BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

Homosexualität als schändliche Leidenschaft – Gedanken zu Römer 1,26-28

Der wohl deutlichste Text im Neuen Testament über homosexuellen Geschlechtsverkehr steht im Römerbrief. Es ist auch die einzige Stelle in der ganzen Bibel, wo lesbischer Sex erwähnt wird.

Römer 1,26-28
Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst.

Homosexualität ist eine schändliche Leidenschaft. Sie ist eine unnatürliche Verirrung. Gott hat Homosexuelle verworfen.

Der "gebührende Lohn der Verirrung" ist Aids. Aids-Kranke sind meistens schwul und mit der Krankheit möchte Gott Homosexuelle ausrotten.

Dies ist eine typische christliche Reaktion auf diese Verse. Wie soll man nun als lesbische Christin oder schwuler Christ darauf reagieren? Meine erste Reaktion war:

  • Es geht hier um Sex, nicht um eine lesbische oder schwule Beziehung - in der es um weit mehr als nur Sex geht
  • Es geht um heterosexuelle Menschen, die homosexuellen Geschlechtsverkehr treiben. Geht es hier überhaupt um Schwule und Lesben?
  • Und vor allem: geht es hier um schwule oder lesbische Christen?

(Und ganz nebenbei: es gibt weit mehr heterosexuelle als homosexuelle Aids-Kranke)

Es ist wichtig, dass die Verse in dem Kontext, in dem sie stehen, gesehen werden. Der engere Kontext ist das erste Kapitel des Römerbriefes:

Römer 1,18-32
Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten, weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch sein Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien, weil sie Gott kannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren überlegungen in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes vom vergänglichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren. Darum hat Gott sie dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen in die Unreinheit, ihre Leiber untereinander zu schänden, sie, welche die Wahrheit Gottes in die Lüge verwandelt und dem Geschöpf Verehrung und Dienst dargebracht haben statt dem Schöpfer, der gepriesen sei in Ewigkeit. Amen.

Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst.

Und wie sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht ziemt: erfüllt von aller Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mord, Streit, List, Tücke; Ohrenbläser, Verleumder, Gotteshasser, Gewalttäter, Hochmütige, Prahler, Erfinder böser Dinge, den Eltern Ungehorsame, Unverständige, Treulose, ohne natürliche Liebe, Unbarmherzige. Obwohl sie Gottes Rechtsforderungen erkennen, dass die, die so etwas tun, des Todes würdig sind, üben sie es nicht allein aus, sondern haben auch Wohlgefallen an denen, die es tun.

Im ersten Kapitel des Römerbriefes ist nicht von Christen die Rede, sondern von Menschen, die sich gegen Gott entscheiden, auch wenn sich Gott ihnen offenbart. Sie entscheiden sich gegen den Schöpfer und für das Geschöpf - meistens für sich selbst. Diese Menschen werden durch folgendes gekennzeichnet:

  • Sie verwerfen die Erkenntnis Gottes. Sie wollen nicht nur keine Beziehung zu Gott, sie wollen gar nichts über Gott wissen.
  • Sie verherrlichen Gott nicht, d.h. sie erkennen Gott nicht als Gott an.
  • Anstatt Gott anzubeten, beten sie Götzen an.
  • Sie wandeln die Wahrheit Gottes in Lüge um.

Wegen dieser Dinge hat Gott sie dahingegeben. Nun leben sie, wie sie wollen. Die Situation ist ähnlich wie in Sodom und in Israel zur Zeit der Richter:

Richter 21,25b
Jeder tat, was recht war in seinen Augen.

Weil diese Menschen, die ohne Gott leben wollen, machen, was sie wollen, ist das Ergebnis furchtbar. Die Liste der Sünde ist lang und ein markanter Punkt auf der Liste ist, dass sie ihre natürliche Sexualität mit einer unnatürlichen ausgetauscht haben. Paulus schrieb den Brief an die Römer wahrscheinlich aus Korinth. Korinth war in der antiken Welt für seine Promiskuität bekannt. Eine Form des Götzendienstes waren Tempelorgien als Teil der Fruchtbarkeitskulte.

Hier wird natürlich nicht nur von einer kleinen Gruppe Menschen gesprochen, sondern von der Menschheit an sich. Die Gefallenheit eines jeden Menschen wird hier skizziert. Im Grunde ist jeder Mensch so, wie hier dargestellt. Die Menschen verwerfen Gott, "vergöttern sich selbst und machen, was sie wollen. Das war schon immer so und ist auch heute, in unserer ach so zivilisierten Welt nicht anders. Als Paulus diesen Brief schrieb, wurde in Korinth Sex vergöttert. Heute ist es genau so - wie ein Blick auf die Spams, die den E-Mail-Briefkasten füllen, zeigt.

Bei vielen sind die Folgen der Abwendung von Gott und der Zuwendung zu geschaffenen Dingen nicht so extrem, wie hier geschildert, aber der Mensch ist von Natur aus geneigt so, wie hier geschildert, zu sündigen.

Zum Glück hört der Römerbrief nicht mit dieser "schlechten" Nachricht auf. In späteren Kapiteln kommt Paulus zur guten Nachricht, zum Evangelium, dass da lautet: Alle sind Sünder, keiner kann sich selbst gerecht machen. Deshalb ist jeder Mensch zum Tode verurteilt. Aber in seiner Gnade und seiner Liebe nimmt Jesus, der Sohn Gottes, die Sünde jedes Menschen auf sich und stirbt an dessen Stelle. Jeder, der das glaubt, wird bedingungslos gerechtfertigt und hat ewiges Leben.

Es geht hier, im ersten Kapitel des Römerbriefes, also nicht um Christen, sondern um Menschen, die nicht an Gott glauben und tun was sie wollen. Es geht hier nicht um Christen – egal, ob sie homo- oder heterosexuell sind.

Nun ist es aber so, dass es homosexuelle Christen gibt. In vielen christlichen Gemeinden ist dies zwar undenkbar, aber es gibt tatsächlich Christen, die auch homosexuell sind. Was ist nun mit Christen, die schwul oder lesbisch sind? Sind sie in Römer 1 steckengeblieben und müssen dort bleiben bis sie sich ändern? Natürlich nicht. Genauso wie Heterosexuelle nicht in Römer 1 bleiben, wenn sie Christen werden, ist das auch bei Homosexuellen nicht der Fall. Genauso wie heterosexuelle Sexsüchtige nicht ihre Sexualität aufgeben müssen, wenn sie Christen werden, müssen auch Homosexuelle nicht ihre Sexualität ablegen.

Es geht in Römer 1 um Abgötterei, um Vergötterung von Sexualität, die auch in homosexuellen Geschlechtsverkehr zum Ausdruck kam. Es geht nicht um eine ganz normale Liebesbeziehung zwischen zwei lesbischen oder zwei schwulen Christen.

Wird hier überhaupt von Homosexualität gesprochen? Es heißt, dass der natürliche Verkehr in einen unnatürlichen Verkehr verwandelt wurde. Was heißt hier "natürlich?" Heißt es, dass nur Heterosexualität natürlich ist, oder heißt es, dass heterosexuelle Menschen etwas, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, nämlich: homosexuellen Geschlechtsverkehr, taten? Oft meinen wir mit dem Wort "natürlich" "den Naturgesetzen entsprechend - also universell gültig. Diese Definition des Wortes ist allerdings vermutlich nicht die richtige, denn zu Paulus Zeiten sprach man noch nicht von Naturgesetzen. Man kann das Wort auch anders übersetzen, nämlich: "der Natur / dem Charakter des Menschen entsprechend."

Im griechischen Originaltext ist das Wort für "natürlich" "physin" und für "unnatürlich" "paraphysin". "Physin" wird auch im folgenden Vers benutzt:

1. Korinther 11,14
Oder lehrt euch nicht selbst die Natur (physin), dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist?

Hier kann man nicht von Naturgesetzen sprechen. Kein Naturgesetz lehrt, dass langes Haar einem Mann Schande bringt. Es geht eher um Traditionen oder Bräuche. Paraphysin widerum wird auch anderswo im Römerbrief benutzt:

Römer 11,24
Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und gegen die Natur (paraphysin) in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden?

Hier wird gesagt, dass Gott in einer "unnatürlichen" Art die Nicht-Juden akzeptiert hat. Da Gott selbst hier etwas unnatürliches tut, kann es sich bei Unnatürlichkeit nicht um Sünde handeln. Es geht also bei den Worten nicht um Naturgesetze, sondern um das Wesen der Betroffenen.

Für einen heterosexuellen Menschen ist es natürlich mit einem andersgeschlechtlichen Menschen Sex zu haben. Diese Art Geschlechtsverkehr ist aber für eine Lesbe oder einem Schwulen widernatürlich. Der normale Schwule findet es natürlich sich zu Männern hingezogen zu fühlen. Der normalen Lesbe ist es unnatürlich mit einem Mann Sex haben zu wollen.

Die Bedeutung der Verse ist also nicht, dass Gott Homosexualität an sich als Sünde empfindet. Sünde ist der Abfall des Menschen von Gott, das "Sich selbst zu Gott machen." Sünde ist, wo Gott verworfen wird. Diese Gottlosigkeit hat viele Gesichter, die hier detailliert aufgeführt werden. Eines der Gesichter ist, wenn Menschen - vielleicht in einer Vergötterung der Sexualität - den für sie natürlichen Geschlechtsverkehr gegen unnatürlichen vertauschen, wenn also heterosexuelle Menschen homosexuellen oder Homosexuelle heterosexuellen Sex haben. Diese Verse handeln nicht von Homosexuellen denen ihre Homosexualität das normalste der Welt ist, und schon gar nicht handeln sie von lesbischen oder schwulen Christen, die in einer liebenden, auf Treue aufgebauten Beziehung mit einem Partner desselben Geschlechts leben wollen. Diese Christen sind genauso angenommen und gerechtfertigt von Gott, wie jeder homosexuelle Christ auch. Auch ihnen ist Gott der liebende Vater, der sich mit ihnen an ihrem Glück freut.


Geschrieben von Anette Seiler
2004

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