"HEILUNG"

Gedenkt nicht des Vergangenen – Vergangen – verhangen – gefangen? Schritte zur Heilung

Wie gehe ich als homosexueller Christ mit meinen besonderen Erfahrungen in der Vergangenheit um, die mich beschäftigten, die mich nicht loslassen wollen, die mich vielleicht immer noch bedrücken? Wie kann ich zu einer Heilung kommen, die hier bei Zwischenraum ja nicht Heilung von der Homosexualität bedeutet, wobei es mir aber in diesem Zusammenhang weniger um die Heilung zur Homosexualität geht, wie wir das sonst sagen. Sondern um Heilung in unserer Beziehung zu Gott.

Geht es euch auch manchmal so?

Wir haben unser Coming Out hinter uns. Wir leben schon eine ganze Weile als homosexuelle Christen, vielleicht auch schon Jahre in einer Beziehung. Wir haben uns mit der Bibel beschäftigt und glauben eigentlich nicht mehr daran, dass sie uns verurteilt. Meistens oder zumindest phasenweise sind wir auch ganz zufrieden oder glücklich. Und dennoch bleibt ein "Stachel im Fleisch". Wir hören den Satz: "Jesus nimmt uns an, wie wir sind, aber er lässt uns nicht wie wir sind", oder wir hören etwas über Veränderung, über das Ausziehen des Alten Menschen, dass wir die Begierden des Fleisches ablegen sollen, und das Anziehen des neuen Menschen in Heiligkeit – und uns wird mulmig zumute, weil wir das alles 100x immer nur in einem Kontext gehört (oder zumindest auf uns bezogen) haben: unserer Homosexualität.

Oder wir haben seit langem mal wieder ein Gespräch mit jemandem aus unserer alten Gemeinde. Wir haben wieder mal so einen Artikel gelesen. Wir haben ein bestimmtes Lied wieder gehört oder ein bestimmtes Bibelwort. Oder irgendwas in unserem Leben ist schiefgegangen oder sogar unsere Beziehung ist zerbrochen oder wir haben etwas getan, dass wir selbst eigentlich nicht gutheißen. Und auf einmal ist alles wieder da – die Zweifel, die Unruhe, der Schatten der Angst. Manchmal neigen wir dann geradezu zu einer Art Selbstzerstörung, mit der wir uns diesem Einfluss erst recht noch und immer wieder aussetzen. Den einen verfolgt es in seinen Träumen und Visionen, den anderen in endlosen inneren Streitgesprächen mit imaginären Gegnern, den anderen mit psychosomatischen Symptomen. Da ist wieder diese Frage tief drinnen: Siehst du? Ist das nicht die leise, mahnende Stimme des Heiligen Geistes? Ist das nicht der fehlende Segen Gottes? Liegst du nicht doch falsch? Warum verfolgt dich das sonst noch immer?

Wem das noch nie so gegangen ist, dem kann ich jetzt nur drei Möglichkeiten geben:

  1. ungeniert aufzustehen und draußen eine Tasse Jacobs Dröhnung zu genießen und zu warten, bis Anette dran ist
  2. zuzuhören und vielleicht besser zu verstehen, wie es anderen geht
  3. das Gehörte auf andere eigene Lebensbereiche zu übertragen, weil ich denke, dass es gar nicht allein für eine homosexuell-christliche Identitätsproblematik gilt

Ich möchte das Ganze in zwei Teile teilen. Im ersten Teil wird es um unsere Beziehung zu Gott (und um unser Beziehungsbild davon) gehen, denn für mein Empfinden steht und fällt hiermit alles, was wir in unserer Frage denken, sagen und tun oder lassen können. Von daher wird das einen recht ausführlichen Teil einnehmen.

Im zweiten Teil möchte ich konkrete Schritte von der Verletzung zur Heilung, von der Opferrolle zur Überwinderposition, von der Bindung an die Vergangenheit zum Blick in die Zukunft aufzeigen.

Beziehung zu Gott – das ist das große Thema der ganzen Bibel. Und in der ganzen Bibel (wie auch in der ganzen Kirchengeschichte) finden wir immer wieder eine Form von Ambivalenz, von scheinbar widersprüchlichen Vorgaben. Da ist einerseits das Gesetz, andererseits der Glaube, einerseits der Gehorsam, andererseits das Vertrauen, einerseits die Moral, andererseits die Freiheit. Und so einfach, nur zu sagen, "Ach, das mit dem Gesetz ist doch vorbei, in Christus sind wir frei", scheint es auch nicht zu sein, wenn Johannes sagt:

Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit (1Joh 2,4).

Am einfachsten ist es noch, wenn wir Gesetz und Moral ausspielen können gegen die Beziehung: Wir alle kennen solche Menschen, die scheinen eine Art Bürger eines Landes namens Christentum zu sein. In diesem Land existiert ein strenges Gesetzeswerk, das es strikt zu befolgen gilt. Andernfalls tritt eine Polizei auf den Plan, die den Gesetzesbrecher ordentlich straft und die sich auch nicht immer scheut, Methoden einer geheimen Staatspolizei anzuwenden. Das wird aber als durchaus rechtens angesehen, da es um den Erhalt des Staatswesens Christentum geht, das an diesen Gesetzen aufgehängt ist. Von Beziehung zu Christus spürt man da nicht viel und jedem ist klar, dass DAS nicht gemeint ist.

Beides gehört in die Beziehung: der Glaube und der Gehorsam, das Vertrauen und die Frage nach Gottes Gebot, d.h. seinem gebotenen Willen. Aber sowohl in der Bibel als auch in der Kirchengeschichte drohten Menschen immer wieder, in ein Extrem zu verfallen und auf irgendeiner Seite vom Pferd zu rutschen: Da sind die Christen in Korinth und wohl auch in Rom auf der einen Seite, die meinten "Alles ist erlaubt" (1Kor 6,12) oder sogar: "Lasst uns ruhig sündigen, dadurch wird Gottes Gnade vermehrt" (Röm 6,15). Und alle jene Christen bis heute, die auf dem Standpunkt stehen: "Was mir gefällt und was ich will, das ist auch gut, da hat doch Gott nichts dagegen, jeder muss ohnehin seine eigene Ethik finden". Und da waren auf der anderen Seite die Pharisäer und jene Christen aus Galatien, die Vorschriften in den Vordergrund zogen wie Beschneidung, Zölibat und Speisegebote, und alle die gesetzlichen Christen, denen wir selbst schon begegnet sind. Oder jene Christen in Ephesus, die verkündigten, die Auferstehung sei schon geschehen (2Tim 2,18). Es gibt geistliche Realitäten, die wir im Glauben "ergreifen" und in unsere gelebte Realität umsetzen müssen: dass Christus uns von aller Sünde befreit hat, wir "heilig und ohne Flecken" sind und Gottes Kraft uns den Sieg über böse Zwänge gibt. Aber auch heute gibt es Christen, die glauben, dass dies quasi automatisch über unser Leben hereinbricht – und die oft gleichzeitig in grotesker Weise blind für ihre eigenen Fehler sind.

Zu gesetzlich, zu liberal, zu resigniert, zu schwärmerisch, zu hart, zu weichgespült. Wir alle kämpfen irgendwo zwischen diesen Extremen. Es bleibt manchmal ein Rätsel um die Frage "Was ist diese Heiligung, von der das Neue Testament ständig spricht?" Diese Frage macht uns besonders dann Not, wenn wir unsicher werden, ob wir noch "im Gehorsam", noch "im Willen Gottes" sind. Weil wir dann fürchten, dass damit die Beziehung zu Gott gestört ist und womöglich verloren gehen könnte.

Nun möchte ich, dass ihr mich mit dem, was ich jetzt sagen werde, nicht missversteht. Ich sage es aus der Berechtigung heraus, dass manche der scheinbaren Widersprüchlichkeiten in den Beschreibungen der Bibel, wie ein "richtiges Christsein" aussieht, damit zusammenhängen, dass Gott zu Menschen in Anfechtung ganz anders spricht als zu solchen, die sich selbst zu sicher sind oder auch zu solchen, die er gerade speziell "ins Trainingslager" nimmt. Heute, im ersten Teil dieses Vormittags, steht ihr für die Angefochtenen, für die, die "des Vergangenen gedenken", und darum rede ich zu euch als wie zu Angefochtenen.

Ich möchte euch im Folgenden nicht sagen, dass Gehorsam und Heiligung keine Rolle spielen. Aber ich lese in der Bibel, dass es in der Beziehung zu Gott einen geheimnisvollen Kern gibt, der auf einer anderen Ebene als Gehorsam oder Ungehorsam liegt. Um diesem Kern nachzuspüren, möchte ich ein paar Bilder oder Modelle für die Beziehung zu Gott durchspielen und über eine Person in der Bibel mit euch nachdenken.

Beziehung zu Gott

Es gibt ein Bild für die Beziehung Gott-Mensch (vgl. Ps 84,12 Gott der Herr ist die Sonne/zahlreiche Kirchenlieder), das ist das vom Planetensystem. Dieses Bild enthält viele positive und hilfreiche Gedanken: Gott ist die Sonne, die Wärme, Licht und Leben gibt. Wir sind die Planeten. Mit Gott als Sonne haben wir aufgehört, uns zum Mittelpunkt unserer Welt zu machen, nur um uns selbst zu kreisen, sondern Gott ist unser Bezugspunkt, der uns auf der Bahn hält. Sein Licht, das uns anstrahlt, macht uns zu Sternen für andere. Soweit so gut.

Nun gibt es aber Planeten, die sind näher dran und andere sind weiter weg. Die weit weg liegenden "Planeten" schauen vielleicht neidisch auf die, die Gott viel näher sind. Und die, die nah dran sind, schauen vielleicht verächtlich auf die, die "sich irgendwo da am Rand rumdrücken", und nicht so "eng mit Gott gehen" und so "fest im Glauben stehen". Und – irgendwo hat dieses Bild ja etwas Statisches: sowohl die Entfernung als auch die Nähe bleiben immer weitgehend gleich – man steht zwar fest im Glauben, aber bewegt man sich auch einen Schritt vorwärts?

Ich habe dazu mal eine Aussage gehört, die mir hängen geblieben ist: "Gott kommt es nicht so sehr darauf an, wie nah oder wie weit weg wir von ihm sind, sondern ob wir uns auf ihn zubewegen". Dieser Satz vom "Zubewegen" hat auch mich sehr bewegt.

Wir müssten also vom Planeten wechseln zum Bild der Raumsonde. Die Raumsonde, die heute vielleicht noch Lichtjahre von einem Himmelskörper entfernt ist, ist eigentlich die, die am nächsten dran ist, weil sie irgendwann auch bei ihm ankommt. Sie kreist nicht nur einfach immer im gleichen Trott auf einer ewig gleichen Bahn, sondern sie ist auf ihr Ziel ausgerichtet, sie sucht die Nähe. Das Bild zeigt die Bahn, die die Voyagersonden auf ihrer Fahrt nehmen sollen – und da erhebt sich für uns die Frage: Wer von uns könnte behaupten, sich immer auf einer so geraden Linie oder auch nur auf einer leicht gekrümmten Bahn zu bewegen? Schon unsere Lebensumstände bringen genügend Turbulenzen mit sich. Aber auch unser inneres Leben mit Gott ist ja nun mal nicht immer so einfach und geradlinig.

Und was ist, wenn wir vom Kurs abkommen? BILD-online meldete einmal: "Locken Aliens die Raumsonden auf ihren Planeten?

Die „Pioneer-Sonden“ (seit 1972 unterwegs) haben ihren Kurs auf rätselhafte Weise verändert. Eine unsichtbare Macht zieht sie ins Sternzeichen Stier". Ja, was ist, wenn irgendeine Macht uns aus der Bahn lockt, wie es in dieser Meldung mit den Pioneersonden geschah? Wenn wir Angst haben müssen, vielleicht irgendwo-irgendwann von Gott weg ins Nichts bzw. ins "Sternbild Stier" abzudriften?

Davids Geheimnis

Bevor ich euch ein Bild vorstelle, dass ich für viel geeigneter halte, lasst uns einen Blick auf eine biblische Person werfen, die genau das veranschaulicht, was ich für das "Essential" der Beziehung zu Gott halte.

David war nicht nur ein "Hingucker" (zumindest bei Michelangelo). Er war ein Mensch, der sowohl im Alten Testament wie im Neuen Testament das Zeugnis bekam, ein "Mann nach dem Herzen Gottes" (1Sam 13,14; Apg 13,22) gewesen zu sein. Wer von uns würde sich das nicht wünschen – ein Mensch nach dem Herzen Gottes zu sein? Und er war ein Mensch, der – soweit das im Alten Bund möglich war – den Heiligen Geist hatte. Sonst hätte er nicht beten können: Übrigens also auch bei David durchaus die Angst, die besondere Beziehung zu Gott könnte verloren gehen.

Was war Davids Geheimnis? Ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, mit dem er es wagte, dem riesigen Goliath nur mit einer Schleuder entgegen zu treten? Ein rechtschaffener Lebenswandel, wenn man ihn beim eigenen Wort nimmt: Wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände und ein reines Herz hat, der seine Seele nicht auf Falsches richtet und nicht schwört zum Betrug (Ps 24,3f)? Seine Liebe zu Gottes Geboten, die ihn dazu veranlasste, einen Lobgesang mit 176 kunstvollen Versen darauf zu dichten (Ps 119)? Seine ehrliche Bußfertigkeit, als er doch einmal einen schweren Fehltritt getan hatte? Das könnte man ja alles denken. Aber mir scheint das alles eine Folge, nicht der Ursprung zu sein, Zeichen für etwas in einer tieferen Schicht bei David.

Denn das, was wir an ihm bewundern, ist gar nicht der ganze David. Der Vatikan hat manchen von Michelangelos nackten Figuren im nachhinein einen sittsamen Lendenschurz verpasst. Die Bibel macht so etwas nicht. Sie zeigt uns ihre Menschen ohne Bemäntelungen. So auch bei David. Wenn man sich einmal von dem Kinderstunden-Bild löst, das wir von diesem vorbildlichen Gottesmann haben, wenn man in 1. und 2. Samuel die ziemlich ungeschminkte Schilderung seines Lebens liest, dann fragt man sich sehr ernsthaft, wie um Himmels willen dieser David ein Mann nach dem Herzen Gottes gewesen sein soll. Da kann man noch so sehr nach frommen Rechtfertigungen suchen – man kommt eigentlich nicht umhin: David hatte auch ganz andere Seiten. Da lesen wir von Feigheit, von fehlendem Vertrauen, von unbesonnener Wut und von Grausamkeit, er hat gelogen und betrogen, er war ein Massenmörder, er schwor jemandem, sein Leben zu schonen und trug dann statt dessen das Töten seinem Sohn auf, etc. etc.

Was war nun Davids Geheimnis?

Ich bin nicht einmal ein besonders großer Liebhaber der Psalmen, aber eine Sache finde ich auf jeden Fall immer wieder beeindruckend. Das sind bei einigen der Psalmen Davids jeweils die ersten Verse, die angeben, in welcher Situation der Psalm entstand. David verfasste Psalmen aus Dankbarkeit und aus Geborgenheit, aus Angst und aus Bedrängnis, aus Schuldbewusstsein und aus Freude über Vergebung. Soweit kennen wir das aus vielen Auslegungen zu David. Aber es kommt noch interessanter.

Ich empfehle euch z.B. einmal bei Gelegenheit den Psalm 34 und die angegebene Situation nachzulesen (Von David. Als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte und dieser ihn wegtrieb und er fortging.) Vermutlich ist auch Psalm 56 in dieser Zeit entstanden. Beide Psalmen klingen ganz klassisch. Aber die Situation – die stellt eigentlich einen der Tiefpunkte in Davids geistlicher Laufbahn dar (1Sam 21,11ff.):

Er hatte gerade Gottes Bewahrung vor Saul, der ihn verfolgte, erlebt. Aber plötzlich verließ ihn das Vertrauen so sehr, dass er zu den Philistern floh, was eigentlich nur zeigt, wie kopflos und panisch er handelte. Denn diese waren ja nicht nur die ausgemachten Feinde des Volkes Gottes, sondern auch er selbst war dort als Philistertöter bekannt wie ein bunter Hund. Von daher endete sein Versuch, beim Philisterkönig Abimelech Unterschlupf zu finden, mit seinem Fiasko. Er wurde natürlich erkannt. Daraufhin heißt es: David fürchtete sich sehr vor dem König. Und er stellte sich wahnsinnig vor ihren Augen und tobte unter ihren Händen, und er kritzelte an die Flügel des Tores und ließ seinen Speichel in seinen Bart fließen. Die Philister hielten ihn als Wahnsinnigen für einen von irgendeinem Gott oder Geist in Besitz genommenen Menschen, und ließen ihn laufen, worauf David schnellstens wieder nach Israel zurückkehrte. Insgesamt eine oberpeinliche Nummer!

Die Worte des Psalms scheinen gar nicht zu passen, denn David vertraute in dem, was er tat, Gott gerade nicht. Er befand sich nicht einfach im Zweifel, sondern sein Verhalten war absolut zweifelhaft. Seine Situation, in die er sich manövriert hatte, war unwahrhaftig, war beschämend und peinlich. Es war der "David ohne Lendenschurz", der David, der aus einer Lage fehlender geistlicher Reife, fehlender Wahrhaftigkeit und fehlenden Gottvertrauens, inmitten seiner Zweifelhaftigkeit an einem festhielt: ich rief zu dem Herrn, ich suchte den Herrn, ich flüchtete zu dem Herrn.

Beziehung zu Gott, ohne sein Verhalten nach Gottes Willen ausrichten zu wollen, gibt es natürlich nicht. Aber Beziehung zu Gott ist nicht nur richtiges Verhalten und seinen Willen zu erfüllen. Das ist ja auch unter Menschen nicht so. Beziehung ist da, wo ein Ich nach einem Du strebt. Beziehung ist da, wo Ich, Valeria, mich nach dem Du-Gott, ausstrecke, wo immer ich auch gerade stehe, auch mitten in meiner Zweifelhaftigkeit oder einem Fehlverhalten, das so peinlich ist, das ich es keinem sagen mag. Beziehung ist da, wo ein Ich nach einem Du strebt:

Davids Geheimnis steckt nicht in seinem Lebenswandel, sondern in dem Meine Seele hängt an dir (Ps 63,9), was wörtlich sogar heißt: Meine Seele hängt hinter dir her: Selbst wenn er mit allem in seinem Leben hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückbleibt, nur hinter allem herstolpern kann, er hält fest an dem Du Gottes. Wenn aber ein Mensch in tatsächlicher Zweifelhaftigkeit so beten konnte – wie viel mehr der, dessen Zweifelhaftigkeit eine fragliche ist!

Wisst ihr, was ein Kugelkompass oder einer mit einer cardanischen Aufhängung ist? Man verwendet ihn in Geländewagen oder Booten, dort, wo ein Gefährt oft in allen drei Dimensionen seine Lage und Richtung kurzfristig ändert. Er ist quasi schwimmend aufgehängt und seine Ausrichtung bleibt daher lage-unabhängig immer zum Pol hin. So war Davids Herz. Egal, in welche Richtung das Lebensschiff Davids fuhr, selbst wenn es schlingerte, in die falsche Richtung oder gegen einen Eisberg fuhr – die Kompassnadel seines Herzens schlug immer in eine Richtung aus – zu Gott.

Diese Ausrichtung, das Streben vom Ich zum Du Gottes, ist der Kern, aus dem Davids Vertrauen, sein Gehorsam, seine Demut, seine Buße kommen. Der Kern, der bleibt im Zweifel und im Angezweifeltwerden. Der aber auch noch bleibt in der Zweifelhaftigkeit und in der Fragwürdigkeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass es genau das war, was David dann nicht nur irgendwie bei Gott "durchrutschen" ließ. Sondern dass darin dieses wahre Geheimnis lag: das, was ihn überhaupt zum Mann nach dem Herzen Gottes machte.

Der Hebräerbrief (Kap 1+2) deutet so etwas an, dass Gott in den Engel genügend dienstbare Geister hat, die seinen Willen vollstrecken. Aber an den Menschen hat Gott sein Herz verloren. Darum sucht Gott solche Menschen, deren Seele hinter ihm her hängt – natürlich nicht, weil er gerne nutzlose Gepäckstücke hinter sich her baumeln hätte. Sondern weil er Menschen sucht, die dürstenden Herzens ihr Ich nach seinem Du ausstrecken, auch wenn sie sich dabei nicht auf der geraden Linie einer Voyagersonde bewegen - oder eben verunsichert sind, ob ihr Kurs richtig ist.

In Christus zu Christus

Darum nun das Bild, das ich euch gerne vorstellen möchte: mir ist es das erste Mal vor einem Jahr in der Toscana begegnet: eine Steinritzung am Portal des Doms von Lucca: ein Labyrinth. Labyrinthdarstellungen scheint es in vielen Kulturen zu geben, ich wusste aber gar nicht, dass es vor allem im Mittelalter auch Gegenstand eine christlichen Symbolik war. Die berühmteste Version ist wohl die in Chartres, die ich euch gleich erklären möchte. Das Labyrinth in Chartres ist viel größer als in Lucca und in den Boden der Kathedrale eingelassen, so dass man es mit Füßen begehen kann.

Zunächst aber kennen wir das Labyrinth aus der griechischen Mythologie: da war es ein schauriger Ort, in dem man sich hoffnungslos verirrte und in dessen Zentrum ein Ungeheuer, halb Stier, halb Mensch, der Minotaurus, darauf lauerte, einen zu verschlingen (auch hier wartet also ein "Sternbild Stier"...). Bekanntlich wurde der Minotaurus vom griechischen Helden Theseus besiegt und mithilfe der schönen und klugen Ariadne und ihrem Wollfaden fand der auch wieder aus dem Labyrinth heraus. So stellen wir uns tatsächlich manchmal das Christenleben vor: ständig davon bedroht, in die Irre zu gehen und vom Teufel verschlungen zu werden - wenn wir nicht Glaubenshelden sind und uns unbeirrbar an einer Richtschnur festhalten. Ist das das Christenleben?

Dann kennen wir Labyrinthe aus Kinderrätseln. Da gibt es drei oder vier Eingänge zur Auswahl und man muss sich entscheiden, welchen Weg man gehen will. Aber alle bis auf einen sind Holzwege, und wehe, man hat nicht den richtigen Weg gewählt, dann landet man unweigerlich in einer Sackgasse. Wie viele Christen fürchten ständig, sie könnten sich an irgendeinem Punkt ihres Lebens falsch entscheiden und damit den Rest ihres Lebens auf dem falschen Weg verbringen. Denn wer sich falsch entscheidet, der kommt wie in dieser Art Labyrinth womöglich nicht bei der himmlischen Belohnung oder bei seinem himmlischen Herrn an. Ist das das Christenleben?

Ja, beides enthält Teile der Wahrheit über unser Leben. Und Nein und nochmals Nein, das Labyrinth, das ich meine, sieht anders aus. Das Labyrinth von Chartres kennt vermutlich diverse Interpretationen. Mystische, esoterische, feministische usw., usw. Aber für mich symbolisiert es das IN-CHRISTUS-ZU-CHRISTUS.

Es ist kein Irrgarten und kein Holzweg. Es gibt einen Zugang, der liegt am Fußpunkt des gedachten Kreuzes. Und dann gibt es einen Weg. Wer eingetreten ist durch Christus, der ist auf den richtigen Weg gesetzt, auf den Weg, der zur Mitte führt, zu Gott.

In Christus hat er uns vor der Erschaffung der Welt erwählt und aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Kinder zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen (Eph 1,4f )
Es gibt also einen Anfang und ein Ende. Aber das umschließende Labyrinth ist rund – der Kreis, der keinen Anfang und kein Ende hat, steht in der Symbolik für die Vollkommenheit, in der auch Anfang und Ende bereits "vollendet" sind. Gott steht über der Zeit, für ihn gibt es kein begrenztes Jetzt mit einem begrenzten Ausschnitt und begrenzten Ausblick, sondern bereits das ganze und vollkommene Bild. Vor ihm ist alles gegenwärtig, was wir waren, was wir sind und wo wir jetzt stehen und was wir durch ihn einmal werden sollen.

Mein Wandeln und mein Liegen – du bestimmst es. Mit allen meinen Wegen bist du vertraut. In dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die Tage, die gebildet wurden, als noch keiner von ihnen da war. Am Ende bin ich immer noch bei dir (Ps 139).

Das Labyrinth ist in sich geschlossen, man braucht nicht ständig Angst zu haben, herausfallen zu können. Es symbolisiert das Geheimnis des Christseins: IN Christus zu sein und gleichzeitig auf dem Weg ZU ihm. Meine Schafe werden niemals zugrunde gehen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. (Joh 10, 27-29).

Lasst uns wahr sein in der Liebe und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben, Christus, das Haupt. Ich bin in guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Christi. (Eph 4,15; Phil 1,6)

Diesen Weg zu gehen, heißt, ein Ich zu sein, das nach dem Du Gottes strebt. Unser Menschsein und die Welt, in der wir leben, bringen es mit sich, dass dieser Weg nicht immer geradlinig ist. Es gibt Abschnitte, in denen bewegen wir uns scheinbar von der Mitte weg oder machen lange Umwege. Aber all dies ist umschlossen vom In-Christus-Sein. An den Stellen, wo wir uns nach außen bewegen, mögen wir denken, unser Christsein ist nichtig, wir haben Gott aus den Augen verloren. Wir sehen eben nicht weiter als jetzt. Gott sieht das Ganze, er sieht bereits die Erfüllung. Wir können versucht sein, dann da vor einer Mauer stehen zu bleiben und alles verloren zu geben. Wir glauben, die Richtung ist falsch, oder wir haben längst die Orientierung verloren und wissen gar nicht mehr, wo die richtige Richtung eigentlich ist. Aber solange das Ich nach dem Du Gottes strebt, sind wir in Bewegung auf diesem Weg und dann führt uns dieser Weg zur Mitte. Ein Ich, das zum Du Gottes strebt, kann nicht verloren gehen. Es ist in Christus und auf dem Weg zu ihm. Es hat den Schlüssel zum Geheimnis Davids.

(Ein Tip: Wer auf der (teils etwas esoterischen, aber recht informativen) Seite www.mymaze.de/home.htm unter "3. viae" den link "Weg im mittelalterlichen Labyrinth" anklickt, kann eine Kugel auf den Weg schicken und ihr zusehen, wie sie durch das Labyrinth läuft – das veranschaulicht manches!)

Die Phasen des Heilwerdens

Schritte auf dem Weg von der Vergangenheit in die Zukunft

Es gibt verschiedene Wachstumsprozesse auf der Welt. Einer ist das Wachstum von der Urform zur Endform: vom Same zur Pflanze, von der Raupe zum Schmetterling, vom Kind zum Erwachsenen. Dieses Wachstum passiert mehr oder weniger von selbst ohne unser Zutun. Es lässt sich aber nicht wirklich beschleunigen, es braucht immer seine Zeit. Ein anderes Wachstum ist das von der Verletzung zur Heilung. Als Diabetologe hat man unweigerlich mit chronischen Wundverläufen zu tun, und ich kann euch nur sagen: dieses Wachstum passiert oft nicht einfach von selbst. Es kommt nicht ohne unser Zutun zustande und bedarf nicht selten der Hilfe von außen. Aber auch dieses Wachstum braucht Zeit und durchläuft in der Regel verschiedene Phasen, die man auch nicht beliebig überspringen kann.

I) Die erste Phase der Wundheilung ist natürlich die Verletzungsphase. Die möchte ich als hinter uns liegend betrachten. Ich setze jetzt mal voraus, dass die meisten von euch sattsam genug wissen, ob, wie, wo, wann und von wem sie verletzt wurden und es bringt wenig, in diesem Rahmen darin lange herumzurühren. Leider gleicht aber nur für wenige Christen der Beginn ihres homosexuellen Lebens einem sauberen OP-Schnitt, der kurz mal "ziept und zoppt", aber rasch und folgenlos einer unscheinbaren Narbe weicht. Viele ziehen sich Wunden zu. Und die gefährlichsten Wunden in der Medizin sind übrigens Bisswunden, insbesondere wenn es Menschenbisse waren...

II) Auf körperliche Wunden folgt nicht selten eine Entzündungs-, eine Infektphase, in der eine Wunde hässlich und ungeordnet aussieht – es ist eine Phase der Unruhe und der Schmerzen. Das ist jetzt der Zeitraum, in dem wir hier ansetzen. Wir leben homosexuell, aber wirklich frei und glücklich sind wir noch nicht. Oder wir sind es eigentlich, haben aber so "Wiedergängererlebnisse", in denen überwunden Geglaubtes wieder hochkommt. Meistens kann man anderen darin wunderbar raten, aber sich selber nicht. Ich weiß von manchen von euch, wie hilflos sie sich in dieser Situation fühlen.

Es gibt drei Ebenen, auf denen wir in dieser Unruhephase heilsame Schritte unternehmen können:

  • die Gefühlsebene
  • die Verstandesebene
  • die geistliche, die (Gebets-)Ebene

1) Die Gefühlsebene:

Meistens fühlen wir uns in dieser Phase klein, verunsichert, unwert, vielleicht auch trotzig und zornig. Vergegenwärtigt euch einmal, was kleine Kinder tun, wenn sie sich wehtun. Selbst wenn sie gerade noch bockig waren, selbst wenn sie gar keine besonders idealen Eltern haben. Sie fallen hin, schürfen sich das Knie auf, werden von einer Wespe gestochen – und? Sie rennen schreiend zu Mama oder Papa. Das ist ein kindlicher Reflex. Er ist teilweise irrational, wenn sie z.B. gerade noch gesagt haben: Mama ist blöd. Aber es ist ein kindlicher Reflex. Mit unartikuliertem Geschrei. Sie können keinen sinnvollen Satz bilden. Nur eins zählt: hin zu Mama, hin zu Papa. Das Verhältnis zu den Eltern muss extrem gestört sein, bevor dieser Reflex erlischt.

Auch bei uns besteht ein Störfaktor, ein vermeintlicher bzw. wir sind uns unsicher, ob es ein Störfaktor ist. Doch denken wir an David: Seine Störung war eine tatsächliche. Mitten in (nicht nach!) der Situation, eigentlich aus Gottes Schutz wegzulaufen, mitten im beschämendsten Versagen, ruft er zu Gott. Das ist irrational, denn er steckte immer noch im Fehlverhalten. Aber sein kindlicher Reflex war nicht erloschen. Er flüchtet sich zu Gott wie das Kind nach dem Wespenstich.

Was gibt uns das Recht, so irrational zu Gott zu kommen? Vielleicht gerade die Stellen, an denen Gott selbst ganz emotional wird, wo Gott uns etwas über sein Herz enthüllt, und das in allermenschlichsten Vergleichen. Gott wird immer dann am emotionalsten, am irrationalsten, wenn sein Verhältnis zum Menschen auf der Schneide steht. Nicht da, wo Menschen geradlinig nach seinem Wohlgefallen wandeln, sondern da, wo Gott sich aufreibt an der Widerspenstigkeit des Menschen – da bringt Gott sozusagen sein "ganzes Herzblut" ein.

(Jes 49,15) Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres eigenen Leibes? Aber selbst wenn diese vergessen sollte, ich werde dich niemals vergessen.

(Mt 23,37) Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

(Jer 31,20) Ich bin Israel wieder zum Vater geworden, und Ephraim (jemand sagte mal: das ist Israels "Kosename" bei Gott) ist mein Erstgeborener. Ephraim ist mir wohl einfach ein so teurer Sohn oder mein Lieblingskind. Denn sooft ich ihm auch Vorwürfe mache, muss ich doch immer wieder an ihn denken. Deshalb schlägt mein Herz für ihn (Luther: bricht mir das Herz im Leib) ich muss mich seiner einfach erbarmen.

In der Konfliktsituation mit dem Menschen stellt sich Gott in hochemotionaler Weise als Vater oder Mutter dar (und ich bin ziemlich sicher, dass auch Menschen der Antike sich der spontanen "Oh-wie-niedlich"-Reaktion, die man beim Anblick kleiner Küken hat, nicht entziehen konnten). Aber er stellt sich uns dabei dann gerade nicht als Vater und Mutter im Sinne von ehrfurchtgebietenden Autoritätspersonen dar. Sondern mit dem Aspekt des Elternseins, der zur Inkonsequenz neigt, dessen Zuneigung überwiegt, der doch zu dem Kind halten möchte, egal was es tut. Der erst gewaltige Hemmschwellen überwinden muss, bevor er sich zur Strafe entschließen kann.

Meine Mutter ist eine gläubige Christin, die in eine sehr fromme Gemeinde geht, deren Haltung Homosexualität klar ablehnt. Sie ist auch eher jemand, für den schon Weiß weiß und Schwarz schwarz ist. Mein Homosexuellsein war für sie nicht so ganz einfach und es wird ihr damit auch nicht einfach gemacht. Aber entscheidend für ihre Haltung mir gegenüber ist nicht, dass sie ein treues Gemeindemitglied, sondern dass sie "vom ersten Beruf Mutter" ist.

In der Anspannungssituation zwischen Gott und Mensch offenbart sich Gott als jemand, der von erstem Beruf Mutter, vom ersten Beruf Vater ist.

Darum halte ich es für legitim, wenn wir vom ersten Reflex her Kind sind. So wie Gottes Herz uns entgegenschlägt, so soll unser Herzens-Ich sich dem Du Gottes entgegenstrecken. Dieses Kindsein schließt Gehorsam und das Tun des Willens Gottes natürlich gerade nicht aus, sondern all dies sollte ihm eigentlich folgen. Aber wichtig ist, dass dieses Ich-zum-Du auf einer anderen Ebene stattfindet und damit auch zunächst einmal unabhängig davon ist.

In dieser Wundphase übrigens stellt man als Arzt den Wundbereich ruhig, allzu viel Training ist da eher schädlich. Jemand erzählte mir mal, er habe lange die Bibel nicht mehr lesen können, und als er schließlich wieder damit anfing, habe er sich nur die Stellen rausgesucht, die ihn bestätigten und Vertrauen weckten, wie "Der Herr ist mein Hirte" etc. In dieser Heilungsphase ist das legitim! Es gibt Christen, die möchten ihr ganzes Leben nur in den "Wellness-Oasen" biblischer Lehre verharren, das verhindert auf Dauer jede Reife und jedes Wachstum. Aber in dieser Phase ist das durchaus sinnvoll.

Denn das erste Anliegen ist, wieder Vertrauen herzustellen, das Ich-zum-Du-Gottes wieder zum ersten kindlichen Reflex zu machen.

2) Die Verstandesebene

Verletzungsmechanismen laufen selten über den Verstand, meistens "unter"-laufen sie ihn regelrecht. Unter den drei Beteiligten können wir aber den Verstand dann sozusagen mit der Rolle des Schiedsrichters beauftragen, der solche Mechanismen von außen beleuchtet und durchschaut. Was in uns in solchen Phasen und Situationen abläuft, ist in unsern Köpfen wie einprogrammiert, ein immer gleiches Programm. Um laufende Programme abzubrechen, dafür gibt es am Computer eine spezielle Taste. Lass auch deinen Verstand auf die Escape-Taste drücken!

Ich will euch auswahlsweise nur einfach mal drei-vier typische "Programme" nennen, die der Verstand klarstellen kann:

  • Nehmen wir den Gedanken: Christ X aus meiner Gemeinde/der berühmte Christ Y und überhaupt so viele Christen sind doch vom Heiligen Geist geleitete und von Gott gesegnete Leute, viel mehr als ich. Wie können sie dann Unrecht haben, wenn sie Homosexualität ablehnen?

    Auch Christen, die offensichtlich vom Geist Gottes erfüllt sind und von Gott zu großem Segen gebraucht werden, können in einzelnen Fragen irren. Prominentes Beispiel: Martin Luther war zweifellos ein vom Heiligen Geist gebrauchter und 1000fach gesegneter Mann. Dennoch vertrat er zu einzelnen Fragen nicht nur eine falsche, sondern tatsächlich eine Irrmeinung: Betrachten wir zum Beispiel seine Aussagen zu den Juden, müssen wir sogar sagen, dass er sich damit geradezu versündigte. Er war sicher vom Blickwinkel seiner Zeit beeinflusst, aber er beeinflusste auch selbst und verführte über Jahrhunderte hinweg andere zur Sünde: nicht zuletzt seine Hetzreden gegen Juden waren für die deutsche Christenheit mitbestimmend für ihre oft wenig rühmliche Rolle gegenüber dem Naziterror.

    Martin Luther wiederum empfing viel Inspiration zur Frage der Erlösung durch Augustinus. Zweifellos ein gesegneter, vom Heiligen Geist bewegter Kirchenführer. Aber was Augustinus über Frauen dachte und schrieb, drehte nicht nur sämtliche Räder hinter alles zurück, was Jesus vorwärtsgedreht hatte, sondern beeinflusste jahrhundertelang aufs Unseligste die Einschätzung von Frauen als minderwertige Wesen und stets drohende Verführerinnen zur Sünde, trägt letztlich Mitschuld am Hexenwahn, an Verfolgung und Todesfolter.

    Merkwürdigerweise, aber offensichtlich legt Gott nicht alle Energie darein, gesegnete Menschen aus all ihren Irrtümern herauszuführen, wie überhaupt sein Hauptanliegen für seine Kinder wohl nicht ist, dass sie in allem die richtige Lehrmeinung besitzen. Aber das bedeutet nicht, dass er durch Segen ihre Irrtümer bestätigt. Gesegnete Menschen können irren.

    Drück die Escape-Taste!
  • Irgendetwas äußerlich Widriges ist passiert oder meine geistlichen Hoffnungen haben einen Rückschlag erlitten. Nun beschleicht mich die Angst davor, dies sei Ausdruck einer Strafmaßnahme oder zumindest des fehlenden Segens Gottes.

    Vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel haben Menschen Gottes immer wieder Enttäuschungen und Widrigkeiten erlebt, kleiner und großer Art, kurz anhaltend oder lange dauernd. Und eine Lehre kann man daraus sicher ziehen: äußeres und inneres Unglück sind keinesfalls per se Zeichen der Ablehnung oder geringeren Annahme oder des Missfallens Gottes. Im Gegenteil: gerade die besonders gesegneten, gottgefälligen Menschen haben viel Missliches erlebt. Das "Glück des Gottlosen", bei dem alles glatt lief, galt ja sogar als klassische Anfechtung des Gerechten (vgl. Ps 73). Ich halte es – völlig unabhängig vom Thema Homosexualität – für eine gefährliche und unbiblische Lehre, Christen zu erzählen, der Segen Gottes müsse sich im ständigen Gelingen und Erfolghaben äußern, negatives Erleben hingegen sei Zeichen seines Missfallens und eines falschen Weges!

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  • ich zitiere mal aus einem Forumsbeitrag vom Juni: Meine Erlösung liegt darin, dass Jesus Christus all meine Sünde auf sich genommen hat. Indem ich mich vom sündigen Leben abwende (Busse tue) und im Glauben den Namen des Herrn anrufe, werde ich gerettet und bekomme Vergebung. Da die Bibel ganz klar Homosexuelle Handlungen als Sünde bezeichnet, ist Jesus dafür zu Tode gefoltert worden. Wie könnte ich dann als Christ dies noch weiter ausüben?

    Hier wird eine richtige Aussage, die außerdem emotional stark belegt ist, scheinbar unlösbar verknüpft mit einer anderen Aussage, die auf einer Meinung/einer Selbstdefinition/einer Annahme oder einer nur oberflächlich biblischen Begründung beruht. Sie gibt einem das Gefühl: "Wenn du sagst, Jesus nimmt die Sünde auf sich und weiter homosexuell lebst, folterst du Jesus immer wieder und weiter" – und wer von uns wollte das?

    Die Verknüpfung einer allgemein anerkannten grundlegenden Aussage, die gleichzeitig mit Appellcharakter formuliert wird, mit einer zweiten, unbelegten oder oberflächlich belegten Aussage, die ihre Autorität aber scheinbar aus der ersten gewinnt – das ist, um es einmal so hart zu formulieren, das klassische Prinzip geistlichen Missbrauchs. Geistlicher Missbrauch ist oft keine gewollt betrügerische, bewusst angewendete Manipulation. Sondern geschieht in sogenannter "bester Absicht" durch Menschen, die selbst von dem überzeugt sind, was sie da verkünden. Aber es bleibt trotzdem missbräuchlich.

    Auch Menschen, die sich aus einer Sekte gelöst haben, kennen das. Selbst, wenn sie sich klar distanziert haben, verfolgen sie die einst verinnerlichten falschen Botschaften oft noch Jahre. Weil sie eben an allgemein und bestehend gültige Aussagen gekoppelt worden waren. Auf diese Weise bringen sich die missbräuchlichen "Huckepackbotschaften" immer wieder ins Bewusstsein.

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  • Auf ganz ähnlicher Ebene rangiert es, allgemein klingende biblische Aussagen mit Appellcharakter aus ihrem sachlichen Kontext zu lösen und auf einen Zusammenhang zu übertragen, in den sie nicht hineingehören, oder wo ihre Geltung zumindest Auslegungssache bleibt. Damit meine ich jetzt gar nicht die sogenannten "Hammerstellen". Sondern solche klassischen "Druckmacher" wie: Wer aber Zweifel hat in dem, was er tut, der ist gerichtet, weil er nicht aus der Überzeugung des Glaubens handelt. Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde (Röm 14,23). Also: "Wenn Du Zweifel an deinem homosexuellen Christsein hast, dann ist es doch Sünde!" Oder? Wahrscheinlich, ohne dass ihr etwas gemerkt habt, habe ich in das Zitat bereits etwas eingeschmuggelt, was dort so nicht steht. Dort heißt es nicht: Zweifel hat in dem, was er tut, sondern: wenn er etwas isst. Die damalige Frage (ob man Götzenopferfleisch essen darf) befand sich auf der Ebene, wie heute z.B. die Frage: "Darf ich als Christ Alkohol trinken oder verführe ich damit zur Sünde?" "Darf ich als Christ homöopathische Mittel nehmen, oder sind die irgendwie bedenklich?" etc. – also auf einem Aspekt christlicher Lebensführung mit einer letztlich beschränkten Bedeutung. Keineswegs einer lebenswichtigen oder seelisch existenziellen Frage, bzw. in einer Anfechtung, die einen als ganze Person in Frage stellt, oder in einem mühsamen Prozess der Wahrheitsfindung. In solchen Fragen nämlich (z.B. ob man nur als Beschnittener ein richtiger Christ ist oder darin, was sein "Stachel im Fleisch" für ihn geistlich bedeutet) hat Paulus selbstverständlich nach anderen Kriterien entschieden, als nach einer solch einfachen Regel.

    Hier ist nicht die Huckepack-Botschaft falsch. Die Ladung ist schon richtig, aber in den falschen Rucksack gepackt und damit als schweres Lastenpaket geschnürt. Auch das entspricht geistlichen Missbrauchsmechanismen.

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3) Die geistliche (Gebets-)Ebene

Hier gäbe es natürlich unendlich viel zu sagen. Ich will nur zwei Dinge herausgreifen, die ich die zwei "unwiderstehlichen Gebete" nennen möchte.

  • Es gibt ein Gebet, von dem ich glaube, dass es für Gott "unwiderstehlich" ist. Ich habe es euch letztes Jahr schon genannt und ich habe es lange Zeit quasi täglich gebetet. Es stammt – welch Überraschung – von David: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege! (Psalm 139, 24f.). ...ob ich auf bösem Wege bin - David steht nicht vor einer Wegkreuzung und will durch eine Weisung verhindern, den falschen Weg zu beschreiten. Er geht den Weg bereits, auf dem er jetzt unsicher wird. Einige Menschen in der Bibel haben in ihrer Unsicherheit irgendeine Art von Deal mit Gott gemacht: "Gideon betete: Herr, wenn du das tust, dann schließe ich daraus das und das. Die Apostel gaben Gott zwei Möglichkeiten vor und ließen dann das Los entscheiden. Das waren vielleicht keine besonders hochwertigen und reifen Methoden, aber Gott hat sich darauf eingelassen.

    Wenn wir wirklich daran zweifeln, ob unser Weg, auf dem wir als homosexuelle Christen sind, der richtige ist, warum können wir nicht so einen Deal machen, können Gott immer noch sagen: "Herr, ich habe diesen Weg für den richtigen gehalten und nun weiß ich es nicht mehr. Ich gehe diesen Weg jetzt, weil ich auch nicht wüsste, wie ich sonst in der Realität gehen könnte. Wenn er falsch wäre, dann sieh Du, ob ich auf bösem Wege bin. Aber was ich auch auf diesem Weg, den ich gehe, spüre: Ich möchte zu Dir Gott, mein ICH strebt nach deinem DU, das ist mir das Wichtigste." Wer so betet, ist sich selbst der beste Beweis, dass er nicht dabei ist, von Gott abzudriften. Seine Kompassnadel ist auf das Du Gottes gerichtet. Er ist keine Pioneersonde auf dem Abweg ins Sternbild Stier, zum Minotaurus - sondern er läuft das Labyrinth zur Mitte, zu Christus.

    Das zweite ist die Dankbarkeit. Ich habe mal eine Predigt gehört (die mit Homosexualität gar nichts zu tun hatte und von jemand gehalten wurde, der kaum im Ruf liberaler Theologie stand). Da hieß es: "Bei aller Vorsicht, dass man sich auch etwas vormachen kann, aber in Situationen, wo wir uns unsicher sind, hilft manchmal eine Frage: "Kann ich für das, nach dessen Bestätigung ich ringe, Gott aus vollem Herzen heraus Dank sagen?" Der Prediger bezog sich dabei auf 1. Timotheus 4,4: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.

    Als ich die erste Zeit mit Ilona zusammen war, hielt ich das eindeutig für falsch. Und trotzdem – ich bin vor Dankbarkeit fast geplatzt. Und ich hätte auch gar nicht gewusst, wohin sonst damit, als zu Gott. Offenbar hatte meine Dankbarkeit den besseren Riecher als meine orthodoxe Lehrmeinung, auch wenn ich das damals nicht so sehen konnte.

    Warum könnte gerade Dankbarkeit ein hilfreiches Kriterium sein? Lasst es mich mal so platt fromm sagen: Weil der Teufel die Dankbarkeit nicht auf der Palette hat, sie läuft seinem Wesen so dermaßen zuwider, dass er sich bereits schwer damit tut, sie auch nur vorzutäuschen.

    Wie ein ungezogenes Kind ein Geschenk an sich zu reißen und gierig die Verpackung aufzureißen und dann mit seiner Beute in einer Ecke verschwinden, das ist normal menschlich. Wie ein Papagei auf Drängen einer Autoritätsperson ein "Danke" rauszupressen, auch noch. Aber: aus Freude über ein Geschenk es in Händen halten und den Geber anzustrahlen, das ist eben Ausdruck der intakten Beziehung.

    Gefallen an etwas und Genuss gibt es auch losgelöst von Gott und an der falschen Stelle. Aber so ein für uns "ununterdrückbarer" innerer Impuls zur Dankbarkeit Gott gegenüber, der sich im Gebet Bahn brechen will – ich glaube, der entsteht aus dem "Im-Geist-Gottes" sein.

    Ihr merkt, in allem geht es letztlich um die Frage vom Anfang, um die Beziehung. Wenn es uns gelingt, uns auf dem Weg, auf dem unser Ich zum Du Gottes strebt, nicht irre machen zu lassen, dann haben wir den wichtigsten Schritt vollzogen, dann ist der Grund gelegt, in die nächste Phase der Heilung überzutreten.

III) Die dritte Phase ist eine Überwindungsphase. In der medizinischen Wunde sprosst erst jetzt neues, gut durchblutetes Gewebe, das zunächst den entstandenen Defekt ausfüllt. In der Wundheilung lässt sich die Abfolge einzelner Phasen nicht überspringen. Ohne diese Unterfütterung bildet sich kein Deckgewebe. Wir können nicht ohne weiteres von einer Phase voller Verunsicherung und Schmerz, aber auch Groll und Zorn zur vollständigen Heilung kommen. Und auch wir müssen jetzt aktive Schritte tun.

Zwei möchte ich euch nennen, die von den großen "Ver's" gekennzeichnet sind: Versöhnung und Vergebung.

  • Mit Versöhnung meine ich die Versöhnung mit dem eigenen Leben. Wer das letzte Kapitel in meinem Buch gelesen hat, dem kommt das Bibelwort jetzt bekannt vor (und dreimal dürft ihr raten, es ist von David). Mein Los (mein Lebens-Los) ist mir gefallen auf liebliches Land. EÜ: Du, Herr, gibst mir das Erbe und hältst mein Los in deinen Händen. Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir gut. (Ps 16,5f). Das hat David kaum vordergründig meinen können, denn sein Leben war oft alles andere als lieblich oder schön und einfach. Aber lasst es mich mal so platt sagen: Versöhnt euch damit, dass das Leben ungerecht ist.

    David sagte das nicht, weil das Leben gerecht zu ihm gewesen war, sondern weil er einem "Du, mein Gott" vertraute, der gerecht war (und barmherzig und liebevoll etc.). Zu viele Menschen warten darauf, dass es in ihrem Leben gerecht und lieblich zugehen muss - und wollen dann daraus ableiten, ob Gott gerecht ist. Und verpassen es, mit ihrem Leben zurecht zu kommen, weil sie eine Bezugsperson haben, einem Gott vertrauen, der gerecht und liebevoll ist.

    Und das Leben als Homosexueller hält ja genügend Ungerechtigkeiten parat. Sei es in der Elternbeziehung, sei es in der Partnerfindung, sei es in der Betrauung mit Gemeindeämtern, sei es im Berufsleben – in der Regel haben es Heterosexuelle mit provozierender Selbstverständlichkeit leichter, und es wird ihnen dann auch ständig noch extra leichter gemacht und dafür fühlen sich manche auch noch verdienstvoll – da brauchen wir nicht drüber zu reden. Als Homosexuelle werden wir Unrecht erleben. Und wer hat sich nicht schon mal bei dem Gedanken erwischt, ob es nicht sogar von Gott irgendwie ungerecht ist, dass nur negative Aussagen über homosexuelle Verhaltensweisen in der Bibel stehen, aber nicht wenigstens ein klarer Satz, mit dem wir einfach aus dem Schneider wären?

    Ich kenne Menschen (homosexuell wie heterosexuell), deren ganzes Leben von einem Grundmuster geprägt ist: dem der Empörung. Über echt und vermeintlich erlittenes Unrecht, unmögliche Zustände, usw. Wut und Empörung können durchaus einen positiven Sinn haben: als Initialzündung, als Impulsgeber, um an unguten Zuständen etwas zu ändern. Aber als Dauerzustand im Leben des einzelnen oder ganzen Gruppen, wo die Wut kultiviert wird, die Faust zum Emblem gehört, da wird meiner Meinung nach ein Holzweg beschritten. Denn Jesus hat uns nicht gesetzt, um Schlachten und Rededuelle zu gewinnen (das kann man mit Wut und Empörung sehr gut). Sondern um ein heiles Leben zu gewinnen - und um Menschen zu gewinnen. Und das kann man mit Wut und Empörung nicht.

    Versöhne dich mit deinem Leben und all den Mauern, die dir den Weg zu versperren scheinen. Jedes Menschen Labyrinth sieht anders aus, hat andere Windungen. Dieses Labyrinth ist – unter anderem – ein homosexuelles Labyrinth und es trägt deinen Namen. Hier hat Gott dich auf die Spur gesetzt. Er weiß auch warum. Und er sieht weiter als dein Jetzt und er wird dich zur Mitte bringen.

    Es gibt auch eine Form der Empörung ohne Wut, eine passive, eine resignierte, eine enttäuschte Form. Vielleicht habt ihr aus eurem Kampf mit der Homosexualität, aus eurer Verunsicherung heraus eine Entscheidung getroffen, an deren Folgen ihr jetzt herumlaboriert. Eine Entscheidung über eure Berufswahl, mit der ihr nicht glücklich seid; eine Entscheidung über euren Beitritt zu einer bestimmten Gemeinde oder euren Rückzug aus jeder Gemeinde; eine Entscheidung über euren Wohnort, an dem ihr fremd geblieben seid; vielleicht eine Entscheidung sogar zu einer Ehe, die ihr eingegangen seid und die ihr jetzt als Sackgasse empfindet. Und vielleicht habt ihr daraus das Empfinden: ich habe Jahre meines Lebens in den Sand gesetzt und vertan.

    Versöhne dich mit deinem Leben und all den langen scheinbaren Umwegen, die du gegangen bist. Jedes Menschen Labyrinth sieht anders aus, hat andere Windungen. Dieses Labyrinth trägt deinen Namen. Es ist kein Irrgarten, in dem du dich verlaufen solltest. Was ein Umweg scheint, kann immer noch Gottes geheimnisvoller Weg mit dir werden. Er sieht weiter als dein Jetzt und er will dich zur Mitte bringen.

    Die EÜ bringt den Davidsvers einprägsam: JA, sagt David, mein Erbe gefällt mir. Ein Ja zu finden, ein Ja zu sagen ist ein Schritt, der zu tun ist. Wer kein Ja findet zu seinem Leben, mit all den Mauern, die sich vor ihm auftun, wo andere (scheinbar oder tatsächlich) glatt durchlaufen dürfen, wird nicht weiterkommen in der Heilung. Wer kein Ja findet zu seinem Leben, mit allen vergeblich scheinenden Umwegen, die er gegangen ist oder gehen musste, wird nicht weiterkommen in der Heilung. Versöhnung mit unserem Leben kommt nicht von selbst und beruht auch nicht auf Schritten, die andere gefälligst zu tun hätten. Es ist ein Vertrauensschritt, den wir selbst tun müssen.

    Es ist der erste Schritt von der Schmerz- zur Überwindungsphase. Ich bin nicht mehr nur Opfer. Ich tue erste Schritte.
  • Das zweite große "Ver" ist die Vergebung. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater euch auch nicht vergeben (Mt 6,15). Wer nicht vergibt, der versperrt sich selbst den Zugang zu Gott und Gott den Zugang zu ihm. Der verschanzt sich – auch vor Gottes heilsamem Einfluss – hinter einem Wall aus Groll. Heilwerden von Verletzungen, die ich durch Menschen empfangen habe, wird nicht vollendet, ohne dass ich diesen Menschen vergebe.

    Nun gibt es ein paar Irrtümer über Vergebung.
    • Vergeben heißt nicht ent-schuldigen. Heißt nicht, die Hände des anderen in Unschuld zu waschen. Bedeutet nicht, dass gar nichts Böses getan wurde. Ich muss nicht banal-reden, was mich gequält hat. Es geht nicht darum, aus Angst nichts Böses denken zu dürfen, den andern davon freizusprechen, überhaupt eine Schuld begangen zu haben. Dazu neigen wir, solange wir noch in der Unruhephase sind: "Wahrscheinlich haben die andern recht, also müssen sie das ja machen". Darum ist diese Phase oft zu früh zum echten Vergeben. Denn es geht darum, Schuld zu vergeben - aber eben Schuld zu vergeben. Auf der Liste von Soll und Haben wird das Soll des andern getilgt, weil wir erfahren haben, dass uns ja nicht weniger vergeben ist: Gott hat den Schuldschein gegen uns gelöscht, indem er ihn ans Kreuz nagelte (Kol 2,14) – genau das sollen wir auch tun. Wir sollen aus einem Schuldschein kein harmloses Papier machen, sondern wir sollen ihn zerreißen. Aber solange wir Schuldscheine horten, haben wir keinen Frieden.
    • Der zweite (noch wichtigere?) Irrtum sieht so aus: Vielleicht schüttelt jetzt jemand den Kopf und sagt: "Ich sammle doch gar keine Schuldscheine. Ich habe nichts zu vergeben. Das, was die da machen, das trifft mich doch schon lange nicht mehr". Wohl dem, der das aus einer heiteren Gelassenheit wirklich sagen kann. Dann Amen dazu! Aber Achtung – hat es den Unterton: "Der Mist, den diese Idioten verzapfen, der geht mir doch am A... vorbei" ?

      Den Gegner klein und minderwertig zu machen vor sich selbst, das tut ja so gut! Verachtung ist ein durchaus wirksames Mittel dagegen, verletzt zu werden. Was juckt den Löwen schon ein spuckender Floh? Aber es ist kein gutes Mittel, um wirklich heil - und heilsam für seine Umwelt zu werden. Wenn ich das in die Vergangenheit hinein versuche, wird aus dem Verachten ein Verdrängen: "Das hat mich doch gar nicht verletzt, da steh ich doch drüber..." Tu ich das?? Aber warum reagiere ich dann in bestimmten Situationen wie von der Tarantel gestochen? Verachtung dessen, der mich verletzt oder dessen was er tut, hilft mir, das Vergebensollen zu umgehen. Aber es hilft mir nicht wirklich weiter. Heilsam ist nur echte Vergebung.

      Wenn der Teufel die Dankbarkeit nicht im Repertoire hat – Verachtung um so mehr! Und vor allem Verachtung, die sich hinter Süßholz und frommen Worten tarnt. Spätestens hier kann sich jeder angesprochen fühlen und ich selbst nicht zuletzt! Aber ob Verachtung in rüden Worten oder auf sanften Pfoten daher kommt, sie hilft uns auf Dauer nicht. Heilsam ist nur echte Vergebung.

Ich sagte vorhin, dass wir keine Phase überspringen können. Wer noch mitten in der Unruhe und im Schmerz steckt, kann vielleicht noch nicht von Herzen vergeben. Vielleicht flößt es uns dann Angst ein, wenn die Bibel uns scheinbar das Weiterkommen versperrt, indem Jesus uns mahnend eine Reihenfolge vorgibt: "Bevor du zum Altar vor Gott trittst, geh erst hin und versöhne dich mit deinem Gegner" (Mt 5,24). Er sagt das uns als Wesen, die in die Zeit eingebunden sind und damit nicht leichtfertig umgehen sollen. Gott aber, Gott steht über der Zeit, er umschließt unser ganzes Leben, vor ihm ist alles bereits vollbracht. Von daher kann er auch heute Heilung schaffen, weil er die Vergebung von morgen bereits sieht, die daraus erst entstehen kann.

IV) Die vierte Phase möchte ich die Phase des Fruchtbringens nennen.

In der Medizin ist der Defekt aufgefüllt und zum Hautniveau der Umgebung zurückgekehrt, er bekommt eine Deckschicht, die langsam wieder belastungsstabil wird. Es bleibt eine Narbe zurück.

Auch für die seelische echte Heilung ist es charakteristisch, dass die Konzentration auf sich selbst einer weiterreichenden Perspektive weicht. Wahrscheinlich werden wir, wenn wir in der Mitte des Labyrinths ankommen, feststellen, dass wir auf einer Anhöhe stehen und auf einmal über unser eigenes Labyrinth hinausblicken können.

Bedeutet Heilung, dass alles ungeschehen wird? Nein, aber: Der größte Sieg über die Vergangenheit liegt nicht darin, sie zu vergessen, sondern darin, aus dem Fluch einen Segen zu machen. Was meine ich damit?

Eine der bewegendsten Geschichten des Alten Testaments ist für mich die Josefsgeschichte. Josef war quasi der Mann, in dessen Traumdeutung die sieben mageren Jahre die sieben vollen Jahre auffraßen – aber in dessen Leben die sieben vollen Jahre letztlich die sieben mageren verschlingen sollten.

Also, wenn einer sich zum Fachmann für erlittenes Unrecht und Enttäuschung erklären durfte, dann Josef. Er war anders als seine Brüder. Er war nicht ganz unschuldig daran, dass er sie nervte, aber sie begannen ihn so zu hassen, dass sie ihm den Tod wünschten und ihn schließlich in die Sklaverei verkauften.

Von den eigenen Geschwistern verraten und wie eine wertlose Ware behandelt. Schreiendes Unrecht. Ohne Rechte in der Fremde. Unrecht. Dann – ein Lichtblick, sein Herr beginnt ihn immer mehr zu achten, er macht zumindest eine Art Karriere, hofft vielleicht, irgendwann wieder frei zu kommen. Dann der Absturz, eine Intrige. Er wird nicht nur für eine Missetat ins Gefängnis gesteckt, die er gar nicht begangen hat, sondern gerade weil er sie nicht getan hat, nicht für eine nur angebliche Untreue, sondern für seine Treue. Doppeltes Unrecht. Dann – ein Lichtblick, er kann einem hohen Beamten einen Gefallen erweisen und hofft auf seine Fürsprache. Aber er wird trotz aller Versprechungen jahrelang vergessen. Enttäuschung. Sein Leben mag ihm wirklich als verfluchter Irrgarten vorgekommen sein. Aber – alle Windungen und Umläufe waren in Wahrheit Gottes Labyrinth.

Wohl mehr als zehn Jahre, nachdem er als Sklave verkauft wurde, erfüllen sich die Traumvisionen seiner Jugend. Josef steigt auf zum ersten Minister des Pharao. Durch seine prophetische Schau rettet er Ägypten vor dem Hungertod. Er wird zum zweitmächtigsten Mann Ägyptens. Mit seinem Schicksal kann sich Josef nun aussöhnen. Er erfährt Anerkennung, Wohlstand und Erfolg und dankt Gott dafür, dass er ihn alle erlebte Mühsal und das Haus seines Vaters vergessen ließ (Gen 41,51f.). Aber Gott hat Größeres für Josef vor, als seine Vergangenheit zu vergessen. Denn plötzlich wird er mit dieser Vergangenheit konfrontiert. Der Härtetest: seine Brüder tauchen auf, erkennen ihn gar nicht mehr. Diesmal sind die Brüder voll in seiner Hand. Josef ist hin- und hergerissen zwischen Rachegedanken und dem Wunsch nach Versöhnung. Es braucht einige Zeit, bis er zur vollen Vergebung findet. Aber dann fallen die Worte, die für mich das ausmachen, was ich mit dem Fruchtbringen meine, und damit, nicht einfach zu vergessen, sondern aus dem Fluch einen Segen zu machen.

Er sagte: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt... Gott hat mich vor euch hergeschickt, um von euch im Land einen Rest zu erhalten und viele von euch eine große Rettungstat erleben zu lassen. Also nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott. ... Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten. (Gen 45,4ff; 50,20)

Josef erkennt hier, dass hinter allem menschlichen Unrecht ein guter Plan Gottes steht. Aber dieser Plan bleibt nicht bei Josef stehen, er reicht weiter. Es kommt nicht nur darauf an, dass Josef heil wird und wieder ein befreites und zufriedenes Leben führt, nicht mal allein, dass eine ganze Familie wieder zueinander findet. Sondern Josef lässt sich einbinden in eine Geschichte, die Gott mit einem ganzen Volk, ja mit mehreren Völkern entfaltet und in der Josef zur Schlüsselfigur wird. Gott sucht Menschen, die nicht auf sich selbst bezogen bleiben, sondern sich als lebendige Steine in sein Haus einbauen lassen. Aber das bedeutet die Bereitschaft, ein Leben voller Windungen und harter Umwege zu gehen.

Für Josef erfüllt sich, was Gott ihm schon in seiner Jugend prophezeit hat, er wird ein mächtiger Mann vor Gott und Menschen. Damals dachte Josef vermutlich, dass der Weg zur Mitte geradeaus durch geht. Aber damals taugte Josef noch nicht für diese Aufgabe. Das erreichte er erst, weil und nachdem er all die Windungen und Umläufe seines Labyrinths durchlaufen hatte. Er hat vor vielen Mauern gestanden, Mauern des Hasses und Mauern eines Gefängnisses. Erst in dieser Dunkelheit reifte er zu dem heran, was Gott aus ihm machen wollte. Deshalb sagte ich: versöhnt euch auch mit dem Unrecht, das ihr erlebt. In dieser Dunkelheit wird das vorbereitet, was Gott gebrauchen will. Jesus beschreibt uns, wie das Weizenkorn in die dunkle Erde fallen muss (sterben muss), damit eine Pflanze daraus wächst, die viel Frucht bringt. (Joh 12,24).

Auch hier sollte man keine Phase versuchen zu überspringen. Menschen, die noch zutiefst unheil sind, sollten sich ruhig Zeit lassen; ja sollten eher vorsichtig darin sein, sich bereits zu großen Aufgaben berufen zu sehen, in die sie dann vielleicht ihre ganze verborgene Bitterkeit tragen (und dennoch – das ist das Großartige: selbst aus der Bitterkeit der Brüder Josefs ließ Gott Heil erwachsen und band auch sie in seinen Plan mit ein!).

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von euch und vielleicht auch wir überhaupt als homosexuelle Christen, wir als Zwischenraum, von Gott zu einem speziellen lebendigen Stein in einem Bauplan gemacht werden sollen, der über unser persönliches Leben hinausgeht. Aber dazu werden wir nicht auf dem kürzesten Weg kommen. Dazu werden wir Mauern, Windungen und Umwege bejahen müssen. Gott will unser Wohl und unsere Heilung und unsere Reife, für uns. Aber er wünscht sich auch, dass wir dann nicht bei unserem persönlichen Wohlbefinden stehen bleiben, sondern dass Frucht wachsen kann.

Ich wünsche uns, dass wir wie Josef dastehen und über unser Leben, unsere Vergangenheit, sagen können: Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viele am Leben zu erhalten. Lasst Gott den Fluch zum Segen machen!

Geht euren Weg zur Mitte: in Christus zu Christus! Amen.


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