KIRCHEN

Gottes vergessene Kinder – Ist die Kirche bereit und fähig, für homosexuelle Menschen Heimat zu sein?

Homosexuelle haben in der Vergangenheit namenloses Leid durch die Kirche erfahren. In der Regel mussten sie ihre Veranlagung geheim halten und sind dadurch in ein unwürdiges Leben im Untergrund gedrängt worden. Eben dieses Leben im Untergrund machte man ihnen dann auch noch zum Vorwurf. Dort, wo ihre Homosexualität bekannt wurde, ist man ihnen oft mit Spott und Verachtung begegnet und nicht selten wurden sie terrorisiert und regelrecht verfolgt. Statt sich schützend vor die Homosexuellen zu stellen, hat die christliche Kirche den weit verbreiteten Hass auf sie noch verstärkt, indem sie die Homosexualität als Sünde bezeichnete und die Homosexuellen aufforderte, von ihrem "schändlichen Treiben" abzulassen oder ihre Ämter in Kirche und Gemeinde aufzugeben. Den Betroffenen bereitete das zusätzlich zu den enormen Konflikten, die ein derartiges Leben in Verborgenheit und Ausgegrenztheit mit sich bringt, massive Schuldgefühle: "Womöglich bin ich ja selbst daran schuld an meiner unglücklichen Situation." Doch auch dort, wo sie ihre Homosexualität positiv erlebten, standen und stehen sie dadurch bis heute in einem erheblichen Gewissenskonflikt: "Gott lehnt mich vielleicht ab, weil ich so empfinde, wie ich empfinde, bzw. weil ich meine Homosexualität auslebe." In unzähligen Fällen wählten Menschen, die sich hier zwischen ihrer Sexualität und ihrer Frömmigkeit hin- und hergerissen fühlten, den Suizid als letzten Ausweg.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass ein homosexuelles Leben mancherlei Schuld und vielerlei Schuldgefühle mit sich bringen kann. Aspekte wie "ein Leben in Unehrlichkeit", "einseitige Konzentration auf das Sexuelle" sowie das hohe Ausmaß an Gewalt in vielen homosexuellen Begegnungen mögen das nur andeuten. Doch sind solcherlei Sünden keineswegs ein "Privileg" der Homosexuellen, sondern sind durchaus auch unter Heterosexuellen verbreitet. Vor allem aber muss man realisieren, dass Homosexuelle zu einem Gutteil von außen in einen solchen Lebensstil gedrängt werden. Auch und gerade dann, wenn eine Kirche über Menschen, die homosexuell sind und ihre Homosexualität leben, Sanktionen verhängt, indem sie diese aus ihrer Mitte verdrängt oder von der Mitarbeit ausschließt.

Vor Jahren vertraute sich mir ein hochrangiger Mitarbeiter einer großen, sehr frommen (evangelikalen) Organisation an. Er war schwul und lebte seit Jahren in Angst, dass seine sexuelle Präferenz in seiner Gemeinde oder bei seinem Arbeitgeber bekannt werden würde. Er hatte Angst, seinen geliebten Job, seine Freunde und seine soziale Anerkennung zu verlieren. So zog er es vor, in einer Scheinehe zu leben und sich mit kurzen sexuellen Abenteuern über Wasser zu halten, in ständiger Angst vor Entdeckung, ohne Aussicht auf den Aufbau einer langfristigen Beziehung zu einem anderen Mann. Welch enorme psychischen Belastungen das für ihn, aber auch für seine Frau bedeutet (die um seine sexuelle Ausrichtung weiß und ihn - teils aus Liebe zu ihm und teils aus Angst vor den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen eines Coming-outs - deckt), kann man wahrscheinlich kaum ermessen. Und ich frage mich, warum man, wenn sein Fall bekannt würde, in unseren Kreisen wahrscheinlich mehr über die Schuld und vermeintliche "Heuchelei" dieses Mannes nachdenken würde, als über die Schuld von uns Christen, die wir diesen Mann (und viele andere wie ihn) dazu bringen, ein derartiges Leben zu führen. Denn eine freie Wahl ist dieses Leben in Schuld und Schuldgefühlen sicherlich nicht.

Für mich war es ein Schlüsselerlebnis, als sich eines Tages ein Mitglied meines damaligen Hauskreises bei mir als schwul "outete". Hier war ein Mensch, der in unserer Gemeinde Gott kennen gelernt und an dem Gott über die Jahre ganz offensichtlich gearbeitet hatte und der in unserer Gemeinde mittlerweile mehr und mehr Verantwortung trug, wobei er ausgezeichnete Arbeit leistete. Sollte das alles auf einmal nicht mehr stimmen, nur weil ich plötzlich wusste, dass er schwul ist und seine Sexualität auch auslebt? Sollte ich ihn – wie viele meiner christlichen Freunde das tun würden - auffordern, seine viele Jahre andauernde glückliche Partnerschaft abzubrechen, um sich von Gott "heilen" zu lassen? Oder ihn gar von der Mitarbeit in unserer Gemeinde ausschließen? Ich habe das nicht getan. Ich glaube auch nicht, dass Jesus irgendetwas von alledem fordern würde. Freilich habe ich es bislang auch noch nicht vermocht, in unserer Gemeinde ein Klima herbeizuführen, in dem homosexuelle Mitarbeiter (es ist ja nicht nur dieser eine!) angstfrei und offen zu ihrer Homosexualität stehen können.

Mittlerweile habe ich eine ganze Reihe von Menschen kennen gelernt, die ganz offensichtlich beides sind: fromm (ich verstehe diesen Begriff positiv) und homosexuell. Und die stark darunter leiden, in unserer Kirche immer nur für eines dieser beiden Anliegen Verständnis zu finden. In frommen Kreisen werden sie geächtet, weil sie homosexuell sind, und dort, wo man ihrer Homosexualität gegenüber die nötige Liberalität aufbringt, stoßen sie auf bares Unverständnis, was ihre Frömmigkeit anbetrifft. Fromme Homosexuelle befinden sich in unserer Kirche wahrhaft zwischen allen Stühlen, eben in einem "Zwischenraum". Die gleichnamige Gruppe Betroffener hätte keine passendere Selbstbezeichnung für sich wählen können.

Ich sehe heute in den Homosexuellen so etwas wie "Gottes vergessene Kinder". Ich habe wunderbare Menschen unter ihnen kennen gelernt, die, wenn nicht mit Angst, so doch oft mit Abwehr reagierten, als sie erfuhren, dass ich Pfarrer einer "frommen" Gemeinde bin. Nur noch ein Bruchteil von ihnen hält sich überhaupt noch im Umfeld der Kirche auf. Doch das hat weniger mit ihrem vermeintlich "gottlosen Lebensstil" zu tun als vielmehr damit, dass wir sie ziemlich erfolgreich aus unserer Mitte vertrieben haben. Statt das verlorene Schaf bzw. den verlorenen Sohn zu suchen und heimzubringen, wie es eigentlich Auftrag der Kirche und der Wille unseres Vaters im Himmel ist, haben wir im Gegenteil diese Menschen aus unserer Mitte ausgeschlossen und "in die Wüste geschickt" – und das allein auf Grund ihrer sexuellen Veranlagung, für die sie ebenso wenig können wie wir für unsere Heterosexualität.

Ich glaube, dass wir heterosexuellen Christen hier geradezu eine historische Schuld auf uns geladen haben. An dieser Stelle täte uns - ähnlich wie bei Umgang mit den Juden in der Geschichte - ein Schuldbekenntnis gut, verbunden mit der intensiven Bitte um Verzeihung. Ich selber möchte es auf jeden Fall für meine Person tun: um Verzeihung bitten, wo ich mich in Vergangenheit nicht deutlicher für sie eingesetzt, sie nicht stärker vor Angriffen und Verächtlichmachung geschützt und nicht mehr für ihre Integration in unsere Mitte getan habe. Im Gegenteil: Früher sah ich selber Homosexuelle kategorisch als Sünder an und begegnete ihnen mit vielerlei Vorurteilen. Von meiner theologischen Lehre angefangen bis ins Seelsorgerliche hinein habe ich ihre innere und äußere Not nicht gelindert, sondern eher noch vertieft. Dieser Schaden lässt sich nicht wieder gutmachen und ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die sich die Agenda ihres Handelns von einem schlechten Gewissen diktieren lassen. Aber die Tatsache, dass ich mich heute als Heterosexueller für die Brüder und Schwestern von "Zwischenraum" einsetze (und mir dadurch einiges an Ärger einhandle), mag davon zeugen, dass ich hier eine grundlegende Umkehr vollzogen habe.

Der Einsatz für irgendwelche Minderheiten ist nicht mein Lebensthema. Ich sehe meinen persönlichen Lebensauftrag darin, dabei mitzuhelfen, dass die Kirche in Deutschland reformiert wird und an so vielen Orten wie möglich gesunde, lebendige Gemeinden entstehen. Und doch gehört zur Gesundheit unserer Gemeinden auch ein barmherziger (was nicht bedeutet: "herablassender") Umgang mit Menschen, die nicht dem breiten Strom unserer sogenannten "Normalität" entsprechen.

Letztlich sind wir alle darauf angewiesen. Jeder von uns hat eine verborgene Wunde, eine Krankheit, einen Defekt, ein Problem, eine Sünde, mit der er nicht fertig wird. Die Gemeinde Jesu ist in meinen Augen eine Art Krankenhaus. So war es auch die Sicht Jesu: "Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken." Die Gemeinde ist kein guter Ort für glatte, bruchlose Biografien. Jedenfalls nicht ihrem Wesen nach. In der Praxis haben wir sie oft dazu gemacht: zu einer Versammlung anständiger Bürger, wo der äußere Schein sehr viel gilt und keiner um die Nöte und Abgründe des anderen weiß. Aber diese Art von Christentum ohne Ecken und Macken ist immer merkwürdig kraftlos geblieben. Das heißt nicht, dass die Gemeinde per se eine Versammlung von Verlierern wäre. In unserer Gemeinde zum Beispiel nehmen wir die Leute ganz bewusst bei ihrer Stärke. Wir glauben, dass jeder und jede zumindest auf einem Gebiet ganz stark ist. Und wir versuchen, miteinander diese Stärken herauszufinden, das Potenzial zu entwickeln, das in jedem einzelnen Menschen liegt. Aber genau wie jeder von uns Stärken hat, hat er auch Bereiche, wo er auf Barmherzigkeit angewiesen ist. Genau betrachtet leben wir alle von nichts anderem als von der Barmherzigkeit Jesu. Christsein heißt: Die Barmherzigkeit Jesu zu seiner Lebensgrundlage machen. Und wenn wir als Christen leben wollen, heißt das: diese Barmherzigkeit, die wir erfahren haben, an andere weiterzugeben.

Dass man in unserer Mitte angstfrei anders sein kann und dass diese Andersartigkeit nicht als Bedrohung, sondern als positive Herausforderung, ja vielleicht sogar als Bereicherung wahrgenommen wird, das ist in den meisten Gemeinden leider noch eher ein frommer Wunsch. Immer noch stoßen wir in großer Regelmäßigkeit alles ab, was von unserer bürgerlichen Normalität abweicht und halten so unsere Gemeinden "sauber". Wo Menschen in unserer Mitte wirklich Probleme haben – etwa in ihrer Ehe oder mit dem Alkohol – schweigen sie meist darüber, weil sie nicht der Meinung sind, dass die Gemeinde ein sicherer Raum ist, in dem ihr "kleines Geheimnis" allzu gut aufgehoben ist. Im Gegenteil: Sie fürchten oft die Konsequenzen, was passiert, wenn ihr Problem in der Gemeinde bekannt wird.

Menschen mit einer homosexuellen Orientierung geht es in der Gemeinde nicht anders. Zwar wird nirgendwo so viel von Liebe und Annahme geredet wie in der christlichen Gemeinde, aber die Praxis sieht oft anders aus. Viele Tausend Homosexuelle können ein Lied davon singen, dass Christen ihnen mit Ablehnung und Vorurteilen begegneten, wo sie eigentlich nichts sehnlicher suchten als jene Liebe und Annahme, von der in frommen Predigten und Bibelarbeiten so oft die Rede ist. Gerade diese aber wäre ein sehr viel besserer Hinweis auf die Jesusgemäßheit unserer Verkündigung als jede vermeintliche Rechtgläubigkeit, die Menschen auf Grund ihrer sexuellen Orientierung aus der Gegenwart Gottes verstößt.

Erst dort, wo Menschen angstfrei äußern können, dass sie homosexuell sind, können auch die positiven Seiten der Homosexualität zum Tragen kommen. Auch in der christlichen Gemeinde. Anfang der neunziger Jahre forderte der Religionspsychologe David Jordahl1, die Kirche solle 2000 homosexuelle Pfarrer einstellen, weil diese einen viel ausgeprägteren Sinn für Schönheit und Ästhetik hätten als die meisten Heterosexuellen. Das käme nicht zuletzt der Sinnlichkeit unserer Gottesdienste zugute. Diese in dieser Form sicherlich provokativ gemeinte Aussage hat meinem persönlichen Denken ein weites Tor geöffnet und einen faszinierenden Ausblick freigegeben. Auch wenn der besonders einfühlsame Homosexuelle als Pauschalvorstellung ein Klischee ist, so gibt es diese Menschen doch, und zwar keineswegs selten. Ich glaube überdies mit David Jordahl, dass Homosexuelle mit ihrem oft stark ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Körperlichkeit viel Wichtiges in die Gemeinde einbringen können. Aber damit das zum Tragen kommt, brauchen diese Menschen bei uns einen Raum, in dem sie das entfalten können und wo man offen dafür ist, dass Homosexualität auch eine Gabe sein kann.

Das ist zweifellos ein steiler Satz und wir sind noch weit davon entfernt, seine Wahrheit auch nur ansatzweise zu erahnen. In der derzeitigen Situation sehen Hardliner in der Homosexualität eine Sünde und selbst wohlmeinende Heterosexuelle oft nur einen defizitären Modus. Sogar den Betroffenen selbst kommt auf Grund ihrer äußeren Bedrängnis ihre eigene Sexualität oft wie ein Fluch vor. Aber wenn es uns gelingt, die Verhältnisse so zu ändern, dass Homosexuelle in der Gemeinde völlig normal neben ihren heterosexuellen Brüdern und Schwestern beten, arbeiten, leben und feiern können, würde etwas von dem wahr, wie sich das Neue Testament Gemeinde vorstellt:

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3,24-28)

 

Abschließend möchte ich die Voraussetzungen aufzeigen, die den Weg für homosexuelle Christinnen und Christen in die Gemeinden ebnen und ihnen eine Gotteserfahrung der Liebe und Annahme vermitteln können: Wie also sollten Heterosexuelle homosexuellen Christen in der Gemeinde begegnen?

Mit Nüchternheit und Realismus

Das Bild vieler Christen über die Homosexualität gleicht eher einer Karikatur. Bilder von Szenekneipen mit Lack und Leder, schrille Typen auf dem Christopher-Street-Day sowie so manche Provokation militanter Schwuler haben in vielen Köpfen eine bestimmte Vorstellung von Homosexualität eingeprägt, die ihnen aufreizend, schamlos und sexbesessen erscheint. Doch das ist nicht sonderlich fair. Wir würden uns auch "bedanken", wenn jemand sein Urteil über die Heterosexualität vornehmlich auf Beobachtungen gründen würde, die er – zu allem Überfluss noch durch das Fernsehen gefiltert – auf der Love-Parade gemacht hat. Auch das Klischee des "sanften Schwulen" ist, wie bereits oben erwähnt, keineswegs immer zutreffend. Wir müssen im Umgang mit dem Phänomen der Homosexualität wegkommen von Klischees jedweder Art und uns stattdessen in der Kunst der genauen Wahrnehmung üben. Der beste Weg hierzu scheint mir, bewusst Kontakte zu "real existierenden" Homosexuellen im näheren Umfeld bzw. in der Gemeinde zu suchen und mit ihnen (vor)urteilsfrei ins Gespräch zu kommen. Meine Erfahrung ist: Es fällt schwerer, eine Hardliner-Position durchzuhalten, wenn man nicht mehr über "Homosexualität an sich" redet, sondern entdeckt, dass es in der Gemeinde oder gar im eigenen Freundes- oder Hauskreis Menschen gibt, die davon betroffen sind.

Ich sage es noch einmal: Die Bibel stellt uns zwei Orientierungspunkte vor Augen, zwischen denen wir uns als Kirche bewegen müssen: Homosexuellen mit Liebe und Annahme zu begegnen, das Ganze aber auf der anderen Seite auch nicht heilig zu sprechen und so zu tun, als sei das alles völlig unproblematisch. Und beides gleichzeitig im Blick zu behalten ist eine Gratwanderung, ja es ist ein Minenfeld. Militante Fromme macht man sich mit dieser Einstellung ebenso zum Feind wie militante Homosexuelle. Doch der Platz zwischen allen Stühlen steht der Kirche einfach gut an. Inmitten einer oft hochemotional geführten Diskussion wäre es gut, wenn sich die Kirche gerade nicht auf eine der beiden Seiten schlagen würde, sondern mit Nüchternheit und Unaufgeregtheit mithelfen würde, die bestehenden Wogen zu glätten. Das hieße, bestehende Ängste und Vorurteile wahrzunehmen und abzubauen und auch hier einen konsequent friedensstiftenden Kurs zu fahren.

Mit größtmöglicher Behutsamkeit und Ehrfurcht

Wovon wir hier reden und worum es mir geht ist die Liebe zweier gleichgeschlechtlichen Partner. Wo immer ein Mensch einen anderen liebt, sollten wir folgenden Bibelvers beherzigen: "Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land!" (Ex 3,5). Wenn irgendwo wirklich Liebe im Spiel ist, nicht nur Gier, nicht nur Lust, sondern wirklich Liebe, dann haben wir Christen mit einem Höchstmaß an Sensibilität und Behutsamkeit an die Sache heranzugehen. Wie sagte Volker Beck unlängst angesichts homosexuellenfeindlicher Äußerungen der römischen Kurie: "Die Liebe bekämpfen zu wollen ist ein Kardinalfehler." Der bloße Begriff "Liebe" rechtfertigt zwar nicht alle Dummheiten und fragwürdigen Handlungen, die jemand begeht, aber wir müssen hier einfach wissen: Wir betreten hier nicht nur ein ausgesprochen sensibles Gebiet, sondern alle Liebe hat etwas mit Gott zu tun und ist darum "heiliges Land". Und wenn es eine homosexuelle Liebe ist, haben wir auch hier erst einmal unsere Schuhe auszuziehen und das zu akzeptieren. Das bedeutet im Klartext:

Homosexualität sollte in der Gemeinde akzeptiert und Homosexuelle sollten willkommen geheißen werden.

Gemeinde sollte ein Raum sein, wo jemand angstfrei sagen kann, dass er homosexuell ist und wo man akzeptiert, dass er seine Sexualität auch auslebt. Wo er nicht fürchten muss, deswegen verlacht, schief angeguckt, verachtet oder gar von der Mitarbeit ausgeschlossen zu werden. Die Homosexualität muss heraus aus dem Untergrund, weil der Untergrund ein höchst ungesundes Klima ist, das ebenso ungesunde Dinge hervorbringt.

Das aber bedeutet, dass Homosexuelle sich in der Gemeinde auf Dauer zu erkennen geben sollten. Der geeignete Zeitpunkt und Ort für ein solches Comingout sollte wohl durchdacht, nicht aber ewig hinausgezögert werden. Vielleicht wäre der geschützte Rahmen eines Hauskreises ein geeigneter Ort dafür. Andere "Zeichen der Zeit" könnten sein, dass man von anderen Homosexuellen in der Gemeinde weiß, die gerne aus der Verborgenheit heraustreten würden oder wenn die Normalisierung des Verhältnisses zwischen Hetero- und Homosexuellen in der Gemeinde ohnehin "in der Luft" liegt, etwa, weil der Kirchenvorstand über Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften diskutiert. Abzuraten von einem Comingout ist, wenn die Gemeindeleitung bzw. die Gemeinde überhaupt einen erratischen Block bildet, der Homosexualität kategorisch ablehnt. Die Frage ist, ob man in einer solchen Gemeinde, die ihre homosexuellen Brüder und Schwestern auf Dauer in ein unwürdiges Leben in der Verborgenheit zwingt, unbedingt verbleiben muss oder ob man in diesem Fall seine Kräfte nicht lieber anderswo einbringen sollte.

In der Gemeinde sollte das Thema Homosexualität nicht allzu sehr hoch gespielt werden.

Ich komme in diesem Zusammenhang noch einmal zurück auf die bereits weiter oben erwähnten "Welcoming Churches". Diese Gemeinden bieten im oftmals recht prüden Amerika, wo die Situation für Homosexuelle oft noch beengender ist als hier in Deutschland, diesen eine Art Unterschlupf, wo sie angstfrei sie selbst sein können. Dafür werden sie - die Gemeinden - von vielen Christen in den USA beschimpft. Ich glaube, Jesus ist stolz auf solche Gemeinden! Sie unterscheiden sich allerdings auch von den reinen Homosexuellengemeinden, die es in den USA ebenso wie in Deutschland gibt und in denen die (Homo)sexualität naturgemäß ein sehr starkes Thema ist. So verständlich es auch ist, dass Homosexuelle diese Gemeinden in besonderer Weise nutzen, um ihre ureigene Problematik zu thematisieren und für ihre Rechte einzutreten, hier kommt dem Sexuellen oft ein Gewicht zu, der ihm vom Neuen Testament einfach nicht entspricht. "Welcoming Churches" heißen Homosexuelle willkommen und geben ihnen ein Zuhause, bieten ihnen aber kein besonderes Forum, um für ihre Sache zu kämpfen. Das sieht auf den ersten Blick nicht sonderlich solidarisch aus, aber gerade dadurch, dass in einer "Welcoming Church" Menschen unterschiedlicher sexueller Präferenz miteinander beten, feiern und arbeiten, ohne dass darüber viel Aufhebens gemacht wird, leisten diese Gemeinden einen erheblichen Beitrag zur Normalität des Miteinanders von Homo- und Heterosexuellen.

Die Frage der Homosexualität darf nicht zur glaubensentscheidenden Frage (status confessionis) erhoben werden.

Und zwar weder von der einen noch von der anderen Seite. Weder die deutliche Positionierung für die Homosexuellen noch die deutliche Positionierung gegen die Homosexualität macht uns zu Christen. Ich kenne Christen, die sowohl der einen als auch der anderen Auffassung sind. Auch in unserer Gemeinde wird teilweise sehr kontrovers über dieses Thema diskutiert. Und das muss eine Gemeinde aushalten und das darf uns nicht trennen. Denn im Kern geht es der christlichen Gemeinde weder darum, irgendeine Form der Sexualität zu verdammen, noch sie in den Himmel zu erheben. Das Sexuelle ist in der Kirchengeschichte viel zu wichtig genommen worden. Im Kern geht es uns vielmehr darum, dass Menschen zu Gott finden. Und das tun sie nach christlichem Verständnis, indem sie Jesus Christus begegnen. Und darauf sollte sich Kirche konzentrieren: Dass sie Menschen eine Begegnung mit Jesus Christus ermöglicht. Und das tut sie am besten, indem sie den Menschen so begegnet, wie Jesus den Menschen begegnet ist. Und das war unendlich liebevoll. Das war durch und durch nicht-verurteilend. Aber es war immer auch korrigierend, aufrichtend, auf Gott hinweisend. Jesus nahm Menschen immer bei ihrer Stärke. Und er ging behutsam mit ihren Schwächen um. Und mit beidem, mit ihren Stärken und ihren Schwächen verwies er die Menschen auf Gott. Er vermittelte ihnen die Liebe, aber auch die Größe Gottes, die einen Menschen aufrichten und verändern kann.
Und genau das müssen wir als Christen tun (die wir nun einmal mehrheitlich heterosexuell sind), wenn wir mit Homosexuellen zu tun haben: Zusehen, dass die Art, wie wir mit Homosexuellen umgehen, wie wir über sie reden und denken, dass all dies mehr und mehr ein Hinweis auf die Größe und auf die Liebe unseres Gottes.

Fußnote
1 Die zehn Ängste der Kirche, Kreuz-Verlag Stuttgart.


Geschrieben von Dr. Klaus Douglass
2005

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