BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

Homosexualität als die Sünde Sodoms – Gedanken zu 1 Mose 19

"Sodom und Gomorra wurden wegen Homosexualität vernichtet." Diese Aussage hört man immer wieder in christlichen Kreisen und sie wird als Argument gegen Homosexualität benutzt: Wenn Gott eine Stadt wegen Homosexualität vernichtet, muss es eine überaus schreckliche Sünde sein. In manchen Kreisen heißt es sogar, dass es eine Sünde ist, die nicht vergeben werden kann.

„Die Männer von Sodom planten eine Vergewaltigung. Aber muss Homosexualität nicht eine verbreitete Praktik gewesen sein, wenn alle Männer der Stadt sich daran beteiligen wollten?“

Hier wird Homosexualität und Vergewaltigung in einen Topf geworfen. Diese Aussage beweist, dass der Autor keine Ahnung von Homosexualität oder Vergewaltigung hat. Er versteht nicht, was in Sodom vorgefallen ist. Vielleicht sollte man daher erst mal definieren, was hier, in diesem Aufsatz, mit Homosexualität gemeint wird. Im Allgemeinen wird das Wort mit "sexuelle Zuneigung zu Menschen desselben Geschlechts" definiert. Aber diese Definition ist problematisch. Es geht zwar um Menschen desselben Geschlechts und um Sex, aber es geht nicht nur um Sex. "Gleichgeschlechtliche Liebe" passt vielleicht eher. Homosexuelle Menschen fühlen sich, in den intimsten Beziehungen, zu Menschen des gleichen Geschlechts hingezogen. Wenn sich ein homosexueller Mann verliebt, verliebt er sich in einen anderen Mann. Es geht also nicht nur um sexuelle Befriedigung, sondern auch um Liebe und Beziehung. Es ist genauso falsch, Heterosexualität auf heterosexuellen Sex zu beschränken, wie es falsch ist, Homosexualität mit Geschlechtsverkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen gleichzusetzen. Wenn man also weiß, was Homosexualität bedeutet, sieht man dass eine Aussage wie die oben zitierte, völlig an der gleichgeschlechtlichen Liebe vorbei geht.

Wie äußern sich aber seriöse Bibelkenner zu der Geschichte von Sodom? Da ist von Homosexualität als "unnatural vice" die Rede (Skinner, 1930), von sexuellen Abweichungen als Teil des Fruchtbarkeitskultes der Götter Baal und Astarte (Von Rad, 1972), von "unnatürlicher Lust" (Westermann, 1985) und von sexueller Perversion. Die katholische Kirche interpretiert die Geschehnisse in Sodom als Homosexualität (1980). Einige interpretieren diese Verse im Zusammenhang mit Römer 1:26+27 und meinen, Homosexualität sei der Fluch Gottes über die Heiden (Keil und Delitzsch, 1981). Andere wiederum sehen einen Zusammenhang zu den Versen über Homosexualität in 3 Mose 18 und 20, die sie als "Greuel" verurteilen, weil sie die natürliche Ordnung von sexuellen Beziehungen bricht und weil keine Kinder gezeugt werden (Harrison, 1980).

Im Allgemeinen werden die Geschehnisse in Sodom von den Interpreten aber differenzierter gesehen. So meinen viele, dass das, was in Sodom stattfand eher die Sünde der Ungastlichkeit war. (Popma, 1972; Van Solms, 1979 ; Keil und Deltzsch, 1981, New Layman's Bible Commentary). Die Einwohner Sodoms seien der Meinung gewesen, dass Fremde keine Rechte hätten und dass man mit ihnen tun könne, was man wolle. So sagt Brueggemann, dass hier eine Massenvergewaltigung stattfand und es sich nicht um schwulen Geschlechtsverkehr in aller Privatheit und zwischen sich liebenden Männern handelte.

Sodom wird beschrieben als eine Gesellschaft in der alle Bremsen entfernt wurden, wo jeder tat, was er wollte. Es war eine Gesellschaft von moralischer Zügellosigkeit, in der es keine Tabus mehr gab (Popma, 1972)

Einige Autoren meinen, dass man die Geschichte Sodoms nicht benutzen sollte, Homosexualität zu verurteilen (Van Solms, 1979). 1 Mose 19 macht keine Aussage über eine liebende, hingebungsvolle schwule oder lesbische Beziehung. Auch der jüdische Talmud würde traditionell die Sünde Sodoms nicht als Homosexualität interpretieren (Harrison, 1980). Der jüdische Talmud sind die Bücher des Alten Testaments. Das wirft die Frage auf: Wie interpretiert die Bibel Sodom?

Die Bibel macht sehr viele Aussagen über Sodom und Gomorra. Es gibt mehr Verse zu Sodom und Gomorra als über Homosexualität an sich. Die meisten dieser Verse sprechen über Sünde - oft allerdings nur indirekt im Zusammenhang mit den beiden Städten. Hier eine Übersicht:

In:

Geht es um:

1 Mose 13:13

Die Menschen waren böse und sündig

1 Mose 18:20

Ihre Sünde war sehr schwer.

5 Mose 29:16-18, 22-26

Götzenverehrung, Abwendung von Gott, Abgötterei, den Bund des HERRN verlassen

5 Mose 32:32-33, 37-39

Abgötterei

Jesaja 1:2-9

Sie haben mit dem HERRN gebrochen, keine Erkenntnis, keine Einsicht, Sünde, übeltat, sind verderbenbringende Kinder, haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verworfen, Widerspenstigkeit

Jesaja 3:9

Die Person ansehen, offen sündigen und sich damit brüsten, Böses tun

Jesaja 13:11+19

Bosheit, Gottlosigkeit, Anmaßung, Stolz, Hochmut, Gewalttat

Jeremia 23:14

Ehebruch, Lüge, die Hände der übeltäter stärken, keine Umkehr von Bosheit

Jeremia 49:16-18

Übermut des Herzens, überheblichkeit

Jeremia 50:2, 6-7, 22-23, 29, 31, 33, 38, 40

Götzen und Götzenbilder, Irreführung des Volkes, Sünde gegen den HERRN, vermessenes Handeln gegen den HERRN, Stolz, übermut, geschnitzte Bilder

Klagelieder 4:3-6

Grausamkeit

Hesekiel 16:49-50

Das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hoffart, Fülle von Brot und sorglose Ruhe hatte sie, kümmerte sich aber nicht um die Armen und Elenden [Fülle von Brot und sorglose Ruhe ist keine Sünde, aber von dem Segen nichts abzugeben an die Bedürftigen schon], Hochmut, Greuel verüben

Amos 4:11

Nicht zu Gott umkehren

Zephania 2:8+9

Schmähung und Hohnreden gegen Israel

Matthäus 10:11-15

Ungastlichkeit

Matthäus 11:20-24

Unbußfertigkeit

Lukas 10:10-12

Ungastlichkeit

Lukas 17:28+29

Sorglosigkeit

2 Petrus 2:4-9

Sünde, Gottlosigkeit, Ausschweifung, Ruchlosigkeit, Ungerechtigkeit, gesetzlose Werke

Judas 7

Unzucht

Offenbarung 11:8

Das Zeugnis der Zeugen Gottes wird verschmäht.

Aus dieser kurzen Übersicht wird deutlich, dass die Bibel Homosexualität nicht als Sünde Sodoms sieht. Nun kann man es aber andersrum interpretieren, dass gerade weil es in Sodom Homosexualität gab, diese anderen Sünden so stark vertreten waren. Passt dies nicht zu Römer 1? Dort steht:

Römer 1,18-32
Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten, weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch sein Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien, weil sie Gott kannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes vom vergänglichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren. Darum hat Gott sie dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen in die Unreinheit, ihre Leiber untereinander zu schänden, sie, welche die Wahrheit Gottes in die Lüge verwandelt und dem Geschöpf Verehrung und Dienst dargebracht haben statt dem Schöpfer, der gepriesen sei in Ewigkeit. Amen. Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und sie empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst. Und wie sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht ziemt: erfüllt von aller Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mord, Streit, List, Tücke; Ohrenbläser, Verleumder, Gotteshasser, Gewalttäter, Hochmütige, Prahler, Erfinder böser Dinge, den Eltern Ungehorsame, Unverständige, Treulose, ohne natürliche Liebe, Unbarmherzige. Obwohl sie Gottes Rechtsforderungen erkennen, dass die, die so etwas tun, des Todes würdig sind, üben sie es nicht allein aus, sondern haben auch Wohlgefallen an denen, die es tun.

Ja, beim ersten Lesen sieht es doch sehr nach Sodom und Gomorra aus. Außerdem geht es hier ganz offensichtlich auch um homosexuelle Handlungen (über die in einem anderen Aufsatz auch noch zu reden sein wird). Die Frage ist nun: Verursacht Homosexualität diese Sünden?

 

Natürlich nicht! Paulus spricht im 1. Kapitel des Römerbriefes nicht von Homosexuellen, sondern von allen Menschen. Es geht darum, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, Gott zu erkennen, ihn als Schöpfer anzuerkennen und ihm zu danken. Stattdessen verwirft der Mensch Gott und macht sich lieber Bilder von vergänglichen Dingen (von Menschen und Tieren und Dingen) und stellt sie in den Mittelpunkt. Das ist Götzendienst. ALLE Menschen, nicht nur Schwule und Lesben, sind gefallene Sünder. Alle Menschen verwerfen Gott. Und weil sie das tun, begehen sie, im kleineren oder größeren Maße, die ganze Reihe von Dingen, von denen Paulus hier spricht. Die Ursache von Sünde ist nicht Homosexualität. Die Ursache von Sünde ist die Tatsache, dass der Mensch Gott verworfen hat. Gott lässt es zu und darum begehen Menschen diese Dinge, von denen das erste Kapitel des Römerbriefes weiterhin spricht.

Und dennoch waren die Städte Sodom und Gomorra außergewöhnlich. Ihre Sünde war so groß, dass Gott sie vernichten wollte. So sagt die Bibel – als es darum geht, dass Lot nach Sodom ziehen möchte:

1. Mose 13:13
Die Leute von Sodom aber waren sehr böse und sündig vor dem HERRN.

Und kurz vor der Vernichtung der beiden Städte heißt es:

1. Mose 18,20
Und der HERR sprach: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, wahrlich, es ist groß, und ihre Sünde, wahrlich, sie ist sehr schwer.

Abraham, zu dem Gott hier sprach, wusste, dass die beiden Städte wegen ihrer Sünde vernichtet werden sollten. Er tat Fürbitte für die Städte, appellierte an Gottes Gerechtigkeit und am Ende versprach Gott, dass er die Städte nicht vernichten würde, wenn zehn Gerechte in Sodom gefunden würden. Es ist deutlich, dass es nicht die Geschehnisse in Sodom in jener Nacht waren, die zu der Vernichtung der zwei Städte führten. Die Sünden, die die Vernichtung zur Folge hatten waren andere, ältere.

Was geschah nun in Sodom? Was hat Sodom mit Homosexualität zu tun? Es muß eine Verbindung geben, denn schließlich kommt das Wort Sodomie (das auch für homosexuelle Handlungen benutzt wird) von dem Namen der Stadt. So beschreibt es die Bibel:

1. Mose 19,1-3
Und die beiden Engel kamen am Abend nach Sodom, als Lot gerade im Tor von Sodom saß. Und als Lot sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und verneigte sich mit dem Gesicht zur Erde; und er sprach: Ach siehe, meine Herren! Kehrt doch ein in das Haus eures Knechtes, und übernachtet, und wascht eure Füße; morgen früh mögt ihr dann eures Weges ziehen! Aber sie sagten: Nein, sondern wir wollen auf dem Platz übernachten. Als er jedoch sehr in sie drang, kehrten sie bei ihm ein und kamen in sein Haus. Und er machte ihnen ein Mahl, backte ungesäuertes Brot und sie aßen.

Hier lesen wir, wie die Engel nach Sodom kamen und dort von Lot eingeladen wurden, bei ihm zu übernachten. Lot saß im Tor der Stadt, d.h. er war ein angesehener Bürger. Das Tor war der Ort, wo sich die wichtigen Männer trafen, wo politische Entscheidungen getroffen wurden und wo man Geschäfte machte. Lot war also Teil von diesem Kreis.

Es sieht so aus, als ob Lot etwas von den Gewohnheiten und Plänen der Einwohner der Stadt wusste oder ahnte - ihm war nicht unbekannt, dass Sodom eine böse Stadt war. Und, obwohl er selbst Bürger der Stadt war, wollte er diese Pläne verhindern. Darum drängte er die Männer, bei ihm zu übernachten, wo er ihnen Schutz bieten konnte.

1. Mose 19,4-11
Noch hatten sie sich nicht niedergelegt, da umringten die Männer der Stadt, die Männer von Sodom, das Haus, vom Knaben bis zu Greis, das ganze Volk von allen Enden der Stadt. Und sie riefen nach Lot und sagten zu ihm: Wo sind die Männer, die diese Nacht zu dir gekommen sind? Führe sie zu uns heraus, dass wir sie erkennen! Da trat Lot zu ihnen hinaus an den Eingang und schloss die Tür hinter sich zu; und er sagte: Tut doch nichts Böses, meine Brüder! Seht doch, ich habe zwei Töchter, die keinen Mann erkannt haben; die will ich zu euch herausbringen. Tut ihnen, wie es gut ist in euren Augen! Nur diesen Männern tut nichts, da sie nun einmal unter den Schatten meines Daches gekommen sind! Aber sie sagten: Zurück da! Und sie sagten: Da ist einer allein gekommen, sich als Fremder hier aufzuhalten, und will sich schon als Richter aufspielen! Nun, wir wollen dir Schlimmeres antun als jenen. Und sie drangen hart ein auf den Mann, auf Lot, und machten sich daran, die Tür aufzubrechen. Da streckten die Männer ihre Hand aus und brachten Lot zu sich herein ins Haus; und die Tür verschlossen sie. Die Männer aber, die am Eingang des Hauses waren, schlugen sie mit Blindheit, vom kleinsten bis zum größten, so dass sie sich vergeblich mühten, den Eingang zu finden.

Dies sind die wichtigsten Verse in der Frage nach der Homosexualität in Sodom. Es wird mehrmals wiederholt, dass ALLE Männer Sodoms, vom Jüngsten bis zum ältesten, von denen, die ganz in der Nähe wohnten und auch denen, die am Ende der Stadt wohnen, an dem Komplott teilnahmen.
Die Männer Sodoms wollten die Fremden "erkennen". "Erkennen" ist ein sehr komplexes Wort. Es kann bedeuten, dass die Männer die Gäste Lots kennenlernen wollten, dass sie wissen wollten, wer diese Männer waren. Man sieht, dass sie Lot nicht als Alteingesessenen, dem man vertrauen kann, ansahen - auch wenn man im Tor Geschäfte miteinander machte. Sie könnten also durchaus Bedenken gegen Lots Gäste haben.

Es gibt ein Wort für Geschlechtsverkehr im Hebräischen: "Shakhabh". Wenn es hier um reine sexuelle Befriedigung ginge, wäre das Wort besser gewesen, als "Yadah" - "erkennen." Dies könnte dafür sprechen, dass es hier nicht um Sexualität ging. Aber Yadah wird auch für sexuelle Handlungen in der Bibel benutzt. Ebenso ist die Tatsache, dass Lot seine Töchter an Stelle der Gäste den Einwohnern anbot, ein Beweis, dass sexuelle Handlungen geplant waren. Die männlichen Einwohner Sodoms forderten Geschlechtsverkehr mit den Gästen Lots. Da es sich bei den Gästen um Männer handelte, waren diese sexuellen Handlungen homosexueller Natur.

Bedeutet das zwangsläufig, dass die Männer Sodoms schwul waren? Ein Indiz aus unserem Text spricht dagegen: Lot bietet ihnen seine Töchter an Stelle der Gäste an. Wären die Männer Sodoms schwul, wäre ein solches Angebot sinnlos. Aber Lot spricht es aus - also müssen die Einwohner Sodoms normalerweise eher zu Sex mit Frauen geneigt haben. Dieses Ereignis war außergewöhnlich. Außergewöhnlich war auch, dass ALLE Männer Sodoms teilnehmen wollten. Homosexualität ist keine Krankheit oder Modeerscheinung. Nicht mehr als 10% aller Menschen (eher weniger) sind homosexuell. Eine Stadt, in der alle Männer schwul sind, gibt es nicht und gab es nicht.

Was war hier also los? Wenn nicht alle Männer Sodoms homosexuell waren, warum wollten dann alle die Gäste Lots erkennen - sprich Geschlechtsverkehr mit ihnen haben? Lot selbst gibt uns eine Information über die Einwohner der Stadt, wenn er sagt: "Tut ihnen [den Töchtern] wie es gut ist in euren Augen!" Die Männer Sodoms lebten nach dem Prinzip: "Ich tue, was mir gefällt." Damit ähnelten sie den Menschen, von denen in den letzten Kapiteln des Buches der Richter geschrieben wird. Dort ist von Bürgerkrieg und auch von Vergewaltigung (bis zum Tod der Opfer) die Rede. Das Buch schließt mit den Worten:

Richter 21,25b
Jeder tat, was recht war in seinen Augen.

Die Einwohner Sodoms interessierten sich, wie die Israeliten im Buch der Richter, nicht für moralische Vorgaben von außen. Es gab kein Gesetz. Jeder tat, was er wollte. Gott war ihnen so fern, wie er nur sein konnte. Der Wille Gottes, ein Leben nach dem Gesetz der Liebe war diesen Menschen fremd. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes gottlos.

Ging es um Sex, um die Befriedigung sexueller Wünsche, oder gar um eine liebende, treue Beziehung zwischen zwei Menschen? Es ist unwahrscheinlich, dass es den Männern Sodoms um reinen Sex ging. Wäre es ihnen nur um Sex gegangen, hätten sie die Töchter Lots nicht abgewiesen. Es ging hier – trotz sexueller Handlungen – nicht um Sexualität.

Es gibt noch ein Ereignis im menschlichen Leben, bei der es zu sexuellen Handlungen kommt, wobei es sich aber nicht um Sexualität (also der Befriedigung des Geschlechtstriebs) handelt, sondern um Gewalt: Vergewaltigung. Es war unter den Völkern des Mittleren Ostens üblich, dass erobernde Armeen die eroberten Männer vergewaltigten. Frauen galten als Untermenschen. Die Vergewaltigung von Männern versetzte diese in die Position von Frauen, also in die Position von Untermenschen. So machten die Eroberer den Besiegten klar, dass sie besiegt und erniedrigt waren. Hier haben wir es also eher mit Massenvergewaltigung, so wie es auch in modernen Gefängnissen vorkommt, zu tun. Und auch in der modernen Welt, in modernen Kriegen (siehe die Iraker Gefängnisse) werden die Besiegten auf solche Art und Weise erniedrigt.

Bei Vergewaltigung geht es nicht um Sex, und schon gar nicht um Beziehung, sondern um Macht, Kontrolle und Gewalt.

Es gibt keinen Zweifel, dass Unfassbares in Sodom passierte, Sünde, die so furchtbar war, dass Gott die Stadt und die Nachbarstadt Gomorra vernichten wollte. Wir lesen von der Gewaltbereitschaft der Männer Sodoms und wie sie Lot drangsalierten, als er ihnen die Fremden nicht herausgab. Sie wollten mit Gewalt in das Haus eindringen. Nur durch die Hilfe der Gäste wurde Lot gerettet. Und nach dieser Demonstration der Gottlosigkeit und Gewaltbereitschaft aller Männer Sodoms gab es keine Rettung mehr. Es wurden keine zehn Gerechten in Sodom gefunden. Die Stadt musste vernichtet werden.

1. Mose 19,12-13
Und die Männer sagten zu Lot: Hast du hier noch jemanden? Einen Schwiegersohn und deine Söhne und deine Töchter oder einen, der sonst noch in der Stadt zu dir gehört? Führe sie hinaus aus diesem Ort! Denn wir werden diesen Ort vernichten, weil das Geschrei über sie groß geworden ist vor dem HERRN; und der HERR hat uns gesandt, die Stadt zu vernichten.

In den folgenden Versen lesen wir dann, wie Sodom und Gomorra, nach der Flucht Lots, seiner Frau und seiner beiden Töchter, vernichtet wurden:

1. Mose 19,24-25
Da ließ der HERR auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen von dem HERRN aus dem Himmel und kehrte diese Städte um und die ganze Ebene des Jordan und alle Bewohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens.

Wurde Sodom wegen Homosexualität vernichtet? Die Antwort ist: Nein. Sodom wurde wegen überaus großer Sünde und Gottlosigkeit vernichtet. Dies spiegelte sich in Taten wie homosexueller Vergewaltigung wieder. Und nur weil es in Sodom homosexuelle Vergewaltigung gab, heißt es nicht, dass Homosexualität an sich Sünde ist – zumal bei der Vergewaltigung von Männern hauptsächlich heterosexuelle Männer beteiligt sind. Es wäre unlogisch, heterosexuelle Beziehungen zu verbieten, weil es heterosexuelle Vergewaltigung gibt. Genauso unlogisch ist es, Homosexualität zu verbieten, weil in Sodom homosexuelle Vergewaltigung stattfand.

Fazit: die Geschichte von Sodom und Gomorra zeigt uns, welche Abgründe sich in Menschen, die Gott-los sind, auftun können. Außerdem zeigt sie, dass Gott in solchen Fällen nicht unbeteiligt ist, sondern handelt. Die Geschichte spricht auch von der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, die das Ausmaß an Sünde wie in Sodom nicht tolerieren kann. Aber die Geschichte verurteilt nicht eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Männern. Daher sollte man sie nicht benutzen um Homosexualität zu verurteilen.

Bibliographie:
Brueggemann, Walter
Genesis interpretation: a Bible commentary for teaching and preaching. Atlanta, Ga.: John Knox Press, 1983.
Harrison, R K
Leviticus: an introduction and commentary. Leicester: InterVarsity Press, 1980
Keil, C F und Delitzsch, F
Commentary on the Old Testament in ten volumes. Vol. 1, the Pentateuch. Grand Rapids, Mich.: William B. Eerdmans, 1981
Morris, Henry M
The Genesis record: a scientific and devotional commentary on the Book of Beginnings. Grand Rapids, Mich.: Baker Book House, 1976
The New Layman's Bible Commentary in one volume / G C D Howley, F F Bruce and H L Ellison, editors. Grand Rapids, Mich.: Zondervan, 1979.
Popma , Klaas J
Harde feiten: kanttekeningen bij het Genesisverhaal. Franeker: T Wever, 1972
Skinner, John
A critical and exegetical commentary on Genesis. 2nd ed. Edinburgh: T & T Clark, 1930.
Van Solms, A
Genesis. Deel 1. - Nijkerk: G F Callenbach, 1979
Von Rad, Gerhard
Genesis: a commentary. Rev. ed. London: SCM Press, 1972
Westermann, Claus
Genesis 12-36: a commentary. Minneapolis, Minn.: Augsburg, 1985.


Geschrieben von Anette Seiler
2004

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