FAMILIE, ELTERN

Bitte lass mir Zeit – Brief einer Mutter an ihre Tochter

Was fühlt eine Mutter, wenn ihre Tochter ihr offenbart, dass sie lesbisch ist?

Mein liebes Kind,

nun hast du es also gewagt. Ich sehe noch die Angst in deinen Augen, die mit allem rechnete: von der schroffen Ablehnung, dem Rauswurf aus unserem Haus, bin hin zu einem gleichgültigen "Na und?" Ich habe mich anders entschieden, habe mich umgedreht und bin aus dem Zimmer gegangen. Ich habe dich davonfahren hören, ohne Abschied. Es ist nun eine Woche her und ich denke, es fällt mir leichter, Dir diese Gedanken zu schreiben, bevor wir miteinander telefonieren.

Vielleicht hat dich mein Schweigen am meisten gekränkt oder geärgert. Ich konnte nicht anders... in mir zog sich alles zusammen, ich war sprachlos. Weißt du, wie es ist, wenn etwas, das du schon immer geahnt hast, das du selbst aber nicht wahrhaben wolltest, auf einmal bittere Gewissheit wird? Nein, nicht bitter, weil ich dich nicht liebe - bitter, weil ich Angst um dich habe, weil ich weiß, wie unsere Gesellschaft über Menschen wie dich redet und weil ich nichts lieber gewollt hätte, als dass dir das erspart bleibt.

Ich selbst versuche mich schon einige Zeit damit auseinander zu setzen, was es für mich bedeuten könnten, wenn du wirklich anders bist ... meinen Traum nach Enkelkindern, dich glücklich verheiratet zu sehen, den muss ich wohl jetzt begraben. Nein, ich will damit keinen Druck auf dich ausüben. Ich möchte nur, dass du erkennst, dass ich mich verabschieden muss von Vorstellungen, die ich als Mutter für deine Leben hatte und die mich glücklich gemacht hätten.

Weißt du, wie oft ich mir schon die Frage gestellt habe, ob ich etwas falsch gemacht habe, ob ich dir vielleicht nicht die Liebe gegeben habe, die du gebraucht hättest, ob ich dir zu wenig vorgelebt habe, wie man als Frau lebt? Was haben mich die Fragen gequält. Mit deinem Vater konnte ich nicht darüber reden. Inzwischen sehe ich es fast als Gnade an, dass du es nicht schon erzähltest, als er noch lebte. Nein, nicht weil ich mich schäme für dich - ich glaube, er hätte das einfach nicht verkraftet.

Ich muss Dir gestehen, dass ich auch einmal versucht habe, mit einem Pfarrer über dich zu reden. Er hat mich ermutigt, für dich zu beten, denn bei Gott sei alles möglich, auch dass er dich heilt und dir einen guten Ehemann schenkt. Er hat mir nicht geholfen, eher hat er meine Angst um dich noch vergrößert, denn er hat mir gesagt, dass dein Weg auf keinem Fall Gott gefallen wird.

Gott? Wie oft habe ich ihn darum gebeten, dir zu helfen. Meinst du, ich habe nicht gesehen, wie du mir gequält hast? Das wurde erst besser, als du zum Studieren weg bist. Du hast immer von Freundinnen gesprochen, nie von Freunden... mit wurde da immer bewusster, dass du vielleicht doch lesbisch bist.

Gott habe ich dann aus dem Spiel gelassen und nicht mehr um eine Veränderung gebetet, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es dir trotzdem besser geht als zuvor... Angst hatte ich nur immer, dass du mit einer anderen Frau im Arm vor der Tür stehst oder noch schlimmer, Hand in Hand durch die Stadt läufst. Ich glaube, ich hätte mich tagelang nicht mehr aus dem Haus getraut aus Angst vor den Blicken und dem Gerede der Leute. Ich bitte dich um Nachsicht. Ich muss hier leben, du kannst aber wieder abreisen.

Bitte habe Verständnis für mich, auch dafür, dass ich Zeit brauche, um alles zu durchdenken und mich auf diese neue offene Situation einzustellen. Du hattest jahrelang Zeit dafür, dich auf den Moment vorzubereiten, wo du mir deine Wahrheit sagtest. Ich brauche jetzt Zeit, damit klarzukommen, und ich brauche gerade jetzt Deine Liebe, so wie Du hoffentlich meine auch. Liebes, du bist und bleibst meine Tochter. Und ich bin so stolz, ein so wundervolles Kind zu haben. Ist mir egal, ob du einen Mann oder eine Frau liebst - Hauptsache du bist und wirst glücklich damit. Wenn schon Gott nicht mein Gebet erhört hat, dass du anders wirst, vielleicht erhört er ja jetzt mein Gebet, dass du glücklich wirst - so wie du bist.

Lass uns den Weg gemeinsam gehen, aber bitte lass mir Zeit und überfordere mich nicht.

Deine Mutter


2011

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