BIBELAUSLEGUNG, ANDERE BIBELARBEITEN

Ihr sollt ein Segen sein - Verantwortliches Leben lernen

Wir sind von Gott be-gabte Menschen. Wie gehen wir um mit diesen Gaben – im Blick auf uns selbst, im Blick auf andere, im Blick auf Gottes Vorhaben mit unserer Welt?

"Vernachlässige die Gnadengabe nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde... Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit allen deine Fortschritte offenbar werden." (1. Tim 4,14f.)

Dieser Aufruf des Paulus an Timotheus wurde mir in der letzten Zeit wichtig. Timotheus soll verantwortlich umgehen mit den Gaben, die Gott ihm verliehen hat. Vordergründig bezieht sich dieser Vers auf die Leitungsverantwortung, die Timotheus in Ephesus hatte. Aber er könnte genauso gut für die Gabe unseres Lebens mit all seinem geschenkten Potential und der sich daraus ergebenden Verantwortung stehen. Wir sind von Gott be-gabte Menschen. Wie gehen wir um mit diesen Gaben – im Blick auf uns selbst, im Blick auf andere, im Blick auf Gottes Vorhaben mit unserer Welt? Vernachlässigen wir sie? Tragen wir Sorge dafür, dass wir sie konkret in unserem Leben umsetzen, machen wir Fortschritte darin?

Im zweiten Timotheusbrief verwendet Paulus hierzu passend den Begriff, ein "brauchbares Gefäß im Haushalt Gottes" zu sein (2. Tim 2,21). Eine Freundin von mir prägte einmal einen Ausdruck für jene Art von Geschenken – noch eine Vase, noch eine Schale, usw. – die zwar ganz nett sind, die man eigentlich aber überhaupt nicht braucht, die zunehmend Regale und Ablageflächen besetzen und eben hauptsächlich "rumstehen": der Ausdruck hieß "Stehrüm'ke". Sind wir "Stehrüm'kes" in Gottes Reich? Oder für Gott brauchbare Gefäße? Darum soll es hier gehen.

Gott sucht Leute, die Verantwortung zu übernehmen bereit sind – für ihr eigenes Leben, für andere, für den Aufbau seines Reiches. Verantwortlich zu denken, zu reden und zu handeln ist uns freilich nicht in die Wiege gelegt. Wir müssen es meist lernen und meist mühsam lernen. Einige der bewegendsten Beispiele dafür, wie man Verantwortung lernt (oder eben auch nicht), und wie diese neutestamentliche Aufforderung ins Leben umgesetzt aussehen kann, finde ich im Alten Testament: Es ist die Geschichte der Familie Jakobs und die seiner Söhne, deren "Hauptdarsteller" im Plan Gottes bekanntlich Joseph war, der zweitjüngste der zwölf Söhne Jakobs.

Der Leitvers der Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs handelte wie der Timotheusvers ebenfalls von einer Gnadengabe Gottes und dem Umgang des Menschen damit. Dieser Leitvers war die Verheißung an Abraham:

"Ich will dich segnen... und du sollst ein Segen sein...
Durch dich sollen alle Völker der Erde Segen erlangen." (Gen 12, 2.3)

Darin kommt eine grundlegende Eigenschaft des Segens zur Sprache: Segen beinhaltet Verantwortung. Zum Segensträger wird man nicht für sich allein gemacht. Segen ist kein Exklusivvertrag für eine Vorzugsbehandlung. Er stellt in eine Aufgabe, eine Lebensaufgabe.

Verfolgt man die wechselvolle Geschichte der Patriarchenfamilie, erlebt man mit, wie sie dieser Aufgabe teils gerecht wird, teils hoffnungslos darin versagt. Nein – nicht hoffnungslos. Denn der Ursprung des Segenswillens ist Gott. Und es gelingt ihm mindestens so oft, seinen Segensplan trotz der Menschen umzusetzen wie mit den Menschen.

Die Genesis liefert uns dazu immer nur einzelne Streiflichter und bisweilen mag man sich bei der Auslegung fragen, ob es überhaupt berechtigt ist, weitreichende Schlüsse zu ziehen und Zusammenhänge zu knüpfen zwischen den verstreut berichteten Begebenheiten, wenn man so vieles dazwischen schlichtweg nicht weiß. Andererseits gehe ich davon aus, dass die in diesen Streiflichtern berichteten Details nicht umsonst da stehen, sondern ihre besondere Bedeutung haben und uns helfen sollen, die Entwicklung der Geschichte und der Personen tiefer zu verstehen.

Jakobs Familie... Eine Familie, mit der Gott Geschichte schrieb. Allerdings - wäre ich Familientherapeut, könnte ich generationenübergreifend ein jahrelanges Auskommen an einem solchen "Patientenaufgebot" finden. Es gibt kaum einen irgend vorstellbaren Lug und Trug, kaum eine perfide Gemeinheit oder nackt brutale Grausamkeit, kaum einen Fehltritt oder Irrweg, kaum eine Schwäche oder Nachlässigkeit, die in dieser Familie nicht irgendwann vorkommen. Die Regenbogenpresse könnte mit dieser Sippe sehr viel dauerhaftere Schlagzeilen machen als jemals mit dem britischen Königshaus.

Es ist eine Familie, in der trotz allem Gottes Segen weitergereicht wird. Aber sie zeigt eben auch nur zu deutlich, wie sich ungute und unheilvolle Mechanismen von einer Generation zur anderen fortsetzen – wenn nicht Gott eingreift. Und wenn nicht der Mensch selber bereit ist, auszubrechen aus solchen ererbten Lebensstrategien.

Das Erbe der Väter (und Mütter)

Joseph und seine Brüder kann man nicht verstehen ohne Jakob und Lea und Rahel, ihre Eltern. Und Jakob wiederum nicht ohne Isaak und Rebekka, seine Eltern.

Wer in seiner Junge-Erwachsenen-Zeit ähnliche christliche Belehrungen empfangen hat wie ich, kennt sicher all die vielen guten Ratschläge, wie ein rechter junger Christ seinen Ehepartner finden solle. Und bei allen biblischen Beispielen darf dann die Geschichte der Eheschließung Isaaks und Rebekkas als Beispiel göttlicher Führung und Fügung keinesfalls fehlen: wie Abrahams Knecht zur fern lebenden Verwandtschaft ausgeschickt wurde als Brautwerber, um eine gottgläubige Frau für Isaak zu suchen. Wie er Gottes wundersame Führung erlebte und Rebekka einwilligte, Isaaks Frau zu werden.

Schön beginnt ihre erste Begegnung (Gen 24,67): "... und Isaak führte Rebekka in das Zelt seiner Mutter... und sie wurde seine Frau, und er gewann sie lieb."

Dann aber folgt ein merkwürdiger Nachsatz: Und Isaak tröstete sich nach dem Tod seiner Mutter. Da war Isaak immerhin 40 Jahre alt. Natürlich ist der Tod der Mutter immer ein einschneidendes Erlebnis. Und natürlich ist es schön, dabei den Trost durch einen Partner zu erfahren. Trotzdem erscheint irgendetwas daran unangemessen: ein Partner ist nicht dazu da, für die verstorbene Mutter einzuspringen. Musste Rebekka nun die Mutter ersetzen oder wurde womöglich ständig mit ihr verglichen? Ist die Trauer um die Mutter und inwieweit sie aufgehoben werden kann, nicht irgendwie ein falscher Maßstab für die Liebe zu einer Partnerin, einer Ehefrau?

Je mehr man sich mit der Geschichte der Jakobsfamilie beschäftigt, desto öfter wird man tatsächlich feststellen: Immer, wenn dort von der Liebe zwischen zwei Menschen die Rede ist, tritt irgendwie eine ungesunde Begleiterscheinung mit auf den Plan, schwingt darin irgendein irritierender Unterton mit.

War Isaak ein "Muttersöhnchen"? Zumindest ist anzunehmen, dass Sara ihrem so lange ersehnten und so spät geborenen einzigen Sohn besonders viel Zuwendung schenkte und eine enge Bindung daraus resultierte. Die Vokabel "Männlichkeit" kommt in der Bibel kaum vor. Die einzige Aufforderung "männlich" oder "mannhaft" zu sein, richtet sich interessanterweise an ein gemischtes Publikum (1. Kor 16,13). Es hat dort die Bedeutung von "mutig und stark" sein und im Gesamtzusammenhang geht es letztlich darum, Verantwortungen zu erkennen und wahrzunehmen. Diese Art von Männlichkeit fiel Isaak schwer.

So schildert die Genesis, wie Isaak und Rebekka wegen einer Dürre ins benachbarte Philisterland ausweichen. Da Rebekka sehr schön ist, fürchtet Isaak, dort in der Fremde könne ihn ein Philister umbringen wollen, um seine Frau für sich zu nehmen. Und so gibt er sie – wie übrigens bereits sein Vater Abraham es mit Sara zweimal praktiziert hatte - als seine Schwester aus. Damit setzt er sie aber potenziell der Willkür anderer Männer aus und tatsächlich stellt ihn der Philisterfürst, als er dahinterkommt, scharf zur Rede:

"Was hast du uns da angetan? Beinahe hätte einer meiner Leute mit deiner Frau geschlafen!" (Gen 26,10).

Isaaks Entschuldigung lautet:

"Ich sagte: Ich möchte nicht ihretwegen sterben." (Gen 26,9)

Er möchte nicht ihretwegen sterben – einerseits verständlich. Durch alle Zeiten gilt freilich die Bereitschaft, für die geliebte Person zu sterben, als höchstes Liebesbekenntnis. Darum bedeutet auch die umgekehrte Formulierung letztlich ein Bekenntnis: ein Negativ-Bekenntnis; eines, das (ob gewollt oder ungewollt) Abwertung und Verletzung in sich trägt.

Sich zu einem geliebten Menschen nicht als zu seinem Partner zu bekennen, ist ein Thema, das wir als Homosexuelle allzu leidvoll kennen. Ich bin dagegen, Menschen ein Coming out aufzuzwingen. Es ist immer besser angebracht, wenn die Zeit dafür reif ist und auch der innere Mensch. Aber man sollte dabei dennoch nicht vergessen, dass das Negativbekenntnis zum Partner immer auch ein Verletzungspotenzial beinhaltet, das zumindest unbewusste Spuren hinterlässt.

Ich glaube, Rebekka hat es verletzt. Isaak wurde hier seiner Verantwortung als Ehemann und Beschützer nicht gerecht. Und muss es sich gefallen lassen, dass später Rebekka bei der Lenkung der Familiengeschicke hinter seinem Rücken das Heft in die Hand nimmt und ihn übel austrickst – auch nicht gerade mit glücklichem Ausgang.

Zur Zeit von Jakobs und Esaus Kindheit vermittelt das Ehepaar nicht mehr den Eindruck großer Warmherzigkeit füreinander. Sie haben sich auseinandergelebt. Jeder von beiden hat seinen abgegrenzten Lebensbereich und sucht sich seinen Lieblingssohn, den er klar bevorzugt und den er in den eigenen, unguten Konkurrenzkampf seiner Ehe verwickelt.

Jakob

Jakobs großes Lebensthema und der Motor seines Handelns ist die Liebe. Seine Liebe zu Rebekka, seiner Mutter. Zu Rahel, der einzigen von seinen vier Frauen, die er wirklich liebte. Zu Joseph und dann zu Benjamin, den einzigen Söhnen der Rahel. Leider ist gerade seine Liebe aber meist die Ursache seiner und anderer Leuts Probleme, die er damit heraufbeschwört. Weil er es nie lernt, verantwortungsvoll zu lieben. Und weil er es nicht lernt, Verantwortung wahrzunehmen, wo nicht seine Liebesgefühle gefragt sind, sondern liebevolles Handeln.

Jakobs erste Begegnung mit der Liebe war die Liebe, wie sie in seinem Elternhaus gelebt wurde. Er lernte, dass Liebe Parteinahme bedeutete und den Ausschluss anderer. Er lernte, dass Liebe auch bestimmte Pläne mit geliebten Personen verfolgt oder sie für eigene Zwecke einspannt und diese rücksichtslos verfolgt. Und so lernte er keine echte Liebe.

Jakobs Leben zeigt eine deutliche Entwicklung und Reifung, vor allem in seinem Verhältnis zu Gott. Aus Jakob, dem listigen Betrüger wird schließlich Israel, der Gotteskämpfer (Gen 32,29). Aber in der Liebe kommt er nie über das hinaus, was er aus seinem Elternhaus mitgebracht hat. Dabei kann man mitverfolgen, wie Gott ihn immer wieder auf's neue in Wiederholungsrunden in Sachen Liebe schickt, damit Jakob endlich aus seinem Muster ausbricht – aber im Grunde bleibt er ihm bis zum Schluss verhaftet und wir erleben mit, wie seine Söhne irgendwann resigniert in diesem Schema mitspielen.

Was an Jakob imponiert, ist sein unbändiges Streben nach dem Segen Gottes, auch wenn er in seinen Mitteln nicht gerade zimperlich ist. Er kämpft mit dem Engel Gottes und lässt ihn nicht los, ehe er nicht gesegnet wird (Gen 32,27). Auch der Erstgeburtssegen, den er sich erschleicht, indem er seinen Bruder Esau und Isaak, seinen Vater, nach Strich und Faden betrügt (Gen 27), stellt ja in seiner Familie viel mehr dar als nur eine archaische Tradition.

Es ist Gottessegen, der da weitervermittelt wird, dieser Segen Gottes an Abraham: Ich will dich segnen - du sollst ein Segen sein - durch dich sollen alle Nationen Segen erlangen.

Abraham selbst hatte ein sehr hohes Gefühl dafür, dass Segen die Verantwortung beinhaltete, selbst Segen für andere zu sein. Immer wieder sehen wir ihn als jemand, der für andere mitdenkt und eintritt – sei es mit militärischem Einsatz, in freundlicher Zuwendung oder im fürsprechenden Gebet. Jakob scheint diesen Aspekt nie in diesem Maß begriffen zu haben. Aber er hat ein Gespür dafür, dass dieser Segen für ihn wichtig ist. Und Gott lässt ihn seinen Segen auch tatsächlich erleben.

Nach dem Betrug an Bruder und Vater musste Jakob zunächst zur Verwandtschaft Rebekkas in die Ferne fliehen. Und sollte dort in seinem Onkel Laban seinen Meister in Sachen Betrug finden! Der nämlich nutzte Jakobs Gefühle, die er für die schöne Rahel, Labans jüngere Tochter, entwickelte, schamlos aus.

Jakob handelte mit ihm als Brautpreis sieben Jahre Dienst als Schafhirte aus, die er bereitwillig ableistete. Und dann endlich sollte die Hochzeit stattfinden. Vermutlich wurde Jakob eine tief verschleierte Braut zugeführt und wahrscheinlich hat man den ganzen Abend dafür gesorgt, dass sein Becher nie leer wurde, so dass ein ziemlich angeheiterter Jakob dann die Hochzeitsnacht vollzog. Bekanntermaßen schob Laban ihm aber Rahels ältere Schwester Lea unter, die offenbar nicht besonders attraktiv war (Gen 29,17). Für das Versprechen weiterer sieben Jahre Dienst darf Jakob kurz darauf doch noch seine Rahel dazu heiraten. Aber eine leidvolle Familiengeschichte nimmt nun ihren Lauf.

Mit einem Partner verheiratet zu sein, den man nicht liebt und der einem aufgezwungen wurde, ist bitter, auch wenn dies in der damaligen Kultur sicher anders gewertet wurde als nach heutigen, viel romantischeren Vorstellungen. Nun trug Lea an dieser Sache sicher die geringste Schuld, sie hatte vermutlich kein großes Mitspracherecht, war eine "verkaufte Braut". Dennoch musste vor allem sie es ausbaden. Liebe zu empfinden, kann man nicht erzwingen, aber Jakob hatte nun Verantwortung für Lea und wäre ihr wenigstens liebevolles Verhalten und Respekt schuldig gewesen – aber offensichtlich blieb er beides schuldig.

Lea freilich sehnte sich sehr nach seiner Liebe, Rahel dagegen hatte sie. Dies führte zu einem abstrusen Wettrüsten zwischen den beiden konkurrierenden Schwestern. Die Waffe, mit dem es ausgetragen wurde, war das Kinderkriegen, in das nach damaligem Recht auch noch die Dienerinnen der beiden Schwestern als "Leihmütter" einbezogen wurden. Seltsamerweise glaubten auch beide Konkurrentinnen, dass Gott auf ihrer Seite gegen die andere stand und dass sie Kämpfe Gottes (vgl. Gen 30,8) ausfochten. Und noch seltsamer: Gott zog sich aus diesem absurden Theater nicht zurück, sondern blieb trotz allem gegenwärtig.

Lea gebar Jakob viele Söhne, Rahel blieb zunächst kinderlos. Die Genesis sieht darin Gottes 

"Als der HERR sah, dass Lea zurückgesetzt war, da öffnete er ihren Mutterleib; Rahel aber war unfruchtbar." (Gen 29,31)

Das Wort für zurückgesetzt kann auch gehasst bedeuten. Und Gott missbilligte das. Gott erwartete von Jakob keine romantischen Gefühle für Lea. Aber wie Jakob Lea behandelte, dafür nahm er ihn in die Verantwortung. Jakob scheint dies jedoch beharrlich und geflissentlich überhört zu haben. Offenbar kam ihm nie der Gedanke, sich einmal in Leas Situation zu versetzen.

Es ist irgendwie herzerreißend, wie Lea sich mit jedem Sohn aufs Neue Illusionen macht, nun endlich Jakobs Liebe zu erringen:

"Jetzt wird mein Mann mich lieben, sagt sie bei Rubens Geburt - Diesmal endlich wird sich mein Mann an mich anschließen (Levi). - Diesmal wird mein Mann mich [zur vollgültigen Ehefrau] erheben (Sebulon)." (Gen 29,32.34; 30,20)

Sie ging soweit, dass sie versuchte, sich die Zuwendung Jakobs zu erkaufen (Gen 30,16). Aber ihre Hoffnungen erfüllten sich nie. Jakob ließ sie immer spüren, dass sie ungeliebt war. Bis zum Schluss bezeichnet er eigentlich nur Rahel als seine Frau (vgl. Gen 44,27).

Nebenbei bemerkt - natürlich lässt dies wiederum an eine Situation denken, die nicht wenigen Homosexuellen bekannt ist: in einer Ehe festzusitzen mit jemand, den man nicht lieben kann. Ich habe alles Verständnis für jemand, der aus einer heterosexuellen Ehe, in die er sich hat hineindrängen lassen, ausbrechen möchte. Ich habe andererseits großen (aber auch skeptischen) Respekt vor allen Homosexuellen, die an ihrer Ehe festhalten möchten – und zwar nicht nur als Fassade für eine Reihe homosexueller Affären, sondern als liebevoll gelebte Gemeinschaft. Letztlich kann für die Frage, wie in einem jeweiligen Fall zu entscheiden ist, meines Erachtens auch gar kein allgemeingültiges Dogma aufgestellt werden. Und wahrscheinlich wird man in dieser Situation ohnehin irgendwie schuldig, was immer man auch tut.

Aber wie immer sich jemand in diesem Fall entscheidet: er kann dies auf verantwortungsvolle oder verantwortungslose Weise tun. Denn eines macht die Geschichte von Jakob und Lea deutlich: es gibt Unrecht in Gottes Augen, das man an einem Partner begehen kann, so falsch auch alle Umstände gewesen sein mögen, die zu dieser Verbindung geführt haben. Ich kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, ob ich für jemand Liebe empfinde oder nicht. Aber ich bin verantwortlich dafür, wenn ich mich ihm gegenüber lieblos, respektlos und gleichgültig verhalte. Ich darf nicht einen anderen Menschen dafür büßen lassen, dass ich ihn nicht lieben kann. Äußere Zwänge, die mich in eine Beziehung gedrängt haben, oder meine fehlende Schuld daran, einen gegengeschlechtlichen Partner nicht lieben zu können – all das ist kein Freibrief dafür, lieblos und verantwortungslos zu handeln an diesem Partner, sei es im Festhalten oder in der Trennung.

Zurück zur Genesis. Schließlich bekommt auch Rahel Söhne: Joseph und später Benjamin. Doch bei Benjamins Geburt stirbt sie. Vielleicht kennt ihr auch die Auslegung, dass Gott dem Jakob seine Rahel "wegnehmen musste", da er sich zu sehr an sie klammerte. Ich möchte es dahingestellt sein lassen, ob das wirklich so ist. Gewinnen und verlieren gehört zu unserem menschlichen Leben in dieser Welt des Todes dazu, auch wenn es um geliebte Menschen geht. Es gibt kein verbrieftes Recht darauf zu behalten. Aber Gott freut sich nicht daran, uns etwas wegzunehmen ("nicht freudigen Herzens ... betrübt er die Menschen" - Klgl 3,33). Gott sucht aber nach Menschen, die in und an ihren Verlusten Gott näher kommen, die über ihren Verlusten wachsen und reifen. Es wäre gut gewesen, wenn Jakob über diesem Schicksalsschlag seine Art, Liebe in seiner Familie zu verteilen, überdacht hätte.

Aber Jakob schafft genau dies nicht. Er überträgt seine Exklusivliebe nahtlos von Rahel auf ihren älteren Sohn, auf Joseph. Er zieht ihn allen Söhnen seiner anderen Frauen in einer Weise vor, die für seine Brüder kaum erträglich ist, wofür der fürstliche Rock, mit dem er ihn vor allen wie einen Prinzen ausstaffiert, sicher nur ein Beispiel darstellt (Gen 37,3f). Dass Jakob für Joseph in Erinnerung an seine große Liebe etwas besonderes empfindet, wird jeder verstehen. Aber wieder kann Jakob nicht lieben, ohne allen anderen deutlich zu machen, wie "zurückgesetzt" sie sind. Er lässt es quasi die Söhne aller seiner anderen Frauen entgelten, dass diese Frauen noch leben und Rahel nicht. Das ist eine Abreaktion von Trauer am völlig falschen Platz. Es spricht nicht für seine Verantwortung als Vater.

Und wieder entsteht daraus Hass, Eifersucht und großes Leid. Die aufgereizten Brüder entledigen sich ihres verhassten Bruders, indem sie ihn heimlich in die Sklaverei nach Ägypten verkaufen. Fast hätten sie ihn sogar umgebracht. Paradoxerweise führt Jakobs Bevorzugung Josephs also dazu, dass er auch ihn verliert. Wacht Jakob nun allmählich auf? Nein, leider nicht. Wieder überträgt er einfach nur alle Konzentration auf den jüngeren Sohn Rahels, auf Benjamin.

Der tot geglaubte Josef wiederum macht bekanntlich in den folgenden Jahrzehnten in Ägypten Karriere und rettet durch seine Bevorratung von Getreide viele Menschen, nachdem er durch Gottes Geist prophetisch eine allgemeine Hungersnot voraussieht.

Irgendwann, als diese Dürreperiode tatsächlich eingetroffen ist, schickt Jakob seine Söhne allesamt in die Fremde nach Ägypten, um dort Getreide zu kaufen. Benjamin jedoch nimmt er aus, den er nicht auch verlieren möchte. Als sie vor den zuständigen Minister des Pharao treten, ist dies niemand anderes als Joseph, den sie aber nicht erkennen – er sie dagegen schon. Er beginnt als mächtiger ägyptischer Beamter ein undurchsichtiges und einschüchterndes Spiel mit ihnen, in dem er sie die Ängste, die er selbst von Hand der Brüder erleben musste, nun ihrerseits erfahren lässt. Er bezichtigt sie der Spionage, steckt sie für einige Tage ins Gefängnis, behält schließlich Simeon als Geisel und verlangt von ihnen, mit Benjamin wieder vor ihm zu erscheinen.

Jakobs Söhne wissen nur zu gut, dass der Vater dem kaum zustimmen würde und tatsächlich können sie ihn nur mit großer Mühe und nach langer Zeit dazu überreden. Welchen Unterschied Jakob zwischen Benjamin und Simeon (einem Sohn Leas) macht, zeigt seine bezeichnende Aussage hierzu:

Gott ... gebe euch Barmherzigkeit vor dem Mann, dass er euch euren andern Bruder und Benjamin wieder mit zurückschicke. (Gen 43,14)

Dabei wird an dieser Stelle deutlich, wie sehr die Brüder inzwischen die verquere Wertung, die sie durch ihren Vater erfahren, irgendwie akzeptiert und verinnerlicht haben. Juda ist bereit, mit seinem Leben, Ruben mit dem seiner eigenen Söhne für Benjamin zu bürgen. Juda sagt später:

"Wenn ich zu meinem Vater käme und der Junge wäre nicht bei uns - und seine Seele ist angebunden an dessen Seele - dann würde es geschehen, dass er stirbt, wenn er sähe, dass der Junge nicht da ist." (Gen 44, 26f.)

Als Ehemann und Vater ist Jakob ein Versager. Gerade weil er seiner verbohrten Liebe folgt, handelt er lieblos. Dennoch lässt Gott ihn nicht los. Und auch Jakob ist trotz allem ein Mensch Gottes, Träger des Gottessegens, so unvollkommen er ihn auch verwaltet. Vielleicht steckt am Ende in einem Satz zu der Frage um Benjamin nicht nur Resignation, sondern sogar ein Anflug eines neuen Denkens: nicht seine Gefühle, mit denen er sich an Rahel und ihre Söhne klammert, sondern das Vertrauen zu Gott zur Richtschur seines Handelns zu machen.

"Wenn es denn so ist, dann tut folgendes: Nehmt euren Bruder und macht euch auf, und Gott, der Allmächtige, gebe euch Barmherzigkeit vor dem Mann ... Und ich, wie ich die Kinder verlieren soll, muß ich die Kinder [wohl] verlieren." (a. Gen 43, 11-14)

Denn in diesem Loslassen Benjamins steckt die Voraussetzung, dass Jakob auch Joseph zurückgewinnen kann. Als die Brüder mit Benjamin vor Joseph erschienen sind, gibt er sich zu erkennen und die Familie findet wieder zusammen.

Ruben

Von manchen Söhnen Jakobs, wie z.B. Gad, Ascher, Issaschar, lesen wir nichts Näheres. Drei Söhne möchte ich herausgreifen, von denen wir etwas mehr erfahren: Ruben, Juda und natürlich Joseph.

Ruben ist in dieser Familiengeschichte Jakobs die tragische Gestalt. Er steht dafür, dass Verantwortung für andere nur tragen kann, wer bereit ist, sie für sich selbst zu übernehmen.

Zunächst einmal: Ruben ist der erstgeborene Sohn (zu Jakobs Leidwesen hatte ihm nicht Rahel das erste Kind geboren, sondern Lea). Ruben als der Älteste hat am stärksten die Zurücksetzung seiner Mutter miterlebt. Bestimmt hat er darunter gelitten. Es scheint, dass er auch versuchte, ihr zu helfen: es wird z.B. berichtet, dass er als Jugendlicher seiner Mutter Alraunfrüchte gesucht hatte, denen man zuschrieb, Liebeskräfte wecken zu können. Und sicher hat er es auch schmerzhaft empfunden, als Sohn für den Vater nur zweite Wahl zu bedeuten, gerade, weil er der Erstgeborene war, dem normalerweise die besondere Zuwendung des Vaters zukam.

Der erstgeborene Sohn hat in einer patriarchalisch orientierten Gesellschaftsstruktur eine ganz besondere Stellung. Er bekommt nicht nur den doppelten Erbanteil, sondern gilt auch ideell als der vornehmliche Erbe der Familie. Er ist bei Abwesenheit des Vaters die Autoritätsperson, die den Vater vertritt, er ist das Oberhaupt seiner Brüder und Schwestern. Wir erleben Ruben mehrmals als jemand, der durchaus versucht, diese Position auszufüllen. Als seine Brüder den Entschluss fassen, Joseph umzubringen, versucht er ihn zu retten. Als es darum geht, erneut nach Ägypten zu ziehen und Benjamin mitzunehmen, ergreift er als erster bei Jakob die Initiative. Dennoch wirken diese Versuche jedes Mal irgendwie ungeschickt und inadäquat und ihnen ist auch kein wirkliches Gelingen beschieden. Letztlich ist es immer wieder Juda, der Viertgeborene, der ihn aussticht, und auf den alle anderen eher hören als auf ihn.

Denn - Ruben hat sein Erstgeburtsvorrecht verwirkt. Zwischen ihm und Jakob steht noch etwas anderes als die ungeliebte Mutter. Als junger Bursche hatte Ruben eine Affäre mit Rahels Dienerin Bilha angefangen, die Jakobs Nebenfrau war und Mutter der Halbbrüder Rubens: Dan und Naphtali. In einer archaischen Kultur wie dieser gibt es wohl kaum ein schlimmeres Vergehen, als "das Bett seines Vaters zu entweihen". Noch zur Zeit des neuen Testaments galt dies als besonders himmelschreiende Sünde, als "Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt" (1. Kor 5,1). Ruben beschädigte damit die Ehre des Vaters aufs Schwerste und machte sich ein Stückweit allgemein zur Unperson.

Warum hatte Ruben das getan? War es einfach ein Moment unkontrollierter Leidenschaft? Oder die Faszination eines Heranwachsenden an einer erfahreneren Frau? War es ein verzweifelter, ins Negative verwandelter Schrei nach Aufmerksamkeit? Oder war es sogar eine Art, Rache zu nehmen für die Herabsetzung seiner Mutter, indem er mit Rahels "Leihmutter" schlief? War es die unausgesprochene Botschaft an Jakob: "Du hast als Ehemann und Vater versagt, ich erkenne dir diese Stellung ab"? Ein weites Feld für psychoanalytische Vermutungen tut sich hier auf!

Wenn es denn eine Rebellentat hatte sein sollen, so wirkte sie sich doch ganz anders aus. Vielmehr trat Ruben im Folgenden geradezu in Leas Fußstapfen darin, sich nach Jakobs Gunst und Zuwendung zu verzehren. Man gewinnt im Verlauf den Eindruck, er hätte alles dafür geben, Jakobs Anerkennung zurück- (oder überhaupt) zu gewinnen.

Worum ging es ihm bei seinem Versuch, Joseph vor den Mordabsichten seiner Brüder zu retten?

"Er wollte ihn nämlich aus ihrer Hand retten und zu seinem Vater zurückbringen", heißt es (Gen 37,22).

Ging es ihm um Joseph – oder vielleicht auch bzw. vor allem darum, bei seinem Vater wieder "Punkte gutzumachen"? Nahm Ruben seine Verantwortung als Führer seiner Brüder wahr? Aber warum ist er dann zwischenzeitlich abwesend und erledigt etwas, das er in dieser heiklen Situation dann auf jeden Fall besser hätte jemand anderem übertragen sollen? Denn als er wiederkommt, haben inzwischen die Brüder zu seiner Verzweiflung Judas Vorschlag ausgeführt und den Bruder als Sklaven verkauft.

Es geht meistens schief, wenn die Fürsorge für andere im Untergrund Motive hat, die eigentlich in eigenen Konflikten wurzeln. Wenn das Wohlergehen des anderen eigentlich ein Mittel ist, mit dem man versucht, eigene Abgründe zu überbrücken. Es geht außerdem nicht gut, in bestimmten Schlüsselsituationen Verantwortung schleifen zu lassen: Wenn ich um die negativen Absichten derer, für die ich zuständig bin, weiß, dann darf ich ihnen eine Sache oder eine Person nicht untätig und passiv überlassen, sonst bin ich an dem negativen Ausgang mitschuldig.

Wenn man in der Episode um Josephs Verkauf noch zweifeln könnte, wo die Motive für Rubens Handeln tatsächlich liegen, so wird es bei anderer Gelegenheit deutlicher: Jakob verweigert den Brüdern, bei der erneuten Reise nach Ägypten seinen geliebten Benjamin mitzunehmen. Ruben macht sich zum Sprecher der Brüder. Es geht darum, Simeon wieder auszulösen (er ist Rubens nächstjüngerer Bruder) und die Sache bei dem seltsamen ägyptischen Minister wieder zurechtzubringen und es ist die Verantwortung des Erstgeborenen, mit dem Vater darüber zu verhandeln. Benjamin muss mit, sonst können sie in Ägypten nicht mehr erscheinen. Ruben versteigt sich daraufhin zu einem seltsamen Bürgschaftsangebot:

"Da sagte Ruben zu seinem Vater: Meine beiden Söhne magst du umbringen, wenn ich ihn dir nicht zurückbringe. Vertrau ihn meiner Hand an; ich bringe ihn dir wieder zurück." (Gen 42,37)

Jakobs ungleiche Bewertung seiner Kinder hin oder her und selbst, wenn dieser Vorschlag natürlich eher symbolische Bedeutung haben soll – er ist absolut absurd! Man kann nun auch in archaischer Vorzeit einem bekümmerten Vater nicht anbieten, als Ausgleich für den Verlust seines Lieblingssohnes zwei seiner Enkel umbringen zu dürfen. Auch die eigenen Kinder dienen hier als Mittel, als Figuren in einem Spiel, in dem es eigentlich um etwas Tieferes geht. Rubens Angebot ist deshalb so monströs, weil es nicht aus den Notwendigkeiten der vordergründigen Sachlage geboren ist, sondern aus dem tiefen persönlichen Schmerz, den er in sich trägt, aus dem alles übersteigenden Wunsch, seinen Vater für sich zu gewinnen, sein Fehlverhalten ungeschehen zu machen. Ruben würde dafür alles geben, eben sogar seine eigenen Kinder. Aber was Ruben hier tut, hat nichts mit Verantwortung zu tun, sondern mit einem Szenario in seinem eigenen Lebensdrama. "Vertrau ihn meiner Hand an" ? – Einer solchen Hand vertrauen Jakob und eigentlich auch die anderen eben nicht. Und so läuft Ruben wieder ins Leere und es wird später Judas Bürgschaft sein, die Jakob akzeptiert.

Bis an Jakobs Lebensende gibt es mit Ruben keine wirkliche Versöhnung. Als Jakob auf dem Sterbebett seinen Söhnen einzeln einen prophetischen Segen zuspricht, erntet Ruben nur Bitterkeit und Vorwürfe (Gen 49, 3f.). Scheitert also Ruben für sein ganzes Leben an einer einzigen unbedachten Tat seiner Jugend?! Nun, zumindest eins sollte uns diese Geschichte ins Bewusstsein rufen: Vielleicht sind wir als Christen manchmal zu schnell und leichtfertig darin, auf die Vergebung zu bauen, darauf, dass Gott schon unsere Fehler ausbügelt. Natürlich vergibt uns Gott unsere Sünden, wenn wir sie ihm bekennen. Aber wir sollten uns dennoch klar machen, dass es Vertrauensbrüche und Verletzungen gibt, die wir an anderen Menschen begehen, oder dass wir vollendete Tatsachen schaffen können, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen und deren Auswirkungen nicht mehr auslöschbar sind. Es täte bei vielen unserer Handlungen gut, wenn wir uns die Konsequenzen vorher reichlich überlegen – und vor allem demütig darüber beten würden.

Dennoch glaube ich nicht, dass Ruben an dem scheitert, was er verbrochen hat, sondern an etwas anderem. Die Erwähnung seiner Tat in der Genesis fällt seltsam kurz aus: "...ging Ruben hin und lag bei Bilha, der Nebenfrau seines Vaters. Und Israel hörte davon" (Gen 35,22). Jakob hörte davon. Sonst passiert anscheinend nichts. Darüber gesprochen wurde also in der dritten Person – aber offensichtlich gab es zwischen Ich und Du, zwischen Jakob und Ruben selbst, kein Gespräch darüber.

Es wäre Rubens Sache gewesen, vor seinen Vater zu treten und zu sagen: "Es tut mir leid. Verzeih mir!" Es ist wahr: reine Lippenbekenntnisse ohne Änderung des Verhaltens sind von fragwürdigem Wert. Aber umgekehrt reicht es häufig eben auch nicht, eine falsche Handlung an jemand anderem einfach "wieder gut machen" zu wollen, indem man sich besser verhält als früher. Der andere braucht meist das ausgesprochene Eingeständnis, dass man falsch an ihm gehandelt hat, zumindest in einer so schwerwiegenden Angelegenheit.

In Jakobs Verantwortung als Familienoberhaupt wiederum hätte es gelegen, Ruben offen zur Rede zu stellen. Aber er tut es nicht – bzw. erst auf seinem Sterbebett. Er hört davon – und verschließt dann seinen Groll in sich bis an sein Lebensende. Es herrscht eine seltsame Sprachlosigkeit zwischen den beiden. Aber so finden sie auch nie zueinander und Ruben verfehlt die Berufung, die er von Rechts wegen hätte: Erstgeborener und damit künftiges Familienoberhaupt zu sein. In seinem abschließenden Vermächtnis erkennt ihm Jakob diese Position ganz offiziell ab und verleiht sie aufgeteilt an Juda und an Joseph an seiner Stelle (Gen 48,5.22; 49,4.8.10.26).

Immer wieder erleben wir Ruben bei seinen Versuchen, Verantwortung wahrzunehmen. Aber er scheitert daran, weil er nicht zunächst einmal für sich selbst und sein Handeln Verantwortung übernimmt und sagt: "Ja, das habe ich getan und es war falsch". Ganz ähnlich reagiert er übrigens auch in der Angelegenheit mit Joseph. Der Druck, unter den die Brüder unter der harten Behandlung durch den ägyptischen Beamten geraten, führt schnell bei ihnen dazu, dass sich ihr Gewissen regt. Da sie Joseph nicht erkennen und davon ausgehen, dass er ihre Sprache nicht versteht, führen sie ihre Unterhaltung sogar vor seinen Ohren (Gen 42,21-23):

"Da sagten sie einer zum anderen: Fürwahr, wir sind schuldbeladen wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er uns um Gnade anflehte, wir aber nicht hörten. Darum ist diese Not über uns gekommen."

Der einzige, der sich bei diesem Schuldgeständnis ausnimmt, ist Ruben. Er pocht auf seinen halbherzigen Rettungsversuch (bei dem er aber Joseph fahrlässigerweise im entscheidenden Moment mit seinen Brüdern allein gelassen hatte und somit mitschuldig geworden war):

"Habe ich euch nicht gesagt: Versündigt euch nicht an dem Kind! Ihr aber habt nicht gehört. Nun wird für sein Blut von uns Rechenschaft gefordert."

Niemals wäre es so leicht gewesen, zu einem Versagen zu stehen, wie in dem Moment, wo die neun anderen dies bereits getan haben. Aber Ruben bleibt bei seinen Entschuldigungsmechanismen, in denen andere die Verantwortung tragen für Fehler, die doch genauso seine eigenen sind. Und somit ist er auch nicht dazu geeignet, Verantwortung für andere übernehmen.

Ruben – die tragische Gestalt, die ihre Berufung verfehlt. Wie alle seine Brüder wurde er in eine Familienkonstellation geboren, die ihn mit einer Hypothek belastete. Im Gegensatz zu anderen Brüdern findet er zu keinem eigenen und neuen Lebenskonzept. Es lässt sich in den alttestamentlichen Geschichtsbüchern verfolgen, dass auch er, wie die meisten seiner Brüder, ein Stück die Weichen für das Schicksal des Stammes stellte, der aus ihm entstehen sollte. Im Segen, den Jahrhunderte später Mose ebenfalls über die Stämme und somit auch über Ruben ausspricht, wird zweierlei deutlich. Während Jakob dabei nichts als Kritik herausbrachte, beinhaltet Moses Segen auch einen Zuspruch:

"Ruben soll leben, er sterbe nicht aus - doch habe er wenig Männer." (Deut 33,6).

Gott steht auch zu den Versagern, sie sollen nicht ausgetilgt werden. Aber Ruben und sein Stamm versackten ein wenig in der Bedeutungslosigkeit. Denn mit nachhaltigen Aufgaben betraut Gott nur die, die sich von ihm verändern lassen. Ruben ist die Verdeutlichung des Jesuswortes:

"Denn viele sind Berufene, aber nur wenige sind Auserwählte." (Mt 22,14)

"Auserwählte" meint hier nicht "Vorausbestimmte", sondern vielleicht sollte man das griechische Wort eklektoi (Erwählte, Ausgelesene) hier umschreibend übersetzen: "viele sind Berufene, aber nur wenige bleiben nach einer Auslese noch als tauglich übrig".

Juda

Juda war ein Mensch mit einer Gabe, Menschen zu führen. Offenbar besaß er eine natürliche Autorität, er konnte Menschen für sich gewinnen und man hörte auf das, was er sagte.

Juda war auch ein Mensch, den Gott zur Führung berufen hatte. Wie Ruben bestimmte auch er das Schicksal seines Stammes. Juda sollte in der Geschichte Israels immer eine herausragende Rolle spielen: David kam aus Juda und damit das Königshaus, Jesus ist der "Löwe aus Juda" (Offb 5,5), Judas Name wurde namensgebend für das ganze Volk der Juden und die meisten Juden, die jetzt noch leben, sind seine Nachfahren.

Aber an Juda zeigt sich, dass eine Berufung zur Führung nicht einfach vom Himmel auf einen fällt. Bevor Judas Führungsgabe auch seiner Führungsberufung dienen konnte, musste er einiges bei Gott lernen.

Juda steht erstens dafür, dass zur echten Führung nicht nur gehört, den Ton anzugeben, sondern Verantwortung und Fürsorge für andere zu übernehmen. Führungsmenschen übersehen leicht das Ergehen des einzelnen Menschen, solange "die Sache", die sie anführen, gut funktioniert. Aber das ist nicht Führungsverantwortung im Sinne Gottes.

Juda steht zweitens dafür, herauszufinden, wo man seine Berufung einsetzen soll. Menschen mit Führungsgabe finden sich in der Regel überall zurecht, sind überall beliebt und begehrt. Ehe sie sich versehen, investieren sie ihre Stärken in Aufgaben im Beruf, in Organisationen und Vereinen oder auch an ganz klar falschen Stellen, bevor sie sich vielleicht einmal fragen konnten, wo Gott sie in seinem Plan hinstellen wollte. So muss sich gerade ein Mensch mit Führungsgabe besonders kritisch fragen, wo er seine Prioritäten setzen soll.

Aber zunächst einmal: eigentlich war Juda der vierte Sohn. Wenn Ruben ausschied, warum kam nicht, wie gebräuchlich, Simeon als Nächstältester dran? Und schließlich wäre dann auch noch Levi, der dritte Bruder, da. Beide waren schließlich Menschen mit Initiative. Es würde zu weit führen, die ganze Episode des Massenmordes an den Bewohnern der Stadt Sichem zu schildern, für die Simeon und Levi verantwortlich zeichneten. Dies war ein klassischer orientalischer "Ehrenmord", der dazu diente, die durch einen Sichemiten beschmutzte Familienehre wiederherzustellen, eine (auch nach Jakobs Einschätzung) völlig überzogene, brutale Reaktion. Jakob bezeichnete sie später als gewalttätig, jähzornig und mutwillig (Gen 49,5f), keine wahren Führungsqualitäten.

Nebenbei bemerkt - dass Joseph als mächtiger ägyptischer Beamter später ausgerechnet Simeon als Geisel behält (Gen 40,24), könnte darauf schließen lassen, dass sich Simeon von allen Brüdern am rohesten ihm gegenüber verhalten hatte.

Das einzige Gute an Simeons und Levis Bluttat war, dass die einsetzende, allzu enge Verbrüderung und Verschwägerung mit den Kanaanitern Sichems damit verhindert wurde. In Gottes Plan mit der Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs lag es gerade, dass sie keine zu nahe Verbindung mit den Kanaanitern, ihrer Vielgötterei und ihren Gebräuchen eingehen sollten. Schließlich waren sie die Stammväter des besonderen Volkes, zu dem Gott sagen wollte:

"Ihr werdet unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Ihr sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören." (Ex 19,5f)

Jakob und seine Söhne sollten ein Segen sein und diesen Segen bis in alle Völker tragen, aber dazu durften sie gerade nicht bis zur Unkenntlichkeit in ihnen aufgehen.

Simeon und Levi hatten ein sehr hohes Bewusstsein dafür, dass Jakobs Familie eine besondere Rolle zukam. Aber dieses Wissen machte sie hochmütig, hart und grausam. Als Führungspersönlichkeiten schieden sie in Gottes Augen aus. Juda war da viel konzilianter und kompromissbereiter, um Haaresbreite zu kompromissfreudig, wie wir später feststellen werden.

Zunächst aber erleben wir alle Brüder ziemlich herzlos, Juda inbegriffen: Sie werfen ihren weinenden Bruder Joseph in eine Grube, setzen sich daneben und halten gemütlich Mahlzeit (Gen 37,25ff.). Die Brüder verkaufen ihn als Sklaven und machen Jakob später weis, er sei von einem wilden Tier zerrissen worden. Es ist Judas Vorschlag, der Joseph zumindest das Leben rettet. Alle Brüder hören auf Juda. Er gibt den Ton an. Aber er handelt nicht wirklich verantwortungsvoll. Seine Idee verbindet lediglich das Praktische mit dem Gewinnbringenden: sie laden keine Blutschuld auf sich, sind ihren verhassten Bruder los und bekommen dafür noch eine hübsche Summe Geld. Ein strategisch guter Plan, aber menschlich kaum weniger herzlos, als Joseph umzubringen.

Die Genesis greift im Anschluss an diese Stelle zu einem literarischen Kniff. Jeder Leser möchte natürlich unbedingt wissen, wie es nun mit Josef weitergeht. Statt dessen hält sie den Spannungsbogen und es folgt zunächst ein Kapitel, in dem es sich um Juda dreht. Dieses Kapitel 38 erfordert also wohl besonderes Augenmerk. Es beginnt mit:

"Um jene Zeit verließ Juda seine Brüder." (Gen 38,1)

Dafür mochte es mehrere Gründe geben. Vielleicht war es Abenteuerlust. Vielleicht Schuldgefühl. Vermutlich war Juda der quälenden Familienkonstellation selbst einfach überdrüssig. Ihre Untat hatte ihre Situation eher verschlimmert: Jakob fixierte sich auf den tot geglaubten Joseph noch mehr als auf den lebenden (Gen 37,35) und die Brüder empfanden ihre "Zweitklassigkeit" wahrscheinlich um so mehr.

An sich war es gut für Juda, dass er zunächst einmal Distanz aufbaute. Allerdings suchte er sich seinen neuen Lebenskreis nicht an der idealen Stelle, nämlich bei den Kanaanitern. Juda fasste dort schnell Fuß. Vor allem mit einem Mann namens Hira schloss er dicke Freundschaft, er nahm auch eine kanaanitische Ehefrau und verheiratete seinen Sohn mit einer Kanaaniterin. Der Kommentar der Genesis dazu erfolgt etwas indirekt mit der wiederholten Bemerkung, dass seine Söhne "dem Herrn missfielen" (Gen 38, 4.7). Wie erwähnt, hatten Abraham und Isaak in der Verheiratung ihrer Kinder extra Wert darauf gelegt, dass keine Verschwägerung mit den Kanaanitern erfolgen sollte.

Es war ein Umweg, den Juda da beschritt. Aber Gott sollte dem Juda gerade auf diesem Umweg eine Lektion erteilen, mitten in einer kuriosen, um nicht zu sagen, ziemlich anrüchigen Geschichte. Judas ältester Sohn starb und hinterließ seine kanaanitische Witwe Tamar kinderlos. Nach damaligem Recht hatte der Nächstverwandte, in diesem Fall der Bruder, mit der Witwe die sogenannte Schwagerehe einzugehen. Zumindest der erste Sohn aus dieser Verbindung galt dann als Sohn und Erbe des Verstorbenen. Zu dieser Art "Samenspende" hatte der Bruder namens Onan aber keine Lust. Er schlief zwar mit Tamar, praktizierte aber den ersten biblisch bezeugten Coitus interruptus (nicht etwa die Selbstbefriedigung, die fälschlich nach ihm benannt wurde). Das missbilligte Gott (nicht den Coitus interruptus an sich, sondern die Verweigerung, seinem Bruder einen Nachkommen zu zeugen) und Onan starb ebenfalls.

Juda schickte nun Tamar ins Haus ihres Vaters zurück und vertröstete sie darauf, auf den dritten, noch zu jungen Bruder zu warten, hatte aber nicht wirklich die Absicht, das einzuhalten, da ihn eine abergläubische Furcht packte, dass auch der dritte Sohn mit dieser Frau nur sterben konnte. Tamar musste also irgendwann feststellen, dass ihr Schwager zwar heiratsfähig, das Versprechen aber nicht wahrgemacht wurde. Damit blieb sie quasi "weggesperrt", da sie solange auch keinen anderen Mann finden konnte. Also griff sie zu einer List. Dabei ist die Art, wie sie die Sache angeht, ganz von ihrer Kultur geprägt.

Sie verkleidete sich als "Geweihte", als Kultprostituierte, was den Vorteil hatte, dass diese verschleiert blieben, so dass sie nicht erkannt werden konnte, und setzte sich an den Weg, den Juda vorbeikommen musste. Ihre Rechnung ging auf, denn Juda, der frisch verwitwet war, nahm diese Gelegenheit für einen "Quickie" beim Schopf. Da er nichts zum Bezahlen dabei hatte, verlangte sie als Pfand seinen Siegelring und seinen Stab, der vermutlich besonders verziert war. Juda muss unter ziemlichem Triebstau gestanden haben, denn er willigte sofort ein, der unbekannten Frau diese persönlich ziemlich wertvollen Gegenstände zu geben. Er schlief mit ihr, ohne zu realisieren, dass die "Hure" in Wirklichkeit seine Schwiegertochter war.

Interessant, dass er, genau wie Ruben, nicht nur in irgendeine sexuelle Verfehlung, sondern gleich in eine absolute Tabubeziehung hineinschlittert, denn der Verkehr mit der Ehefrau des Sohnes war eine ähnliche Undenkbarkeit wie mit der Frau des Vaters.

Drei Monate später lässt sich nicht übersehen, dass Tamar schwanger ist, was Juda empört berichtet wird. Mit klassischer Doppelmoral nimmt Juda als Witwer zwar in Anspruch, sexuellen Ausgleich bei einer Hure suchen zu dürfen; tut dies aber eine Witwe, gehört diese "Hurerei" (Gen 38,24) bestraft. Er befindet sie kurzerhand des Todes schuldig. Da schickt ihm Tamar den Ring und den Stab und Juda erkennt die Situation: Er hat mit der Frau seines Sohnes geschlafen, sich obendrein an der Nase (oder eher einem tieferliegenden Organ) herumführen lassen wie ein Deckhengst - und den perfekten Stoff für einen Skandal geschaffen. Noch Jahre würden sich die Leute mit jener Mischung aus Entrüstung und genüsslichem Spott, die zum Klatsch und Tratsch aller Zeiten gehören, die Geschichte vom "Schwiegervater, der Vater" wurde, erzählen!

Juda hätte sicher Mittel und Wege gefunden, diesen Skandal zu verhindern und Tamar mundtot zu machen. Bei der Schilderung des Kapitels gewinnt man den Eindruck, dass Freund Hira für seinen verehrten Juda bereit gewesen wäre, jeden noch so unangenehmen Job auszuführen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kirchenführer und Gemeindeleiter schon die Loyalität ihrer Mitarbeiter ausgenutzt haben, um einen unangenehmen Skandal zu vertuschen.

Es spricht für Juda, das er das nicht tut. Im Gegensatz zu Ruben sucht er nicht sein Heil im Totschweigen. Im Gegensatz zu Ruben kann er Schuld und Fehler eingestehen. Im Gegensatz zu Ruben schiebt er die Verantwortung auch nicht ab. Er klagt nicht mehr Tamar an, auch wenn die vordergründige Initiative von ihr ausgegangen war. Sein Bekenntnis:

"Sie ist im Recht mir gegenüber kann sogar heißen: Sie ist gerechter als ich." (Gen 38,26)

Eine bemerkenswerte Äußerung zu einer Zeit, wo Frauen fast keine Rechte und wenig Stimme vor Gericht hatten. Aber Größe besitzt und strahlt nur der aus, der auch vor Leuten demütig bleiben kann, die ihm unterlegen sind.

Juda erkennt, dass er selbstbezogen und ohne Verantwortung gehandelt hat – ohne Fürsorge für Tamar. Sie wird nun in seinen Haushalt aufgenommen, auch wenn sie im Verlauf wohl ohne Sexualpartner bleibt – Juda schläft nicht mehr mit ihr (Gen 38,26). Vor allem aber ist ihre Vollwertigkeit als Frau nach damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen durch ihre Mutterschaft nun hergestellt.

Juda hat seine erste Lektion in Sachen Verantwortung gelernt. Übrigens sollte die Linie über Tamar gehen, die bis in den Stammbaum Jesu führt, Judas größtem Nachfahren. Vielleicht hat Juda andererseits Tamars ziemlich gewagter sexueller Vorstoß ins Nachdenken darüber gebracht, ob die Kanaaniter und ihre ethischen Vorstellungen seine dauerhafte ideelle und geistliche Heimat bleiben sollten. Jedenfalls schließt er sich offenbar im Verlauf wieder enger an seine ursprüngliche Familie an und reist schließlich auf Geheiß Jakobs mit seinen Brüdern nach Ägypten, um Getreide für sie alle zu kaufen.

Diese Zeit liegt inzwischen über zwanzig Jahre nach Josephs Verkauf in die Sklaverei. Aber wirklich Gras über die Sache ist wohl bei keinem der Brüder gewachsen. Schnell erwacht ihr schlechtes Gewissen unter der harten Behandlung durch den ägyptischen Minister, wie wir schon gehört haben. Mit dem Wort:

"Gott hat die Schuld deiner Knechte gefunden" (Gen 40,16),

drückt Juda aus, was alle empfinden: Hinter dem vordergründigen seltsamen Spiel, das der scheinbare Ägypter mit ihnen betreibt, steht Gott, der sie zur Rechenschaft zieht für ihre Untat.

In der ganzen Angelegenheit um Benjamin erleben wir Juda als Menschen, der inzwischen nicht nur seine Führungsgabe einsetzt, der die Verhandlungen übernimmt, der Sprecher seiner Brüder wird und sowohl Jakob als auch den ägyptischen Beamten zu überzeugen weiß. Sondern er erweist sich inzwischen als jemand, der Verhandlungsführung mit Verantwortungsbewusstsein und Fürsorge verbindet. Energisch tritt er gegenüber Jakob auf und ringt ihm die Erlaubnis ab, Benjamin mitzunehmen. Er bietet ihm dabei nicht wie Ruben das Leben seiner Söhne an, sondern sagt schlicht:

"Ich will Bürge für ihn sein." (Gen 43,9)

Das ist auch keine leere Floskel. Denn Joseph lenkt den Verlauf der Sache so, dass Benjamin scheinbar als Dieb überführt wird und nun droht der mächtige Minister damit, Benjamin als Sklaven in Ägypten festzuhalten. Die Brüder sind allesamt verstört und ratlos. Der Ernstfall für Judas Versprechen ist eingetreten. Er nimmt seinen Mut zusammen, tritt dem schrecklichen Ägypter, in dessen Hand sie alle sind, demütig aber bestimmt entgegen und bietet sich selbst als Geisel für den Bruder an:

"Dein Knecht ist für den Jungen Bürge geworden bei meinem Vater ... und nun, lass doch deinen Knecht anstelle des Jungen <hier> bleiben ..., der Junge aber ziehe hinauf mit seinen Brüdern!" (Gen 44,32f.)

Zwanzig Jahre zuvor hat Juda sorglos mit dem Leben seines Bruders Joseph gespielt und es wie eine Wegwerfware behandelt – der verhasste Bruder wurde wie ein überflüssiger Gegenstand verkauft. Obwohl die Ausgangssituation jetzt ähnlich ist – auch Benjamin wurde von Jakob in demütigender Weise vorgezogen - tritt Juda dieses Mal mit seinem Leben für den Bruder ein. Während Ruben die Verantwortung für ihre Schuld auf alle anderen verteilt hat, übernimmt Juda die Verantwortung für alle anderen mit. Und genau damit bricht er endgültig Josephs Widerstand. Tief angerührt von Judas Haltung gibt sich Joseph zu erkennen und es kommt zur Versöhnung zwischen den Brüdern.

Juda ist gewachsen in der Schule Gottes, so verwickelt die auch aussah. Als von Gott berufener Führer setzt er schließlich die Art von Führungsqualität um, die Jesus predigt:

"Ihr wisst, dass die, welche als Regenten gelten, beherrschen und Gewalt üben. So aber ist es nicht unter euch; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld." (a. Mk 10,42-45)

Joseph

Kommen wir zum "krönenden Abschluss": zu Joseph. Seine Berufung steht zu seinen Lebzeiten noch weit über der Judas. Von ihm wird das Schicksal eines ganzes Landes und das Leben zahlloser Menschen abhängen. Gott erkennt in Joseph das größte Potenzial unter allen seinen Brüdern. Freilich ist es ein weiter Weg dorthin.

Denn, ehrlich gesagt, wer würde das bei der Schilderung von Josephs Jugend vermuten? Wir erleben ihn als nicht gerade sympathische Petze und als altklugen Wichtigtuer und können es vielleicht ganz gut nachvollziehen, dass seine Brüder ihn nicht leiden mögen.

Träume als Mittel der Prophetie werden in Josephs Leben oft eine Rolle spielen. Der ironische Spottname "Herr der Träume", den ihm seine Brüder geben (Gen 37,19), bewahrheitet sich wirklich. Auch die beiden Träume seiner Kindheit, dass seine ganze Familie sich vor ihm verneigen wird, sind tatsächlich eine Prophetie auf die ferne Zukunft. Joseph hat eine prophetische geistliche Gabe. Aber er geht nicht kindlich damit um: staunend und unverfälscht. Sondern kindisch: er macht sich damit wichtig. "Hört doch diesen Traum, den ich gehabt habe", stellt er sich vor seine Brüder hin (Gen 37,6).

Wer sich selbst in den Vordergrund spielen will, korrumpiert damit seine geistlichen Gaben. Sie dienen dann nicht anderen, sondern stiften eher noch Unheil.

Jakob mit seiner unseligen ständigen Bevorzugung Josephs verstärkt dies noch. Er lässt sich von Joseph alles zutragen, was die Brüder tun (Gen 37,2). Wieder einmal wird mehr übereinander als miteinander geredet in Jakobs Familie. Stets wird Joseph außerdem als Nummer Eins in den Vordergrund gestellt, bis die anderen Brüder kein gutes Wort mehr mit ihm wechseln wollen.

Natürlich heißt das nicht, dass Jakob die anderen Söhne gar nichts bedeuteten. Erstaunlich genug schickt er den zehn Brüdern (Benjamin war damals noch ein kleines Kind) sogar seinen kostbaren Joseph hinterher, um nach ihnen zu sehen. Sie waren mit den Herden zu den Weidegründen von Sichem gezogen, wo sich Jakobs Familie immerhin nach Simeons und Levis Bluttat in Verruf gebracht hatte. Nun blieben sie vermutlich länger aus als gewohnt (wir lesen, dass sie weiter weg gezogen waren; Gen 37,17) und Jakob mochte sich Sorgen machen. Auch bei Joseph erkennen wir bereits eine Ahnung von Fürsorglichkeit in seiner Bereitschaft, sich auf die Suche nach ihnen zu machen, denn das bedeutete (von Hebron bis Sichem; Gen 37,14) immerhin einen Weg von ca. 100 km. Dass er auf solch einer Reise aber immer noch mit seinem bunten Prachtrock herumstolziert, zeigt, dass er sich dabei eben auch sehr wichtig vorkam.

Nach allem, was in Jakobs Familie bisher vorfiel, erkennen die Brüder in Josephs Ankunft nicht die Sorge und Fürsorge, die bei Jakob eigentlich dahinter stand, sondern sehen lediglich, dass ihnen Vaters lästiger Aufpasser und Aushorcher auf den Pelz geschickt wird. Und so kommt es zu ihrem Überfall auf den jüngeren Bruder.

Was Joseph von seinen Brüdern nun erleben musste, ist schrecklich. Er selbst sah allerdings im Nachhinein darin Gottes Handeln (Gen 45,8), so dass der Gedanke erlaubt sein mag, dass Gott ihn damit aus dieser Familienkonstellation herausholen wollte und musste, um ihn zu seiner Berufung führen zu können. Wäre Joseph dort geblieben, hätte er womöglich noch lange den verzogenen Dandy abgegeben. Aber Gott hatte sehr viel mehr mit ihm vor.

Was Joseph jetzt bevorsteht, ist eine ganze Kette von Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen, misslichen Schicksalswendungen, Erniedrigungen und trostlosen Situationen. Er, der sich gerade noch als kleiner Prinz gefühlt hat, wird von den eigenen Brüdern verraten und verkauft, wie ein Stück Vieh in ein anderes Land verschleppt, wo er kein einziges Wort versteht und wo er niemandem etwas bedeutet. Schließlich wird er auf einem Markt von einem Fremden namens Potiphar wie eine leblose Ware als Besitz erworben.

Kaum gelingt es dem neuen Sklaven, das Vertrauen seines ägyptischen Herrn zu gewinnen und eine bescheidene Karriere zu beginnen, macht Potiphars Frau alles wieder zunichte. Sie bezichtigt ihn der versuchten Vergewaltigung und er wird ins Gefängnis geworfen. Ein doppeltes Unrecht, denn Joseph hat das, was ihm vorgeworfen wird, nicht nur nicht getan, sondern im Gegenteil: die Frau hat versucht, ihn zu verführen und rächt sich dafür, dass er dies abgelehnt hat. Aber zum Dank dafür, dass er das Vertrauen seines Herrn nicht missbrauchen wollte, lässt dieser ihn verhaften, ohne ihn auch nur anzuhören und ihm eine Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben.

Im Gefängnis erlangt Joseph wiederum das Vertrauen des Aufsehers und erneut gelingt ihm, freilich noch einige Stufen tiefer, ein gewisser Aufstieg: Er darf die höhergestellten Gefängnisinsassen bedienen. Hierbei kann er die Träume zweier Hofbeamten des ägyptischen Königs deuten, von denen einer das Gefängnis wieder verlassen und erneut in den Dienst des Pharao treten darf. Joseph setzt große Hoffnung auf diese Beziehung und bittet um Fürsprache (Gen 40,14f.). Doch vergeblich – Jahre vergehen und nichts geschieht.

Erst etwa dreizehn Jahre, nachdem er von seinen Brüdern verkauft wurde, wendet sich sein Schicksal. Er deutet die prophetischen Träume des Pharao, die verschlüsselt auf eine lange Hungerzeit hinweisen. Joseph steigt zum ersten Minister des Pharao auf, seine Vorratswirtschaft rettet Ägypten und auch vielen Menschen der Nachbarländer das Leben. Er wird zum größten Verantwortungsträger der ganzen Geschichte der Jakobsfamilie.

Aber wie konnte Joseph in all dem, was ihm vorher passierte, eine Berufung finden, statt zu verzweifeln oder alles hinzuwerfen? Ich glaube, Josephs "Geheimrezept" liegt in einem Bibelwort aus dem 84. Psalm: Glücklich ist der Mensch, ... in dessen Herz gebahnte Wege sind (Psl 84,6). So ein Mensch war Joseph.

Was heißt das: in seinem Herzen waren gebahnte Wege für Gott? Was immer Joseph auch zustieß - und das war wahrlich genug Negatives - er entschloss sich, dahinter Gottes Wirken anzunehmen und sperrte sich nicht. Mehrmals lesen wir davon, dass Gott ihm das Wohlwollen seiner zukünftigen Herren zuwandte, ihn segnete und ihm Gelingen schenkte (Gen 39,3f.+21-23). Aber ich glaube nicht, dass dies auf Joseph herabschneite, ob er wollte oder nicht. Sondern Joseph hatte für Gottes Handeln gebahnte Wege in seinem Herzen und darum war auch die "Bahn frei" für Gottes Segen. Genau das, glaube ich, sah Gott bereits verborgen in jenem verzogenen Gernegroß in Jakobs Familie und das machte das Besondere in ihm aus: Gott in seinem Leben und seinem Herzen freie Bahn zu bieten.

Er hätte genug Hindernisse in Gottes Bahn aufbauen können: Hass auf seine Brüder, Trotz gegenüber einem Ägypter, der ihn plötzlich einfach als Mensch zweiter Klasse behandeln konnte, Verbitterung über all das Unrecht, das man ihm zufügte, und Verzweiflung über seine missliche Lage. Er hätte Gott grollen können dafür, dass er ihm in seinen Träumen erst eine Hoheitsstellung versprach und ihn jahrelang dann eine Erniedrigung nach der nächsten auf der denkbar untersten sozialen Skala erleben ließ. Aber er hielt die Bahn in seinem Herzen offen für Gott und überließ Gott die Führung.

Gott wollte ihn zu einem Verantwortungsträger für eine ganze Weltmacht machen und ließ ihn deshalb in kleinen Bereichen damit anfangen. Bevor er erster Hofbeamter des Pharao werden konnte, musste Joseph sich als erster Vorgesetzter des Sklavenhaushaltes bei Potiphar und als Vertrauter des Gefängnisaufsehers bewähren. Und Bewährungsproben hatte er dort wahrlich zu bestehen!

Neben der Gabe, Prophetie zu deuten, besaß Joseph sicher auch ein Talent, zu organisieren, zu lenken und zu verwalten. Allerdings wurde ihm Verantwortung für eine entsprechende Aufgabe zunächst da zuteil, wo er sie sicher nie zuvor gesucht hätte: als Sklave unter Mitsklaven. Schließlich hatte er gerade noch davon geträumt, wie sich alle vor ihm verneigten – und nun war er rechtloses lebendiges Besitztum. Aber in seinem Herzen waren gebahnte Wege und er übernahm die Aufgabe - so gut, dass es von seinem Herrn schließlich heißt:

"Er vertraute ihm alles an, was er besaß. Er ließ seinen ganzen Besitz in Josefs Hand und kümmerte sich, wenn Josef da war, um nichts als nur um sein Essen." (Gen 39,4.6)

Sehr bald musste Joseph lernen, dass eine Vertrauensstellung auch Versuchung beinhaltet, dieses Vertrauen zu missbrauchen. Und dass der Schritt zum Missbrauch meist leichter ist als der Weg der Integrität. Wenn Potiphar sich nur um sein Essen kümmerte, schenkte er womöglich seiner Frau etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Joseph sah gut aus (Gen 39,6) und war jung – und wahrscheinlich Potiphars Frau auch. Puritanisch veranlagt war wohl keiner der Söhne Jakobs und längst dürfte Joseph bemerkt haben, dass der Umgang der Geschlechter viel freier und die Vorstellungen von Sexualmoral in Ägypten viel weniger rigide waren, als er das aus seiner Kultur kannte. Ich gehe davon aus, dass ihm die Avancen, die ihm Potiphars Frau machte, durchaus Probleme bereiteten, zumal sie nicht locker ließ und "Tag für Tag auf Joseph einredete" (Gen 39,10). Dennoch galt auch in Ägypten: die Frau eines anderen war die Frau eines anderen.

Es ist interessant, dass Josephs abwehrende Argumentation ihr gegenüber nicht auf rein theoretischer Moral und Sitte oder Angst vor Konsequenzen beruht, sondern aus seiner Verantwortlichkeit heraus kommt:

"Du siehst doch, mein Herr hat alles, was ihm gehört, mir anvertraut und er hat mir nichts vorenthalten als nur dich, denn du bist seine Frau. Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?" (Gen 39,8f.)

Wenn etwas Sünde ist, was wir im Begriff stehen zu tun, weicht sich die Frage schnell auf, ob das theologisch tatsächlich so gilt, ob nicht viele andere viel Schlimmeres tun, ob es überhaupt jemand bemerken wird und ob nicht andere schuld sind, die uns erst in diese Situation gebracht haben. Aber wenn wir ehrlich sind, beinhaltet Sünde fast immer, dass wir einer Verantwortung, die wir vor unserem Nächsten oder für unseren Nächsten haben, nicht mehr gerecht werden. Und hinter dieser Verantwortung steht Gott.

Joseph besteht die Probe, aber er muss erst einmal teuer dafür zahlen. Vom Sklavenstand rutscht er noch eine Etage tiefer: ins Gefängnis. Zum Glück war es wohl eines der gehobeneren Sorte, "wo die Gefangenen des Königs gefangen lagen" (Gen 39,20). Joseph hatte als Junge seinem Vater" üble Nachrede hinterbracht" über seine Brüder (Gen 37,2). Jetzt erlebt er es bei Potiphar bitter, wie es ist, wenn böse über einen gedacht und geredet wird. Um Verantwortung tragen zu können, muss Joseph lernen, dass dazu ein freundlicher Blick gehört und nicht einer, der nach dem Negativen sucht, um es gegen den anderen auszunutzen.

Der Gefängnisaufseher macht Joseph zum Leibdiener zweier in Ungnade gefallener Hofbeamten. Joseph hätte neidisch sein können auf die zwei hohen Herren, die, ins Gefängnis geworfen wie er, dort dennoch so bevorzugt behandelt werden. Aber er bedient sie nicht nur, sondern er interessiert sich auch für sie und offenbar wird der Umgang recht vertraut. In seinem Herzen sind gebahnte Wege, auch für die Nöte anderer, selbst wenn sie kleiner sind als seine eigenen. So fällt es ihm auf, dass sie eines Tages missmutig aussehen und er fragt sie:

"Warum sind eure Gesichter heute so traurig?" (Gen 40,7)

Da vertrauen sie ihm ihre seltsamen Träume an, die er richtig deuten kann. Wenn er sich freilich Hoffnung gemacht haben sollte, dass ihm seine Freundlichkeit und sein Dienst gelohnt werden, sieht sich Joseph erst mal getäuscht. Erst nach zwei Jahren erinnert sich der eine Beamte wieder an ihn, als der Pharao selbst Träume hat, die niemand zu deuten versteht.

Die absolute Nagelprobe kommt für Joseph viel später, als er bereits der mächtige Minister des Pharao ist und seine Jugendträume Realität werden: seine Brüder kommen und werfen sich vor ihm nieder – und erkennen ihn nicht (Gen 42,6ff.). Joseph erlebt die Versuchung der Macht. Er kann seinen Untergebenen die seltsamsten und widersprüchlichsten Befehle geben, was mit den Männern aus Kanaan geschehen soll, sie werden unbesehen ausgeführt. Seine Brüder sind absolut in seiner Hand.

Ich halte Auslegungen, die in Josephs undurchsichtigem Umgehen mit seinen Brüdern den abgeklärten, rein pädagogischen Zweck für die Brüder sehen wollen, für eine Beschönigung der Motive Josephs. Zunächst einmal vergilt er es ihnen tatsächlich mit gleicher Münze. Was sich Joseph hier bietet, ist die lebendiggewordene Allmachts- und Rachephantasie, wie wir sie wohl alle kennen: Sie hatten ihn als Spion empfunden, nun bezichtigt er sie, Spione zu sein. Er war ihnen ausgeliefert und hatte vergeblich um Gnade gefleht, nun sind sie es. Er hatte hilflose Angst, nun sollen sie Angst haben. Er wurde in die Fremde verkauft, nun sollen sie zumindest für drei Tage und Simeon als Geisel noch länger erleben, wie es ist, rechtlos und gefangen in einem fremden Land zu sein. Aber seine Art, es ihnen heimzuzahlen, ist nicht blindwütig und will den Brüdern keinen echten Schaden zufügen. Er lässt ihnen sogar heimlich ihr Geld wieder zustecken, er bewirtet sie und mehrmals muss er den Raum verlassen, weil ihm vor Rührung die Tränen kommen (Gen 42,24; 43,30).

Eigentlich spürt man ihm ab, will er schließlich nicht mehr Rache, sondern Versöhnung. Aber er will sie auch nicht als Billigware, als Selbstverständlichkeit. Die Wege in seinem Herzen sind gebahnt, was er braucht, ist jedoch zum einen das Eingeständnis der Brüder, dass sie böse an ihm gehandelt haben. Vor allem aber auch, als er spürt, wie Gott an den Brüdern gearbeitet hat, und als Juda, der mit Josephs Leben so bedenkenlos umgegangen war, nun bereit ist, sein Leben für Josephs Bruder Benjamin zu geben, wird sein Herz endgültig gewonnen.

Er, Joseph, tröstet nun seine Brüder wegen ihres Verbrechens, das ihnen auf der Seele liegt:

"Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt." (Gen 45,5)

Es folgt eine orientalisch-emotionale, tränenreiche Wiedervereinigung. Auch Jakob mitsamt der ganzen Familie wird nach Ägypten geholt und darf nicht nur seinen tot geglaubten Joseph, sondern sogar noch dessen Kinder sehen.

Joseph ist Verantwortungsträger geworden, nun auch für seine ganze, vom Hungertod bedrohte Familie, die er, Gottes Willen entsprechend (Gen 46,3f.), sicher in Ägypten ansiedelt. Als Joseph seinerzeit in kindischer Selbstgefälligkeit davon gesprochen hatte, dass Eltern und Brüder sich in seinem Traum vor ihm niederbeugten, hatte Jakob ihn verärgert angeschrieen (Gen 37,10). Aber nun steht ein anderer Joseph vor ihnen, nicht weil er jetzt Macht hat, sondern als einer, der selbst Demut und Weisheit erworben hat - und es fällt ihnen nicht mehr schwer, auf ihn zu hören und seine Weisung zu befolgen.

Ende gut – alles gut? Nun, es war keineswegs alles gut, was in der Familie Jakobs und seiner Söhne passiert war. Gut wurde es für einen Mensch wie Joseph, der darauf vertraute, dass Gottes Gedanken dahinter gut waren:

"Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten" (Gen 50,20),

sagt er zu seinen Brüdern. Joseph war kein vollkommener Mensch, aber in seinem Herzen waren gebahnte Wege für Gott. Unbestreitbar hatte Joseph auch Gaben und Talente und er lernte, sie nicht selbstsüchtig zu gebrauchen, sondern Gott zur Verfügung zu stellen. Aber die wichtigste Voraussetzung, denke ich, war diese freie Bahn für Gott in seinem Herzen. Das machte ihn von allen Brüdern am fähigsten, zum Verantwortungsträger herangebildet zu werden.

Joseph war kein Stehrüm'ke, er war ein brauchbares Gefäß für Gott. Er wurde gesegnet, aber er war nicht nur ein Segensträger, sondern ein Segens-weiter-träger. Er war ein guter Verwalter, nicht nur im Haushalt Potiphars oder als Minister des Pharao, sondern er war ein "Segensverwalter", ein Verwalter der Gaben Gottes an ihn, damit sie anderen zugute kommen konnten, wie es später Petrus formuliert:

"Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat, so dient damit einander als gute Verwalter der verschiedenartigen Gnade Gottes!" (1. Pt 4, 10)

Damit schließt sich der Kreis. Wir sind wieder bei der anfänglichen Empfehlung an Timotheus angelangt: "Vernachlässige die Gnadengabe nicht, die in dir ist und die dir verliehen wurde... Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit allen deine Fortschritte offenbar werden."

Wir können dies tun wie Jakob: Eigentlich sind wir unbestreitbar Menschen Gottes. Aber an irgendeinem Punkt bestimmt uns nicht Gott, wir leben nicht in Gottes Gabe, sondern in unseren verbohrten Vorstellungen und Mechanismen. Wir verleugnen damit unsere Verantwortung und tragen nicht Segen, sondern Unfrieden in unsere Umgebung.

Wir können wie Ruben in eigenen Anstrengungen versuchen, eine Aufgabe auszufüllen. Wir können durch grobe Verfehlungen dies bereits erschweren. Aber das müsste nicht der Endpunkt sein. Nur, wenn wir nicht integer sind im Umgang mit uns selbst und unserem Handeln, dann können wir auch nicht Verantwortung für andere übernehmen.

Wir können es lernen wie Juda, selbst auf den verdrehtesten Umwegen, in die wir uns manövriert haben. Wenn wir zur Demut im Blick auf unsere Fehler bereit sind, egal wer es ist, der sie uns verdeutlicht. Und wenn wir erkennen, dass nicht unsere sachlichen Fähigkeiten unsere Brauchbarkeit ausmachen, solange sie nicht die Menschen um uns zum Mittelpunkt haben. Erst in liebevoller Hin-Gabe an Menschen bringen unsere Gaben Segen.

Und vor allem können wir es lernen wie Joseph, selbst wenn wir unsere Story als unsympathischer Antiheld beginnen. Wenn in unserem Herzen gebahnte Wege sind für Gott – ja, dann könnte uns keine Ungerechtigkeit und kein noch so negatives Erleben etwas anhaben, sondern würde uns reifen lassen. Wenn wir bereit sind, uns Verantwortung etwas kosten zu lassen, auch wenn verlockende Angebote uns abbringen wollen. Wenn wir Versöhnung leben, vielleicht auch erst im zweiten Anlauf.

Finden wir jeder unseren persönlichen Weg vom Stehrüm'ke zum brauchbaren Gefäß im Haushalt Gottes. Dann gilt auch für uns: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.


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