KIRCHEN

Darf man Homosexualität zur Bekenntnisfrage erheben?

Zahlreiche Fragen bewegen unsere Gesellschaft und unsere Weltgemeinschaft. In vielen dieser Fragen ist auch die christliche Gemeinde mit betroffen, ja, steht vor besonderen Herausforderungen, Hilfestellung und Wegweisung zu geben. Angesichts der vielfältigen "todsicheren" Bedrohungen auf unserem Planeten scheint "Homosexualität – ja oder nein?" eigentlich ein ziemlich unbedeutendes Thema zu sein. Dennoch hat kaum ein anderes in den letzten Monaten in der konservativ-christlichen Welt so die Gemüter erhitzt, im deutschsprachigen Raum insbesondere anlässlich der Institution der Lebenspartnerschaft, und erst recht der Möglichkeit der kirchlichen Segnung solcher Partnerschaften.

"Ich will euch segnen, und ihr sollt ein Segen sein" – für homosexuelle Partnerschaften soll dies nie und nimmer gelten. Manche evangelikale Bewegungen sehen mit der Segnung geradezu den letzten Schritt einiger Landeskirchenbezirke ins geistliche Abseits vollzogen. In Veröffentlichungen und Kampfaufrufen wecken sie immer wieder bewusst die Erinnerung an die Barmer Erklärung von 1934, an den Kirchenkampf des Dritten Reiches. So unter anderem das Thesenpapier Auch Synoden können irren, das ein Bündnis verschiedener Vereinigungen zur Bewahrung von "Bibel und Bekenntnis" kurz nach den Segensbeschlüssen der Evangelischen Kirche Brandenburg, der Pfalz und Hessen-Nassau herausbrachte. Immer wieder spricht man hier von "bekenntniswidrigen" Synodalbeschlüssen, durch diesen "Verstoß gegen Bekenntnis und Lehre" sei "Glaube und Bekenntnisbindung... in Frage" gestellt, was "zur weiteren Zerstörung der Kirche" beitrage. In der "entstandenen Bekenntnisnotlage" empfiehlt man die "Einberufung von Bekenntnisversammlungen und gegebenenfalls Zusammenschluss zu Bekenntnissynoden". Das Wort "Bekenntnis" wird geradezu zum inflationären Begriff: Wer die segnet, die im christlichen Gottesdienst ein Bekenntnis zueinander ablegen wollen, gefährdet das christliche Bekenntnis.

Ist also endgültig und wieder der Tag einer "Bekenntnisfrage" gekommen? Kann ein rechtgläubiger Christ in dieser Kirche noch verweilen? Ist er nicht sogar zur "Gehorsamsverweigerung" gegenüber dieser Kirche und ihren Amtsträgern aufgerufen, wie es Auch Synoden können irren explizit tut?

Was ist denn überhaupt eine Bekenntnisfrage?

Allgemein versteht man darunter nicht einfach jede beliebige geistliche Frage, die zu Streit zwischen christlichen Gemeinden oder Denominationen führen mag, sondern sie stellt sich anlässlich einer theologischen Aussage oder eines kirchlichen Verhaltens, das gegen die grundsätzlichsten Lehren des christlichen Glaubens verstößt. Als Folge besitzen Bekenntnisfragen ein erhebliches Potential zur Spaltung - und zwar nicht nur in die Anhängerschaft unterschiedlicher Lehrmeinungen, sondern in "Rechtgläubige" und "Ketzer".

Solche Bekenntnisfragen hat es in der Geschichte wiederholt gegeben. Für Martin Luther war unter anderem der damalige Ablasshandel ein Missstand, der dem Herzstück des Christentums widersprach - dem alleingültigen und alleingenügenden Opfer Christi zur Vergebung der Sünden. Die Reformation führte zur größten Spaltung in der Geschichte der Christenheit, leider bis hin zur beiderseitigen blutigen Bekämpfung des als Irrlehre eingeschätzten Glaubens der jeweils anderen.

Während der Zeit der Nazidiktatur sahen konsequente Christen wiederum die Bekenntnisfrage gestellt: Konnten sie einem Pseudoerlöser namens Hitler folgen, der sich letztlich selbst zum Gott erhob, der Erlösung durch Endlösung ersetzte und das Reich Gottes durch das Dritte Reich? Diejenigen, die sich um des christlichen Bekenntnisses willen dagegen entschieden, nannten sich folgerichtig "Bekennende Kirche" im Gegensatz zu den hitlertreuen "Deutschen Christen".

Was mag uns heutzutage helfen, zwischen echten Bekenntnis-Fragen und bloßen Streit Fragen zu unterscheiden? Denn während eine Bekenntnisfrage für das gemeinsame Bekenntnis eben keinen Raum mehr lässt, können strittige Auffassungen innerhalb der Lehre am anderen toleriert werden, ohne dass die gemeinsame Glaubensausübung in Gebet, Gottesdienst oder z.B. übergemeindlichen Aktionen zwangsläufig daran scheitern muss.

Zunächst etwas Tröstliches: Weder Bekenntnis- noch Streitfragen, noch die Schwierigkeit, beides auseinander zu halten, sind moderne Erscheinungen. Wir kennen sie vielmehr bereits aus der Kinderstube der Christenheit, und sowohl die Apostelgeschichte als auch die Apostelbriefe legen hiervon ein beredtes Zeugnis ab. Vielleicht sollten wir uns den Weg weisen lassen durch das, was uns die Bibel zum Umgang hiermit lehrt?

Bekenntnis- und Streitfragen zur Zeit der Apostel

Die Welt des Neuen Testaments kannte andere Fragen, als die, die uns heute bewegen. Aus unserer heutigen Warte mögen manche dieser Fragen uns absonderlich und überholt dünken, auf jeden Fall aber hatten sie für die Menschen damals die selbe gefährliche Sprengkraft wie die Probleme, an denen heutzutage Gemeinden zu zerbrechen drohen.

Wie war z.B. die Frage des Essens von Götzenopferfleisch zu sehen? In der Antike wurde Fleisch, das zunächst als Opfer heidnischen Göttern geweiht worden war, teils bereits im Tempel gegessen, teils anschließend auf dem Fleischmarkt als Nahrungsmittel verkauft. In der christlichen Gemeinde entspann sich nun der Streit, ob bekehrte Christen von diesem Fleisch überhaupt noch essen konnten, das doch vorher eine zentrale Rolle bei einem götzendienerischen Ritus gespielt hatte - oder ob dies nicht einer Gotteslästerung gleich kam.

Paulus nahm hierzu mehrmals Stellung, vor allem im Römer- wie auch im 1. Korintherbrief. So verkündet er im 1. Korintherbrief im 10. Kapitel: " Ist denn Götzenopferfleisch wirklich etwas? Oder ist ein Götze wirklich etwas? Nein, aber das, was man dort opfert, opfert man nicht Gott sondern den Dämonen. Ich will jedoch nicht, dass ihr euch mit Dämonen einlasst. Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen. Ihr könnt nicht Gäste sein am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen." (Vers 19.20) Kann diese Formulierung einen Zweifel lassen - hier haben wir eine Bekenntnisfrage des ersten Jahrhunderts gefunden: Was sollte das christliche Bekenntnis grundsätzlicher in Frage stellen, als eine solche "dämonische Verunreinigung"? War der Götzendienst nicht schon der große Verstoß des alten Israel gegen das erste Gebot von allen gewesen – "Du sollst keine Götter haben neben mir"?! Die Worte des Paulus: "Ihr könnt nicht einerseits und andererseits" fordern das klare Bekenntnis, an dem sich wahrer und unechter Glaube scheiden müssen.

Oder – vielleicht doch nicht? Sehr verwunderlich, trotz dieser "messerscharfen" Formulierung erlaubt Paulus gerade nicht, dass hieran der Bekenntnisstand festgemacht wird. Stattdessen stellt er beim Mahl im Tempel oder beim Kauf auf dem Markt (1Kor 8,10 und 10,25) die gedankliche und geistliche Verbindung von Götzenopferfleisch und Götzendienst in das Ermessen des Einzelnen: in seine persönliche Glaubensentscheidung (Röm. 14, 6.22) und Gewissensbeurteilung (1Kor 10,27-29). Oberstes Gebot soll die Einheit der Gemeinde in Liebe bleiben, in der die einen sich zurückhalten, um nicht durch allzu freizügige Handhabung andere Mitchristen zu verwirren (Röm 14,20+21), andererseits aber niemand das Recht hat, seine individuelle Gewissenssituation für andere als verbindlich zu erklären – "Warum soll meine Freiheit vom Gewissensurteil eines anderen abhängig sein ?" (1Kor 10,29). Erst recht warnte Paulus davor, eine Verurteilung des Bruders daraus abzuleiten: "Wer kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst. Denn Gott hat ihn angenommen. Wie kannst du den Diener eines anderen richten? Sein Herr entscheidet, ob er steht oder fällt !" (Röm 14,3+4)

Ja – seltsame Umkehrung dessen, was wir erwarten würden: Wenn Paulus in diesem Zusammenhang von Schwachen und Starken im Glauben spricht, ist gerade nicht der der Glaubensstarke, der aus Treue zu Gott sich des "unreinen" Fleischgenusses enthalten will. "Stark" ist der, der im Vertrauen darauf, "dass an sich nichts unrein ist" (Röm 14,14), sondern alles Gottes Gabe sein kann, dies auch dankbar aus Gottes Hand nimmt und nehmen darf: "Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird" (1Tim 4,4). Und dies alles in einer Fragestellung, in der nach Paulus eigener Aussage doch der "Kelch und Tisch der Dämonen" zur Debatte stand! Dennoch durfte sie keine Bekenntnis , sondern lediglich eine Ermessensfrage werden.

Eine weiterer Streitpunkt, der die frühe Christenheit bis in die Grundfesten erschütterte, war die Beschneidung. Die Beschneidung war das uralte Bundeszeichen Gottes mit seinem Volk. Für viele christliche Juden erschien es daher absolut selbstverständlich, dass jeder neubekehrte Christ als Nachfolger desselben Gottes das Zeichen der Beschneidung tragen sollte, nicht nur Juden, sondern dann auch Heidenchristen. Andere, allen voran Paulus, hielten die Beschneidung für nichtjüdische Christen nicht mehr für nötig.

Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei nun wirklich um eine Ermessensfrage zu handeln. Paulus handhabte dies auch so. Er predigte niemals die Beschneidung auf seinen Missionsreisen und äußerte sich gegen sie im Apostelkonzil. Andererseits veranlasste er seinen "Assistenten", den Halbjuden Timotheus, sich beschneiden zu lassen, um bei seiner Tätigkeit Ärger mit den strengen jüdischen Christen zu vermeiden (Apg 16,3).

Dennoch nahm die Auseinandersetzung um die Beschneidung Dimensionen an, die Paulus dazu veranlassten, sie zur Bekenntnisfrage zu erheben, zumindest für die im Galaterbrief angesprochenen Gemeinden. Hier hatten nämlich andere Einflussnehmer die Beschneidung bereits zum Bekenntnisfall gemacht: Ein "richtiger" Christ konnte nur sein, wer sich auch beschneiden ließ. Paulus kritisierte dies nicht nur, sondern fällte sogar ein erschreckend hartes Urteil, das einer Art Exkommunikation gleichkam: "Hört, was ich, Paulus, euch sage : Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen... dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun, ihr seid aus der Gnade gefallen" (Gal. 5, 2.4)

Wieso diese scharfen Worte? Hatte er nicht sogar die Haltung zu "Kelch und Tisch der Dämonen" zur Ermessensfrage erklärt? Warum jetzt so unnachgiebig bei einem doch sehr positiv symbolträchtigen, gleichzeitig aber relativ geringfügigen körperlichen Eingriff wie der Beschneidung? Die Antwort ist im Geheimnis und "Ärgernis des Kreuzes" (Gal 5,11) zu suchen. Die Beschneidung stand für die Verpflichtung auf das jüdische Gesetz, durch dessen Erfüllung der Beschnittene suchte, Gottes Wohlgefallen, "Gerechtigkeit" vor Gott zu erlangen. Damit wäre aber auch der neu bekehrte Christ wieder auf eine Philosophie der Selbsterlösung durch gute Werke eingeschworen, statt sich bei seiner Erlösung allein auf das Geschenk der Gnade durch Christus zu verlassen. Die Tat Jesu am Kreuz wurde somit durch die Forderung zur Beschneidung relativiert:"Käme Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus umsonst gestorben" (Gal 2,21). Dies erfüllte nun tatsächlich die Kennzeichen einer Bekenntnisfrage. Hierzu wurde die Beschneidungsfrage kurioserweise aber erst und gerade, weil sie von anderen zur (falschen) Bekenntnisgrundlage erhoben worden war. Paulus verwarf also nicht grundsätzlich die Beschneidung, sondern die Irrlehre einer "Beschneidungstheologie", die der Sühnetat Jesu noch eine weitere Voraussetzung für die Annahme vor Gott beiseite stellen wollte.

Bedroht Homosexualität christliche Glaubensgrundsätze?

Die Beschäftigung mit den neutestamentlichen Streitfragen sollte uns klar machen: Eine Bekenntnisfrage stellt sich nicht einfach da, wo (zu Recht oder Unrecht) von vielen oder von einigen ein Konflikt mit einem Gebot gesehen wird, so wichtig das betroffene Gebot auch scheinen mag. Sie erhebt sich z.B. aber da, wo die Bedeutung der Tat Christi am Kreuz in Frage gestellt und eine falsche Erlösungsbotschaft gepredigt wird.

In der Argumentation gegen die Segnung homosexueller Lebenspartnerschaften wird nun z.T. recht krampfhaft versucht, ein solches Szenario an die Wand zu malen, gipfelnd in Aussagen wie: "Der ... an der Heiligen Schrift ausgerichtete Glaube an den Dreieinigen Gott wird durch diese Beschlüsse in dreifacher Hinsicht preisgegeben" ("Auch Synoden können irren"). Wie Homosexualität nun die Dreieinigkeit Gottes in Frage stellen könnte, bleibt mir freilich ein Rätsel. Wieso gibt in Liebe gelebte Homosexualität den Schöpfer preis? Wenn alles, was in der Schöpfungsgeschichte der Genesis noch nicht vorkam, deshalb "schöpfungswidrig" wäre – wohin dann mit der schwarzen Menschenrasse, wohin mit "doppelgeschlechtlichen" Menschen (Zwittern)? Wohin dann auch mit menschlichen Entwicklungen wie Empfängnisverhütung, wohin z.B. mit einem millionenfach von Diabetikern injizierten Humaninsulin, das seit vielen Jahren gentechnisch beeinflusste Bakterien an ihrer Stelle produzieren?

Und die Selbstverständlichkeit, mit denen Homosexuellen abgesprochen wird, sich dankbar als "andere" Geschöpfe Gottes begreifen zu dürfen - entspringt sie nicht auch so einer Art von Beschneidungstheologie - nämlich Heterosexualität als Voraussetzung der rechten Geschöpflichkeit einzufordern wie seinerzeit die Beschneidung für die Erlösung?

Wieso verleugnet eine Segenszusage an homosexuell liebende Partner, die sich auf Gottes guten Beistand verlassen wollen, Christus als Erlöser? Die Christenheit hat in so vielen scheinbar eindeutigen Schriftaussagen zu unterschiedlichen Auslegungen gefunden, sei es die Frauenordination oder Ehescheidung und Wiederheirat. Der Bezug in den entsprechenden Bibelstellen ist übrigens viel eindeutiger als die schütteren Schriftaussagen zu historisch recht spezifischen homosexuellen Verhaltensweisen, die sämtlich im Zusammenhang mit einem promiskuitiven Lebensstil standen. Was in Fragen wie Ehescheidung, Rolle der Frau etc. für die einen klare Sünde ist, wird von den nächsten toleriert und von wieder nächsten für recht befunden. Dadurch ist Christus als Erlöser wohl kaum in Frage zu stellen. Und hat nicht gerade dieser Christus sich so unbeliebt gemacht bei den engagierten Frommen seiner Zeit, weil er die mit seinem Segen beschenkte, denen es damals die Hüter des wahren Glaubens verweigerten?

Wieso ist die Anerkennung einer homosexuellen Identität eine Absage an den erneuernden Heiligen Geist? Homosexuelle Christen wünschen und erfahren die verändernde Macht des Heiligen Geistes in ihrem Glaubensleben genauso wie heterosexuelle. Dass ihre sexuelle Veranlagung dabei aber nicht nur unwandelbarer Bestandteil ihrer Persönlichkeit bleibt, sondern als solcher auch bejaht werden darf, haben viele womöglich erst mühsam erkannt, nachdem sie jahrelang qualvoll, aber vergeblich versuchten, sie loszuwerden. Die Vertreter einer Heilungsbedürftigkeit der Homosexualität berufen sich gern auf die "seelsorgerliche und therapeutische Erfahrung" (die freilich bei genauerem Nachprüfen die einer verschwindenden Minderheit ist). Erfahrungen, die hierzu nicht passen, will man aber auf keinen Fall gelten lassen.

 

Gerade Jesus vertrat kein Bibelverständnis, in dem die Schrift die Rolle eines nach Stichwörtern sortierten Nachschlagewerks und Sündenkatalogs spielt, das für jede Lebenssituation eine Regel parat halten kann. "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27). Dort, wo nicht eindeutig war, ob ein Gebot in seinem Wortlaut auf eine konkrete Lebenssituation überhaupt anwendbar war, kommt dem doppelten Liebesgebot eine tragende Rolle zu. Jesus erklärte das Liebesgebot als Seele und Herzstück aller Gebote. Hieran lässt sich in strittigen Punkten messen, ob der Wortlaut eines Gebotes für eine spezielle Frage gedacht und passend ist oder nicht. Liebe zu Gott und zum Nächsten ist der Maßstab für den Inhalt: Ist ein Handeln, das in Konflikt mit einem Gebot zu kommen scheint, Sünde oder nicht? Zur Zeit der Bibel war das z.B.: "Ist Heilen oder Abpflücken von Kornähren eine am Sabbat verbotene Arbeit, die seine Heiligkeit entweiht, oder nicht?" "Gilt das strikte Verbot, heilige Brote vom Altar zu essen auch in einer eiligen Hungersituation?" "Können "unreine" Speisen tatsächlich verunreinigen?" etc., etc.. Liebe zu Gott und zum Nächsten wird als Argument missbraucht und inhaltslos, wenn sie nicht mehr Richtschnur darstellt, sondern jedes Abweichen von einem Buchstabengehorsam bereits zum Liebesverstoß selbst erklärt wird.

In der Frage, ob homosexuelle Partnerschaften widergöttlich sein müssen (und somit nicht segensfähig), sollte das Gebot echter Liebe zu Gott und Mensch also als ethischer Maßstab an tatsächlich gelebtes Verhalten in der Partnerschaft angelegt werden, statt solche Partnerschaften wegen strittiger Bibelstellen a priori schon als Liebesverstoß zu deklarieren.

Es bleibt dabei: Ob homosexuelle Veranlagung und homosexuelle Liebe überhaupt im Blickfeld der Bibel und ihrer Aussagen zur Homosexualität standen, ist offen. Homosexuell Liebende vom Segen Gottes ausgrenzen zu müssen, ist keineswegs eindeutig geboten. Die Akzeptanz oder Ablehnung Homosexueller kann allenfalls eine Ermessens(und meinetwegen Streit-)frage darstellen. Wer Menschen, die den Segen Gottes suchen, diesen verweigert, riskiert, womöglich aufgrund eines falschen Verständnisses selbst fundamental gegen das Liebesgebot zu verstoßen. Auf jeden Fall würde die Akzeptanz Homosexueller keine der angeführten Grundlagen des Glaubens in Schutt und Asche legen, und kann daher unmöglich zum Gegenstand einer Bekenntnisfrage gemacht werden.

Vielleicht wäre der Paulus, den wir als Gegner der antiken, promiskuitiv gelebten homosexuellen Verhaltensweisen kennen, heute gar nicht mehr auf den Bekenntnissynoden zu finden. Vielleicht wäre er längst draußen mitten unter den Verschmähten und würde rufen: "Käme das rechte Christsein aus der Heterosexualität, so wäre Christus umsonst gestorben!"

Ist Ehe göttlich oder "ein weltlich Ding"?

Noch eine fundamentale christliche Institution sehen viele konservative Gläubige durch die Lebenspartnerschaft und die Homosexuellensegnung in Gefahr - die der Ehe. Eines voraus: Ich persönlich bin ausdrücklich pro Ehe eingestellt. Ich freue mich über jede gelingende Ehe, ich leide mit jedem meiner christlichen und nichtchristlichen Freunde, deren Ehe und Familie auseinander bricht. Auch dass eine (intakte) Familie eine positive Keimzelle der Gesellschaft ist, kann ich ohne zu Zögern unterschreiben. Unverständlich bleibt mir die Verabsolutierung dieser Lebensform.

Ihrem Wesen nach ist Ehe – Partnerschaft in Liebe, Treue, Respekt – nach der Bibel etwas Gottgewolltes. Jesus sagt ja sogar, dass in einer Ehe zwei Menschen von Gott selbst zusammengefügt werden (Mt 19,6). Nebenbei bemerkt müssen wir aber sagen, dass die Rechtsform Ehe, die in jeder Kultur wieder anders aufgefasst und gelebt wird, eine menschliche, und auch zutiefst menschelnde Institution ist, die Luther bekanntlich als " ein weltlich Ding" bezeichnete.

Für mich erhebt sich die Frage, ob Ehe nicht durch die inhaltliche Bejahung mehr Aufwertung erfährt, als durch das ausnahmslose Festhalten an ihrer Form. Die Binsenweisheit "Ausnahmen bestätigen die Regel" enthält durchaus Weisheit. Noch kein Gesetz dieser Welt ist dadurch zu Fall gekommen, dass solche, denen seine Einhaltung unmöglich bleibt, eine adäquate Ersatzregelung für sich suchen. Betrachten wir die Zehn Gebote, z.B.: Du sollst nicht töten / Du sollst den Feiertag heiligen / Du sollst Vater und Mutter ehren - die Einhaltung dieser Gebote ist gar nicht denkbar ohne Erwähnung der Ausnahmen und Grenzen in der Gültigkeit, und genau so wurden sie auch in der Bibel gesehen und gelebt.

Eine Sonderregelung wie das Lebenspartnerschaftsgesetz, das eher dadurch verblüfft, dass es alle (ja nicht ganz unchristlichen) Verbindlichkeiten einer Ehe auch für sich übernimmt, kann also kaum die Ehe stürzen und erst recht nicht das christliche Bekenntnis. Vielmehr scheint mir hier in der christlichen Welt – vielleicht als zunächst gesunde Gegenbewegung – eine Überbewertung der Ehe und Familie stattzufinden. Lange Zeit spielten sie in der Lebenshingabe frommer Christen an den "Bau des Reiches Gottes" eine womöglich zu untergeordnete Rolle: Missionare ließen sich z.B. Ehefrauen als "Funktionsträgerinnen" von der Missionsgesellschaft aussuchen und per Schiff nachschicken (freilich - das wurden nicht nur unglückliche Ehen...); nicht jedes Missionarskind mag es erquicklich gefunden haben, fern der Eltern im Internat aufzuwachsen. Jetzt aber schlägt das Pendel in die andere Richtung, und die Familie wird für viele inzwischen der eigentliche Platz, wo sich Reich Gottes ereignet. Analog zur übrigen Gesellschaft findet offenbar auch im christlichen Gemeindeleben der Rückzug in den individuellen Erlebnisbereich statt. Nicht mehr missionarischer oder diakonischer und schon gar nicht politischer Einsatz, sondern eine "gute" christliche Ehe und Kinder scheinen das Hauptkennzeichen eines "guten" Christen auszumachen.

Von daher ist der "Aufschrei" vielleicht verständlicher: Christen, die Ehe und Familie zu einem zentralen Glaubenswert erhoben haben, sehen durch Lebenspartnerschaft und Segnung das christliche Bekenntnis an sich in Gefahr. Ich bin mir freilich nicht sicher, ob ein Petrus, der für Jesus Frau und Kinder zunächst einmal "sitzen ließ", Paulus, der Unverheiratetbleiben ohnehin für das bessere hielt oder auch Jesus, der seine Familie mehrmals ziemlich schroff abfertigte, dies genauso sehen würden. Von einer "Vergötterung" von Ehe und Familie waren sie weit entfernt. Es war auch sicher nicht das unterschiedliche Eheverständnis (hier Sakrament, dort weltlich Ding), das seinerzeit katholische und evangelische Kirche auseinander brachte und heute noch eine Wiederannäherung erschwert. Nein, das christliche Bekenntnis steht und fällt nicht mit der Gefährdung der Ehe und schon gar nicht mit einer Gefährdung, die in Wirklichkeit keine ist. Käme die Gerechtigkeit aus Ehe und Familie, so wäre Christus umsonst gestorben.

"Bekenntnisnotlage" oder Bekenntnis einer Notlage?

Was steckt eigentlich hinter diesem ganzen, sicher so wohlgemeinten Eifer für die Sache Gottes? An der speziellen Frage der Homosexualität scheint sich mir eine eigentlich ganz generelle Problematik in der konservativ-christlichen Welt zu entladen. Eigentlich traurig genug, dass die Verurteilung der Homosexualität zu den ganz wenigen Dingen gehört, in denen sich die sonst heillos zerstrittene evangelikale Welt noch trifft. Während in vielen Gemeinden das Wachstum stagniert oder in den negativen Bereich rutscht, werden gemeinsame Unternehmungen, die die Botschaft der Liebe und Befreiung in Christus vorantreiben sollen, oft von vornherein durch Unstimmigkeiten und Uneinigkeiten zwischen Gemeinden und Glaubensrichtungen belastet oder verhindert, weil man sich – oft wegen Nichtigkeiten – den rechten Glauben gegenseitig abspricht. Die Ablehnung homosexuell Lebender und Liebender als eine Art neuestes Kriterium, nach dem man die wahre Gläubigkeit der anderen einschätzt, und gleichzeitig als letztes Banner, unter dem sich dann wieder die unterschiedlichsten Gruppierungen noch zusammen bringen lassen?

Rechte Gläubigkeit oder Rechtgläubigkeit?

Stellt eine Streitfrage innerhalb der Lehre unter den Glaubenden automatisch die rechte Lehre in Frage und untergräbt den Glauben? Ist die "Rechtgläubigkeit", die immer wieder eine so große Rolle spielt, das eigentliche Herzstück des Christentums? Paulus, der Schreiber des Hebräerbriefes oder die anderen Apostel sahen sich verantwortlich dafür, die "gesunde Lehre" zu verteidigen. Aber sie verwechselten niemals rechte Lehre mit rechtem Glauben. Wie auch immer Glaube im Neuen Testament definiert oder umschrieben wird, niemals wird Glaube mit dem Anhängen und Verteidigen der rechten Lehrsätze gleichgesetzt. Nach der Bibel ist wahrer Glaube gelebte Liebe – "In Christus kommt es ... darauf an, ... den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist" (Gal 5,6) Wahrer Glaube ist ein rückhaltloses Sich-Verlassen auf den unsichtbaren Gott (Hebr 11,1+6), wahrer Glaube lebt aus der Beziehung zu Jesus, dem "Anfänger und Vollender unseres Glaubens" (Hebr 12,1). Der Christus, dem wir im Leben und im Sterben gehören (Röm 14,8), soll nach Paulus durch den Glauben in unseren Herzen wohnen, damit wir in Liebe verwurzelt seine Liebe zu uns erkennen (Eph 3,17-19).

Kann es rechter Glaube und auch rechte Lehre sein, Menschen, weil sie homosexuell sind, diesen Glauben, der aus der Beziehung zu Christus lebt einfach abzusprechen? Würde man ihnen aber diese Glaubensbeziehung nicht absprechen, wie könnte man ihnen dann den Segen verweigern? Petrus sprach seinerzeit das für die junge Christenheit Undenkbare aus, als "unreine" Nichtjuden vollgültige Kinder und Segensempfänger Gottes wurden: "Wenn nun Gott ihnen ... die gleiche Gabe verliehen hat wie uns - wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?" (Apg 11,17) Sind die Nicht-Heterosexuellen vielleicht die Nicht-Juden unserer Zeit?

Glaube, der in der Liebe wirksam wird, ist freilich ungeheuer schwer zu leben. Viele Christen empfinden schmerzhaft und entmutigend, wie wenig konkret Liebe zu Christus und Liebe zu Menschen in ihrem Leben bleibt, bzw. wie schmählich sie in diesem Punkt tagtäglich versagen. Zudem verspürt jeder Mensch ein inneres Widerstreben gegen alles, was Opfer kostet – und Liebe kostet unweigerlich Opfer. Da ist die Versuchung groß, sich sein "gutes Christsein" auf einem anderen Gebiet zu beweisen – dem der "Rechtgläubigkeit", die zu geradezu rastlosem Eifer für die "rechte Lehre" führen kann.

Diese Form von "Rechtgläubigkeit" an erster Stelle hat aber eine ungute Eigenschaft: Sie beweist sich vornehmlich in den Dingen, gegen die man ist. Je mehr solche "Rechtgläubigkeit" in den Vordergrund rückt, desto leidenschaftlicher ist ihre Gegnerschaft gegen alles, worin sie eine Gefahr für ihren Glauben sieht. Die suchende, unkonventionelle, freundliche und oft auch leidende und duldende Liebe Christi tritt immer mehr zurück. Sie verschwindet hinter einem Sinnen und Trachten, das sich in Abgrenzen und Ausgrenzen, Brandmarken und Beurteilen umso mehr erschöpft, je weiter der "Rechtgläubige" sich von der eigentlichen "rechten Gläubigkeit", die in der Liebe wirksam ist, entfernt. Im Extremfall lassen sich dann auch Diskussionen nicht mehr fruchtbringend führen, weil es im Kern nicht um die Sachfragen selbst geht. Vielmehr stellt ja der Streit um Lehr- und Sachfragen geradezu die "Rechtfertigung des Rechtgläubigen" dar, er benötigt sie als Bestätigung seines Christseins. Letztendlich ist es die alte "Werksgerechtigkeit", die sich darin durch die Hintertür wieder einschleicht. Erinnern wir uns? "Aus Werken des Gesetzes wird niemand gerecht..., denn käme die Gerechtigkeit aus dem Gesetz, so wäre Christus umsonst gestorben" (Gal 2,16+21).

Bei so mancher Veröffentlichung gegen Homosexuelle werde ich in ihrem Gedankengang und Vokabular den Verdacht nicht los, dass hier homosexuell Liebende zum Ziel einer Form von "Rechtgläubigkeit" werden, die ein solches Ersatzmodell der rechten Gläubigkeit ist. Wäre es sonst so schwer, die Andersartigkeit eines Menschen zu tragen, nach seiner Erlebniswelt überhaupt einmal zu fragen, seine Erfahrungen ernst zu nehmen und seinen Glauben zu respektieren? Muss man "verwerflich" nennen, was doch der andere "mit Dank" aus Gottes Hand nimmt?

 

Nein, der Notstand der Kirche kommt nicht aus der Segenszusage an die Homosexuellen, die Gottes Segen suchen. Er dokumentiert sich eher in dem Bekenntniskrieg, der darüber entfacht wurde, weil dieser am wahren Bekenntnis vorbeigeht. Ist es nicht so, wie jemand mal schlicht und schön formulierte: "Die Hauptsache ist doch, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt"? Denn das christliche Bekenntnis ist und bleibt zu allen Zeiten dies: Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, gestorben für unsere Sünden, auferweckt zu unserer Rechtfertigung, ist unser Herr, der uns liebt. Wer könnte uns das nehmen?

 

Denn, ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?


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