BIBELAUSLEGUNG

Hiob: wenn Gottesbilder zerbrechen

Jemandem zerbricht sein Gottesbild oder jemand wird durch das Gottesbild zerbrochen, weil es falsch und zerstörerisch ist. Beides findet sich bereits in einem jahrtausendealten und doch so zeitlosen Buch wieder: dem Buch Hiob.

"Wenn Gottesbilder zerbrechen" — ich weiß nicht, ob jemandem aufgefallen ist, dass dieser Titel von mir doppeldeutig gewählt wurde. In der deutschen Sprache können in diesem Satz ja zwei Aussagen stecken:

  • Jemandem zerbricht sein Gottesbild (aufgrund bestimmter Erlebnisse z.B.) oder
  • Jemanden zerbricht sein Gottesbild = er wird durch das Gottesbild zerbrochen (weil es falsch und zerstörerisch ist)

Beides ist urmenschliche Erfahrung und beides findet sich bereits in einem jahrtausendealten und doch so zeitlosen Buch wieder: dem Buch Hiob.

Das Buch Hiob gehört zu meinen Lieblingsbüchern und ist für meine Begriffe ein großes, wenn auch viel zu selten gelesenes Stück Weltliteratur. Und hat nebenbei ja auch viele andere Autoren von Weltliteratur inspiriert, sowohl um seines Themas, als auch um der mutigen Art willen, wie es mit dem Thema umgeht.

Das Thema des Buches Hiob kreist um die Frage nach dem Sinn des Leides - oder auch nach dem Wie des Ertragens sinnlos scheinenden Leides. Das macht ja einen gewaltigen Unterschied. Leid ist selbstverständlich nie erfreulich. Aber es fällt sehr viel leichter, Leid zu ertragen, wenn man einen Grund oder einen Sinn dafür sieht. Das beginnt schon bei banalen Dingen. Ein Skifahrer, der unbedingt eine völlig vereiste schwarze Piste hinunterfahren möchte und alle Warnungen, sich die Knochen zu brechen, ausschlägt mit der Aussage: "Diese Gefahr nehme ich auf mich" — der wird über ein gebrochenes Bein sicher nicht jubeln, aber sich sagen: "Gut, das Risiko bin ich ja eingegangen". Keine Frau freut sich auf die Geburtswehen, aber sie nimmt die Schmerzen auf sich, weil sie weiß: "anschließend ist mein Kind auf der Welt".

Menschen sind fähig, geradezu Unglaubliches zu ertragen, wenn sie einen Sinn darin sehen. Aber von dem Leidenden als völlig sinnlos empfundenes Leid kann ihn auch verzweifeln lassen. Hiob ist der Prototyp eines Menschen, der in seinem (ja geradezu sprichwörtlich gewordenen) übergroßen Leid keinen Sinn sehen kann und darüber mit sich, mit dem Schicksal und mit Gott ringt.

Ausleger, selbst konservative Ausleger, sind sich nicht ganz einig darüber, ob sie Hiob als tatsächliche Gestalt auffassen sollen, die irgendwann auch einmal wirklich gelebt hat, oder ob das Buch Hiob reine Fiktion ist. Im Buch Hesekiel wird Hiob wie eine tatsächlicher Mensch neben Noah und Daniel (Hes. 14, 20) als Vorbild angeführt und auch der Schreiber des Jakobusbriefes greift auf seine Gestalt zurück (Jak. 5, 11). Das ist natürlich kein sicherer Beweis für seine Existenz, weil Sprachgebrauch auch problemlos legendäre neben echte Figuren setzen könnte. (Um es an einem eher kuriosen Beispiel deutlich zu machen: Wenn wir sagen: "Frau X sieht aus wie des Teufels Großmutter" — dann wäre klar, dass Frau X reell existiert, jeder wüsste auch, was dieser Vergleich meint, die eine Hälfte würde an die Existenz des Teufels glauben, die andere vielleicht nicht, aber niemand würde davon ausgehen, dass der Teufel tatsächlich eine Großmutter hat.)

Für die "literarische Hypothese" wird ins Feld geführt, dass es offensichtlich eine ältere Kernerzählung gibt, die Rahmenerzählung nämlich, die uns von Hiobs glücklichen Tagen, der Verhandlung über ihn im Himmel, dem Unglück, das ihn trifft und wie er es erduldet, und von der Wiederherstellung seines Glücks berichtet. Als verschiedene spätere Einschübe gelten dann die Streitgespräche mit seinen Freunden, die ein kunstvolles Werk der sog. Weisheitsliteratur darstellen mit Rede und Widerrede, Weisheitslied, etc. Tatsächlich wäre es natürlich sehr unrealistisch anzunehmen, dass jemand, der mit Eiter übersät, verzweifelt und geschwächt in der Asche sitzt, solche wohlgesetzten und recht langatmigen Reden ohne Pause aneinander reiht.

Eigentlich interessieren mich nun diese theologischen Streitigkeiten gar nicht. Warum gehe ich trotzdem darauf ein? Ob Hiob tatsächlich gelebt hat - ich persönlich glaube schon. Aber - je mehr man mir mit der "Künstlichkeit" argumentiert, dass zumindest ein Großteil des Buches Erfindung sei, desto froher bin ich dann, dass dieses Buch in der Bibel steht, und desto überzeugter bin ich, dass es dann ganz und gar "Gottes Buch" ist. Warum? Weil KEIN konventioneller frommer Schreiber jeglichen Jahrtausends es aus eigenem Antrieb jemals gewagt hätte, Gott solche Ungeheuerlichkeiten zuzuschreiben und ins Gesicht zu schleudern, wie sie im Buch Hiob stehen. Je mehr es Fiktion wäre, desto weniger wäre es m. E. als rein menschliches, frommes Gedankengut denkbar, desto mehr könnte es nur das Werk des Heiligen Geistes selber sein.

Wir finden in diesem ururalten Buch Aussagen, die in ihrer radikalen Anfrage an Gott die "Verklagung Gottes" der Existenzialisten wie Jean Paul Sartre mühelos in den Schatten stellen könnten. Wir finden darin eine Selbstdarstellung Gottes, die so rätselhaft und provozierend ist, dass sie dem Erklärungsbedürfnis - gerade auch des alttestamentlichen Menschen (Hiobs Freunde!) - zum Haaresträuben zuwider läuft. Wir finden darin eine groteske Entlarvung frommer Platitüden, dagegen Gebete, die in unseren Gemeinden einen Empörungssturm auslösen würden. Ich habe bücherweise Hiobkommentare gelesen, die genau das offensichtlich nicht ertragen konnten, und versuchten, dieses Buch wieder fromm zurechtzustutzen, das Ungeheuerliche wieder mundgerecht zu machen und das Unfassbare wieder kleinzuerklären — und damit eigentlich auf der selben Stufe stecken bleiben wie Hiobs Freunde (die am Schluß von Gott aber eine ordentliche Abfuhr bekamen). Eigentlich widersetzt sich dieses Buch all dem. Es kann nur von dem mit Gewinn gelesen werden, der bereit ist, "ganz anders" zu denken. Wer Interesse daran hat, dem kann ich nur den Hiobkommentar von Helmut Lamparter "Das Buch der Anfechtung" empfehlen, das allerdings leider in altdeutscher Schrift gedruckt, und damit recht mühsam zu lesen ist.

Nun teilt sicher nicht jeder die Begeisterung orientalischer Literatur an endlosen Wiederholungen und philosophierenden Reden und Gegenreden, die sich im Buch Hiob über neununddreißig Kapitel hinziehen. Diese kunstvollen Ausführungen wirken für unseren mitteleuropäischen "Ein-Mann-ein-Wort-Geschmack" vielleicht tatsächlich etwas künstlich. Aber neben der stilistischen Eigenart orientalischer Schreibkunst sollen diese Reden m. E. auch dazu dienen, in dieser Menschheitsfrage "Warum muß ich leiden?", möglichst jede Facette auszuleuchten und jede Grenze auszuloten — auch wenn am Schluß herauskommt, dass es gerade nicht auf jede Frage eine Antwort, und für unser Verständnis absolute Grenzen gibt.

Keine Angst, wir werden selbstverständlich hier nicht 42 Kapitel lesen. Selbst die erzählenden Kapitel werde ich aus Zeitgründen nur als Zusammenfassung wiedergeben, und ihr müsst mir meine Version dann halt einfach abkaufen... Ich will aber versuchen, euch auch aus den Reden Hiobs und seiner Freunde einen Extrakt zu liefern. Und ich hoffe, euch mit diesem Extrakt etwas von der zeitlosen Schönheit und auch Schrecklichkeit in der Auseinandersetzung Gott-Mensch und Mensch-Gott, die uns das Buch schildert, vermitteln zu können - und euch vielleicht auch ganz betroffen zu machen, weil ihr merkt, wie nahe dieser Hiob einem gehen kann.

Wer ist Hiob eigentlich? Wann hat er gelebt? All dies lässt der Text recht unbestimmt. Die mir persönlich plausibelsten Vermutungen gehen dahin, dass man ihn in die "Patriarchenzeit" einzuordnen hat. Nirgends finden wir im Buch einen Hinweis auf die Existenz der mosaischen Gesetze oder Opferriten, sie scheinen noch nicht zu existieren. Aber einzelne Namen von Personen und Orten rühren von verschiedenen Nachkommen oder Verwandten Abrahams[1] her, wobei solche Namen in der Bibel z.T. mehrfach vorkommen, so dass die Zuordnung nicht immer eindeutig möglich ist. Interessanterweise stammen einige Namen von den Nachkommen Esaus her, (des Brudes Jakobs und bereits Enkels Abrahams) oder von den Völkern (Horiter), deren Land sie eingenommen hatten[2].

Dann würde Hiob etwa zur Zeit gelebt haben, als die Nachfahren Jakobs, also die Israeliten, sich noch in Ägypten aufhielten. Dabei wird Hiob als Bewohner des Landes Uz beschrieben. Vermutlich gibt es zwei oder drei Landschaften diesen Namens in der Bibel, die geografisch am besten zu den anderen Ortsnamen passende läge südlich des Toten Meeres im Siedlungsbereich der Edomiter, also der Nachkommen Esaus. Es wäre von daher durchaus möglich, dass Hiob selbst ein Edomiter war. Zu dieser Zeit glaubten Esaus Nachkommen noch an den Gott Abrahams, bevor später im Volk der Edomiter Götzenverehrung Einzug hielt (s. 2. Chron. 25, 14). Hiob ein Edomiter - das wäre dann freilich heilsgeschichtlich geradezu ein "Schmankerl", weil Gott damit eine der bedeutendsten Gestalten des Alten Testaments nicht aus der sog. "Segenslinie Abrahams", nämlich den Nachkommen Jakobs, sondern aus der hinangestellten, der "verworfenen" Linie, den Nachkommen Esaus, erwählt hätte. Ein vielleicht nicht ganz uninteressanter Gedanke in der leidigen Diskussion um die Exklusivität der "Segenslinie Heterosexualität"...

Beschäftigen wir uns ein bisschen mit diesem Hiob. Er war für damalige Verhältnisse unfassbar reich und an Ansehen übertraf er alle Söhne des Ostens (1, 3). Sein Glaube wird beschrieben als untadelig (Luther: fromm) und rechtschaffen, er fürchtete Gott und mied das Böse (1, 1). Ja, dem wird im Urteil Gottes noch eins oben drauf gesetzt: Seinesgleichen gibt es nicht auf Erden, so untadelig... (1, 8). Diese Schilderung mag auf die einen positiv und vorbildhaft wirken, auf jemand anderen vielleicht den Eindruck erwecken, Hiob sei womöglich der Prototyp dessen, was ich als "Zerrbild der Frömmigkeit" bezeichnen möchte: moralinsauer, verbissen, engstirnig, unduldsam, selbstzufrieden und natürlich patriarchalisch-herrschsüchtig. Aber: genau so war Hiob nicht! Die Bibel beschreibt uns Hiob zu seinen glücklichen Zeiten an zwei Stellen, in den Versen 2-5 des ersten Kapitels und in seiner Selbstverantwortung vor Gott im Kapitel 31.

Im ersten Kapitel wird als Veranschaulichung der Frömmigkeit Hiobs eine Gewohnheit seiner Kinder und sein Umgang damit geschildert:

"Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter... Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag [Geburtstag ?], und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit." (Hiob 1, 2-5)

Das muß man erst mal ein bisschen durchdenken, um richtig zu verstehen, was darin steckt. Hiob ist ein sehr sensibler Mann: er hat einmal ein sehr feines Gewissen Gott gegenüber, aber er hat auch ein sensibles Verhalten Menschen gegenüber. Ich finde es immer wieder spannend, wie zeitlos viele menschliche Fragen sind. Hiob hat das Problem aller Eltern der Menschheitsgeschichte: Er versteht manches an der Generation nach ihm nicht mehr so richtig, einiges an ihrem Verhalten ist ihm fremd. Zu seiner Zeit hat man anders gefeiert als seine Kinder, manches erscheint ihm daran zu frei, zu locker, und er hat Angst, dies könnte Gottes Ordnungen verletzen. Und er möchte seinen Kindern schließlich gerne göttliche Maßstäbe auf den Weg mitgeben. Aber - er verbietet seinen Kindern nichts, was einem damaligen Patriarchen leicht möglich gewesen wäre. Er möchte ihnen ihre jugendliche Lebensfreude nicht nehmen, er setzt sich auch nicht als Aufpasser dazu. Er macht seine Unsicherheit im wesentlichen im Gebet mit sich und Gott aus. Er lässt seinen Kindern ihren Weg, und falls daran etwas gegen den Willen Gottes, der ihm so unendlich lieb und wichtig ist, verstoßen sollte, dann bittet er stellvertretend dafür um Vergebung.

Speichern wir das ruhig einmal ab, dass uns die Bibel als Beispiel seiner großen Frömmigkeit diese Form des Verhaltens nennt, nicht, dass er seinen Kindern autoritär sagte: "So, das ist richtig, das ist falsch, dies dürft ihr, dies dürft ihr nicht, und wehe, wer sich nicht daran hält!"

Die zweite Beschreibung der Frömmigkeit Hiobs aus seinem eigenen Mund in Kapitel 31 ist wenig bekannt, weil sie mitten unter den Reden und Widerreden fast ein bisschen untergeht. Hiob ist im Kapitel 31 völlig am Ende. Sich selbst zu beweihräuchern hat er da sicher nicht im Sinn. Er durchforscht sich vielmehr selbst, ob irgendwo ein bewusstes und vor Gott verstecktes Fehlverhalten in seinem Leben aufzuspüren wäre, da seine Freunde ja darauf bestehen, dass Hiob an seinem Leid selbst schuld sein müsse. Es gibt einen schönen Begriff für seine Schilderung: "Selbstverhör". Genau das, ein Selbstverhör, ist dieses Kapitel 31. Hiob schildert darin seine Maßstäbe, die er seinem Verhalten zugrundegelegt hat — und da kommt ganz Erstaunliches heraus!

Verschüttet im Aschehaufen von Hiobs Existenz finden wir da quasi einen goldenen Schatz. Wer das Kapitel liest, muß — wenn auch gekleidet in die blumige Sprache des alten Orients — automatisch an einen der zentralsten Texte der Christenheit denken, nämlich die Bergpredigt Jesu. Hiob weiß ganz genau, dass Sünde, wie Jesus sagt, im Herzen beginnt. Er weiß, dass bereits der heimliche, begehrliche Blick eine Tat längst vorwegnehmen kann. Er weiß, dass man nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen kann. Er, ein unumschränkter orientalischer Machthaber, hat sehr genau das Recht und die Bedürfnisse seiner Untergebenen (Knechte, Mägde) und auch der Rechtlosen seiner Gesellschaft (Waisen, Witwen, Arme) vor Augen und achtet sie weit über das übliche Maß. Man könnte glauben, er habe den Jakobusbrief mit seinen sozialen Forderungen aufs Aufmerksamste studiert. Wer im Schatten der Gesellschaft steht und keinen Fürsprecher hat, findet bei ihm ein offenes Ohr und Rat und Tat. Er ist fern jeder Überheblichkeit, sondern freigebig, gastfreundlich und großzügig und scheint Jesu Aussage "Was ihr meinen geringsten Brüdern tut, habt ihr mir getan" ganz selbstverständlich zu kennen. Selbst der Satz "Liebet eure Feinde" ist ihm gar nicht so fremd. Bis hin zum Umweltbewusstsein, der schonenden Behandlung von Gottes Schöpfung, gehen seine Überlegungen. Und er ist sich trotz seiner Frömmigkeit bewusst, dass er nicht fehlerlos vor Gott auftrumpfen könnte, sondern Vergebung nötig hat, und bekennt das auch offen vor Gott.

Letzteres dürfen wir nicht vergessen, wenn wir später manche Aussagen von Hiob betrachten. Wenn er seine Unschuld beteuert, denkt Hiob keineswegs, dass er fehlerlos vor Gott dastünde und sich nie etwas hätte zuschulden kommen lassen. Sondern es geht ihm darum, dass er keine Schuld vor Gott oder Menschen bewusst zurückgehalten hat. Und das bei einem Gewissen, das sicher feinere Seismografen hatte als bei einem jeden von uns!

Also, wir können Gottes Beurteilung untadelig, seinesgleichen gibt es nicht auf Erden schon ganz ernst nehmen. Und ich bin fest überzeugt: Hiobs Glaubensleben hatte kein Manko, dass mit noch "ein bisschen Prüfung im Leid" hätte etwas blanker poliert werden sollen — was immer ein Mensch an Glaubensleben aufbringen könnte, war in Hiob verwirklicht.

Um so unfassbarer ist dann, was uns die Bibel in den ersten beiden Kapiteln über die Verhandlungen zwischen Gott und dem Satan im Himmel erzählt. Sie schildert uns sehr bildlich eine Art himmlischer Ratsversammlung. Das Ganze hat dabei etwas Theaterähnliches (s. Goethes Prolog im Himmel zum Faust I!). Hiobs Welt ist die Bühne, und nun schaut der Leser hinter die Kulissen auf das, was sich in der himmlischen Dimension abspielt. Gott und der Satan, der hier die typische "Verklägerrolle" (vgl. Sach. 3, 1, Offb. 12, 10) einnimmt, kommen auf Hiob zu sprechen. Satan versucht, Gott zu provozieren (oder glaubt zumindest, dass er das könnte) und sagt: "Hiob ist zwar fromm, aber das ist ja keine Kunststück, ihm geht's ja nur bestens dabei und dadurch. Er ist reich, angesehen, gesund, tolle Familie — da wär ich auch fromm. Aber nimm ihm das weg, dann platzt seine Frömmigkeit wie eine Seifenblase!" Er spielt damit auf die alte Problematik an, ob ein Mensch um Gottes willen fromm ist, oder nur um der Gaben Gottes willen, ob der Mensch auch dann noch glaubt; wenn sich der Glaube nicht unmittelbar lohnt, bzw. in irdischer Münze bezahlt macht.

Daraufhin erlaubt Gott Satan, alles anzutasten außer Hiob selbst, und damit bricht das Verhängnis mit brutaler Gewalt über Hiob herein. Eine nach der anderen treffen die sprichwörtlichen Hiobsbotschaften ein. Während der eine Bote noch nicht ausgeredet hat, fällt ihm schon der nächste ins Wort und alle berichten von Katastrophen. Schließlich ist Hiobs gesamte Habe verloren, und schlimmer noch, alle seine zehn Kinder tot. Aber die Rechnung des Satan geht nicht auf, Hiob hält an Gott fest mit den berühmten Worten: 

"Hiob... fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!" (Hiob 1, 20-21)

Die Geschichte geht in den zweiten Akt. Wieder himmlische Versammlung, wieder Gespräch über Hiob. War das erste schon befremdlich, so bleibt einem jetzt beim Lesen geradezu die Pupille stecken. WAS sagt Gott da zum Satan??" Du hast mich aufgestachelt, Hiob ohne Grund zu verderben." (2, 3) Wie bitte? Gott, der Gott der Bibel, lässt sich "bequatschen", noch dazu vom Satan, und noch dazu zu etwas, was völlig grundlos ist — und grausam obendrein?? Ein verwirrender Gedanke, der uns da zugemutet wird! Aber lassen wir das zunächst mal so offen stehen bis zu einem späteren Zeitpunkt.

Nun setzt der Satan noch eins obendrauf. Die erste Wette hat er zwar verloren, aber: wenn man nun auch noch Hiobs eigene Existenz angeht, dann ist's aus mit seiner Frömmigkeit. Also bekommt er auch diese Erlaubnis, nur Hiobs Leben muß er schonen. Hiob wird von Kopf bis Fuß mit Geschwüren geschlagen, er ist nun schwer krank mit äußerst quälenden Symptomen (Juckreiz, Schmerzen, eitriges Sekret). Und nicht nur das — da zu dieser Zeit alle Hautkrankheiten unter den Aussatzverdacht fielen, wurde er auch in der Gesellschaft, selbst seiner eigenen Verwandtschaft, völlig isoliert. Auch seine Frau ist ihm keine Stütze mehr. Sie ist vom Leid so gebeutelt, dass ihr Glaube zerbrochen ist; einem Gott, der solches alles zulässt, kann sie nichts mehr abgewinnen. "Sag diesem Gott doch ab", empfiehlt sie Hiob. Aber wieder geht Satans Rechnung nicht auf — Hiob hält an seinem Glauben fest: 

"Er aber sprach: Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen." (Hiob 2,10)

Hiob versündigte sich nicht. Er verharrt in Demut vor Gottes unerfindlichem Ratschluß. Vorher schon wird betont: Hiob aber schrieb Gott nichts Ungebührliches (Ungereimtes, Törichtes) zu (1, 22).

Fast möchte man Hiob ja zurufen: "Hiob, du schreibst Gott nichts Ungebührliches zu? Das solltest du aber! Da hat sich soeben höchst Ungebührliches im Himmel abgespielt! Wir haben hinter die Kulissen geschaut: Dein Herr hat eine schändliche Wette mit dem Satan abgeschlossen, die jetzt auf deinem Rücken ausgetragen wird. Hör lieber auf deine Frau, die hat im Grunde ganz recht — dem Gott gehört die Absage doch ins Gesicht geschrieen!"

Nun könnte man denken: Nun ja, das sind halt so die primitiven und im Grunde etwas lächerlichen Gottesvorstellungen des antiken Menschen, die wir heute natürlich nur noch aus unserer aufgeklärten Distanz in einer Mischung aus Befremden und Amusement betrachten können. Der antike Mensch — der mag sich ja damit zufrieden geben, dass Gott und Satan über einen Menschen verhandeln, dann noch so eine Art Pakt schließen und all das.

Aber dazu möchte ich sagen: Glaubt das bloß nicht! Ganz so einfach sollten wir es uns nicht machen. (Ganz abgesehen davon, dass die Erzählung in moderner Fassung zwar sicher mit Computeranimation, Hologrammprojektion, Faserkanone, und Ein- und Ausstieg aus der Matrix ausgestattet wäre, sich sonst aber nicht viel geändert hätte...) Ich bin überzeugt, der antike Mensch fand das überhaupt nicht in Ordnung. Ich höre geradezu, wie dem Schreiber der Griffel kreischt vor Schreck und Empörung, was er da auf die Tontafel kratzt. Die Gottesvorstellung des antiken Menschen sehen wir ja an den Freunden Hiobs. Auch damals wünschte man sich das erheblich anders. Da hatte die Welt schwarz-weiß zu sein und Gott ganz geradlinig gut und gerecht (und entgegen aller Beteuerungen damit eben doch möglichst durchschaubar und vorhersehbar). Eliphas, Bildad und Zophar, Hiobs wackere Freunde, denen wäre der Hut hochgegangen bei der Vorstellung eines Gottes, der obskure Wetten mit einem Satan schließt über jemand, der fromm und rechtschaffen ist.

Der beste Beweis, dass auch ein damaliger Leser höchst unbefriedigt geblieben wäre, ist eigentlich, dass die Geschichte jetzt nicht einfach mit Kapitel 42 weitergeht, wo Gott dem Unglück Hiobs ein Ende setzt, ihm alles doppelt zurückerstattet und alles ist wieder "in Butter". So einfach kann man das nicht lösen. Jakobus sagt, dass wir am Ausgang, den der Herr dem Hiob bereitet hat, erkennen, dass der Herr voll Erbarmen und Mitgefühl ist (Jak. 5, 11). Mag sein, dass wir am Ausgang der Geschichte soweit sind, das zu erkennen. Aber jetzt sind wir erst in Kapitel zwei ganz am Anfang, sitzen mit Hiob in der Asche und können davon rein gar nichts erkennen!

Auch der Leser muß die Provokation der Geschichte zunächst einfach ertragen. Nicht umsonst schließt sich jetzt erst einmal, bevor die neue Runde eingeläutet wird mit Hiobs Klagen und seinen Streitgesprächen mit seinen Freunden, eine Zäsur an: eine Zäsur der Sprachlosigkeit vor dem Ungeheuerlichen.

Das weitere Geschehen kehrt auf die Bühne, in Hiobs menschliche Welt zurück. Keiner seiner Verwandten besucht ihn, aber seine drei Freunde, Eliphas, Bildad und Zophar, haben von seinem Unglück gehört und machen sich auf, um ihm beizustehen. Was immer sie sich auf ihrem Weg zu Hiob an trostreichen Worten überlegt haben mögen, sie bleiben ihnen angesichts des Ausmaßes von Hiobs Unglück im Halse stecken:

Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2, 12-13)

Manchmal wünschte ich mir schon innigst, das Buch Hiob würde hier abbrechen, dann würde ich das Lob der drei Freunde in alle Welt hinaus tragen. Sie haben da sieben Tage lang etwas sehr Großes getan, was jedem Leidenden auf Erden nur zu wünschen wäre. Denn meist wird einem Unglücklichen sein Leid noch schlimmer gemacht durch die (im wahrsten Sinne des Wortes) un‑säglichen Plattheiten, die man an ihn heranträgt ("wird schon wieder", "das Leben geht weiter", "so ist das Leben" oder auch gedankenlos hingeworfene Bibelsprüche). Hiobs Freunde erkennen: hier gibt's nichts zu sagen, alle Trostworte wären zunächst viel zu billig. Manche Leute, die dies spüren, verfallen auch in ein falsches Schweigen, das dem Leidenden einfach ausweicht, ihn meidet, um der Unerträglichkeit seines Leides aus dem Weg zu gehen. Hiobs Freunde halten stand, sie harren aus bei Hiob und ertragen es, sieben Tage (und die können sehr lang sein!) wortlos mit ihm im Dreck zu sitzen. Die drei Freunde, die wohl so eine Art Weisheitslehrer sind, zeigen ihre größte Weisheit in eben diesen sieben Tagen.

Leider wünscht man sich bereits bei den ersten Worten von Kapitel 4, dass sie doch bloß weiter den Mund gehalten hätten! Denn bald merkt man, wie unaufhörlich es in diesen sieben Tagen hinter ihren Stirnen gerattert hat, um das Unbegreifliche wieder auf ein begreifbares Maß zurechtzurücken und ihr Welt- und Gottesbild wieder ins Lot zu bringen. Und mit ihren Erklärungsversuchen werden sie über ihren Freund herfallen wie über eine Jagdbeute, so lange, bis sie ihn in die Ecke getrieben haben wie eine arme Ratte.

Wir brauchen keinen Blick hinter die Kulissen, um zu wissen, wer sich dort darüber die Hände reibt und sich freut, wie fein ihm die frommen Gesellen in die Arme arbeiten. Satan lässt jetzt die Zeit für sich wirken. Plötzliches Leid ist furchtbar, aber es kann auch Helden schaffen. Nicht enden wollendes Leid dagegen zermürbt. Hiob sagt einmal, dass er sich fühlt wie Steine, die von Wassern langsam zermahlen werden (14, 19). Und wenn dies durch den Nervenkrieg, den Hiobs Freunde anzetteln, noch verschlimmert und beschleunigt wird, kann dies dem Satan nur recht sein.

In den Folgekapiteln stehen sich jetzt drei Parteien gegenüber: 1) Hiob, 2) die drei Freunde Eliphas, Bildad und Zophar, und ganz am Schluß taucht 3) unvermittelt noch ein vierter Freund namens Elihu auf. Wer sich Mühe gibt, kann bei den drei Freunden gewisse individuelle Nuancen feststellen, aber im Grunde stoßen sie alle ins dasselbe Horn: Die Frage nach dem "Warum" des Leides beantworten sie ganz eindeutig damit: Hiob selber muß schuld sein. Er oder vielleicht auch seine Kinder (man munkelt ja schon lange was von ihren losen Festen...) müssen eine Schuld auf sich geladen haben, die der gerechte Gott jetzt an ihnen bestraft, und sie drängen Hiob immer wieder, diese angebliche Schuld aufzuspüren, anzuerkennen, zu bekennen und abzulegen.

Die Triebfeder ihrer Gedankenwelt lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Gott ist gerecht und gut, er belohnt die Guten, er bestraft die Bösen. Leidet also Hiob, so muß er schuldig sein, sonst wäre Gott ja ungerecht, was nicht sein kann — so einfach ist das! Abseits solcher griffigen Schwarzweißformeln können die drei - und wollen sie auch nicht denken.

Von der gottgefälligen Richtigkeit ihrer theologischen Auffassung sind sie freilich so überzeugt, dass sie sich in ihrer Verfechtung völlig heiß reden. Darüber merken sie gar nicht, was für Herz- und Taktlosigkeiten sie Hiob an den Kopf werfen, wie sie ihm das Wort im Munde herumdrehen und ihn, statt ihn an Gott heranzuführen, immer mehr in die Ecke drängen und einen Keil zwischen ihn und seinen Gott treiben. Ihnen fällt noch nicht einmal auf, dass nach ihrer simplen Rechnung der Vergeltung böser Taten dann das ungeheure, nie da gewesene Ausmaß von Hiobs Leid ja bedeuten müsste, dass ausgerechnet er der schrecklichste Frevler aller Zeiten wäre.

Viele bekannte Zitate aus dem Buch Hiob stammen aus den Reden der drei frommen Freunde, weil sie sich wirklich gut anhören und für sich genommen auch völlig richtig sind. Und dennoch sind sie wiederum völlig falsch. Zum einen, weil sie menschlich unangebracht sind. Ihre selbstgefälligen Belehrungen, ihre platten Ratschläge und ihre groteske Unbarmherzigkeit sind das letzte, was der gebeutelte Hiob jetzt braucht. Zum anderen sind die Freunde theologisch auf einem Holzweg: in Hiobs spezieller Situation greifen ihre Schwarzweißregeln nicht, sondern spiegeln ein falsches Bild von Gott und seinem Handeln wider. Ihr Gott ist sozusagen tatsächlich eine Projektion des Menschen an den Himmel, und damit ein verkürzter Gott. Nicht zu Unrecht stellt sie Hiob in Kapitel 13 zudem zur Rede, mit welcher Anmaßung sie eigentlich davon ausgehen, als Gottes Anwälte auftreten zu dürfen und zu müssen, als hätte Gott das nötig:

Wollt ihr wohl für Gott Partei ergreifen, für Gott den Rechtsstreit führen? Ginge das gut, wenn er euch durchforschte? Schreckt euch nicht seine Hoheit ? (Hiob 13,8.9.11)

Vermutlich fallen die frommen Streiter für Gott schließlich aus allen Wolken, als dieser Gott am Ende mit ihnen hart ins Gericht geht, und ausgerechnet ihnen bescheinigt, dass sie "nicht recht" von Gott geredet haben.

Es ist ergreifend zu lesen, wie sehr Hiob unter der Argumentation seiner Freunde und ihrer Art mit ihm umzugehen leidet, wie sehr er sich eigentlich nach ihrer Hilfe und Anteilnahme sehnt und sie geradezu darum anfleht, aber auf völlig versteinerte Ohren stößt.

Eliphas, Bildad und Zophar stehen für Gottesbilder, die Menschen zerbrechen können. Gottesbilder, die falsch sind oder in bestimmten Situationen falsch vertreten werden, Menschen unbarmherzig in die Enge treiben und ihnen den Weg zu dem eigentlichen Gott versperren, obwohl sie doch den Anspruch der exclusiven Gültigkeit vertreten. Und fast — fast — geht die Rechnung dessen im Hintergrund auf, der möchte , dass Hiob an diesem Gottesbild zerbricht und dem Rat seiner Frau folgt: "Sage Gott ab und stirb!"

Der Vollständigkeit halber muß auch noch Elihu genannt werden, der anfangs gar nicht erwähnt und deshalb auch als literarisch späteste Einfügung aufgefasst wird. Man kann freilich auch einfach annehmen, dass er, der als der Jüngste bezeichnet wird, ein Schüler von einem der drei Weisheitslehrer war, die ja vermutlich auf ihrer Reise jeweils auch Begleiter hatten. Er hat anfangs aus Respekt vor den Älteren geschwiegen, ergreift nun aber erregt als Letzter das Wort, als den drei anderen allmählich die Argumente und die Puste ausgehen. Auch er ist davon beseelt, für Gott eintreten und Hiob zurechtbringen zu müssen.

Die Figur des Elihu wird von Auslegern sehr widersprüchlich aufgefasst. Die einen sehen in ihm sogar so eine Art bildlichen Hinweis auf Jesus, die anderen entdecken in seinen Reden Elemente eines aufgeblasenen, selbstgefälligen Schwätzers. Letztere kommen m. E. der Wahrheit weitaus näher.

Immerhin vertritt Elihu eine andere Variante als seine drei Vorgänger. Diese haben nach dem "Warum das Leid?" in Hiobs Vergangenheit hinein gefragt. Elihu beschuldigt Hiob eigentlich nicht einer Sünde in der Vergangenheit - außer, dass er ihm massiv sein jetziges Hadern mit Gott vorwirft. Er fragt eher nach dem "Wozu das Leid?" und sieht darin eine Prüfung (z.B. 33, 17.18.30 / 36, 15.21), die — demütig ertragen — den Menschen geläutert hervorgehen lässt, und mahnt Hiob, die Notwendigkeit einer solchen Prüfung anzunehmen. Er weist also auf die Zukunft und glaubt, Hiob eine Hoffnung vermitteln zu können (und zu müssen). Gleichzeitig geht er dabei aber auch unerträglich schulmeisternd und herzlos vor. Entlarvend ist die anfängliche Beschreibung seines Motivs:

Gegen Hiob entbrannte sein Zorn, weil er sich vor Gott für gerecht hielt. Auch gegen seine drei Freunde entbrannte sein Zorn, weil sie keine Antwort mehr fanden, um Hiob schuldig zu sprechen (32, 2.3)

Er tritt also von vornherein gegen Hiob an - weil er glaubt, darin für Gott einzutreten.

Sein Grundgedanke, nach dem "Wozu" des Leides zu fragen, ist ja an sich gut und richtig. Wir finden in seinen Reden großartige, ebenfalls häufig zitierte Textpassagen. Aber auch er verkennt das Ausmaß des Leides, das Hiob getroffen hat und verniedlicht es eigentlich zu einer Art kleiner Bewährungsprobe. Helmut Lamparter hat die Möglichkeit, den Sinn in Hiobs Leid einfach mit einer Glaubensprüfung zu erklären, recht schön in Frage gestellt: "...könnte den Gedanken nahe legen, daß die über ihn verhängten Leiden nichts anderes als eine Zerreißprobe seiner Frömmigkeit bedeuten und der Verfasser des Buches Hiob somit den Leser anleiten wollte, jedes unverschuldete Leiden als eine "Prüfung Gottes" zu verstehen. Im Verlauf des Gesprächs zwischen Hiob und seinen Freunden taucht dieser Gedanke auch mehrfach auf, jedoch in der Weise, daß er von dem großen, über jedes Menschenmaß geprüften Dulder mit Leidenschaft — und dies mit Recht! — zurückgewiesen wird. Diese Sinndeutung des Leidens mag in gewissen Grenzen zutreffend und einleuchtend sein. Aber im Fall Hiob reicht sie nicht aus, um das Rätsel zu lösen und das Grauen zu meistern. Es ist vielmehr geradezu eine Anliegen der Schrift, am Beispiel Hiobs aufzuzeigen, daß es eine Tiefe und ein Ausmaß des Leidens gibt, dem dieser billige Trost nicht mehr zum Trost gereicht. Eine "Prüfung", an der gemessen eine sofortige Hinrichtung, der Tod Barmherzigkeit wäre, ist keine Prüfung mehr. Das Problem muß offensichtlich tiefr liegen. (Buch der Anfechtung, S. 10).[1]

So ist auch Elihu, fast noch perfider als die anderen drei, die manchmal doch recht bieder argumentieren, Vertreter eines falschen Gottesbildes. Paradoxerweise ist es mit seiner Ausrichtung auf ein Ziel hin eigentlich noch bedrängender für Hiob, weil es einen so subtil-zwingenden Druck ausübt. Haben ihn die drei an geklagt, so klagt Elihu ein — nämlich die Bereitschaft Hiobs, sich von Gott läutern lassen zu müssen:

Er öffnet ihr Ohr zur Warnung, wenn sie dann gehorchen, vollenden sie ihre Tage im Glück. Hören sie nicht, sterben sie weg in blindem Unverstand. Den Leidenden errettet Gott durchs Leiden, der Not bedient er sich, sein Ohr zu öffnen. Auch dich wird er dem Rachen der Bedrängnis entreißen. Hüte dich wohl, zum Bösen dich zu kehren, denn darum wurdest du durch Leid geprüft (a. Hiob, 36, 10-12.15.16.21).

So unvermittelt, wie Elihu mit seinen tönenden Ausführungen in der Geschichte auftaucht, und verkündet:

Ich hab für Gott noch mehr zu sagen,... meinem Schöpfer verschaff ich Recht! Ein Mann vollkommenen Wissens steht vor dir ! (Hiob 36, 2-4)

So sang- und klanglos verschwindet er auch wieder in der Versenkung und wird am Schluß gar nicht mehr erwähnt— was man ja, wenn man will, auch als eine Art von wertendem Kommentar auffassen kann...

Und Hiob? Läßt er sich zerbrechen? Was macht sein Gottesbild?

Auch Hiob glaubt schließlich an einen gerechten Gott. Vermutlich dachte er auch bisher, dass Frömmigkeit belohnt und Ungehorsam bestraft wird. Aber er weiß nicht, wofür ihn Gott jetzt bestrafen wollte — wie gesagt, nicht, weil er denkt, fehllos zu sein, sondern weil es ihm selbstverständlich war, seine Sünde längst vor Gott gebracht zu haben, ganz abgesehen von seinem tiefen Herzensanliegen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Von daher versteht er die Welt — und Gott — nicht mehr. Hat seine Frau recht? War sein Glaube und sein Gottesbild falsch? Auf einmal ist er der einsamste Mensch. Seine Habe hat er verloren, seine Familie hat ihn verlassen, die Gesellschaft stößt ihn aus — und hat Gott ihn auch verlassen? Verzweifelt sehnt er sich nach jemand, der ihm zur Seite steht in seiner Not und hofft nun auf seine drei Freunde, die ihn freilich bitter enttäuschen.

Ganz abgesehen von der bohrenden Frage "Woher-warum-wozu das Leid"? hält uns die Hiobgeschichte eine Predigt darüber, wie man mit einem Menschen im Leid umgehen sollte — oder eben nicht umgehen sollte. Als Hiobs Klage und sein Rechten mit Gott am Ende der sieben Schweigetage losbricht wie ein gerissener Damm, vergessen seine Freunde geradezu augenblicklich, auf den Menschen, der da klagt, zu hören, statt dessen legen sie die Worte seiner Klage einzeln auf die Goldwaage: "Soll dieser Wortschwall ohne Antwort bleiben? Soll ein solcher Maulheld Recht behalten?" erbost sich Zophar.

Aber Klage ist eine Art erstes Grundrecht des Leidenden. Und erste Klage ist niemals sortiert und überlegt oder theologisch oder sonst wie korrekt. Wer anfängt, darüber Streitgespräche anzuzetteln, hat überhaupt nicht begriffen, dass diese ungeordnete Klage der einzige Weg ist, um wieder zu einem klaren Denken zurückzufinden, ja, der versperrt diesen Weg geradezu.

Lassen wir Hiob selbst sprechen.

Der Appell des Leidenden an die Freunde

Dem Verzagten gebührt Milde von seinem Freund, selbst wenn er die Furcht des Allmächtigen verlässt. (Hi 6, 14) Hört, hört doch meinen Worten zu, das wäre mir schon Trost von euch. Ertragt mich, dass ich reden kann (Hi 21, 2.3) Mein Leid ist so schwer, darum gehen meine Worte irre. Gedenkt ihr denn, ein bloßes Wort zu strafen, das die Verzweiflung in den Wind gesprochen hat ? Wendet euch doch zu mir, lasst euch erbitten! (Hi 6, 3.26.28) Wie lange wollt ihr mich noch quälen und mich mit Worten niedertreten und schämt euch nicht, mich zu beleidigen? Erbarmt, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde ! Denn Gottes Hand hat mich doch schon getroffen, warum verfolgt ihr mich auch noch wie Gott ? (Hi 19, 2.3.21.22) Ähnliche Worte habe ich nun schon so viele gehört, leidige Tröster seid ihr alle. Wenn ihr an meiner Stelle wärt, dann könnte ich natürlich auch schöne Worte über euch machen und den Kopf über euch schütteln. (Aber vielmehr) würde ich euch stärken und euch Worte des Beileides nicht vorenthalten (Hi 16, 2.4.5) Wahrhaftig, ihr seid mir die Rechten, mit euch wird wohl die Weisheit aussterben! Zum Spott muß ich dem eigenen Freund werden! Ihr könnt ja doch nichts, als mit Lügen kleistern, nichtsnutzige Ärzte seid ihr allesamt ! (Hi 12, 2.4+13, 4)

Wir merken, wie aus der enttäuschten Bitte eine wüste Klage über seine Freunde wird und schließlich bittere Worte fallen. Die Freunde meinten, Hiob zurechtbringen zu müssen und haben das Gegenteil erreicht. Am Schluß sind sie miteinander heillos zerstritten. Statt Hiob behutsam wieder Vertrauen in Gott zu vermitteln, steigert der sich über ihr geistliches Kesseltreiben selbst in so wütende Gegenwehr, dass er am Ende tatsächlich an die Grenze der Gotteslästerung gerät.

Die geistlich-psychologische Dynamik, die sich da abspielt, hat sich seit Hiob vieltausendmal wiederholt, wo die Eliphase und Bildads dieser Welt am Werk sind und eine Hiobklage nicht ertragen können. Oder nicht ertragen zu dürfen meinen. Bei niemand habe ich dazu bessere Worte gefunden, als bei dem dänischen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard:

"Hiob! Hiob! Hiob! Sagtest du wirklich nichts anderes als die schönen Worte: der Herr hat's gegeben, der Harr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Sagtest du kein Wort mehr? Der Herr gab's, der harr nahm's, der Name des Herrn sei gelobt — weder mehr noch weniger, gerade so, wie man Prosit sagt zu dem der niest! Nein, du, der du in den Tagen des Glücks das Schwert der Unterdrückten warst,... der Stecken der Gebeugten, du ließest die Menschen nicht im Stich, als alles zerbrach — da wurdest du der Mund der Leidenden und der Ruf der Zerschmetterten und der Schrei der Geängsteten, ... ein unwandelbarer Fürsprecher, der es wagte, zu klagen "in der Bitterkeit der Seele" und mit Gott zu streiten.

Warum verbirgt man das? Wehe dem, der Witwen und Waisen auffrisst und sie um ihr Erbe betrügt, aber wehe auch dem, der den Trauernden hinterlistig um den vorläufigen Trost der Trauer betrügen will: seinem Herzen Luft zu machen und mit Gott zu "hadern". Oder ist vielleicht die Gottesfurcht in unserer Zeit so groß, daß der trauernde dessen nicht bedarf, was in jenen alten Tagen Brauch war? Wagt man vielleicht nicht mehr, vor Gott zu klagen?... Darum rede du, unvergesslicher Hiob! Wiederhole alles, was du sagtest, gewaltiger Fürsprech, der du vor dem Richterstuhl des Höchsten erscheinst, unerschrocken wie ein brüllender Löwe...

Dich brauche ich, einen Menschen, der so laut klagen kann, daß es in den Himmeln widerhallt, wo Gott sich mit dem Satan beratschlägt, um Pläne gegen einen Menschen zu machen! Klage, der Herr fürchtet sich nicht, er kann sich wohl verteidigen, aber wie könnte er sich verteidigen, wenn keiner zu klagen wagt, wie es einem Menschen geziemt!

Rede, erhebe deine Stimme, rede laut, Gott kann noch lauter sprechen, er hat ja den Donner!"

Soweit Sören Kierkegaard (zitiert nach Lamparter, Buch der Anfechtung, S. 44-46).

"Darum rede, du unvergesslicher Hiob" — vielleicht lassen wir ihn das jetzt wirklich einmal tun. Ich möchte es aber nicht "reden" nennen, sondern Hiob "singt" für uns sozusagen etwas, was ich "Das Lied des Leides" nennen möchte. Das Lied des Leides klingt durch die gesamte Menschheitsgeschichte, niemand auf dieser Welt kann sein Leben leben, ohne von diesem Lied etwas hören zu müssen. Dieses Lied hat eine etwas beschränkte Melodie, sie besteht aus fünf Noten: Klage - Angst - Hoffnungslosigkeit - Zorn - Anklage. Viele Menschen singen dieses Lied. Viele Menschen kennen nur die Melodie, und haben die Strophen dazu vergessen oder noch nie gehört. Es kann helfen, schon allein die Melodie zu brummen. Aber ohne die Strophen fehlt dem Lied etwas. Die Melodie erleichtert das Leid, aber sie löst es nicht.

Hiob hat ihnen etwas voraus: er kennt den Text. Darum kann er nicht nur das Lied des Leides lauter als jeder andere vor Gott bringen, er kann uns auch helfen, den Text wiederzufinden, der uns nach hause bringt. In einer Predigt zu Jesu Worten am Kreuz sagte der Pfarrer[3] etwas mir sehr Einprägsames: Die Bibel kennt die "Warum-Frage" sehr gut - Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matth. 27, 46) Aber sie kennt die Frage "Warum lässt Gott das zu?" nicht, weil Menschen der Bibel diese Frage niemals in der dritten Person stellen, sondern immer nur in der zweiten Person: "Warum hast DU, Gott, das zugelassen?!"

In diesem "Du Gott, warum?" liegt die Strophe zum Lied des Leides. Wer die Frage in der zweiten Person, in dem "Du, Gott" stellen kann, ist der Lösung des Leides oder zumindest dem Ertragen des Leides ein gutes Stück näher. Hiob stellt diese "Du-Gott"-Frage, und er stellt sie mit Macht. Vielen, vielleicht auch manchen unter uns, mag dieses "Du, Gott!" abhanden gekommen sein oder nur noch schwer über die Lippen kommen. Dennoch braucht ihnen m. E. Hiob nicht fern zu sein. Denn Hiob klopft mit dieser Frage in solcher Wucht an die himmlischen Pforten, er hämmert irgendwann so fern jeder frömmelnd-vorsichtigen Formulierung gegen Gottes Tür, dass auch ein Gott Entfremdeter sich an Hiob sozusagen hinten dranhängen kann - so, wie übrigens auch Kierkegaard es für sich auch erbat: "Mein unvergleichlicher Wohltäter, geplagter Hiob! Darf ich mich deiner Gemeinschaft anschließen, darf ich auf dich hören? Stoße mich nicht fort..." (zitiert nach Lamparter, Buch der Anfechtung, S. 44-46).

Lassen wir Hiob mit seinem "Lied" beginnen. Übrigens: Um trotz Kürzungen die Kernaussagen möglichst klar herauszuarbeiten, habe ich nicht "wissenschaftlich" zitiert, sondern mehrere Übersetzungen zusammengewürfelt, teils auch selber Übertragungen vorgenommen, um Hiobs Worte unserem Sprachgebrauch besser anzupassen. Ihr werdet die Texte also in dieser Form nicht wiederfinden, ich denke aber, nichts verfälscht zu haben.

Das Lied des Leides

Klage — Angst — Hoffnungslosigkeit — Zorn — Anklage

Ihr werdet an den Stellenangaben feststellen, dass keine chronologische Entwicklung von einem zum anderen besteht, sondern darin sind auch die "künstlichen" Reden ganz realistisch: der verzweifelte Hob befindet sich in einem Wechselbad der Gefühle und springt z.T. zwischen Hoffnungslosigkeit und Vertrauen, Klage und Anklage innerhalb wenige Verse hin und her.

Klage

Ach wäre es doch für mich wieder, wie in längst vergangenen Tagen, als Gott mich behütete, als ich in seinem Licht durch das Dunkel ging, so, wie früher, als Gottes Freundschaft über meinem Haus stand, und der Allmächtige noch mit mir war ! (Hi 29, 2-5) Doch zum Ekel ist mir mein Leben geworden, und ich lasse meiner Klage freien Lauf, reden will ich in meiner Seele Bitternis ! Hi 10,1) Ist das Leben des Menschen auf Erden nicht wie ein Kriegsdienst ? Wie ein Feldsklave ist er, der nach Schatten lechzt. (Enttäuschung und Mühsal !) Lege ich mich nieder, sage ich : Wann darf ich wieder aufstehen? Und wird es Abend, warte ich unruhig darauf, dass es dunkel wird. So verwehre ich meinem Mund nicht, aus bedrängtem Geist zu reden, mit betrübter Seele will ich klagen. (Hi 7, 1-4.11) Warum starb ich nicht im Mutterschoß, oder wurde geboren und verschied gleich ? Still läge ich jetzt und könnte ruhen ! Warum schenkt er dem Elenden Licht und Leben denen, die verbittert sind ? (Hi 3, 11.13.20) Ach, würde doch mein Gram gewogen, legte man mein Leid doch auf eine Waage, denn es ist schwerer als aller Sand des Meeres. Würde Gott doch seine Hand erheben, um meine Lebensfaden endlich abzuschneiden ! Das wäre geradezu ein Trost für mich, denn noch habe ich den Heiligen nicht verleugnet. Aber was ist meine Kraft, dass ich das weiter aushalten könnte, wann kommt endlich das Ende, dass ich mich noch gedulde bis dahin ? Ist meine Kraft denn Felsenkraft, ist mein Fleisch denn von Eisen? Gibt es keine Hilfe für mich ? (Hi 6, 2.3.11-13)

Wie jeder Unglückliche trauert Hiob seinem verlorenen Glück hinterher. Das Schrecklichste ist für ihn dabei aber gar nicht der Verlust seiner Kamele und Eselherden, noch nicht einmal der seiner Kinder, sondern das Gefühl, dass Gott ihn fallen lässt, sogar sein Feind geworden ist, und damit auch der letzte Halt in aller Haltlosigkeit nicht nur fehlt, sondern ihn in die tiefste Einsamkeit zurückstößt. Er mag sich fühlen wie ein Ertrinkender, der mit letzter Kraft nach einem Baumstamm greift, und dann feststellen muß, dass dieser Stamm in Wirklichkeit ein Krokodil ist.

Er findet keine Zuflucht und keinen Fluchtpunkt mehr, nicht einmal das Vergessen im Schlaf. In der Nacht wartet er sehnsüchtig auf den Morgen, und tags auf die Nacht, er möchte überall lieber sein, als da wo er ist, und doch gibt es keinen Ort für ihn. Von daher wäre ihm jetzt selbst der Tod eine Erlösung. Aber zumindest noch nicht in der Art, wie seine Frau das meinte, noch hat er geradezu Angst davor, er könnte schwach werden, und Gott verlassen - obwohl ihn ja gleichzeitig schon das Gefühl quält, dass Gott ihn verlassen hat!

Über seinem persönlichen Unglück erscheint ihm das ganze menschliche Leben an sich trostlos.

Das alles schreit er sich von der Seele und wünscht sich sehnlich jemand, der ermessen kann, wie schwer sein Leid ist, und darüber nicht so mit platten Worten hinweggeht wie seine Freunde.

Angst

Gott als grausames Schreckgespenst

Gott gibt mich dem Bösen preis. In Frieden lebte ich, da packte er mich im Nacken, zerschmetterte mich, stellte mich als seine Zielscheibe auf. Seine Geschosse prasseln auf mich ein, schonungslos durchbohrt er mein Inneres, wie ein Krieger geht er gegen mich vor. (Hi 16, 11-14) Wer kann Gott umstimmen? Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, denke ich daran, gerate ich in Angst vor ihm. Gott macht mein Herz verzagt, der Allmächtige versetzt mich in Schrecken. (Hi 23, 13.15.16) Mit Gewalt packt er mich und schnürt mir die Luft ab. Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht, du hast dich mir in einen grausamen Feind verwandelt. (Hi 30, 18.20.21)

Gott als gnadenlos aufrechnender Verfolger

Der Menschen Lebensspanne ist knapp und unruhvoll. Er blüht und verwelkt wie eine Blume und ist vergänglich wie ein Schatten, und doch hältst du über ihm dein Auge offen, und bringst ihn ins Gericht mit dir. Wenn du seine Tage schon festgelegt und seine Grenzen bestimmt hast, dann schau doch lieber weg von ihm, laß ihn in Ruhe, dass er sich seiner Tage wenigstens noch wie ein Tagelöhner freuen kann. (Hi 14, 1-3.5.6) Warum scheuchst du mich und jagst mir nach ? Du rechnest mir meine Jugendsünden vor, du spannst meine Füße in den Block, und überwachst auch alle meine Wege, jeden meiner Schritte zeichnest du mit dem Stift nach. Was ist der Mensch, dass du groß auf ihn achtest, deine Gedanken auf ihn richtest, ihn jeden Morgen musterst und jeden Augenblick ihn prüfst ? (Hi 13, 25.27 + Hi 7, 17.18)

Hiob wurde beschrieben als Mann, der Gott fürchtet. Aber Gott fürchten (in Ehrfurcht vor ihm leben) ist etwas ganz anderes als Angst vor Gott. Hiob packt das Grauen. Der Gott, der sein Freund war, ist zu einem monströsen Raubtier mutiert. Seine Schilderungen lesen sich streckenweise wie die Regieanweisung zu "Alien", "Predator" oder ähnlichen Filmen. Hiob fühlt sich Gottes unheimlicher, übermächtiger Gewalt hilflos ausgeliefert.

Darein mischt sich aber noch ein anderer Gedanke — der eines Gottes als zwanghaft-verbissenen Aufpassers, der jeden kleinsten Fehltritt belauert und nur darauf wartet, dem Menschen etwas vorhalten zu können. "Der liebe Gott sieht alles" — da kann man sich sehr behütet, oder eben auch sehr verfolgt fühlen. Wir glauben uns in Hiobs Klage wörtlich an den Psalm 8 erinnert: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?" — ein Psalm, in dem David die gute Zuwendung Gottes an seine Menschenkinder beschreibt. So hört sich das hier gar nicht an. "Was ist der Mensch, dass du ihn keinen Augenblick in Ruhe lässt mit deiner Aufpasserei?" — so klingt das hier. Gott als großer Kriminalpolizist, der noch mit dem Stift auf dem Boden genau nachzeichnet, wie der Tathergang gewesen ist, so erscheint es Hiob.

Gottesbilder, die Menschen zerbrechen lassen. Hiob droht sein Bild eines menschenfreundlichen und gerechten Gottes verloren zu gehen, und sich in ein Zerrbild zu verwandeln, unter dem er zusammenbrechen muß. Seine Freunde, die mit wollüstiger Detailfreudigkeit das schreckliche Schicksal des Frevlers heraufbeschwören, tun durchaus noch ihr Übriges dazu

(dem Frevler fährt Gottes Geschoß in den Rücken, plötzliches Feuer verzehrt seine Sippe bis auf den letzten Mann, die Erde bäumt sich gegen ihn auf, usw. usw., Hi 20, 25-27).

Hoffnungslosigkeit

Wozu noch Licht für einen Menschen auf dunklem Weg, den Gott von allen Seiten einschließt ? (Hi 3, 23) Erwürgt zu werden, würde ich dem hier noch vorziehen. Ich mag nicht mehr, ich will nicht länger leben. (Hi 7, 15.16) Dahin sind meine Tage, zunichte meine Pläne und meine Herzenswünsche. Ich habe keine Hoffnung mehr. (Hi 17, 11-13) Wie könnte ein Mensch bei Gott im Recht sein ? Wollte er mit ihm in Rechtsstreit treten, könnte er auf tausend Fragen nicht eine Antwort geben. Wer darf schon zu ihm sagen : Was tust du da ? Wie sollte ich ihm da etwas entgegensetzen können ? Und selbst wenn ich im Recht wäre, könnte ich nichts ausrichten, müsste noch um Gnade bitten. Ich glaube nicht mehr, dass er meine Stimme hört. Mir graut vor allen meinen Schmerzen, doch ich weiß, du sprichst mich niemals frei, ich muß ja nun mal schuldig sein, wozu mühe ich mich noch vergeblich? Wollte ich mich auch reinigen mit Schnee, du würdest in den Schlamm mich tauchen, dass noch meine Kleider sich vor mir ekeln müssten. (Hiob 9, 2.3.12.14-16.8-31)

Hiobs Leid verstellt ihm jede Perspektive, tröstende Verheißungen, die ihm seine Freunde zunächst noch leuchtend ausmalen, erreichen ihn in seinem Kummer nicht. Von jemandem, der noch mitten in der Verarbeitung seines Leides steckt, zu erwarten, dass er sich bereits vorstellen können müsse, wie es ihm wieder gut geht, ist abwegig. Und Hiob verzagt nicht nur an der Schrecklichkeit seines Schicksals, das zu ändern er zu ohnmächtig ist. Sondern er verzweifelt auch daran, sich dem gegenüber ohnmächtig zu fühlen, zu dem er bisher seine Zuflucht nahm. Denn Gott, der sonst die Quelle seiner Hoffnung war, scheint sich ja nun gegen ihn gekehrt zu haben, und ihm mit all seiner göttlichen Überlegenheit jeden Ausweg zu verstellen.

Er weist den Vorwurf, selbst schuld an seinem Unglück zu sein, voller Überzeugung zurück - und kann doch, das, was er innerlich weiß, nicht theologisch einwandfrei beweisen. Denn natürlich könnte der heilige Gott ihm, dem unvollkommenen Menschen, mit Leichtigkeit tausend Dinge anhängen, die seinen Freunden das scheinbare Recht gäben: "Siehst du!" zu sagen. Gerade weil ihm Gottes Heiligkeit bewusst ist, weiß er, dass er keine Chance hätte, gegen Gott zu gewinnen, so sehr er auch weiß, dass seine Freunde nicht Recht haben. und dieses Bewusstsein seiner Ohnmacht, was er auch tun oder lassen mag, raubt ihm jede Hoffnung und jeden Rest an Lebensmut.

Zorn

Nun ist es meist nur ein kurzer Weg von ohnmächtiger Verzweiflung zu ohnmächtiger Wut.

Warum bestimmt der Allmächtige keine Gerichtstermine, (um Recht zu sprechen) für die, die ihn kennen ? Bemerkt er denn nichts - (Elend und Gewalttat)? Aber Gott nimmt gar keinen Anstoß daran ! (Hi 23, 1-12) Ich stehe hier, doch du achtest nicht auf mich. Ja, ich harrte auf Licht, und Finsternis kam. Darum kocht es in mir und kommt nicht zur Ruhe, stehe ich auf in der Versammlung, so schreie ich laut. (Hi 30 20.26.27) So wahr Gott lebt, der mir mein Recht entzog, der Allgewaltige, der meine Seele quält, solange noch ein Hauch von Leben in mir ist, halte ich an meiner Unschuld fest, eher sterbe ich, als euch [den Freunden] Recht zu geben ! (Hi 27, 2-5) Habe ich einen Fehltritt begangen, was tat ich dir damit schon, du Menschenwächter ? Warum machst du mich zu deiner Zielscheibe ? Warum erlässt du mir nicht meine Schuld ? (Hi 7, 20.21)

Gottes Überlegenheit, die ihm erst gar keine Chance lässt, entfacht die helle Empörung in ihm, die von den platten Belehrungen seiner Freunde nur noch geschürt wird. Das Schlimmste an ihrer Streiterei ist sicher, dass Hiob ab irgend einem Punkt kaum noch unterscheiden kann zwischen Gottes Standpunkt und der Sicht seiner Freunde, die ihn von drei, dann sogar vier Seiten in die Mangel nehmen.

Ist Gott überhaupt wirklich gerecht ? Sowohl sein eigenes Schicksal als auch das Geschick vieler Menschen, die Unrecht erdulden müssen, scheint ja eher das Gegenteil zu beweisen. Von Geborgenheit bei Gott als dem Menschenhüter hat sein "Du Menschenwächter!" ohnehin nichts mehr, es klingt aber auch nicht mehr nur nach einem angstvoll geduckten Gemüt, sondern schon nach erhobener Faust, mit der er Gott seinen hilflosen Zorn entgegenschleudert.

Anklage

Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht einfach schuldig, sondern laß mich wissen, warum du Krieg gegen mich führst! Bringt es dir Freude, Gewalt zu verüben? Siehst du die Dinge letztlich doch genau wie die Menschen, dass du nach meiner Sünde fahndest, obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin? Selbst, wo ich im Recht bin, muß ich mich ducken, und wage ich es doch, mich zu erheben, dann jagst du mich wie ein Löwe! (Hi 10, 2-4.6.7.15.16) Mag er mich doch umbringen, ich warte nur drauf ! Ich verteidige meine Wege vor ihm, ich weiß, ich bin im Recht! Ruf nur, dann will ich Rede stehen, oder ich rede, dann antworte du mir doch! (Hi 13, 15.18.22) Er tritt mich zu Boden, ohne Grund verwundet er mich immer mehr. Geht es um Machtbeweis, so ist er da, aber geht es um Recht, zu welcher Verhandlung könnte ich? Ich bin schuldlos, aber was soll's, ich werfe mein Leben hin. Sei's drum, ich sage es jetzt: Unschuldige wie Schuldige bringt er um und spottet noch über die Angst der Schuldlosen! Wenn er nicht dahinter steht, wer denn sonst, sagt mir?! (Hi 9, 17.19.21-24)

Jetzt ist Hiobs Reden nur noch eine Nuance entfernt von der direkten Verklagung Gottes, indem er Gott vorwirft, ihm mit böswilliger Gewalt sein Recht zu nehmen, und ihn herausfordert, ihm quasi "Rede und Antwort" zu stehen. Hiobs Rhetorik gegenüber Gott wird immer schärfer, sarkastischer und provozierender. Sein Zorn ist verständlich, und wer hätte nicht schon unzählige Male mit einer Mischung aus Scheu und Lust genauso gedacht wie er? Dennoch gerät er jetzt haarscharf an die Grenze, wo er sich selbst zum Richter aufschwingt und Gott zum Delinquenten macht. Seine Freunde, die ihn eigentlich erst richtig in dieses "Umsichschlagen" hineingetrieben haben, reagieren mit hellster Empörung. Diese Reden Hiobs rufen schließlich auch den aufgebrachten Elihu auf den Plan, der bisher nur Zuhörer geblieben war.

Aber denken wir an Kierkegaards Worte: "Klage, der Herr fürchtet sich nicht, er kann sich wohl verteidigen... Rede laut, Gott kann doch lauter sprechen, er hat ja den Donner...". Mit diesem Donner wird Gott schließlich auch aus dem Wettersturm antworten, Hiob einerseits tatsächlich in die Schranken weisen, andererseits ihm aber auch sein Recht wiederherstellen. Doch davon später.

Sehnsucht nach Gott

Wir haben trotz allem gemerkt — Hiob hat nicht nur die Melodie gekannt, sondern auch den Text in diesem Lied des Leides. Selbst in seinen wüstesten Anklagen ist er von Gott niemals losgekommen, hat er gerade mit dem "Du, Gott!" nicht nur seine Faust erhoben, sondern mit dieser Hand gleichzeitig auch immer nach oben, nach Gott selbst, gegriffen.

Wüsste ich doch, wie ich ihn finden könnte, ich wollte mein Recht vor ihm darlegen, erfahren möchte ich, was er zu mir sagt. Würde er dann seine Macht ausnutzen, um mit mir Streit zu führen? Nein, gerade er würde auf mich achten! (Hi 23, 3-6) Ach, dass du mich verbergen wolltest, bis dein Zorn sich gelegt hat, mir eine Frist gäbst, nach der du wieder an mich denkst. Alle Tage meiner Knechtschaft würde ich auf eine solche Ablösung sehnsüchtig harren! Du würdest rufen und ich antworten, du hättest Sehnsucht nach deinem Geschöpf, würdest achtsam meine Schritte zählen, doch ohne auf meine Vergehen Acht zu geben! (Hi 14, 13-16) Und doch, ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als Letztes wird er sich über dem Staub erheben. Und ist mein Fleisch auch dahin, Gott werde ich schauen. Ja, ihn selber werde ich dann für mich schauen, danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust! (Hi 19, 25-27)

Diese Sehnsucht nach Gott ist die Seele seines Liedes und klingt mitten in seinen Klagen und Anklagen immer wieder durch, ja, straft häufig das wieder Lügen, was er gerade zuvor gesagt hat. Tief in ihm bleibt ein Funke der Hoffnung, dass Gott doch sein Ansprechpartner bleiben, ihn nicht wirklich verlassen wird - und sogar, daß nicht nur Hiob nach Gott, sondern Gott nach ihm, dem Menschen, Sehnsucht haben wird. Dieses Nebeneinander von Zweifeln und Glauben, Verzweifeln und Vertrauen bringt einem Hiob sympathisch nahe und lässt ihn gleichzeitig Vorbild sein, an diesem "Du, Gott!" dran zu bleiben.

Der Ruf nach dem Schiedsmann

Wer Hiobs Reden aufmerksam liest, wird darin auch etwas entdecken, was ich das Geheimnis seines Liedes nennen möchte: den Ruf nach dem "Schiedsmann".

Ohne Ruhstatt sei mein Hilfeschrei! Nun seht, im Himmel soll mein Zeuge sein, mein Bürge in den Höhen. Da meine Freunde mich verspotten, weine ich meine Tränen vor Gott. Er selber soll dem Menschen Recht schaffen vor Gott, und zwischen Mensch und Mensch. (Hi 16, 18-21) Ach, setz dich selbst zum Bürgen für mich ein, wer würde sonst den Handschlag für mich leisten? (Hi 17, 3) Du bist kein Mensch wie ich, dem ich entgegnen könnte: laß uns zusammen vor Gericht geh'n. Gäbe es doch einen Schiedsmann zwischen uns! Er sollte zwischen uns vermitteln, dann könnte ich ohne Furcht sprechen! Hi 9, 33.35

Hiob praktiziert einen verzweifelten, paradox scheinenden Glaubensschritt, den wohl nur der tun kann, der aus vollstem Vertrauen in die tiefste Anfechtung stürzt und dort irgendwo im Nichts einer völlig aussichtslosen Lage zu hängen scheint: Er flieht vor Gott zu Gott. Er ruft Gott selbst zum Beistand gegen Gott auf. Er bittet Gott, bei sich selber als Bürge aufzutreten. Als Gott, sein Anwalt, vor Gott, den Richter, zu treten.

Gleichzeitig ist er sich der Absurdität dieser Bitte bewusst. Und ruft nach jemandem, der seine menschliche Position vertreten kann, und dennoch berechtigt ist, vor Gott im Gericht ebenbürtig aufzutreten. Gäbe es doch einen Schiedsmann! — gäbe es doch einen Mittler, einen wahrhaft priesterlichen Vertreter, einen Sachwalter... Ihr merkt, wie einem die neutestamentlichen Ohren zu klingeln beginnen? Dieser Schiedsmann, von dem Hiob nur sehnsüchtig träumen konnte, der ist für uns ja da. Nicht von Menschen ausgesucht, sondern von Gott selbst geschickt: Jesus Christus .

Hätte Hiob den Hebräerbrief lesen dürfen, der genau das in Worte kleidet, außer daß er nicht von "Schiedsmann", sondern von "Hohepriester" spricht! Gott selbst ist es, der festlegte, dass ein solcher Hohepriester (ein solcher Schiedsmann) für uns in der Tat notwendig war (Hebr. 7, 26), der nämlich einerseits mitfühlen kann mit unserer Schwäche (Hebr. 4, 15) und in allem seinen Brüdern gleich sein mußte (2, 17), andererseits aber heilig und unschuldig,... erhöht über die Himmel (7, 26), um ebenbürtig vor Gott treten zu können und sich dort allezeit für sie zu verwenden (7, 25).

Und — dieser Jesus wurde für uns selbst der große Mann der Schmerzen, mit Leiden vertraut (Jes. 53, 3). Niemand kann den Hiobs dieser Welt besser den Handschlag geben als Jesus Christus, der unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat (Jes. 52, 4)

Der "Schiedsmann Jesus" war Gottes Sohn, von Gott geschickt, war Gottes Initiative. Darum entspringt das "Schiedsmannsein" auch dem Wesen Gottes, entspricht dem Wesen Gottes schon von je her. Und deshalb war Hiobs alttestamentlicher Glaubensschritt berechtigt, und nicht so absurd wie er schien: Er rief Gott zum Bürgen für sich vor Gott; er schrie in seiner Not dieses seltsame Ansinnen heraus: Gott, mache du meine Sache zu einem Rechtsfall "Gott gegen Gott"! — Aus der Sicht des Neuen Testamentes können wir sagen: Der Schiedsmann Jesus Christus ist nun das ewige Siegel darauf, dass eine solche Bitte bei Gott nicht ungehört bleibt.

Hiobs Ausruf: Ich halte an meiner Unschuld fest, eher sterbe ich, als euch Recht zu geben! kann man verstehen als letztlich selbstbezogenes Beharren auf sein Recht und seine Schuldlosigkeit. Ich glaube, darin steckt aber noch etwas anderes. Hiob will nicht nur um jeden Preis festhalten an dem, was er glaubt, sondern auch an dem, an den er glaubt. Er ist an allen Gottesbildern irre geworden, aber er möchte sich sein wahres Bild von Gott, eben Gott selbst, nicht nehmen lassen. Er will nicht an den Gott Bildads und Zophars glauben, an diesen kleinlichen, berechenbaren Menschenwächter, der ihm auflauert, um ihn klein zu kriegen und ihm etwas heimzuzahlen, was er gar nicht begreift. Er will auch nicht an Elihus Gott glauben müssen, der aus kühler Distanz die Erde zu einem gigantischen Exerzierplatz macht, wo er unsägliches menschliches Leid zur notwendigen Drillübung herunterräsoniert.

Diese Gottesbilder laden ihm die Freunde auf wie ein schweres Joch, das ihn zu Boden drücken muß. Aber Hiob wirft dieses Joch von den Schultern und zerbricht es, bevor es ihn zerbricht. Er will sich den Glauben an einen Gott, dem er sein Leid entgegenklagen kann, nicht nehmen lassen, mit dem er rechten kann, und bei dem er gegen allen Augenschein doch noch auf Gehör hofft. Er will sich den Glauben nicht nehmen lassen an einen Gott, den er sozusagen lieber gar nicht als zu leicht versteht. Hiob wünschte sich eher einen Gott, der sich hinter einem Geheimnis verbirgt, als einen, dessen banale Erklärungen seiner Lebensrealität nicht gerecht werden können. Und genau dieser Wunsch soll ihm dann in Erfüllung gehen.

Als Gott schließlich dem Geschwätz aller vier Freunde Hiobs ein Ende bereitet und im Wettersturm selbst Hiob anspricht, erscheint uns das dort Gesagte erst einmal ziemlich unbefriedigend. Kein einziges persönliches Wort, das auf Hiobs Not eingeht, kein Trost, keine Verheißung. Statt dessen weist Gott Hiob zunächst einfach nur in die Schranken für seine trotzigen Worte, die ihm entfahren sind:

Wer ist es, der meinen Ratschluß verdunkelt mit Gerede ohne jegliche tiefere Einsicht ? Auf, mach dich bereit, und belehre mich doch ! Den Allmächtigen willst du tadeln und über ihn zu Gericht sitzen ? Wer Gott anklagt, der antworte ! Willst du mich schuldig sprechen? (Hiob 38, 2.3; 40, 2.8)

Gott führt Hiob vor Augen, wie wundersam und perfekt die ganze Schöpfung von ihm geplant wurde und immer noch funktioniert nach den Gesetzen, die er ihr gab. Einem heutigen Hiob würde Gott vermutlich die Wunder der Astrophysik und der Quantenmechanik schildern, da wir von Grzimeks Tierleben und Jörg Kachelmann natürlich schon viel zu vorgebildet sind zu zoologischen und meteorologischen Phänomenen. Die Botschaft bleibt jedoch die gleiche: Gott ist vollkommen, ihm unterlaufen keine Pannen in der Planung, auch nicht in der Planung von menschlichen Geschicken. Aber - damit ist dann eigentlich auch schon Schluß. Mehr Erklärung kommt dann nicht mehr!

Für Hiob mag dabei bereits eins wichtig sein: Gott redet überhaupt mit ihm. Nach 37 Kapiteln, in denen Gott zu allen Fragen Hiobs geschwiegen hat, gibt ihm Gott endlich eine Antwort, auch wenn sie nur in einer Klarstellung besteht, wer Gott ist und wer Hiob ist. Gott lässt nicht, wie es den Schilderungen der drei Freunde entsprechen würde, als Zurechtweisung neues Unglück über ihn hereinbrechen (obwohl eine Steigerung schon kaum möglich scheint), sondern er richtet sein Wort an ihn. Das heißt aber auch: Gott begegnet Hiob und Hiob begegnet Gott. Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut (42, 5) sagt Hiob. In gewisser Weise erfüllt sich Hiobs zuvor geäußerter Wunsch also schon: Ja, ihn selber werde ich dann für mich schauen, danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust (19, 27). Zumindest verändert die Gottesbegegnung in ihm etwas — so, dass er sagt: Darum widerrufe ich (meine Anklagen) und - jetzt folgt merkwürdigerweise nicht: und ducke mich, sondern: und atme auf (42, 6), als sei ihm der Gott, der ihm in aller Unerklärbarkeit entgegenkommt, mehr Trost als alle Erklärungen ohne Begegnung. Und er kann nun akzeptieren, daß Gott ihm keine Erklärung schuldet:

Einmal habe ich das Wort ergriffen, ich tu es kein zweites Mal. So habe ich denn über Dinge geredet, die für mich zu wunderbar und zu unbegreiflich sind (Hiob 40, 5; 42, 3).

Die Antwort Gottes im Wettersturm demonstriert Gottes Allmacht, Allwissenheit, Souveränität und absolute Vollkommenheit — und lässt dann abrupt den Vorhang fallen. Tiefer lässt sie uns nicht blicken. Wir müssen uns mit dem Blickhorizont vor dem Vorhang bescheiden, vielleicht mit dem etwas verärgerten Gefühl von Kindern, denen man sagt: "das verstehst du sowieso nicht". Erinnern wir uns an Kapitel 2 und unsere ratlose Verfassung nach diesem befremdlichen Blick hinter die Kulissen in jene himmlische Ratsversammlung. Da dachten wir, wir schauen bereits "dahinter". Aber stehen wir nicht vielleicht wieder nur davor? Hat Gott nicht nur für den Hiob auf der Bühne des Lebens, sondern auch für den Leser hinter den Kulissen abrupt einen weiteren Vorhang fallen lassen, hinter den eben keiner mehr schauen kann?

Die abstruse Wette mit dem Satan ist eben nicht die wirklich erklärende letzte Perspektive, sondern die vorletzte oder vorvorletzte oder, oder, oder... Was Gott dahinter denkt und plant, bleibt uns Menschen - dem Helden der Erzählung wie auch den Lesern - definitiv verborgen. Liest man etwas genauer, merkt man, wie wenig doch der Satan hier der wirklich aktive Part ist, der womöglich Gott zu einer Handlung provozieren könnte, sondern der Nebenschauspieler, der viel mehr auf Gottes Stichworte reagiert. Satan wird hier große Macht und Brutalität zugeschrieben, er hat nichts Schalkhaftes wie die an ihn angelehnte Figur des Mephisto in Goethes Faust. Vielmehr ist er gnadenlos der Menschenmörder von Anfang an (Joh. 8, 44). Aber - seine Macht ist absolut abgesteckt, so gern er willkürlich handeln würde, muß er sich doch haarklein an die einschränkenden Vorgaben Gottes halten. Er bleibt letztlich Erfüllungsgehilfe Gottes wider Willen (so wie im Grunde bei der Hinrichtung Jesu Christi auch).

Wir wünschen uns ein tieferes Verständnis davon, warum Hiob so leiden musste. Das geht jedem Leser so. Jeder Ausleger hat seine eigene Erklärung gefunden, so z.B. auch Lamparter. In einem Satz läßt diese sich zwar schwer wiedergeben: Aber Lamparter vermutet einen übergeordneten, heilsgeschichtlichen Grund, nämlich dass Gott an Hiob quasi exemplarisch klarstellen wollte, ob die Beziehung zwischen Gott und Mensch vom Menschen aus - zumindest vom vergleichsweise vollkommensten von allen - tatsächlich in allen Widrigkeiten rein bleiben könnte von Vorteilssuche oder Mißtrauen. Der Mensch Hiob jedoch ist damit überfordert, weil dies nur einer konnte, Christus, der gleichzeitig Gott und Mensch war und die von Hiob selbst geforderte Mittlerstellung einnehmen konnte. Diese Erklärung Lamparters ist nicht schlecht. Freilich — warum vermittelt Gott diese Erklärung dann nicht irgendwann und irgendwo selbst?

Mir persönlich ist, ehrlich gesagt, wohler damit zu sagen: Letztlich gibt uns das Buch keine Erklärung, und gibt uns ganz bewusst keine Erklärung. Ich persönlich kann mit unbeantworteten Fragen besser leben als mit Antworten, die mir zu viele Fragen offen lassen. Und womöglich wäre uns eine Antwort, die so ausfiele, dass wir sie auch verstehen könnten, ohnehin immer noch eine zu billige Antwort? Und würde uns eine Erklärung tatsächlich wirklich helfen? Ist es nicht vielleicht doch die Begegnung mit Gott, die uns, wenn überhaupt, eher "aufatmen" lässt, als eine minutiöse Begründung? Sind wir in den tiefsten Bedürfnissen unserer Seele tatsächlich so viel anders als kleine Kinder, denen im Schmerz eine logische Erklärung aus der Erwachsenenwelt viel weniger hilft als das Da-Sein der absoluten Vertrauensperson mit ihrer tröstenden Nähe?

Freilich, Hiob hat gerade diese tröstende Nähe der "Vertrauensperson Gott" lange vermisst — und nach ihm haben noch viele in ihren persönlichen Schicksalen daran gezweifelt. Aber wir können an Hiob auch sehen, dass Gott eingriff, bevor Hiob daran völlig zugrunde ging. Zum Glück endet die Geschichte nicht einfach mit der Zurechtweisung Hiobs und seiner demütigen Beugung vor Gott. Sie endet auch nicht nur mit einem platten Ausgleich durch das Glück, das Gott ihm daraufhin zukommen ließ. Sondern zwei Dinge möchte ich noch besonders hervorheben am letzten Akt, durch die Gott genau diese tröstende Nähe der Vertrauensperson verkörpert.

Hiobs Freunden ist während des Wettersturms sicher auch Hören und Sehen vergangen, wobei nicht berichtet wird, ob sie außer Donner und Blitz überhaupt ein verstehbares Wort wahrgenommen haben. Aber sollten sie auch nur einen einzigen Augenblick gedacht haben: "Siehst du, Hiob, das geschieht dir recht, haben wir dir's nicht gleich gesagt?" — so erleben sie eine böse Überraschung. Gott spricht schließlich stellvertretend für die drei ihren Anführer Eliphas an. Und er sagt keineswegs: "Vielen Dank, dass ihr wenigstens für meine Ehre gestritten habt", sondern:

Mein Zorn ist entbrannt über euch, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob... Mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte einlegen, nur auf ihn nehme ich Rücksicht, dass ich euch nichts Schlimmeres antue (Hi 42, 7.8).

Und noch einmal wiederholt er: ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

Was "nicht recht" war an den Reden der drei Freunde, haben wir schon zur Genüge begriffen. Das viel Entscheidendere fällt im Nebensatz: recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. Nanu? Dabei hat Gott Hiob doch gerade zurechtgewiesen für sein Reden — und nun sagt er: Hiob hat recht von mir geredet? Jawohl, Gott hat den Hiob in die Schranken gewiesen dafür, dass er sich irgendwann in seinem Schmerz zum Richter über Gott aufgeschwungen hat. Aber in all seiner Klage und Anklage blieb Hiob in seinem "Du, Gott!" doch immer der Nach-Gott-Greifende. Und Hiob hat vor Gott wiederum nie aufgehört, "Hiob, mein Knecht" zu sein, das lässt Gott ihn hier in dieser Aussage wissen. Und sein Recht, nach dem Hiob so leidenschaftlich verlangt hat, wird ihm nun letztlich doch zugesprochen.

"Es war recht von meinem Knecht Hiob", sagt Gott hiermit, "dass er mehr erwartete als eine zweidimensionale, schwarzweiße Weltordnung mit einem ebenso begrenzt dimensionierten Gott."

"Es war recht von meinem Knecht Hiob", sagt Gott, "dass er am wahren Bild von mir festgehalten hat und alle falschen Gottesbilder zurückgewiesen hat !"

"Ich musste Hiob zeigen, daß er mich nicht zum Angeklagten machen kann. Aber es war recht von meinem Knecht Hiob", sagt Gott, "dass er es wagte, mich selbst zum Anwalt für seine Sache gegen mich selbst aufzurufen, er wurde damit zum lautesten Rufer des Alten Testaments nach dem Christus in Gott".

"Es war recht von meinem Knecht Hiob! Ihr, Eliphas, Bildad und Zophar dagegen seid es, die ihr mich mit euren Vorstellungen entwürdigt und Hiob gedemütigt habt. Ich will auch über euch Gnade walten lassen, aber Hiob soll für euch bitten!"

Hiermit stellt er überdeutlich Hiobs Würde vor den Freunden wieder her, die ja ihn für den Verworfenen hielten und über ihn den Stab gebrochen hatten. Aber er nimmt auch Hiob beim Wort, der die Barmherzigkeit gegenüber einem Feind in seinem Selbstverhör ja proklamiert hatte, und "nötigt" ihn damit zu einer Versöhnung mit seinen Freunden.

Das Ende von Kapitel 42 schildert dann, wie der Herr das Geschick Hiobs wendete. Alles, was er verloren hatte, inclusive der gesellschaftlichen Achtung, erlangt er zurück in doppeltem Ausmaß. Genau wird aufgezählt, wie viel Herden er dann besaß, etc. — immer sind es doppelt so viele wie vorher. Er bekam auch wieder Kinder. Aber die bekam er nicht doppelt zurück. War Hiobs Frau schon zu alt oder Gott zu geizig? Ich glaube nicht. Vielmehr steckt für mich darin etwas ganz Besonderes. Gott weiß, dass er Hiobs tote Kinder nicht einfach durch eine doppelte Anzahl ausgleichen kann. Kinder lassen sich nicht quantitativ gutmachen. Der Verlust eines Kindes wird nicht einfach durch zwei neue Kinder aufgewogen. Ich will es mal bewusst etwas provokativ formulieren: Für mich zieht Gott hier sozusagen die Schuhe aus vor Hiobs Schicksal - wie Mose oder Josua auf heiligem Boden. Gott weiß, dass er Hiob und seiner Frau Unglaubliches zugemutet hat. Und er macht das nicht billig dadurch, dass er es schnell mal quantitativ doppelt erstattet. Allenfalls macht er die nächsten Kinder den Eltern teuer durch ihre "Qualität".

Ich denke, dass an dieser Stelle nicht von ungefähr, anders als am Anfang, drei Kinder mit ihren Namen genannt werden. Ich denke, dass der Text auch bewusst dabei nicht die sieben Söhne namentlich aufführt - die ja womöglich alle große Helden geworden sind - sondern die drei Töchter, die hier einfach das friedliche Familienglück repräsentieren. Und ich denke, dass die genannten Namen nicht zufällig gewählt sind. Was bedeuten Jemima, Kezia und Keren-Happuch? Für unseren heutigen Geschmack mag deren Übersetzung "Täubchen", "Zimtblüte" oder gar "Schminkhörnchen" ein bisschen lächerlich klingen (wie selbst Lamparter sagt, etwas "kokett-banal" [S. 251]). Wir hätten doch vom frommen Hiob jetzt wohl etwas Ernsthafteres erwartet oder zumindest etwas richtig Geistliches, oder? So z.B. drei Töchter namens: Bathschua (Tochter des Hilfegeschreis), Johanna (Begnadigte Gottes), und Michal (Wer ist wie Gott?). Aber Täubchen, Zimtblüte, Schminkhörnchen? Ich denke, diese drei, die zu den schönsten Töchtern des Landes aufwuchsen, sollen uns mit ihren Namen eins sicher wissen lassen: dass Hiob zu Lebensfreude und Lebensgenuß zurückfand.

So sehr freute er sich an jedem seiner Kinder, dass er — ganz gegen damalige Gepflogenheit — seinen Töchtern Erbbesitz unter ihren Brüdern gab (42, 15), sie damit also rechtlich ihren Brüdern gleichstellte. Sollten wir jemals gedacht haben, Hiob habe der Verlust seiner ersten Kinder womöglich gar nicht so viel ausgemacht, werden wir hier eines Besseren belehrt. Hiob liebte seine Kinder wie nur irgend ein Vater heute seine Kinder lieben kann, die Töchter wie die Söhne: auch Töchter waren für ihn nicht nur ein Heiratsgut, das er möglichst günstig an den Mann zu bringen gedachte. Diese Töchter stellen sein Herzensglück dar, das Gott ihm wieder schenkte.

Das Buch schließt mit der versöhnlichen Aussage, daß Hiob, als er im hohen Alter stirbt, satt an Lebenstagen (42, 17) war, also zufrieden und ohne einen Mangel zu empfinden. Erinnern wir uns jetzt doch noch einmal an die Worte im Jakobusbrief: Am Ausgang, den der Herr dem Hiob bereitet hat, könnt ihr erkennen, dass der Herr voll Erbarmen und Mitgefühl ist (Jak. 5, 11).

Wir nähern uns dem Ende unserer Begegnung mit Hiob, dem Mann, der sich durch alle falschen Gottesbilder hindurchkämpfte bis zu Gott selbst. Der mit Gott kämpfte, so lange, bis Gott selbst hervortrat aus allen fragwürdigen Bildnissen und Beschreibungen, sich enthüllte und Hiob begegnete. Natürlich konnte Hiob mit seinem Hämmern an die Himmelstür nicht Gott dazu verpflichten, ihm, einem Menschen, Rede und Antwort zu stehen. Aber denken wir an Kierkegaard: Gott fürchtet solche Klopfer nicht. Ja, vielmehr, er sagte sogar zum Schluß: Er hat "recht" geklopft, mein Knecht Hiob!

Meinte Jesus, als er sagte: "Klopfet, so wird euch aufgetan!", nur das höflich-diskrete Klopfen sei Gott angenehm, das so leise bleibt, dass man es kaum bemerkt ? Wohl hört Gott auch einen Zöllner, der so schüchtern vor Gott tritt, daß er nicht einmal mehr an eine Tür, sondern nur noch im hintersten Winkel an die eigene Brust klopft (Luk 18, 13). Aber Jesus berichtet uns eigentlich von ganz anderen Klopfern, mit denen er uns ausdrücklich Mut zum Bitten bei Gott machen will: Da ist das Gleichnis vom Freund, der mitten in der Nacht an die Tür klopft und mit seinen Bitten nicht gerade gelegen kommt, aber, wenn schon nicht um der Freundschaft, dann um seines unverschämten Drängens willen geöffnet bekommt (Luk. 11, 8). Oder das Gleichnis von der Witwe, die einem unwilligen Richter so lange mit ihrer Angelegenheit immer wieder in der Tür steht, bis er ihr zu ihrem Recht verhilft, weil sie ihn nicht in Ruhe lässt und womöglich noch handgreiflich wird (Luk. 18, 5). Ja, an anderer Stelle sagt Jesus etwas Rätselhaftes: jetzt sei die Stunde, wo das Himmelreich mit Gewalt an sich gerissen werden könnte (Matth. 11, 12), und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein (Luk. 16, 16).

Also klopfe nur, Hiob, und kleide die Dinge für uns in Worte, die wir vielleicht gar nicht mehr sagen können ! Sprich für uns, wenn wir diesen Mut vor Gott nicht zu haben wagen! Oder wenn wir diesen Gott längst aus den Augen verloren haben. Wenn uns die Melodie des Leidens zwar beständig durch den Kopf geht, wir aber die Worte nicht finden!

Dann klopfe für uns, Hiob!

[1] Schuach (gen. 25,2), Bus (Gen. 22, 21), Var. 2 für Uz (Gen. 22, 21) [geogr. unpassender, da in Nordmesopotamien zu vermuten]

[2] Hiobs Freund Eliphas von Teman (s. Gen. 36, 10.11); Var. 1 Uz (Gen. 36, 28) [geogr. passender, da in Seir zu vermuten]

[3] Douglass, Klaus: Karfreitagspredigt 2003, Jesu Worte am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?


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