KIRCHEN

Die Sehnsucht wach halten

Veränderungen zum Thema Homosexualität in einer EFG aus Sicht einer Gemeindeleiterin

Ich gehöre zu einer evangelischen Freikirche, die ich als lebendig, bunt, offen, international und ökumenisch gesinnt beschreiben würde. Das sind alles Merkmale, die für mich als Christin in einer Gemeinde wichtig sind. Seit über drei Jahrzehnten bin ich dort Gemeindeglied und bin es gern. 

Vor vier Jahren nun wurde diese Offenheit auf den Prüfstand gestellt, als ein Frauenpaar mit eingetragener Lebensgemeinschaft, das ein Baby erwartete, auf der Suche nach einer Gemeinde an uns herantrat und uns die Frage stellte: Wie offen seid ihr? Können wir so, wie wir sind, bei euch Aufnahme finden? Diese Frage hatten wir uns bis dahin noch nie offen gestellt. Deshalb nahmen wir dies zum Anlass, uns mit dem Thema Homosexualität zu beschäftigen.

Es begann ein etwa zweijähriger Prozess der Auseinandersetzung mit der Frage nach der Aufnahme und Mitgliedschaft von Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bei uns. Während eine Reihe von uns damit Neuland betraten und deshalb auch verunsichert und z.T. mit Abwehr reagierten, war diese innergemeindliche Reflexion des Themas aus biblischer Sicht für mich persönlich die Fortsetzung eines vor langer Zeit begonnenen Prozesses. Die Beschäftigung mit dieser Frage in meiner Gemeinde stellte für mich so etwas wie die Untermauerung mit Theologie eines in vielen Lebensjahren gewonnenen eigenen Standpunkts dar. 

Vor etwa dreißig Jahren nämlich meinte ich, mich von einem homosexuellen Studienfreund distanzieren zu müssen, weil ich glaubte, den Kontakt zu ihm nicht mit meinen christlichen Grundwerten vereinbaren zu können. Er hat damals meine Aufkündigung der Freundschaft einfach ignoriert. Das kam für mich unerwartet und trug dazu bei, dass ich mich öffnete und bereit war, meinen Standpunkt zu überdenken.

Später setzte sich diese Entwicklung fort, als ich auf meinem beruflichen Weg immer wieder homosexuellen Männern und Frauen begegnete, von denen nicht wenige zu guten Freundinnen und Freunden wurden. Ich erlebte es so, dass im Umgang mit ihnen meine anfängliche Befremdung, moralische Bedenken und die Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem „Richtig“ oder „Falsch“ mehr und mehr in den Hintergrund rückten. 

Ich habe mich auf diese Menschen eingelassen und versucht, ihnen in ihrer Ganzheit zu begegnen. Inzwischen bin ich zutiefst davon überzeugt, dass diese Haltung mit christlichen Grundwerten durchaus in Einklang steht. Dabei ist mir bewusst, dass nicht alle Christen zu demselben Ergebnis kommen.

Dennoch war ich vor diesem Hintergrund erschrocken, als ich mich in meiner wunderbaren und als offen geglaubten Gemeinde einigen Meinungen stellen musste, von denen ich nur annehmen konnte, dass die, die sie vertraten, bis dahin wenig oder keine Berührung mit homosexuellen Menschen gehabt hatten. Menschen, die ansonsten verständnisvoll und liebevoll mit anderen umgingen, überraschten mich mit ihrer starken Abwehrhaltung.

Nicht bei allen in meiner Gemeinde war das so. Es gab eine große Bandbreite von Haltungen und Ansichten. Am Ende dieses Prozesses war uns jedoch klar, dass in diesem Thema sehr viel Sprengkraft lag, die ausgereicht hätte, die Gemeinde zu spalten. Das wollten wir unbedingt verhindern. Und so blieben wir mit unseren Beschlüssen und Statements sehr vorsichtig und am Ende zu wenig entschlossen, als dass die beiden Frauen dadurch ermutigt worden wären, den Vorstoß zu wagen und um Aufnahme bei uns zu bitten.

Ich hätte es gerne erlebt, sie mit ihrem Kind unter uns leben und mitarbeiten zu sehen und zu erfahren, wie im Austausch und im Nebeneinanderstehen vor Gott allmählich Verständnis und Annahme gesiegt und Vorbehalte und Gefühle von Fremdheit abgebaut worden wären. Aber nun ist das Thema nicht mehr auf der Agenda; einigen zur Erleichterung, anderen zum Verdruss. Ich bin sicher, dass wir uns ihm bald wieder stellen müssen. Dabei bleibt für mich die Frage noch unbeantwortet, wie so ein Prozess in einer Gemeinde gelingen kann, ohne dass es zu einer Spaltung kommt.

Vielleicht, so denke ich heute, sind die offene Debatte und der Versuch, einen Gemeindebeschluss herbeizuführen, gar nicht der richtige Weg. Vielleicht braucht 

es dazu – wie in meinem eigenen Leben – vor allem Geduld und viel Reifezeit. Ich bin und bleibe Mitglied meiner Gemeinde, auch wenn ich mir ein anderes Ergebnis gewünscht hätte. Gemeinde bleibt eine Weggemeinschaft und die Einheit muss – auch in anderen Bereichen – noch gefunden werden.

Vor kurzem bekam ich in einem Gespräch mit einem Mann so etwas wie eine Spur dahin gezeigt: Als evangelischer Christ arbeitet er in einer katholischen Kommunität unter Studenten. Ich fragte ihn, ob ihm seine katholischen Brüder Zutritt zur Kommunion gewährten. Er verneinte. Auf meine Frage, wie er das ertragen könne, gab er mir zur Antwort: „Ich hoffe, dass es eines Tages anders wird und halte aus“, und dann fügte er zu meinem Erstaunen noch hinzu: „...damit die Sehnsucht nach der Einheit wach bleibt.“ Mein spontaner Gedanke war: Sehnsucht? – Wie schwach ist das! Was kann man damit schon verändern? Aber später dachte ich: Sehnsucht? – Wie stark kann das sein! Denn wen die Sehnsucht antreibt, der hofft und lässt sich nicht abdrängen und wenn er am Ende mit seinem Anliegen ans Ziel kommt, dann hat er sein Gegenüber vielleicht gewonnen anstatt besiegt! 

Die Sehnsucht wach halten – das könnte ein gutes Prinzip sein. Und das nicht nur in der Frage nach der Aufnahme von Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen in unseren Gemeinden und Kirchen, sondern auch in den vielen anderen nach Veränderung und Heilung schreienden „Noch nicht“-Situationen in Kirche, Welt und in unserem Leben überhaupt.


Geschrieben von Esther Runkel
2016

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