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Ich wünsche mir Nathanael-Christen – Gedanken zu Johannes 1, 45-51

Johannes erzählt uns von einem Mann namens Nathanael. Jesus begrüßt ihn als "rechten Israeliten", der "ohne Falsch" ist. Er war sozusagen ein rechtglaubender Mann, der sich der Wahrheit verpflichtet sah. Und das dürfen wir aus dem Bericht des Johannes heraus vermuten; er kannte sich mit den Heiligen Schriften aus.

Sein Bekannter, Philippus wurde einer der ersten Jünger des neuen Predigers Jesus aus Nazareth, den Johannes der Täufer als Messias ansah. Das sah auch Philippus so aber nicht Nathanael. Der glaubte nicht einfach etwas, weil dieser oder jener das behauptete. Dazu war er zu bibelfest. Und in der Schrift wurde ziemlich klar gesagt, dass der Messias nicht aus Nazareth in Galiläa kommen würde. Also konnte er keineswegs sein, was Philippus von ihm dachte: "der, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben". Außerdem hatten die Galiläer bei den Frommen einen schlechten Ruf. Nun, den Glauben wollte man ihnen nicht absprechen aber ein reines Volk war das nicht und ihr Lebenswandel fragwürdig. Dieses Sündenbabel, die Stadt Tiberias, die Herodes Antipas dort neu aufgebaut hatte, das passte genau da hin. Aber nicht der Messias. Nein, lieber Philippus, lass dich nicht verführen "aus Nazareth kann nichts Gutes kommen"!

Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können. War sie aber nicht. Denn Nathanael war ein Mann, der die Wahrheit suchte. Und Philippus war ein Mann, der wusste, was er erlebt hatte "komm und sieh!" Komm und sieh es dir selber an, prüfe es nach! Bleib nicht stehen bei dem, was du bereits weißt oder was man dir erzählt über Jesus (und über Galiläa)! Bleib nicht dabei stehen, wie du die Schrift verstanden hast, und bei dem, was sich scheinbar ausschließt! Mach dir selbst ein Bild, sei offen, sprich mit Jesus! Komm und sieh, und du wirst sehen!

Und so kam Nathanael hervor unter seinem Feigenbaum, unter den großen Blättern seines biblischen Vorverständnisses und seiner vorbestehenden Meinung über alles, was aus Galiläa kommen konnte. Er kam und sah sich an, wovon Philippus erzählt hatte. Er begegnete dem lebendigen Jesus. Und er stellte fest der aus Nazareth ist Davids und Gottes Sohn. Der aus Galiläa ist der Ort, wo Gott seine Himmelsleiter aufstellt, allem zum Trotz, was für Nathanael doch ganz anders feststand, als er noch unter dem Feigenbaum saß.

Wir sind nicht Jesus. Aber allem zum Trotz, was unter dem Feigenbaum so eindeutig scheint wir sind von ihm geliebt und gesegnet, und wir lieben Ihn und folgen Ihm. Und wir wünschen uns Christen wie Nathanael. Christen sollen recht glauben, die Schrift lieben und die Wahrheit suchen. Und wie Nathanael bereit sein, sich einzulassen auf eine Erfahrung, die alles umkrempeln darf, was er vorher für eindeutig, für richtig und geboten hielt.

Lieber Philippus, wie können unter Homosexuellen Christen sein? Da kommt nichts Gutes her, würde Nathanael heute sagen. Und Philippus, der sagt immer noch: "Komm und sieh!" Es gibt ungezählte Feigenblätter, ganze Bücher voll davon, die alle glauben zu wissen, wie das ist mit den Homosexuellen. Es gibt Worte der Schrift, die, so glaubt man, auszuschließen scheinen, dass Gott uns so gemeint hat. Und jeder weiß doch, wie die sind, oder?

Aber bleib nicht stehen dabei "komm und sieh" – und frage und lerne kennen und suche zu verstehen und vielleicht dann auch umzudenken. Wie Nathanael. Er blieb nicht bei dem, was er über den Messias längst zu wissen glaubte. Er lernte den lebendigen Jesus kennen. Und siehe der ist mitten unter uns.


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