens folgende Schritte gegangen werden: 

  • Ein offenes Bekenntnis der evangelikalen Welt über den diskriminierenden Umgang mit homosexuellen Menschen in ihren Gemeinden und eine Bereitschaft, dass auch homosexuelle Menschen gleichwertige Mitglieder sein können.
  • Ein offenes Bekenntnis der „frommen“ Seelsorgeorganisationen, dass die Ergebnisoffenheit in der therapeutischen Arbeit gleichzeitig auch ein Ja zu einer gelebten Homosexualität bedeuten muss.

Wir auf unserer Seite treten dafür ein, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben und somit auch seine Sexualität in Verantwortung vor Gott zu leben und zu gestalten. Wenn sich jemand aus seinem Verständnis dafür entscheidet, seine Homosexualität nicht auszuleben, sondern „aus Liebe zu Gott“ darauf zu verzichten, dann darf sich kein anderer Mensch anmaßen, diese Person als verklemmt oder minderwertig zu bezeichnen. Wichtig ist, dass diese Entscheidung in aller Freiheit und Freiwilligkeit geschehen und für den Menschen in sich absolut stimmig ist. 

Der Ansatz „Heilung von Homosexualität“ hat uns getrennt, der Ansatz „Heilung zur Homosexualität“ – in welcher Form diese dann auch immer in die eigene Persönlichkeit integriert wird – kann uns auf einen gemeinsamen Weg bringen.

 

 


Geschrieben von Günter Baum
2015

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