BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

Homosexuelle als Knabenschänder? – Gedanken zu 1. Korinther 6,9+10 und 1. Timotheus 1,9+10

Es gibt zwei Texte im Neuen Testament, von denen es oft heißt, dass sie auch von Homosexuellen handeln und darum schwulen Geschlechtsverkehr aufs schlimmste verurteilen:

1. Korinther 6,9+10
Oder wisst ihr nicht, das Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Wollüstlinge, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Homosexuelle sind Wollüstlinge und Knabenschänder und werden deshalb das Reich Gottes nicht erben.

1. Timotheus 1,9+10
... dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige, und wenn etwas anderes der gesunden Lehre entgegensteht.

Homosexuelle sind Knabenschänder und damit sind sie gottlose Sünder. Während eines Gottesdienstes, an dem meine Frau und ich teilnahmen, geschah folgendes: Ein Pastor betete für den Weltfrieden, für Weisheit für die Politiker und gegen Homosexuelle. Er verteidigte sein Gebet gegen Homosexuelle mit der Aussage, dass Homosexuelle Knabenschänder seien.

Die beiden Worte, um die es hier geht sind "Wollüstlinge" und "Knabenschänder." Das griechische Wort, das mit "Wollüstlinge" übersetzt wurde, ist "Malakee". "Knabenschänder" ist eine Übersetzung von "Arsenokoitai".

Die englische King James Bibel übersetzt "Malakee" in 1Kor 6 mit "Homosexuals." Dies ist allerdings eine relativ neue Übersetzung, denn das Wort "homosexuell" wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts geprägt. Jahrhundertelang wurde das Wort "malakoi", von dem Malakee abgeleitet ist auch mit Masturbation gleichgesetzt. Erst als Masturbation nicht mehr als so große Sünde, dass man ihretwegen das Reich Gottes nicht erben könnte, angesehen wurde, wurde plötzlich von Homosexuellen gesprochen.

In Wirklichkeit weiß eigentlich keiner so genau, was Paulus mit diesem Wort meinte. Anderswo in der Bibel wird es mit "weich", "fein", "kränklich", "flüssig", "feige", "zart", "sanft" oder "ausschweifend" übersetzt. Vielleicht könnte man auch "ungezügelt" oder "schwelgerisch" benutzen. Anderswo wird es für Menschen gebraucht, die keine Disziplin haben oder moralisch schwach sind. Nirgends wird es im sexuellen Kontext benutzt. Vielleicht wäre "Weichling" oder "Waschlappen" eine bessere Bedeutung. Es bedeutet eher die Unfähigkeit zu moralischer Integrität und Selbstkontrolle.

Bei "Arsenokoitai" gibt es noch weniger Konsens über die Bedeutung des Wortes. Einige englische Bibeln übersetzen es mit "sodomites", ein Wort, dass oft für Schwule gebraucht wird. Es gibt Autoren, die meinen, dass die beiden Worte zusammen vielleicht die beiden Partner einer päderastischen Beziehung bezeichnen (Fee, 1987). In 1. Timotheus 1 wird allerdings nur Arsenokoitai benutzt und daher ist dieses Argument nicht zu halten. Eigentlich weiß niemand, was "Arsenokoitai" bedeutet. Es ist eine Zusammensetzung aus zwei Worten, nämlich "Mann" und "Bett". Das Wort Bett war oft ein beschönigender Ausdruck für Geschlechtsverkehr. Die Verbindung mit Mann ist allerdings nicht ganz klar. Ist "Mann" das Subjekt, oder das Objekt? Paulus war der erste, der diesen Ausdruck benutzte und er kommt sehr selten in der griechischen Literatur vor. Später wurde das Wort für männliche Prostituierte benutzt.

Wie war es nun im antiken Griechenland mit der Homosexualität? Denn dies ist der Kontext der beiden biblischen Bücher, um die es hier geht. Sie wurden nicht im 20. Jahrhundert geschrieben, als es endlich das Wort "Homosexualität" gab, sondern im 1. Jahrhundert in der griechisch-römischen Kultur. Die biblischen Texte sind auch Antwort auf diese Kultur. Robin Scroggs hat dies in seinem Buch "The New Testament and homosexuality" (1983) zum Thema gemacht. Er sagt unter anderem folgendes:

Die griechische Kultur war männlich orientiert und männlich dominiert. Frauen waren für den Haushalt zuständig, die Männer für das öffentliche Leben. Scroggs sagt: "The intellectual and, indeed, affective partner to a male was another male." Männer waren die Partner von Männern. Der männliche Körper war ein Schönheitsideal und dieses Ideal beeinflusste die Erotik der Griechen. Die griechisch-römische homosexuelle Kultur hatte also einen völlig anderen Hintergrund als moderne Homosexualität.

Die Griechen der oberen Klassen praktizierten und lehrten "Päderastie", die Liebe von Knaben. Außer Päderastie gab es noch schwulen Sex mit Sklaven und männlichen Prostituierten, letzteres oft als Teil des Fruchtbarkeitskultes. Sex mit Sklaven war eine erzwungene Lustbefriedigung. Viele der jugendlichen Sklaven wurden kastriert um ihre Jugendlichkeit so lange wie möglich zu bewahren. Prostituierte verkauften sich selbst. Um lange jung zu erscheinen gebrauchten sie viel Kosmetik. Aber die allgemeinste Form der Homosexualität war Päderastie.

In einer päderastischen Beziehung gab es einen aktiven Partner (ein erwachsener Mann) und einen passiven Partner (ein Kind oder Teenager). Sobald der Knabe erwachsen wurde, war die Beziehung zum älteren Mann vorbei. In dieser Beziehung gab es keine Gleichheit und keine Gemeinschaft. Der ältere Partner bestimmte das Geschehen und nur er, der aktive Partner, hatte sexuelle Befriedigung. Es handelte sich nicht um eine liebende Beziehung in der es um mehr als Sex ging. Es gab keine Beständigkeit in der Beziehung. Es war eine Beziehung, die den passiven Partner demütigte.
Homosexualität war im antiken Griechenland bekannt und wurde praktiziert. Es fehlte nicht an Begriffen für schwulen Geschlechtsverkehr. Weder "Malakee" noch "Arsenokoitai" gehörten dazu. Scroggs kommt zum Schluß, dass diese Verse (und auch die im 1. Kapitel des Römerbriefes) von der griechischen Päderastie und von Tempelprostitution handeln, nicht um eine hingegebene, gegenseitige Beziehung zwischen zwei erwachsenen Schwulen oder Lesben. Er sagt: Es ist eine Tatsache, dass das grundlegende Beziehungsmodell in der modernen christlich-homosexuellen Community sich so sehr von dem Beziehungsmodell, dass im Neuen Testament angegriffen wird, unterscheidet, dass man nicht von ähnlichkeit sprechen kann. Ich komme zur folgenden Schlussfolgerung: Biblische Urteile gegen Homosexualität sind in der modernen Debatte nicht relevant. Sie sollten nicht länger in der Diskussion über Homosexualität benutzt werden, sollten keine Waffe sein (um z.B. die Ordinierung schwuler Priester zu bekämpfen) - nicht weil die Bibel nicht autoritativ ist, sondern ganz einfach, weil die Bibel die Sache, worum es geht, gar nicht anspricht. Noch ein paar Worte zu Knabenschändern: Nur weil im antiken Griechenland Geschlechtsverkehr zwischen erwachsenen Männern und männlichen Knaben und Teenagern praktiziert wurde, und nur weil Päderastie einen homosexuellen Akt beinhaltet, heißt es nicht dass alle Homosexuellen Knabenschänder sind. Es wurde festgestellt, dass nur etwa fünf Prozent aller Päderasten schwul sind. Das entspricht dem allgemeinen Prozentsatz der Homosexuellen in Deutschland. Es bedeutet auch, dass 95% der Päderasten heterosexuell sind. Man kann also Homosexualität nicht wegen Päderastie verurteilen, denn dann müsste man Heterosexualität noch mehr verurteilen.

Fazit ist: Man weiß nicht wirklich, worum es bei den Worten "Malakee" und "Arsenokoitai" geht. Handelt es sich um Päderastie? Um Kultprostitution? Um Vergewaltigung von Sklaven? Dies waren die homosexuellen Beziehungen der griechisch-römischen Kultur. Eine liebende Beziehung zweier schwuler Christen? Diese war in der griechisch-römischen Kultur fast unbekannt. Solange Unklarheit herrscht, kann man die genannten Verse nicht benutzen, um eine liebende schwule Beziehung zu verurteilen.

Bibliographie:
Fee, Gordon D
The first epistle to the Corinthians. Grand Rapids, Mich.: William B. Eerdmans, 1987

Scroggs, Robin
The New Testament and homosexuality: contextual background for contemporary debate. Philadelphia: Fortress Press, 1983


Geschrieben von Anette Seiler
2004

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