GOTTESBILD

Elia - ein Frontmann Gottes im Frust

Wie ist Gottes Wesen denn wirklich? Was ist "typisches" Verhalten Gottes? Ein Text über einen Gott, der unter die Ginsterbüsche kriecht.

Wer die Bibel zur Hand nimmt mit der Fragestellung : "Wie ist Gottes Wesen denn wirklich? Was ist "typisches" Verhalten Gottes?" wird es wohl schon manches Mal als recht verwirrend empfunden haben, dass sich aus den biblischen Erzählungen gar kein so einheitliches Bild erstellen lässt, wie man vielleicht einmal dachte oder beigebracht bekam. Statt dessen kann man sich manchmal geradezu des Gefühls nicht erwehren, dass Gott irgendwie ein bisschen unberechenbar scheint in seinem Umgang mit uns Menschenkindern. Sei es der Herr, dein Gott des Alten Testaments oder der Herr Gott - warum handelt Gott /Jesus im Neuen Testament: Warum handelt er bei dem einen so, und bei einem anderen in scheinbar gleicher Situation so völlig anders? Warum einmal so strafend, ein anderes Mal so unendlich langmütig? Warum einmal so hart, ein anderes Mal so unendlich geduldig? Warum einmal so schroff, ein anderes Mal so unendlich zart ?

Nun sollte man natürlich nie vergessen : Gott ist nicht berechenbar, Gott ist niemals verfügbar, lässt sich in seinem Wesen und Handeln nicht kategorisieren, durchschauen und völlig verstehen. Gott wird immer Gott bleiben und wir immer Menschen. Dennoch - wenn wir laut Röm. 15,4 aus der Schrift Belehrung, Trost und Hoffnung empfangen sollen, kann sich dies ja wohl nicht allein auf die Erkenntnis beschränken, dass wir Gott eben nicht erkennen könnten.

Von daher ist es sicher nicht falsch, zumindest so etwas wie eine "demütige Vermutung" auszusprechen. Und die Antwort scheint mir in dem zu liegen, was der Hebräerbrief (12, 10) beschreibt : Dass "Gott an uns nicht wie ein menschlicher Erzieher "nach Gutdünken" handelt, sondern "zu unserem Besten". Das will doch auch heißen, Gott verfährt nicht überall nach ein und dem selben Schema, sondern er ist derjenige, der in unser Herz schaut, und so handelt, wie es uns in unserer (individuellen) Situation auch wirklich weiterhilft. Dieses göttliche "pädagogische" Prinzip gibt auch das Buch der Sprüche auf die menschliche Ebene weiter : "Erziehe den Knaben seinem Wege (o. seiner Weise) gemäß !" (22,6) - also so, wie es dem Kind und seiner Individualität und Person entspricht.

Eins meiner Lieblingsbeispiele für dieses liebevolle Handeln Gottes "unserer Weise gemäß" ist die Geschichte vom lebensmüden Propheten Elia in 1. Kön. 19.

Nicht jedem mögen die Geschichten des alten Testaments gleich präsent sein, vielleicht deshalb ein paar Worte zur Vorgeschichte :

Das Königreich Israel steht unter der Herrschaft Ahabs und Isebels. Schon vorher herrschten harte Zeiten für die, die dem Gott Israels treu anhängen wollten, aber seit Ahab die sidonitische Prinzessin Isebel geheiratet hat, setzt eine- tödliche Verfolgung des Glaubens an Gott ein. Mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, sucht Isebel die Durchsetzung des Baals- und Ascherakultes auf breiter Ebene. Gottes bitter ironische Antwort aufs diesen Fruchtbarkeitskult lautet: jahrelange Dürre. Der Prophet Elia sagt voraus, dass dreieinhalb Jahre kein Regen fallen soll. Ahab schiebt darauf Elia in mutwilliger Fehldeutung der Sachlage die Schuld hierfür zu und lässt ihn überall (vergeblich) durch seine Soldaten suchen. Gott jedoch verbirgt seinen Propheten, bis das Ende der angekündigten Zeit naht. Nun schickt er Elia an die Öffentlichkeit. Er tritt vor den König und fordert die Anhänger Baals zum berühmten Gottesurteil auf dem Karmel heraus: Der Gott, der auf ein Opfertier mit Feuer antwortet, soll der wahre Gott sein. Trotz wilder Rituale der Baalspriester wird deutlich: Baal kann keine Gebete erhören., Gott aber antwortet mit Feuer vom Himmel und das Volk erkennt: "Der Herr ist Gott!" Die Kraftprobe endet (für unseren heutigen Geschmack recht blutrünstig) mit der Vernichtung der Baalspropheten auf Elias Befehl durch das Volk. Anschließend an das Bekenntnis der Israeliten zu ihrem Gott fällt endlich nach dreieinhalb Jahren endlich wieder Regen.

1. Kön. Kapitel 19, 1-18 (nach Luther rev. 1984)

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder [korrektere Übers.: Ginster] und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?

Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen.

Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasa�l zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner Statt. Und es soll geschehen: Wer dem Schwert Hasa�ls entrinnt, den soll Jehu töten, und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den soll Elisa töten. Und ich will übriglassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.

Noch hat man als Leser des Königebuches den grandiosen Triumph des Elia sozusagen auf der Zunge, da wandelt sich das Bild innerhalb weniger Sätze völlig. Auf einmal finden wir den großen Propheten lebensmüde und völlig am Ende unter einem Ginsterstrauch sitzen.

Der hier angesprochene Retemginster ist nicht unbedingt ein niedriges Gebüsch, sondern ein Strauch, der mehrere Meter hoch werden kann, eher ein kleiner Baum also. Bäume haben in der Bibel häufig eine symbolische Bedeutung. Im heißen Palästina kommt ihnen ein buchstäblich herausragender Wert als Schattenspender zu, sie stehen für Erquickung und für die Anwesenheit des lebensnotwendigen Wassers. Nicht selten werden sie daher sinnbildlich-namensgebend für bestimmte, besondere Ort oder eine damit verbundene, besondere Person, so z.B. die Debora-Palme oder die Tamariske Sauls, an denen die berühmte Richterin oder Israels erster König öffentlich Recht sprachen.

Manchmal aber stehen Bäume auch umgekehrt sinnbildlich für die beschränkte Situation eines Menschen, der sich verkriecht, der eine begrenzte Perspektive hat und "hervorgelockt" werden muss, denken wir an Adam und Eva, die sich vor Gott unter den Bäumen verbergen, an Zachäus im Maulbeerbaum oder Nathanael unter dem Feigenbaum. Ähnlich müssen wir uns dies wohl bei Elia hier vorstellen : dieser Ginster wird zwar recht hoch, wächst aber quasi blattlos. Darunter zu kriechen ist eine struppige Angelegenheit (Luther versuchte dem durch die Übersetzung "Wacholder" wohl mit einem Gewächs nördlicher Breiten nahe zu kommen) und der Schatten bleibt sehr mäßig. Ein Ort, der Elias Situation entspricht. Denn Elia war keineswegs auf Genuss und Gemütlichkeit aus, sondern befand sich vielmehr in äußerst destruktiver Stimmung. Seine Verfassung war völlig auf dem Tiefpunkt, äußerlich wie innerlich war ihm einfach alles gleichgültig geworden.

Wie konnte das passieren?! Gerade vorher hatte er doch einen so großen Sieg erlebt. Versuchen wir uns das Vorangegangene vorzustellen : Elia hatte enormen Mut bewiesen und sein Leben dabei riskiert, öffentlich allein gegen König Ahab und Hunderte von Baalspriestern anzutreten. Er erlebte eine großartige Bestätigung seines Mutes durch das Wunder, als Gott auf Elias kurzes Gebet hin Feuer vom Himmel als Zeichen seiner überragenden Macht fallen ließ. Ihm gelang ein riesiger Überzeugungserfolg: das ganze Volk brachte er auf seine Seite. Nicht genug, dem schloss sich ein weiteres Wunder an: auch Elias Gebet um Regen wurde erhört. Auf Feuer vom Himmel folgt Wasser vom Himmel, und steht mit dem Ende der langen Dürre als Zeichen für die erneuerte Gnade Gottes. Und schließlich vollbrachte er eine enorme körperliche Leistung in der Kraft Gottes, indem er meilenweit wie ein Herold vor Ahabs Pferdegespann herläuft, das vor dem einsetzenden Wolkenbruch davoneilt.

Keine Frage - das Ganze war ein "Mega-Ereignis", und hätte es damals so etwas wie "Israel sucht den Superstar" gegeben, wäre Elia der Kandidat gewesen!

Aber dann folgt der steile Absturz. Vielleicht kennen wir das von uns selbst: Wir erleben das Wirken des Geistes (das "Feuer"), wir erleben auch den "Regen", der für den Segen Gottes, für die Frucht, die er schenkt, steht. Aber wenn der letzte Adrenalinschub abgeklungen und die Akkus schlagartig verbraucht sind, dann reicht ein kleines widriges Erlebnis, irgend jemand, der einem in die Parade fährt - und alles fällt zusammen. Aus Erschöpfung heraus sind wir um so anfälliger für Mutlosigkeit, Angst, Depression.

Vielleicht spielte für Elia auch eine ganz grundsätzliche Enttäuschung eine Rolle. Vielleicht hatte er erwartet, dass nach all diesen Ereignissen eine Bekehrungswelle im Hause Ahab ausbrechen, oder dass das Volk die skrupellose Königin Isebel aus dem Land jagen würde. Aber dann hatte er die Rechnung ohne eben diese Isebel gemacht, deren Einfluss auf den wankelmütigen Ahab weit größer blieb als der des Propheten. Zur Not kann Isebel selbst Schicksal spielen: sie schwört Elia ihre Rache zwar bei diesen auf dem Karmel so nutzlos gebliebenen Göttern, aber ihre Drohung, ihn umzubringen klingt und ist durchaus ganz realistisch!

An sich war dies nichts Neues für Elia: Es hieß für ihn auch vorher schon seit Jahren "wanted dead or alive". Offensichtlich hat er dem plötzlich aber innerlich nichts mehr entgegenzusetzen. Elia lässt tatsächlich alles fahren, was er gerade geistlich-politisch gewonnen und erreicht hat, er rennt um sein Leben, ja - er tritt den kompletten Rückzug an.

Wir können uns noch immer verwundert fragen: Warum? Elia hatte doch vorher schon im Verborgenen gelebt. Da beauftragte ihn jeweils Gott, wohin er gehen sollte, und sagte ihm auch gleich, wie er dort für ihn vorgesorgt hatte: am Bach Krith ernährten ihn Raben, in der fremden Stadt Zarpath eine Witwe. Jetzt aber rennt Elia kopf- und ziellos einfach blindlings in die Wüste. Der bis dahin so kühne Streiter Gottes wirft das Handtuch - bzw. sich selbst unter den erstbesten Strauch, den er findet, und möchte einfach nur, dass alles ein Ende hat. Er ist enttäuscht vom Verlauf der Dinge. Und er ist furchtbar enttäuscht von sich selbst ("ich bin nicht besser als meine Väter"), aber ihm fehlt die Kraft, es besser zu machen.

Da hockt er nun, der Elia, der vor wenigen Tagen so hoch auf dem Karmel stand. Dem alle Wege offen erschienen sein mussten. Der selbst Perspektive vermittelt hatte. Dessen Blick über den Horizont reichte - er sah ja den Regen schon kommen, bevor sein Diener auch nur die Spur einer Wolke am Himmelsrand erkennen konnte. Und nun? Seine ganze Perspektive ist zurückgeschrumpft auf sich selbst, auf seine Minderwertigkeit, sein Versagen, auf all die missglückten Pläne.

Weder kann (noch will er vermutlich im Moment) an andere denken. Oder an Gottes Möglichkeiten und seine auf eine neue Zukunft ausgerichtete Pläne. Elias ganzer Horizont hat sich drastisch verengt auf den dünnen Schatten eines Ginsterstrauches, und alles scheint ihm düster, hoffnungslos, gleichgültig.

ABER: Gott findet ihn da unter seinem Ginster. Er hört sein Gebet wohl, auch wenn er vermutlich den vordergründigen Inhalt von Elias Bitte, sterben zu wollen, milde lächelnd über-hört. Strenge Gemüter könnten Elias Bitte als lästerlich empfinden, als Anmaßung, womit der Mensch Elia seine Kompetenzen überschreitet. Gott aber legt den Inhalt nicht auf die Goldwaage, sondern nimmt wahr, was hinter dieser Bitte steckt. Gott weiß wohl, dass man manchmal jemand eigentlich ernster nimmt, wenn man nicht zu ernst nimmt, was er sagt. Wenn man hinter die gesagten Worte horcht und dort das Eigentliche wahrzunehmen weiß. Leider geht uns Menschen dies häufig ab, worin Gott der wahre Meister ist. So auch hier: Gott geht nicht auf Elias Worte, sondern er geht auf Elia selbst ein.

Beachten wir zunächst, was Gott dabei nicht sagt. Er sagt nicht: Elia - du hättest einen geistlichen Feldzug beginnen sollen, statt dessen bist du weggerannt, und jetzt ist alles zunichte! Elia, wie steht jetzt das Bekenntnis zum Herrn da vor dem Volk? Elia, Entmutigung ist vom Teufel! Elia, dein Verhalten ist eines Propheten nicht würdig! Elia, du bist ein Versager ! Und vor allem: Elia, hör auf, in Selbstmitleid zu zerfliessen!

So ganz unberechtigt wäre dies alles ja gar nicht. Wir wissen zudem, dass Gott auch ganz anders als bei Elia reagieren kann. Die Bibel gibt uns da einige Beispiele. Zu Josua sagt er : Was liegst du da auf der Erde und jammerst? (Jos. 7, 10f.) Oder zu Jeremia : Wenn es dich schon ermüdet, mit Fußgängern Schritt zu halten, wie willst Du dann mit Rossen laufen? (Jer. 12, 5)

Gott reagiert nicht bei allen Menschen so wie bei Elia. Aber - das glaube ich fest - er reagiert so bei allen Menschen, die es so brauchen wie Elia. Gewiss wollte Gott Elia nicht in seiner selbstkonzentrierten Perspektive bestätigen. Aber Gott wusste : Elia kann im Moment über den Rand seiner beschränkten "Ginsterbuschperspektive" nicht mehr hinaussehen. Und was Elia in diesem seinen Erlebnishorizont und in seiner Lebenssituation vor allem braucht, ist die Bestätigung seiner Person. Und die könnte er nicht fassen, wenn er gleichzeitig (selbst, wenn es noch so berechtigt wäre) kritisch heruntergeputzt würde.

Und so macht der allmächtige Gott sich auf zu Elia. Der große und großmütige Gott kriecht zu dem kleinen und kleinmütigen Elia unter seinen Ginsterbusch. Gott bietet ein ganzes "Programm" auf für seinen Propheten - und beginnt mit Elias ganz irdischen und leiblichen Bedürfnissen : Schlafen, Essen, Trinken. Es gibt Zeiten im Leben, da kann es angesagt sein, geistliche Krisen durch Fasten und Verzicht zu bewältigen, da heißt es Wachen und Beten. Aber es gibt auch Situationen, für die das Umgekehrte gilt. Askese aus grundsätzlicher Leibfeindlichkeit ist keine biblische Botschaft. Ein Paulus, der in den griechischen Körperkult hinein durchaus sagen konnte : "Leibliche Übung ist zu wenig nütze" (1. Tim. 4,8), hält an anderer Stelle fest, dass die religiös motivierte Geringschätzung der körperlichen Bedürfnisse zu geistlichen Fehlentwicklungen führen muss (Kol. 2, 23; 1. Tim. 4, 3-5). Dass der Körper nach der Genesis "aus Erde geformt" ist, drückt zwar einerseits die Vergänglichkeit des Körpers und seiner Bedürfnisse aus, aber andererseits auch die Zuwendung und mühevolle "Handarbeit", die Gott auf seine Erschaffung verwandt hat. So gilt jetzt Gottes Fürsorge an Elia auch zunächst ganz diesseitigen Dingen.

Die wundersame Versorgung mit Nahrung war, wie bereits erwähnt, für Elia ja nichts Neues. Aber diesmal schickt Gott keine irdischen Übermittler, sondern einen Engel als seinen direkten Boten. Dieser Engel kommt Elia ganz nah, berührt ihn freundlich und bringt ihm zu Essen und zu Trinken. Wenn wir von Brot und Wasser lesen, denken wir wahrscheinlich eher an ein kärgliches Lebensminimum. "Brot und Wasser" - das steht bei uns schließlich für Gefängniskost - also doch Geringschätzung des Leibes ?

Nun hatte man zu Elias Zeiten sicher ohnehin geringere kulinarische Ansprüche als heutzutage. Aber die Formulierung der biblischen Beschreibung will auch richtig gelesen werden. Selbst in unserer Zeit kennt man den Unterschied z.B. zwischen Brot - Kaffee - Wasser oder ofenwarmes Brot - frisch aufgebrühter Kaffee - kühles, klares Wasser.

Das Brot des Engels war nach der Schilderung der Bibel frisch auf der Glut gebacken. Das Wasser befand sich in einem Krug. Das war nicht das übliche Behältnis für eine Wüstenreise - da benutzte man Lederschläuche. Jeder kann sich ausmalen, wie schales, lauwarmes Wasser aus einem Lederschlauch schmeckt... In einem Krug wie bei Elia befand sich Wasser dann, wenn sich das Kühlhalten lohnte und man sich den Luxus eines zerbrechlichen Gefäßes leisten konnte. Gott speist Elia also nicht mit einem Minimum ab, sondern er lässt ihn wissen: ich mache mir Mühe für Dich, Du bist mir etwas Gutes wert, sieh, das biete ich auf für Dich. Ja, mit einem Mal nicht genug, er nötigt Elia quasi noch zu einem "Nachschlag" und wiederholt seine Fürsorge ein zweites Mal.

Und Elia? Er bekommt über Gottes Zuwendung immerhin so viel Antrieb, dass er wieder körperlich Kraft gewinnt. Er ist wenigstens äußerlich in der Lage, sich auf Gott zu zu bewegen, auch wenn dieser Weg noch weit ist und wir merken werden, dass seine innere Perspektive zunächst die gleiche geblieben ist. Elia macht sich auf zum Horeb, zum Sinai: seit Mose und dem Auszug der Israeliten der klassische Ort der Gottesbegegnung.

Es bleibt etwas unklar, ob es sich hierbei um Gottes Auftrag handelt, oder ob Elia aus Eigeninitiative handelt, jedenfalls war er dafür Hunderte von Kilometern unterwegs. Der Sinai bedeutete nicht nur, möglichst weit weg von Isebel und ihren Häschern zu sein, sondern musste auch die ganz besondere Erwartung wecken, Gott dort zu begegnen.

40 Tage und Nächte war Elia unterwegs. 40 Tage und Nächte - das hat Tradition in der Bibel. 40 Tage und Nächte stehen oft für eine Zeit, mit sich und Gott ins Reine zu kommen, für eine Zeit des Sich-Einordnens, der Neuordnung vor Gott: denken wir an Noah (Gen. 8, 6), Mose (Deut. 9, 9) oder an Jesus (Matth. 4, 2). Am Ende dieser 40 Tage und Nächte steht ein klares Ergebnis: das Ende der Sintflut, die 10 Gebote, die Taufe im Heiligen Geist. Nicht so bei Elia: seine Sinfonie heißt "die Unvollendete" - er ist noch keineswegs im Reinen mit Gott. Am Sinai treffen wir ihn somit wieder an einem Ort des Verkriechens, in einer Höhle, an. Und seine Stimmung ist noch keinen Deut besser!

Aber auch dort findet ihn wieder das Wort des Herrn: Was willst du, was machst du hier, Elia? Nun stellt Gott seine Fragen ja nicht aus Informationsbedürfnis. Er stellt sie um ihrer Wirkung am Gefragten willen. Er möchte Elia herausfragen, herauslocken aus seinem dumpfen Brüten, aus dem er inzwischen wohl selbst nicht mehr heraus kann.

Da bricht aus Elia die Klage heraus. Und er beklagt sich über vieles. Er führt (nach Röm. 11, 2) zum einen Klage gegen Israel, das treulose Volk mit seiner enttäuschenden Wankelmütigkeit. Er klagt über all seine vergebliche Mühe. Er klagt über seine Einsamkeit. Und er klagt eigentlich auch über Gott. In all dem versteckt sich letztlich die Anklage gegen Gott selbst, für dessen Sache sich Elia schließlich eingesetzt hat, und der wohl doch nicht nachhaltig und einschlägig genug gewirkt hat. Der wohl auch keinen Plan mehr für diese "Sackgassensituation", wie Elia sie sieht, hat.

Wie so oft vermischen sich in Elias Gedanken echte Realität und verzerrte subjektive Sicht. Elia steckt immer noch in seiner ganz selbstkonzentrierten Perspektive : "ich allein bin übrig". Wir wissen aus Vers 18, dass das ja nicht stimmt. "Ich habe mir 7000 übriggelassen", sagt Gott. 7000 - d.h. sicher nicht genau 6999+1, sondern "eine große Zahl" Natürlich hat Gott zudem längst schon Pläne gefasst, um in Israels verkorkste Politik einzugreifen, von denen Elia sich nicht träumen lässt in seiner missmutigen Sicht der Dinge.

Und was sagt Gott denn nun zu dieser schiefen Sichtweise in Elias Klage? Merkwürdig, wenn wir genau nachlesen - er sagt nichts. Nichts sagt Gott dazu!! Gott verschluckt sich nicht vor Eifer, Elia Sicht und Kopf zurechtzurücken. Wir hören kein: Elia, du verlierst das Maß - jetzt reicht's langsam, hör endlich auf mit deinem Gejammer! Kein: Ich habe noch ganz andere als dich auf Lager, Elia, ICH bin nicht auf dich angewiesen. Kein: Schweig still, ich muss dich jetzt mal aufklären, was Sache ist! Kein: Ich bin nicht bereit, mir das weiter anzuhören!

Sondern Gott lässt sich einen langen Atemzug Zeit. Er lässt Elias Klage ihren Lauf. Er stopft sie ihm nicht in die Kehle zurück, sondern sagt: Komm heraus, Elia! Nicht das vorwurfsvolle: Komm heraus aus deinem Selbstmitleid, sondern: Komm heraus und tritt vor mich, begegne mir!

Noch ein weiteres Mal betreibt Gott einen hohen Aufwand für seinen Propheten. Beeindruckende Ereignisse lässt Gott als seine Vorboten aufmarschieren. Blitz, Feuer und Donner, Getöse und Sturm, Gottes Stimme, die die Erde erschüttert - das kennen wir von Moses Begegnung mit Gott am Sinai. Es demonstriert, wozu Gott in der Lage wäre: Wen immer Elia fürchtet, wer immer zur Zeit die Oberhand zu haben scheint, für Gott wäre es ein Leichtes, ihn beiseite zu fegen. Es demonstriert auch, wer Gott ist, nämlich sicherlich keiner, der sich Anklagen anhören müsste.

Aber - dies alles geht ihm nur voraus, es ist nicht Gott selbst, nicht das, was in Gottes Herzen ist. Dies alles könnte Gott tun, aber er will es nicht. Die Begegnung mit Gott findet im stillen, sanften Säuseln statt. Wer darauf hören kann, hört Gottes wirkliches Reden.

Elia weiß das. Er zieht nicht, wie zu erwarten wäre, die Kapuze herunter, als die entfesselten Naturgewalten abklingen, sondern nach jüdischer Sitte zieht er als Zeichen der Ehrfurcht den Mantel über den Kopf, da er weiß: jetzt ist heiliger Boden, jetzt kommt Gott selbst zu mir.

Gott erneuert seine Frage: Was tust du, was willst du hier, Elia? Und Elia - ihn scheint all dies gar nicht recht erreicht zu haben, er kann immer noch nicht heraus aus seiner Haut. Mit gewissem Trotz (um nicht zu sagen Dreistigkeit) wiederholt er noch einmal wortwörtlich seine schon bekannte Klage.

Und Gott? Gott hört sich das auch zum zweiten Mal an. Wie viel Geduld besitzen wir eigentlich, uns die selbe Klage zweimal anzuhören?? Wie viel Geduld besitzen wir eigentlich, uns die selbe Klage zweimal anzuhören, wenn wir den Eindruck haben, dass sie auf einer schiefen Sicht der Dinge beruht?? Warum explodiert Gott eigentlich nicht ?!

Weil das stille, sanfte Sausen keine Pose Gottes ist, sondern echt, weil es seinem tiefsten Wesen entspricht. Darum haut er jetzt nicht drein, es geht ihm nicht darum, einen gebeugten Menschen noch mehr zu beugen, sondern ihn wieder auf-zu-locken, ihn wieder auf-zu-richten.

So hebt er sehr bestimmt und bestimmend, aber doch mit ganz feinem Gespür Elias Gesicht nach oben und nach vorn. Statt mit ihm herumzuzanken und herumzuargumentieren, gibt er ihm neue Aufträge. Und ganz ohne argumentativen Schlagabtausch, sondern geschickt verpackt im Nebenschluss - sozusagen im Nebensatz - rückt er dabei auch Elias verschobene Sicht der Dinge zurecht.

Gottes Aufträge stellen Elia wieder in den großen Zusammenhang, der weiterreicht als seine subjektive Perspektive. Gottes Aufträge richten ihn wieder aus auf das Eigentliche. Gottes Aufträge sagen Elia: du bist immer noch mein Prophet. Und im Gepäck dieser Aufträge lässt er ihn wissen : Für die, die dir Angst machen, habe ich mir schon längst diejenigen ausgesucht, die die Tage deiner Verfolger und ihre Herrschaft gezählt sein lassen. Einen davon (Elisa) gebe ich dir als Stütze direkt an die Seite. "Prophet an deiner Stelle" heißt hier nicht etwa: du bist abgesetzt. Sondern: Elisa wird das Werk, das du schon verloren gegeben hast, sogar noch über dein Leben hinaus forttragen. (Der weitere Verlauf zeigt uns, dass Elia und Elisa nicht nur ein Lehrer-Schüler, sondern geradezu eine Vater-Sohn-Beziehung entwickelten.)

Gott lässt Elia wissen: Deine Mühe war nicht sinnlos, ich habe nicht alles sich selbst überlassen, sondern es sind immer noch ganz viele andere da, die dein Anliegen teilen.

Diese Informationen waren wichtig für Elia, die reine Information hätte Gott ihm freilich einfacher und schneller geben können. Aber es war die Begegnung mit Gott, die für Elia heilsam war. Und Gott gestaltete die Art und den zeitlichen Ablauf dieser Begegnung so, wie Elia es annehmen und wahrnehmen konnte. Er donnerte Elia nicht schon in Vers 4 eine Zurechtrückung entgegen, sondern Gott kroch zu Elia unter den stachligen Ginsterstrauch seines Stimmungstiefpunktes. Gott lockte ihn sanft aus der Höhle seiner Selbstkonzentration. Gott suchte die Begegnung mit Elia, nicht die Konfrontation. Und so nahm er ihn neu in den Dienst. Darum sehen wir in den Folgekapiteln auch einen Elia, der seine rechte Perspektive wieder gefunden hat.

Noch einmal: Gott reagiert nicht bei allen Menschen so wie bei Elia. Aber - das glaube ich - bei allen Menschen, die es so brauchen wie Elia. Doch auch wenn Menschen härter von Gott angefasst werden, muss das nicht darin seinen Grund haben, dass Gottes Wesen hart wäre. Sondern vielleicht handelt er dann ja so, weil es diesen Menschen letztlich so "zum Besseren" dient, weil dies ihrem "Weg gemäßer" ist ? Denn Elias Geschichte hilft uns zu erkennen, wie das Wesen Gottes ist, das hinter seinem Handeln steht. Das Wesen des Gottes, der nicht in Getöse und Macht, sondern im stillen, sanften Sausen gegenwärtig war.

Dies dürfen wir zuallererst einmal für uns selbst gelten lassen: Gottes Wesen kann und will uns so begegnen, so auf uns eingehen wie bei Elia. Lassen wir es vielleicht aber auch heilsam darauf wirken, wie wir anderen Menschen begegnen.

Unser Umgang miteinander ist häufig an "Sachverhalten" orientiert. Wir sehen die "falsche", subjektiv verschobene Perspektive des anderen und rücken ihm den Kopf zurecht. Dabei können wir erstens gar nicht beanspruchen, die wirklich objektive Perspektive zu haben. Und zweitens verzichtete selbst Gott, der sie unbestreitbar hat, darauf, einen Elia zurechtzustutzen.

Selten fragen wir : Was geht hinter der "falschen Sichtweise" in dem Menschen vor? Würde ich ihm da nicht viel zentraler, viel echter begegnen, als wenn ich dabei stecken bleibe, mit ihm herum zu argumentieren ?

Gott hat es uns an Elia vorgemacht: Gott war (Jak. 1, 19) "bereit und schnell zum Hören, und langsam zum Reden". Dadurch hörte und sah er hinter Elias verzerrte Perspektive, ja er konnte sie in Geduld zunächst mal einfach hinnehmen. Und nicht nur einfach, sondern zweifach: Er konnte sie sich zweimal anhören, ohne mit (sachlich durchaus berechtigten!) Argumenten loszulegen.

Gott suchte nicht zuerst die Richtigkeit der Sache, sondern den Menschen Elia. Er suchte nicht die Konfrontation, sondern die Begegnung. Tun wir es ihm nach!

Misslungene gelebte Kommunikation, die im Schlagabtausch statt in der Begegnung endet, ist ein ganz menschliches Problem. Es spielt für alle eine Rolle, meines Erachtens aber vielleicht gerade besonders für uns Homosexuelle auf dem Weg zu einem "Ja" zu uns selbst. Eigentlich sollten doch gerade wir wissen, was destruktive Kommunikation anrichten kann, wie sehr man sich nach Menschen sehnen kann, die einem als Mensch begegnen wollen.

Aber wenn wir begegnen wollen, bedeutet dies auch Öffnung. Die meisten von uns sind jedoch Menschen, die Erfahrungen mit innerer Druckausübung, mit Schuldzuweisungen durch eine Gruppe, mit Gewissensmanipulation gemacht haben. Wir kannten häufig über uns nur Worte in Donner und Blitz, Beben und Sturm. Und natürlich haben wir da "die Kapuze hochgezogen". Wir alle haben Bewältigungsstrategien entwickelt, um damit fertig zu werden und uns zu schützen. Wir haben uns damit vielleicht auch inzwischen innerlich "in Sicherheit gebracht". Aber meist sind wir damit keineswegs in einem unerschütterlichen Frieden angekommen.

Darum können uns unsere Strategien im Miteinander zum Fallstrick werden. Unsere Seismografen sind womöglich sehr, um nicht zu sagen überempfindlich eingestellt. Wir kommen sehr schnell (zu schnell ??) an den Punkt, wo wir das Gefühl haben, wieder den Druck aus unserer Vergangenheit zu erleben. Und dann reagieren wir mit unseren entwickelten "militärischen" Mitteln. Bei dem einen ist das die "scharfe Munition", bei dem anderen das "Eingraben", vielleicht eben auch das Verkriechen unter Ginsterbüschen und in Höhlen.

"Militärische Mittel", Angriff oder Rückzug, sind freilich nicht sehr friedens-stiftend. Frieden stiften ist nicht umsonst ein Aktionswort, denn Frieden kommt und bleibt nicht von selbst. Aber echter Frieden zwischen Menschen kommt wiederum nicht allein auf der sachlichen Ebene, sondern da, wo wir den anderen suchen.

Gott suchte Elia. Worauf er zunächst stieß, waren stachlige Ginsterzweige, eine enge Höhle, vierzig Tage missmutiges Schweigen und dann ein Haufen Klagen. Gott ließ sich nicht abhalten. Er setzte vielmehr himmlische und ganz irdische Dinge in Bewegung, um Elia da wieder herauszulocken. Aber die eigentliche Begegnung, die Gott schließlich wählte, hat etwas geradezu Verletzliches : das stille sanfte Sausen. Aber dies war es, das Elia veranlasste, den ersten Schritt heraus zu wagen. Tun wir es ihm nach !


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