KIRCHEN

Gnade ist nicht nur ein Wort - Interview von "whosoever" mit Philip Yancey

In Ihrem Buch „Gnade ist nicht nur ein Wort“ erzählen Sie von Ihrer Freundschaft mit Mell White, dem Leiter der Organisation „Soulforce“, und von der Demonstration in Washington, bei der Sie ihm zur Seite standen. Ich habe noch nie von einem evangelikalen Christen einen so von Gnade erfüllten Erfahrungsbericht über die Begegnung mit Homosexuellen gelesen, sowohl was die Freundschaft mit Mel White angeht, als auch Ihre Gedanken über die Schwulen und Lesben, die Sie bei der Demo kennen lernten. Wie stehen Sie zum Thema Schwule und Lesben in der Kirche?

Sie reden ja nicht lange um den heißen Brei herum. Mel war schon Jahre vor seinem Outing einer meiner besten Freunde – und ist es auch heute noch, nebenbei erwähnt. Jahrelang hatte er seine Homosexualität unterdrückt und versteckt. Er war verheiratet und als christlicher Autor, Filmemacher und Pastor beruflich sehr erfolgreich. Mel öffnete mir die Augen was Homosexualität angeht. In seinem Buch "Fremder an der Tür – Schwul und Christ in Amerika" erzählt er von seiner eigenen Lebensgeschichte. Die Leser Ihrer Zeitschrift wissen ja selber gut genug, wie viel Zündstoff dieses Thema beinhaltet. Konservative Christen sind darüber entsetzt, dass ich mit Mel befreundet bin und mitfühlend über Schwule und Lesben schreibe; die andere Seite erwartet von mir, dass ich Homosexuelle doch uneingeschränkt unterstützen möge – aus beiden Lagern bekomme ich Briefe, die nur so vor Hass und Feindschaft strotzen.

Schwierige Themen dieser Art betrachte ich erst einmal unter den Gesichtspunkten, von denen ich mir sicher bin, dass sie zutreffen: ich soll Schwulen und Lesben Liebe und Gnade erweisen. Jemand sagte mir einmal: "Christen verabscheuen Christen, die anders sündigen als sie selber." Wenn mich jemand fragt, wie ich überhaupt mit einem Sünder wie Mel befreundet sein kann, frage ich zurück, wie Mel mit einem Sünder wie mir befreundet sein kann. Selbst wenn ich zu dem Schluss käme, dass homosexuelles Verhalten jeglicher Ausprägung sündig sei, wie das bei vielen konservativen Christen der Fall ist, bin ich dazu berufen, Homosexuellen in Liebe zu begegnen.

Ich habe schwul-lesbische Gemeinden besucht und es macht mich auch traurig, dass Homosexuelle in evangelikalen Gemeinden zumeist keine Heimat finden. Ich habe in MCC Gemeinden wunderbare und engagierte Christen getroffen und wünschte, dass die Gemeinschaft der Gläubigen von deren Glauben profitieren könnte. Gleichzeitige denke ich, dass es nicht gut ist, wenn eine Konfession aus diesem einen Thema heraus entsteht und darum kreist. Diese Menschen brauchen die Auseinandersetzung mit und die Aufnahme in den restlichen Leib Christi.

Wenn es um die Festlegung von Gemeindevorschriften, wie zum Beispiel um die Ordination von schwulen und lesbischen Pastoren, geht, bin ich verunsichert, so wie viele andere auch. Es gibt ein paar – nicht viele, aber ein paar wenige – Bibelstellen, die mir zu denken geben. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie diese Angelegenheiten gelöst werden können. Ich bin selbstständig und kein Repräsentant einer Kirche. Ich kann es mir leisten zu sagen "Also, das denke ich, aber ich bin mir auch nicht ganz sicher", denn es ist nicht meine Aufgabe Gemeindevorschriften zu erarbeiten.
Es macht mich traurig zu sehen, dass das Thema Homosexualität so stark polarisiert. Meine Gemeinde in Chicago hat sich jahrelang mit dem Thema auseinander gesetzt. Dort gab es offen schwul/lesbisch lebende Mitglieder, die aber als praktizierende Homosexuelle nicht Leitungsfunktionen einnehmen durften (genauso wenig durften dies nicht verheiratete, "praktizierende Heterosexuelle", was auch immer das genau bedeutet). Das Komitee, das sich mit diesem Thema auseinandersetzte, nahm biblische, theologische und soziale Aspekte in Betracht und einigte sich am Ende auf einen Konsens: schwule und lesbische Christen sind willkommen, würden aber keine leitenden Funktionen ausüben können. Konservative waren erbost und verließen die Gemeinde. Viele Schwule und Lesben gingen auch, enttäuscht und verletzt, weil die Gemeinde ihren Status als Mitglieder zweite Klasse aufrechterhielt.

Ich habe kein Patentrezept parat und es wird in naher Zukunft auch keine endgültige Lösung geben. Sie wissen ja, in vielen Konfessionen tut man sich schwer mit dem Thema.

Wie können evangelikale Christen lerne, barmherzig mit schwulen und lesbischen Christen umzugehen (oder sie womöglich zu akzeptieren)?

Nur durch Begegnungen mit homosexuelle Menschen. Es ist erstaunlich, was in den Herzen der Menschen passiert, wenn plötzlich eine Tochter oder ein Bruder "eine/r von denen" ist. Bei mir war es mein Freund Mel, der sich geoutet hatte. Was mich vorher nur in der theoretischen Auseinandersetzung beschäftigt hatte, wurde plötzlich eine handfeste, praktische Angelegenheit – vor mir stand ein Mensch mit seinen Erfahrungen und seiner Lebensgeschichte, dadurch änderte sich bei mir alles. Dies ist auch ein Grund dafür, warum ich traurig darüber bin, dass die Kirchen untereinander so wenig Kontakt pflegen. Ich habe schwul-lesbische Gemeinden besucht, deren Leidenschaft und Hingabe die meisten evangelikalen Gemeinden im Vergleich dazu blass aussehen lassen könnten. Konservative Christen mit einer ablehnenden Haltung gegenüber Homosexuellen sollten zu diesen Gemeinden Kontakt haben und umgekehrt.

Viele Schwule und Lesben wurden von Gemeinden und Kirchen so sehr verletzt, dass sie nie wieder auch nur einen Fuß in eine Kirche setzen wollen. Was sagen sie den Menschen, die aus ihrer Kirchen ausgeschlossen wurden und vielleicht ihren Glauben verloren haben?

In diesem Fall ist es vielleicht notwendig, dass sie eine Zeit lang keine Kirche oder Gemeinde besuchen. Allerdings glaube ich fest daran, dass ein Christ nicht dazu bestimmt ist, allein und ohne Glaubensgeschwister durchs Leben zu gehen. Wenn es jemand nicht für möglich hält, einer Kirche anzugehören, sollte diese Person doch zumindest einen Hauskreis oder eine sonstige Versammlung von Gleichgesinnten suchen. Ich würde jemandem mit schlechten Erfahrungen raten, sich eine Kirche mit einer Gottesdienstordnung zu suchen, die sich gänzlich von der in der Gemeinde oder Kirche unterscheidet, in der man seelisch verletzt wurde. War man zuvor vielleicht in einer Pfingstkirche oder in einer Brüdergemeinde, könnte man zum Beispiel eine orthodoxe oder evangelische Kirche besuchen, die ihre Gottesdienste ganz anders gestalten und dadurch nicht die Verteidigungsmechanismen aus der Vergangenheit auslösen.

Ich könnte viel davon erzählen, und in meinen Büchern tue ich das auch, wie es in der Kirche, in der ich aufwuchs, zuging. In meinem ganzen Leben habe ich keine Kirche erlebt, die der Kirche meiner Jugend in Punkto Gemeinheit und Verschlossenheit das Wasser reichen könnte. Wenn ich aber wegen dieser schlechten Erfahrung jetzt meinen Glauben aufgeben würde, wäre ich selber der eigentliche Verlierer.

So reagieren viele christliche Gemeinden auf Schwule und Lesben: Wir müssen unsere sexuelle Orientierung aufgeben, um dort akzeptiert zu werden. Was sagen Sie solchen Kirchen und Gemeinden?

Sie sind genau die richtige Person dafür, solch eine Gemeinde anzusprechen – nicht ich. Wenn Ihnen eine Gemeinde sagt, Sie sollen ihre sexuelle Orientierung aufgeben, dann muss diese Gemeinde erst mal darüber aufgeklärt werden, dass dies nicht so einfach möglich ist. Ich kenne einige Organisationen, die versuchen, sexuelles Verhalten zu verändern, aber ich kenne keine Organisation, die versucht, eine sexuelle Orientierung zu verändern. All diese Organisationen geben zu, dass eine Veränderung des sexuellen Verhaltens oder das Streben nach einer anderen sexuellen Orientierung einen lebenslangen Kampf gegen die eigentliche sexuelle Orientierung bedeutet. Es wäre meine Hoffnung, dass der betreffende Pastor oder Gemeindeleiter dazu bereit ist, mit Ihnen in einen Dialog zu treten und dass Sie die nötige Kraft und das Selbstvertrauen haben mit ihm Ihre eigene Lebensgeschichte und seine auf der Bibel basierenden Einwände zu erläutern.

Ich bin nicht homosexuell, deswegen würde ich den Gemeindeleiter anders ansprechen. Ich würde ihm zeigen wollen, wie Jesus mit Menschen umging, die moralische Verfehlungen begangen hatten. Ich würde den Leiter dort abholen, wo er steht - und er sieht Sie als Sünderin mit einem moralischen Fehler. Jesus machte aus einer Frau mit fünf fehlgeschlagenen Ehen seine erste Missionarin. Ich würde ihn auch fragen, ob er von allen Kirchenmitgliedern und Besuchern verlangt, ihre "Sünden" vor der Kirchentür abzulegen. Befragt er alle nach ihrem sexuellen Verhalten? Schließt er stolze, heuchlerische oder gesetzliche Menschen aus? Das sind nämlich die Sünden, die anscheinend Jesus aufregten. Ist für ihn Kirche der Ort, an dem alle Menschen gleichförmig sind und am Ziel angekommen sind, anstatt noch auf der Suche zu sein? Das sind die Fragen, die ich ihm stellen würde.

© 2005 Yancey, Philip, Candace Chellew-Hodge, übersetzt von Julia Nagelschmidt

Fußnoten
Das komplette Interview könnt Ihr hier lesen: www.whosoever.org/v8i6/yancey.shtml

Die "offizielle Webseite von Philip Yancey von seinem Verlag in den USA Zondervan Publishing House: www.philipyancey.com


Geschrieben von Julia Nagelschmidt
2005

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