"HEILUNG"

Der Exodus ist vorbei – der „Weg“ ist neu!

Wer heute bei Wikipedia „Exodus International“ eingibt, der liest als drittes Wort „war“! Die weltweit größte Organisation der Ex-Gay-Bewegung ist Geschichte. Aber leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen – und der Geist von „Exodus International“ wabert immer noch durch die evangelikale Szene und einige evangelische Gemeinden in Deutschland. Dabei wäre es an der Zeit, die Zeichen richtig zu deuten.

Gut 37 Jahre lang haben die Verantwortlichen von „Exodus International“ unzähligen homosexuellen Christinnen und Christen verkündet, durch reparative Therapien, Gebete und die „Kraft des Herrn Jesus Christus“ könne ihre sexuelle Identität verändert werden. Dann kam im Juni 2013 der Paukenschlag auf einer großen Exodus-Konferenz: Alan Chambers, Präsident von „Exodus International“, löste die Organisation auf und entschuldigte sich live und dann auch in einem offenen Brief für den Schaden, den er und die Organisation bei homosexuell empfindenden Menschen angerichtet habe.

„I am sorry!“ – „Sie sollen wissen, dass es mir zutiefst leid tut. Ich entschuldige mich für das Leiden und die Verletzungen, die viele von Ihnen erleiden mussten“, schrieb er. Eine Entschuldigung am Ende eines Irrwegs, der 1976 begonnen hatte. Jahrzehntelang haben die Anhänger von „Exodus International“ die Idee verbreitet, „gleichgeschlechtliche Liebe sei heilbar“ – nach eigenen Angaben nicht nur in den USA und Kanada, sondern auch in 17 weiteren Ländern der Welt, unter anderem auch in Deutschland.

37 Jahre lang in 19 Ländern – mit der offiziellen Bilanz, nur „einigen hundert Frauen und Männern geholfen zu haben“. Exodus hat bis zur Auflösung keinerlei Angaben gemacht, auf welchen Quellen diese Zahlen beruhen oder ob und wie der Erfolg ihrer Programme gemessen wurden. Aber selbst, wenn es 999 wären, denen sie im Laufe der Jahre geholfen haben (was auch immer das heißt?), klingt diese Zahl nicht nach einem durchschlagenden Erfolg, sondern nach wundersamen Ausnahmen – statistisch gesehen sind das 1,4 Menschen pro Jahr und Land.

37 Jahre lang in 19 Ländern – mit der Bilanz, dass immer wieder führende Mitglieder (u.a. eines der fünf Gründungsmitglieder, nämlich Michael Bussee) „Exodus International“ verlassen haben, um ihre homosexuelle Identität zu leben. 2007 haben sich diese ehemaligen führenden Mitglieder für den Schaden entschuldigt, den sie angerichtet haben.

37 Jahre lang in 19 Ländern – mit der Bilanz, dass selbst der 1988 zur Exodus-Galionsfigur gemachte John Paulk im Herbst 2000 in einer Schwulenbar beim Flirten mit einem Mann ertappt wurde. Seine Bücher „Umkehr der Liebe“ und „Ich war schwul“ (2000 und 2001! auf deutsch erschienen) haben vielen Gemeinden Argumente für die Heilung homosexueller Menschen – und homosexuellen Christinnen und Christen Hoffnung – gegeben. Im Mai 2013 gab John Paulk zu, dass die Konversion nicht erfolgreich war und er immer noch homosexuell sei. Er distanzierte sich von seinen früheren Äußerungen. Hoffnung und eine durch Angst erzeugte Kultur des Verschweigens und der Unehrlichkeit – anders lässt es sich nicht erklären, dass es so lange gedauert hat, bis es zu einer Veränderung kam. Gott sei Dank war es 2013 soweit.

„Es ist eigenartig, jemand zu sein, der selbst durch die kirchliche Behandlung der LGBT-Community geschädigt wurde, aber gleichzeitig jemand zu sein, der sich dafür entschuldigen muss, dass er Teil dieses ignoranten Systems war.“ (Alan Chambers)

Die Veränderung zieht Kreise – „Exodus International“ steht nicht allein da. Bereits 2000 änderte die ExGay-Bewegung „Courage“ ihren Kurs und bekannte sich zu einem neuen, Homosexualität grundsätzlich bejahenden Ansatz. Als Grund für diesen Kurswechsel gab sie die Verzweiflung an, die sich ihrer Meinung nach unter zahlreichen homosexuellen Christen breit gemacht hätte, die eine „Überwindung“ ihrer Homosexualität durch den Glauben suchten und daran scheiterten. „Courage“, im Februar 1988 von Jeremy Marks gegründet, war eine der führenden christlichen Ex-Gay-Organisationen in Großbritannien und Mitglied von Exodus International. Ziel war es, Homosexuellen einen „Weg der Heilung“ durch Glaube und Seelsorge anzubieten. Die Indizien mehren sich auch in den anderen Ex-Gay-Bewegungen – führende Mitglieder treten aus, leben ihre homosexuelle Identität oder heiraten ihren Partner wie zum Beispiel John Smid, der früher die „Ex-Gay“-Gruppe „Love in Action“ angeführt hat. Christian Schizzel, der jahrelang in der Öffentlichkeit für die „Heilung“ von Homosexuellen geworben hat, galt als Musterbeispiel eines „erfolgreich geheilten“ Homosexuellen. Im Dezember 2014 outete er sich als schwul und erklärte, er wolle nicht länger eine „Waffe“ sein, die gegen andere Homosexuelle eingesetzt werde. In einem Interview erzählte er, wie er von seinen homophoben Glaubensbrüdern manipuliert wurde.

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir uns geirrt haben, gleichgeschlechtliche Liebe als sündhaft zu verwerfen.“ (Jeremy Marks)

Es ist ein bisschen so, als brächen überall Knospen auf, und nur weil nicht sein kann, was nach der Meinung vieler evangelikaler Christen nicht sein darf, wird weiter behauptet, es sei tiefster Winter.

Wechseln wir nach Deutschland: Im vergangenen Jahr erschien ein kleiner Artikel in der Stuttgarter Zeitung, der Dank der sozialen Medien weite Verbreitung fand – und der in meinen Augen ein Indiz dafür ist, dass auch bei uns Veränderungen im Gange sind.  2. Juli 2014 – „Die am vergangenen Samstag gegründete ‚Bruderschaft des Weges’ will sich bewusst zwischen die Stühle setzen: man wolle weder als Schwulenhasser im Namen Gottes von sich reden machen, noch wolle man Homosexualität und christlichen Glauben zusammenbringen – ‚wir sind sperrig’, sagt Stefan Schmidt aus Tamm, der selbst eines der 16 Mitglieder der Bruderschaft ist.“ Ein anderes Mitglied der Bruderschaft des Wegs“ ist Markus Hoffmann.

Weiter heißt es in dem Artikel: „Die Mitglieder der Bruderschaft definierten sich selbst nicht als schwul, sondern als ‚Mann, der sich zu bestimmten Zeiten zu Männern hingezogen fühlt’.“ Und: „Teil der Bruderschaft seien elf evangelische und fünf katholische Männer, die alle im Laufe ihres Lebens homosexuelle Empfindungen haben oder hatten’, die diesen Empfindungen aber aus religiösen Gründen kritisch gegenüberstünden. Ein Anliegen der Gruppe sei es deshalb, diese schwulen oder lesbischen Neigungen nicht auszuleben und Enthaltsamkeit zu geloben.“ 

Keine Rede mehr von „Heilung von Homosexualität“, und die Formulierungen, die Stefan Schmidt und Markus Hoffmann der Zeitung gegenüber wählen, erwecken den Eindruck von einem Rückzug ohne Gesichtsverlust – besonders, wenn man sich an frühere Äußerungen der beiden erinnert. Markus Hofmann und Stefan Schmidt – die meisten homosexuellen Christinnen und Christen kennen ihre Namen und bringen sie mit „Wüstenstrom“ in Verbindung, also mit der Organisation, die viele Jahre in Deutschland exemplarisch für die Heilung von homosexuellen Christen stand – und die in Gesprächen mit Christen aus evangelikalen Gemeinden noch immer als Beweis für die Möglichkeit der Heilung von Homosexualität angeführt wird.

Im Artikel aus der Stuttgarter Zeitung lautet eine Zwischenüberschrift „Distanzierung von Wüstenstrom-Vergangenheit“ – womit eben das gemeint ist, was viele evangelikale Christen offensichtlich als erstes mit „Wüstenstrom“ in Verbindung bringen, nämlich die Heilung von Homosexualität durch Living-Waters-Kurse, Gebet und Konversionstherapien. Unter dieser Überschrift „Distanzierung von Wüstenstrom-Vergangenheit“ liest man dann:

„Sprecher der Gruppe ist Markus Hoffmann, Leiter des Instituts für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung mit Sitz in Tamm. Als Mitgründer der Gruppe ‚Wüstenstrom’ war Hoffmann in die Kritik geraten. Der Verein betreibe eine Umerziehung von Schwulen und Lesben. Auch als Reaktion darauf hätten Hoffmann und sein Mitarbeiter Stefan Schmidt das Institut gegründet – mit einem bewusst neuen Programm, wie Stefan Schmidt sagt: ‚Wir wollen keine Sexualität therapieren, das geht gar nicht.’ Man wolle ‚Menschen helfen, mit ihrer Sexualität gut leben zu können’, sagt der Sozialarbeiter.“

„Wir wollen keine Sexualität therapieren, das geht gar nicht.“ – Das klingt nach Veränderung im Denken – hat sich aber leider auch noch nicht überall herumgesprochen – und so wabert auch der Geist von „Wüstenstrom“ immer noch durch die evangelikale Szene und einige evangelische Gemeinden in Deutschland.

Auch hier wäre es an der Zeit, die Zeichen richtig zu deuten.


Geschrieben von Frank Fischer
2015

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