BIBELAUSLEGUNG

Der Mensch denkt, Gott lenkt - Die vier Stationen im Leben des Mose

Heißt das, all unsere Lebensentwürfe sind überflüssig, da Gott uns das denkende Planen bereits abgenommen hat? Oder dass sein Plan uns sogar unaufhaltsam überrollen wird, ob wir nun wollen oder nicht?

"Der Mensch denkt - Gott lenkt". Wer kennt diese alte Redensart nicht? Das passende Sprichwort zu unserem Thema "Lebensentwürfe". Aber beschleicht einen dabei nicht auch ein zwiespältiges Gefühl? Denn was soll das eigentlich bedeuten? Heißt es, dass all unsere Lebensentwürfe überflüssig sind, da Gott uns das denkende Planen ohnehin bereits abgenommen hat? Oder dass dieser Plan uns sogar unaufhaltsam überrollen wird, ob wir nun wollen oder nicht? Oder ist das eine Illusion, mischt sich Gott gar nicht in unsere Entwürfe ein, die ihm alle gleich gültig - oder sogar gleichgültig - wären? Ist es womöglich so, wie jemand den Satz bereits umformuliert hat: "Der Mensch denkt [nur]: Gott lenkt"?

Wer sein Leben aus einer inneren Beziehung zu Gott lebt, der mag schon oft dankbar empfunden haben: Mein Leben wird eben nicht bestimmt von einer blinden Schicksalsmacht oder vom Zufall, sondern da ist ein „Du“ im Weltall, dem ich meine Lebensentwürfe anbefehlen und dem ich vertrauen kann. Aber auch dann bleiben schließlich ungelöste Fragen: Wo entsprechen unsere Gedanken tatsächlich Gottes Gedanken und wo machen wir kurzerhand unsere Wünsche dazu? Was ist eigentlich, wenn all unsere Konzepte scheitern? Wenn all unsere tiefsten Sehnsüchte unerfüllt bleiben? Wenn Gottes Anspruch an unser Leben uns völlig zu überfordern scheint? Wenn andere Menschen über unser Leben willkürlich entscheiden können?

Menschen wie wir, die als Homosexuelle oft von Kindheit an empfunden haben, dass ihr Leben nicht in den beruhigenden Bahnen des "Normalen" verlaufen wird, spüren die Brüchigkeit menschlicher, allzu selbstverständlicher Konzepte vielleicht in besonderer Weise. Aber uns fehlt als Christen eben häufig auch dieses "Aufgehobensein" in Gottes gutem Willen, hat man uns doch immer wieder vorgehalten, dass unser Leben auf einem falschen Konzept beruhe, das Gottes "gutem Plan" für uns widerspreche.

Ich vermag nicht auf alle aufgeworfenen Fragen eine philosophisch erschöpfende Antwort zu finden. Aber ich möchte einigen dieser Gedanken nachspüren im Leben eines Menschen, mit dem Gott nicht nur seine persönliche Geschichte hatte, sondern Geschichte schrieb. Nur wenige Gestalten in der Bibel mussten nach meinem Empfinden all diese Fragen ähnlich intensiv durchbuchstabieren wie Mose in seinem immerhin hundertzwanzig Jahre währenden Leben.

Wenn wir vier Blicke in Moses Leben werfen, entfaltet es sich uns in Vierzigerschritten. Jedes Mal zeigt sich uns ein anderes Bild, das das vorangegangene auf den Kopf zu stellen scheint und in dem Moses Lebensentwürfe eine neue Richtung nehmen:

  1. Bild: Mose im Schilfkorb - Spielball zwischen Weltmacht und Mutterwitz
  2. Bild: Mose erkennt eine Berufung - und setzt alles in den Sand
  3. Bild: Moses Feuer ist erloschen - aber ein Dornbusch brennt
  4. Bild: Moses Lebenstraum erhält eine Absage - und erfüllt sich jenseits aller Vorstellung

1. Bild: Mose im Schilfkorb - Spielball zwischen Weltmacht und Mutterwitz

Die ersten Entwürfe für Moses Leben werden wie bei allen Kindern nicht von ihm selbst gemacht. Aber es werden auch keine trauten familiären Pläne seiner Eltern sein, die Moses Zukunft bestimmen sollen. Schlimme Zeiten sind es, die die Vorzeichen für sein Leben setzen. Die Hebräer, einst willkommen geheißene Gäste in Ägypten, sind zu einem unterdrückten Volk von Frondienstleistenden geworden. Sie müssen für den bauwütigen Pharao ganze Städte aus dem Wüstensand stampfen und sind doch gleichzeitig bei den Ägyptern gehasst, verachtet - und gefürchtet.

So wird irgendwann, vermutlich kurz vor Moses Geburt, ein neues Gesetz eingeführt. Die Vorstellungen der ägyptischen Weltmacht für alle männlichen hebräischen Kinder wie Mose sind kein Lebens-Entwurf, sondern eine Endlösung, ein komplettes Vernichtungskonzept: Lasst sie als Neugeborene sterben! Wäre es nach dem Willen der ägyptischen Machthaber gegangen, auch Mose hätte als so ein geburtshilfliches Wegwerfprodukt geendet, kaum dass sein Leben begonnen hatte.

Alles fing ganz unspektakulär bei einem durchschnittlichen hebräischen Ehepaar an. Keine Engelserscheinung, keine Prophezeiung kündete zuvor davon, nichts ließ ahnen, dass hier der zukünftige Retter Israels, der größte Prophet seines Volkes geboren werden sollte. Aber seine Eltern - und federführend in seiner Familie scheint seine Mutter Jochebed gewesen zu sein - besaßen vielleicht keine großen Namen, aber dafür Zivilcourage. Jochebed liebte ihren zweiten Sohn, sie wollte ihn unbedingt retten. Und sie hatte einen vertrauenden Glauben an Gott, wie uns der Hebräerbrief schildert (Hebr. 11, 23). So tut sie einen verzweifelt-mutigen Schritt. Als sie Mose nicht mehr verstecken kann, setzt sie ihn in einem Schilfkorb auf dem Nil aus und lässt ihn auf den königlichen Palast zutreiben. Was dann folgt, wirkt wie ein Mischung aus verrücktem Zufall und genial geplantem Schachzug. Mose wird von einer mitleidigen ägyptischen Prinzessin adoptiert. Durch eine List gelingt es sogar, dass seine eigene Mutter das Engagement als Amme bekommt und Mose zunächst bei seinen Eltern aufwachsen kann.

Doch irgendwann muss die für alle schmerzhafte Trennung ins Ungewisse erfolgen. Das Sorgerecht wechselt, die Wünsche eines Kindes erfragte sicher niemand. Aus der Geborgenheit seines Elternhauses gerissen kommt Mose als Adoptivsohn an den Hof des Pharao, wird seinen Eltern entfremdet und als Ägypter aufgezogen. Er gerät in eine Welt, in die ihn seine Eltern sicher höchst ungern entlassen haben: Ein Pharao, der sich als Gott verehren lässt. Überhaupt die vielen halbtierischen Götterfiguren, die die Ägypter anbeteten. Und nun wird ihr Sohn Teil jenes Volkes, das sich als so grausamer Sklavenhalter erwiesen hat. Die Bibel sieht aber auch die positiven Seiten der Situation. Mose bekommt eine Ausbildung in aller Weisheit und wird mächtig in Wort und Tat (Apg. 7, 22). Er wird vielleicht nicht "Prinz von Ägypten", aber doch ein ägyptischer Prinz.

Welche Einflüsse und Schicksalswendungen auch die ersten Seiten seines Lebensbuches füllen - letztlich ist es Gott, der hier die Fäden zieht. Er legt die Grundlagen für das, was Mose für seine spätere Aufgabe braucht (auch wenn dies erst Lektion Eins ist, wie wir sehen werden). Niemand ahnt von dieser Aufgabe. Der Pharao nicht, die Eltern nicht und auch der kleine Mose nicht. Gott will auf diesen krummen Wegen einmal sehr gerade schreiben. Doch wie deutlich dies aus der rückblickenden Perspektive auch erkennbar sein mag, vergessen wir nicht: das, was hier eingefädelt wird, kommt erst achtzig Jahre später wirklich zum Tragen. Gottes Lebensentwürfe sind keine gedankenlosen Zufallsprodukte. Aber seine Perspektive ist viel weitgesteckter als der Horizont unserer jeweiligen Lebensphase. Unser ägyptischer Prinz soll dies in all seiner Schwere - und all seiner Größe erfahren.

2. Bild: Mose erkennt eine Berufung - und setzt alles in den Sand

Vierzig Jahre später liegen vor dem Prinz in Ägypten, der "mächtig in Wort und Tat" ist, die Karrierechancen eines Angehörigen der Oberschicht bereit; oder wie der Hebräerbrief (11, 24-26) es ausdrückt: als Sohn einer Tochter des Pharao stehen ihm Genuss und die Schätze Ägyptens offen.

Liest man die Schilderung der Ereignisse allein in Exodus, könnte man glauben, er sei in die Begegnung mit seinen unterdrückten Stammesgenossen einfach so hineingestolpert, und die Geschehnisse um die Tötung des ägyptischen Aufsehers durch Mose wären Resultat einer ganz spontanen Gefühlsaufwallung. Die Apostelgeschichte und der Hebräerbrief zeigen uns dagegen auf, dass ein ganz bewusster Prozess in Mose vorging.

Seitens des königlichen Hofes war für einen Adligen der Weg schon klar vorgezeichnet. Aber Mose begann, eigene Pläne zu entwickeln. Es reifte in ihm der Gedanke, nach seinen Brüdern, den Söhnen Israels, zu sehen (Apg. 7, 23). Mose setzte sich mit seinem Schicksal auseinander. Und vielleicht gewann er den Eindruck, Gott habe ihn eigens diesen Weg geführt, damit er jetzt die Aufgabe übernehmen konnte, seinem Volk zu helfen.

So traf er eine folgenschwere Wahl: Er weigerte sich, Sohn einer Tochter des Pharao genannt zu werden (Hebr. 11, 24). Dies richtete sich wohl nicht gegen seine "Mutter", die ihn aus Erbarmen an Sohnes statt angenommen und damit vor dem Tod gerettet hatte. Freilich mag auch Mose irgendwann den Schmerz gespürt haben, den jedes adoptierte Kind einmal durchlebt, dem eine natürliche Familie verwehrt und über dessen Leben irgendwann von anderen verfügt wurde, ohne dass es jemals einen Einfluss darauf nehmen konnte.

Moses Entscheidung aber fällt aus Glauben - und sein Aufbegehren richtet sich gegen Ägypten, gegen die Unterdrücker seines Volkes, gegen eine Macht, die in seinen Augen beginnt, für die Sünde (Hebr. 11, 24) zu stehen.

Er weiß, dass sein Entschluss, sich mit seinem Volk zu solidarisieren, Opfer kosten wird. Es bedeutet, auf ein bequemes und erfolgreiches Leben zu verzichten. Dass er mit Misshandlung und Schmach (Hebr. 11, 25.26) rechnen muss. Dazu ist er bereit. Denn er fühlt eine Berufung. Er ist überzeugt, dass Gott ihnen durch seine Hand Rettung bringen wollte (Apg. 7, 25).

An Moses Lebensplänen ist nichts auszusetzen. Seine Motive sind edel und sein Opfermut beispielhaft. Er hat eine Vision. Er folgt einer Berufung, und die Schilderung der Apostelgeschichte legt nahe, dass seine Berufung auch damals schon galt (Apg, 7, 35). So streitet er für seine Brüder nach außen und kümmert sich um das, was intern unter ihnen passiert. Doch irgendwo bleibt sein Handeln eigenmächtig. Schließlich lässt er sich zu einer Gewalttat hinreißen - und alles endet in einem Riesendebakel.

Sein gut gemeintes Engagement für und unter den Israeliten erntet bei diesen nur Misstrauen und Undank. Den Pharao, seinen bisherigen Gönner, bringt er gegen sich auf. Um sein Leben zu retten, muss er aus seiner Heimat in die Fremde fliehen, alles zurücklassen, was er besaß, alles, was ihm vertraut war. Alles, was er anstrebte, hat er buchstäblich "in den Sand gesetzt", in der Wüste muss er sich verstecken wie ein gejagtes Tier. Und Gott? Der scheint zu schweigen. Wo ist Gott? Wo ist seine Berufung?

Zwar fasste Mose die geglückte Flucht vor dem Zorn des Pharao als Hilfe Gottes auf, einen seiner späteren Söhne nannte er deswegen Eliëser – Gott hilft (Ex. 18, 4). Aber er empfindet auch bitter seine Entwurzelung. Gerschom, der Name seines Erstgeborenen, heißt übersetzt Gast in der Öde, da er heimatlos in fremdem Land leben muss (Ex. 2, 22). Im hintersten Winkel der Welt endet der Prinz als Schafhirte. Der Schilderung der Bibel zufolge muss dies im ägyptischen Empfinden eine absolut verachtete Tätigkeit gewesen sein, vergleichbar in unserer Kultur mit der Arbeit als Müllmann (damals wie heute überließ man das lieber Gastarbeitern, vgl. Gen. 46, 33 - 47, 6).

Mose hat zunächst einmal gar nichts mehr. Alle menschlichen Güter hat er verloren, aber eben auch seine geistliche Berufung. Man mag ahnen, wie es in seinem Innern ausgesehen haben dürfte. Die Geschichte des Befreiers für Israel scheint zu Ende zu sein, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte - und am Ende stehen Enttäuschung und Rückzug.

3. Bild: Moses Feuer ist erloschen - aber ein Dornbusch brennt

Vierzig Jahre in der Versenkung folgen. Mose hat sich eingerichtet in Midian, hat geheiratet, Kinder bekommen und ist Schafhirte geblieben. Sein Traum von der Befreiung Israels ist ein verebbter Gedanke. Er betet wohl noch dafür - der Psalm 90, der Mose zugeschrieben wird, stammt am ehesten aus dieser Zeit, und dort bittet er um Hilfe für sein Volk:

"Herr, wende dich uns doch endlich zu! Hab Mitleid mit deinen Knechten! Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Unglück erlitten. Zeig deinen Knechten deine Taten und deine erhabene Macht!" (Ps. 90, 23-26).

Doch innerhalb der "Taten", um die er bittet, sieht er sich nicht mehr als Akteur. Mit etwas Besonderem in seinem Leben hat er abgeschlossen. Er ist nun achtzig Jahre alt und die Worte seines Gebetes klingen müde:

"Denn all unsre Tage gehen hin unter deinem Zorn, wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer. Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin." (Ps. 90, 9.10)

Wo ist der Mose mit dem heißen Herzen, den aufflammenden Emotionen? Abgeschlossen hat er mit hochfliegenden Visionen. Ausgeträumt. Nichts brennt mehr in Mose. Doch da begegnet er etwas anderem, was brennt: einem Dornbusch.

Brennende Dornbüsche in der Wüste - das ist nun zunächst mal nichts Ungewöhnliches. Oft wurden sie von Menschen in Brand gesteckt als wertloses Gestrüpp, das Ackerbau und Viehzucht behinderte. Der Dornbusch, Symbol der Nichtigkeit und Minderwertigkeit(1) in einer gefallenen Schöpfung, in der ein mühsam bebauter Acker Dornen und Disteln tragen sollte (Gen. 3, 18). In der trockenen Wüstenhitze konnte das dürre Holz der Dornbüsche freilich auch ohne Zutun in Brand geraten. Erloschen wie Dornenfeuer (Ps. 118, 12): wie bei uns das "Strohfeuer" stand in der Bibel wohl der Dornbusch geradezu sprichwörtlich als Sinnbild für ein rasch entflammbares und ebenso schnell wieder verlöschendes Feuer. Mose mag sich mit seinem Leben selbst wie so ein Dornbusch vorgekommen sein: eine vorzeitig und längst ausgebrannte Hoffnung, ein unbedeutendes Dasein an einem öden Ort, nach dem niemand fragt.

Aber dieser brennende Dornbusch verzehrt sich nicht, er brennt immer weiter, und das zieht Mose an. Er verlischt nicht, weil Gott ihn angezündet hat. Ausgerechnet einen Dornbusch, das Symbol der Minderwertigkeit, sucht sich der Engel des Herrn aus für seine Erscheinung, hier erklärt Gott den Boden für heilig.

Und jetzt, achtzig Jahre nachdem Mose im Schilfkorb trieb, findet seine wahre Berufung statt. Aber nun trifft sie auf einen Mose, der nicht mehr bereit ist. Der resigniert hat. Der sich nichts mehr zutraut. Der Dialog zwischen Gott und Mose, von dem uns Exodus Kapitel 3-4 berichtet, mag Stunden gedauert haben. Hundert Ausflüchte tischt Mose auf, immer wieder macht Gott ihm Mut, bestätigt ihn, beweist ihm seine hilfreiche Macht. Aber Mose will nicht mehr. Seine Enttäuschung sitzt tief, und am tiefsten wohl die über sich selbst. Sein vermeintlich letztes Wort an Gott lautet:

"Ach Herr, sende doch, wen du senden willst [aber nicht mich]!" (Ex. 4, 13)

Aber Gott akzeptiert seine Absage nicht. Seine Berufung gilt. Mit sanfter Gewalt ruft Gott den Widerstrebenden zur Vernunft, stellt Mose seine Geschwister zur Seite, ebnet in der Familie seiner Frau die Wege - und schließlich geht Mose an seine Aufgabe.

Eine übermenschliche Aufgabe soll es werden. Ein Millionenvolk aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen durch unzählige Entbehrungen hindurch. Ein der Selbstverantwortung entwöhntes Volk, das sich aufführen wird wie eine Mischung aus trotzigen Kindergartenkindern, aufmüpfigen Teenagern und gewaltbereiter Schlägerbande. Mose wird die Kraft, die brennt, aber sich nicht verzehrt, dringend brauchen. Vierzig weitere Jahre, harte Wüstenjahre erwarten ihn. Aber seine Zeit als einsamer Hirte in Midian soll sich als Gottes zweite vorbereitende Lektion erweisen. Mose ist kein ungestümer Heißsporn mehr, der im Zorn dreinschlägt, sondern er hat nun das Zeug zu einem geduldigen Volkshirten, von dem es an einer Stelle heißt:

"Mose aber war ein sehr demütiger Mann, demütiger als alle Menschen auf der Erde." (Num. 12, 3)

Am Schluss kann Mose sagen: Einen Propheten wie mich wird euch Gott erwecken (Deut. 18,15) - da ist Mose bereits der Maßstab, an dem jeder nach ihm sich messen lassen muss. Ja, es heißt am Ende:

"Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Keiner ist ihm vergleichbar, wegen all der Zeichen und Wunder, die er im Auftrag des Herrn getan hat." (Deut. 34, 10.11)

So wurde dieser Mose, der seine Berufung nicht wollte, der Mann erloschener Träume, zu einer Legende zu Lebzeiten.

4. Bild: Moses Lebenstraum erhält eine Absage - und erfüllt sich jenseits aller Vorstellung

Und wieder vierzig Jahre später. Mose ist hundertzwanzig Jahre alt und sein Tod steht unmittelbar bevor. Vierzig Jahre ist er mit dem Volk durch die Wüste geirrt und nie in das gelobte Land Kanaan hineingekommen, weil die Israeliten das, was Gott für sie vorgesehen hatte, nicht einlösten. Immer wieder haben sie Gottes gute Pläne verworfen, ihm misstraut, sich gegen ihn aufgelehnt und sich im Kreis gedreht. Und immer wieder hat Mose als Prellbock und Mittler zwischen dem Volk und Gott gestanden. Aber nun bereitet sich eine neue Generation darauf davor, den Jordan zu überschreiten und endlich, endlich in das verheißene Land einzuziehen.

Nur Mose soll das Land, für das er eigentlich sein ganzes Leben investiert hat, nicht betreten. Dabei ist genau das sein Herzenswunsch, der Lebenstraum seiner letzten Jahre, der ihn aufrecht gehalten hat in all seinen Anfechtungen - wenigstens einen Fuß in dieses Land setzen zu dürfen als Lohn für all seine Mühen.

Gott verwehrt es ihm und Aaron, weil sie an einem Punkt ungehorsam gewesen waren, und nicht in Stellvertretung Gottes, sondern im Zorn gehandelt haben (Num. 20, 7-13). Die Tragweite dieser Episode bleibt uns rätselhaft, ebenso wie die Unnachgiebigkeit Gottes in der Bestrafung. Gott scheint hier an Mose ein Exempel statuieren zu wollen gegenüber einem Volk, das es bitter nötig hat, zu begreifen, dass man Gott nicht zum Narren halten kann. Das Verbot an Mose mag auch Gründe außerhalb seiner Person gehabt haben: für seinen Nachfolger Josua war es höchste Zeit, endlich aus Moses Schatten zu treten, und der Neubeginn jenseits des Jordans war dazu die beste Gelegenheit, sich das Vertrauen des Volkes zu erwerben.

Dennoch erscheint es seltsam ungerecht und stur von Gott einem Mose gegenüber, der so viel für Gott und sein Volk durchgemacht hat, von dem es sogar aus Gottes eigenem Mund heißt:

"Anders [als mit anderen Menschen ist es] bei meinem Knecht Mose. Mein ganzes Haus ist ihm anvertraut. Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht. Er darf die Gestalt des Herrn sehen." (Num. 12, 7)

Und Mose flehte Gott an von Angesicht zu Angesicht, ob er es ihm nicht doch erlauben würde, das Land zu betreten: Lass mich doch hinüberziehen! (Deut. 3, 23-28). Aber Gott sagte nein, sagte sogar ganz rigoros: Genug! Trag mir diese Sache nie wieder vor! (Offenbar lag ihm Mose deswegen wiederholt in den Ohren!) Mindestens achtmal in den Mosebüchern wird auf diese Angelegenheit Bezug genommen (2) - es muss Mose ungeheuer gewurmt haben. Es war sein Lebenstraum. Aber er ging nicht in Erfüllung. Als letztes Bild sehen wir Mose als einsame Gestalt auf einem hohen Berg stehen und sehnsüchtig zu dem Land hinüberschauen, das zu betreten ihm verwehrt bleibt.

Ich habe mich oft gefragt, warum Gott hier so überstreng und "kleinlich" mit Mose umging und ihn nicht erhörte, während er sich doch sonst ganz anderen Personen gegenüber immer als so langmütig und großzügig erwies. Erst irgendwann beim Lesen der Evangelien fiel mir auf, dass Gott sehr wohl vorhatte, Mose zu erhören - wenn auch in einer ganz anderen Dimension und viel großartiger, als Mose sich das jemals hätte vorstellen können. Ihm wird etwas vergönnt sein, was er nur mit einem einzigen anderen Menschen - Elia - würde teilen müssen.

Er wird den Boden Israels betreten: auf dem Berg der Verklärung, als er Jesus begegnet. So sinnlich wahrnehmbar, dass Petrus ihm eine Hütte bauen will (Luk. 9, 30-33). Mose hatte sich gewünscht, dieses herrliche Land sehen zu dürfen. Nun schaut er in diesem herrlichen Land den, der der Herr der Herrlichkeit (1. Kor. 2, 8) ist. Er wollte in das Gelobte Land einziehen. Nun begegnet er dort dem Sohn des Hochgelobten (Mk. 14, 61). Er wird ihn sehen, mit ihm sprechen, ja - ihn, wie uns das Lukasevangelium berichtet, quasi "beraten" zu seinem Auftrag in Jerusalem.

Nicht jeder von uns, der einen Herzenswunsch, einen Lebenstraum hat, der sich nicht erfüllen will, darf so etwas erleben. Aber Moses Geschichte zeigt: es ist nicht Kleinlichkeit Gottes, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Im Vordergrund stehen zunächst Gottes Pläne, nicht unsere Wünsche. Aber gerade dann, wenn wir vom Leben enttäuscht werden, sollten wir daran festhalten, dass Gott in der Verwirklichung seiner Entwürfe für unser Leben ein Gott der großzügigen Liebe ist, nicht des peniblen oder kalten Berechnens und Aufrechnens.

Wie immer unsere Lebenskonzepte aussehen oder aufgehen, wer immer hier auf Erden am Reißbrett zu sitzen und über unser Schicksal zu entscheiden scheint, wie viel Vision oder auch Desillusionierung unser Planen bestimmen mag - Mose würde uns vielleicht etwas zurufen, was ihm Josef, einer der Väter seines Volkes, ins Stammbuch geschrieben haben könnte (Gen. 50, 20):

...Gott aber gedachte, es gut zu machen.

Fußnoten:

(1) vgl. auch Ri. 9,8-15

(2) Num. 20,2-13; 27,13.14, Deut. 1,37; 3,23-27; 4,21.22; 31,2; 32,49-52; 34,4, Ps. 106,32.33


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